Die Fotografien von Maganbhai Patel

Plötzlich Künstler

Maganbhai Patel kam 1951 aus Indien nach England. In Coventry betrieb er ein Nachbarschaftsfotostudio. Jetzt, mit 94 Jahren, erlebt der »Masterji« seinen Durchbruch als Künstler
Plötzlich Künstler

Lässige Pose mit Turban und Tasse. Das Porträt ist von 2000, der Porträtierte unbekannt. Manche kamen auf einen Plausch und landeten auf einem Foto

Ein lässig hingefläzter älterer Herr mit Turban und Trainingsjacke hält eine bunte Tasse vor seinen Bauch. Ein kleines Mädchen mit knallroten Strümpfen steht mit einem aufgespannten Schirm auf einem floral gemusterten Teppich. Es ist die Tochter von Maganbhai Patel, dem Fotografen. 1951 kam er aus Indien ins englische Coventry. Schnell sprach sich herum, dass der Mann, der in seiner Heimat als Schulleiter gearbeitet hatte und jetzt sein Geld in einem Elektrizitätswerk verdiente, gute Fotos machte.

Zunächst waren es vor allem Aufnahmen von Verwandten und Bekannten, er fotografierte sie mit seiner billigen Brownie-Kamera auf Hochzeiten, Feiern oder in seinem eigenen Wohnzimmer. Doch schon bald standen südasiatische Immigranten bei ihm Schlange. 1969 eröffnete "Masterji", wie er respektvoll genannt wird, ein Fotostudio, über dem er mit seiner Familie wohnte. Den Hintergrund bildeten oft Landschaftsgemälde eines befreundeten ungarischen Künstlers.

Plötzlich Künstler

Selbsporträt von Maganbhai Patel, der 1951 aus Indien nach England kam.

Dass es sich bei dem, was der inzwischen 94-jährige Mann mit seiner Kamera in all den Jahrzehnten zustande gebracht hat, um ungewöhnliche Aufnahmen handelt, fiel erst vor gut einem Jahr auf, als seine Tochter Tarla die Bilder durchsah. Sie fand Fotos aus einer Zeit, in der in Coventry Aufbruchstimmung herrschte: Automobilfirmen wie Jaguar, Triumph oder Rover trieben hier die Industrialisierung voran, für Immigranten gab es zahlreiche Jobs. Man ahnt es in den Gesichtern der Porträtierten, in denen sich Zuversicht, Hoffnungen und Stolz spiegeln. Viele dieser Bilder zeigen Familien, die in ihren besten Kleidern posieren, um die Aufnahmen zu ihren Verwandten zu schicken.

Masterji fotografierte auch bei Geschäftseröffnungen oder Grundsteinlegungen – Anlässen, bei denen die Menschen zeigen konnten, dass sie erfolgreich waren. "Die Leute mochten mich", sagt Masterji, "ich machte sie glücklich." Zum Beispiel den Busfahrer Kelly, den Masterji mit Krawatte und Nadelstreifenanzug festhielt. Oder die Mutter der Näherin Vimla, die in der Wohnung Pelzmantel und üppige Ohrringe trägt und demonstriert, dass sie sich etwas leisten kann. Oder Gordanbhai Bhakta, einen fröhlichen Mann, der sich im Anzug auf einen Tisch gelegt hat – vor ihm ein Buch und eine Brille.

Masterjis Fotografie ist nun ein Familienunternehmen: Die Ausstellungen kuratiert seine Tochter Tarla – die nächste findet vom 9. bis 23. März auf dem Focus Photography Festival in Mumbai statt, danach ist das Lightfield Festival in New York angedacht. Das kleine Fotostudio führt nun sein Sohn Ravindra, während der Vater sich an seine neue Rolle gewöhnen muss: die des Künstlers.

Rubrik Fotografie
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