Pieter Hugo in Wolfsburg

Zwischen Himmel und Hölle

Der Fotokünstler Pieter Hugo porträtiert Hyänenmänner in Nigeria, Kinder in Ruanda, aber auch schlafende Fluggäste über dem Atlantik. Das Kunstmuseum Wolfsburg bietet erstmals in Deutschland einen faszinierenden Einblick in das breit gefächerte Werk des Südafrikaners.
 Zwischen Himmel und Hölle

Pieter Hugo: "With My Son, Jakob Hugo, Natures Valley", 2014, aus der Serie "Kin”, 2006-2013, C-Print

Wie schafft es Pieter Hugo, dass die Menschen vor seiner Kamera sich in die Seele schauen lassen? "Ich bezahle sie", scherzt der Fotograf aus Südafrika. Tatsächlich gehe es darum, innerhalb kurzer Zeit eine besondere Verbindung herzustellen, schiebt der Künstler mit der Statur eines Türstehers nach.

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Erstmals in Deutschland präsentiert das Kunstmuseum Wolfsburg eine umfassende Einzelausstellung des 40-Jährigen. Insgesamt sind 254 Fotografien zu sehen, überwiegend Porträts, daneben auch Stillleben und Landschaftsbilder.

"Between the devil and the deep blue sea" ist der Titel der Schau, die von diesem Sonntag an bis zum 23. Juli zu sehen ist. Frei übersetzt - zwischen Himmel und Hölle. Afrika ist der Schwerpunkt, aber der Südafrikaner porträtiert auch Neureiche in China, Obdachlose in Los Angeles oder schlafende Fluggäste 12 000 Meter über dem Atlantik.

Vor allem zieht es Hugo aber mit seiner Kamera zu Menschen am Rande der Gesellschaft. Er spürt in Nigeria die Hyänenmänner auf - eine Gruppe wandernder Schausteller mit Hyänen und Pavianen an der Leine. Ihn habe die paradoxe Haltung der Männer zu ihren Tieren fasziniert, mal verhätschelnd, mal brutal, sagt der Fotograf. Die großformatigen Bilder lassen die Betrachter in eine fremde, rätselhafte Welt eintauchen und erschaudern.

Pieter Hugo fängt Widersprüche ein und unterläuft Klischees.

"Nicht selten gehen seine Bilder buchstäblich unter die Haut", sagt Museumschef Ralf Beil über Pieter Hugo. In einer digital bearbeiteten Porträtserie wird die Pigmentierung der Gesichter auf drastische Weise sichtbar, auch ein Kommentar zum Zusammenleben von Menschen verschiedenster Hautfarbe in seiner Heimat. "Südafrika ist ein wahrhaft zerrissener, schizophrener, geschundener und problematischer Ort", sagt der Vater von zwei kleinen Kindern. "Schauen Sie sich diese Bilder an, Ökonomie ist Rassismus." Die eine Luftaufnahme zeigt eine Blechhüttensiedlung, die andere einen Villen-Vorort mit Swimming-Pools. Hugo fängt Widersprüche ein und unterläuft Klischees. Vor seiner Kamera posieren schwarze Richter mit Perücke und Robe sowie verarmte Weiße in Shorts und Badelatschen - alle mit Haltung, Würde und Stolz.

Hugo brachte sich das Fotografieren selber bei. Nach dem Beenden der Schule arbeitete er zunächst für Magazine, lebt jetzt als Künstler mit seiner Familie in Kapstadt. Kein leichter Stand in Südafrika. Dort sei Fotografie noch nicht so wie in Europa als Kunst anerkannt, sagt er.

In der Ausstellung finden sich auch Porträts aus seinem familiären Umfeld, etwa die schwarze Haushälterin, die ihn großzuziehen half. Als Hugo aufwuchs, herrschte Apartheid - Farbige waren Personal. Als Kind hatte er keine schwarzen Freunde, weil Weiße und Schwarze auf getrennte Schulen gingen. Das Ende der Apartheid 1994 war für ihn prägend, auch wenn nach seinem Eindruck die damalige Euphorie teils der Ernüchterung gewichen ist.

Gegeneinander wird Nebeneinander
In seiner ersten deutschen Einzelausstellung zeigt Pieter Hugo seine Heimat Südafrika als schizophrenes Land. Sandra Danicke hat ihn dort besucht

Das erste Bild der Schau zeigt zwei schwarze Jungen auf einer Blumenwiese, der ältere trägt den jüngeren. Es ist 2016, die Brüder haben die Haare blond gefärbt, tragen Jeans und blicken cool und etwas trotzig in die Kamera. Die vermeintliche Idylle spielt auf ein zur Ikone gewordenes Foto vom Soweto-Aufstand 1976 an, als schwarze Schüler gegen das weiße Apartheidsregime protestierten. Auf dem Bild von 1976 trägt ein älterer Junge den sterbenden Hector Pieterson, eines der ersten Opfer der blutigen staatlichen Niederschlagung des Aufstands.

Hugo veranschaulicht, wie das "Gewicht der Geschichte" heute auf den Menschen lastet - sei es in Südafrika oder Ruanda, wo beim Völkermord an den Tutsi 1994 mindestens eine halbe Million Menschen starben. Der Schrecken der Vergangenheit spiegelt sich auch in den Augen der Kinder aus Ruanda wider, die 10 oder 20 Jahre nach dem Völkermord geboren wurden.

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