Tod von Ren Hang

Shame? – I don't know!

In China war er wegen seiner expliziten Aktbilder umstritten bis verfolgt. Im Westen wurde Ren Hang von einem jüngeren Publikum geradezu verehrt. Noch vor wenigen Wochen hatte unsere Autorin Almuth Spiegler mit dem wortkargen Fotografen Kontakt. Vergangenen Freitag ist Ren Hang in Berlin gestorben – mit nur 29 Jahren.
Shame? – I don't know!

Ren Hang: "Untitled"

Ja. Nein. Weiß nicht. Das waren die Antworten, die man in der Regel bei Gesprächen mit Ren Hang bekam. Auch bei unserem letzten Interview, das vor gut einem Monat per Email geführt wurde, zwischen Wien und Peking. Diese Wortkargheit sei Zeichen der tiefen Depression, in der der junge chinesische Fotograf gefangen sei, meinte dazu die Herausgeberin seines bisher größten Erfolgs, einem Prachtband beim Taschen-Verlag, der gerade vorgestellt wurde.

Nur wenige Wochen später, vergangenen Freitag, dann der Schock. Ren Hang, nur 29 Jahre alt, ist tot. Offizielle Meldung gibt es keine dazu, man erfährt über Freunde und Galeristen, dass er sich das Leben genommen hat, in Berlin, warum auch immer. Kein Wort zuviel, auch nicht im Tod. Kein Abschiedsfoto. Das letzte, das Ren Hang auf seinem Instagram-Account zwei Tage vor seinem Selbstmord postete, war ein für ihn untypisches, keines seiner vor allem in seiner Heimat so umstrittenen, tabuisierten Akte. Sondern ein bezahlter "Shoot" für das Purple-Fashion-Magazin. Dennoch wurde dieses Bild zu einer Art offenem Kondolenzbuch, am Montag hatten sich schon über 4500 Menschen verabschiedet von diesem chinesischen Ausnahmekünstler.

Nudisten wird in China mit Gefängnis und Umerziehungslager gedroht

Shame? – I don't know!

Ren Hang: "Untitled"

Seine Fotos waren dem tabuisierten nackten chinesischen Körper gewidmet, männlich und weiblich, oft genug bekam er deshalb Schwierigkeiten mit Zensur und Regimegewalt Chinas. Aus westlicher Sicht versteht man das schwer, die Aufnahmen zeigten zwar Adam und Eva in kunstvoll-künstlichen Posen, in akrobatischen Verrenkungen und Verschmelzungen und ohne jegliche genitale Scham, sie sind optisch ein bisschen trashig, aber sie sind nie glitischig, anrüchig, gar schmuddelig – es stimmt, was über die Akt-Fotos Ren Hangs gerne geschrieben wird: sie sind irgendwie rein, pur, unschuldig.

Geboren in irgendeiner Vorstadt in irgendeinem nordöstlichen Gebiet von China (Jilin), das auch das chinesische Detroit genannt wird wegen der Autoindustrie, ging Hang schon mit 17 nach Peking, um Marketing zu studieren. Aber es langweilte ihn, außerdem mochte er seinen Uni-Dekan nicht, erzählte er einmal, also begann er mit billigen Analog-Kameras zu fotografieren, nämlich das, was ihm Spaß machte und vor seiner Nase lag. Seine Freunde vor allem, und zwar nackt, so wie er sie dauernd im kleinen Studenten-Zimmer vor der Nase hatte, wo man zu viert, fünft hauste. Nackt bedeutet bei Ren Hang aber richtig nackt, also völlig ohne irgendwelche störenden Accessoires oder Kleidungsstücke, nur wie Gott sie schuf, gerne in effektvollen Kombination mit Pflanzen und Tieren wie Schwänen oder Schlangen, Natur eben in all ihren Ausformungen, was viel zu dem besagten „Purity“-Eindruck beiträgt. Das ist dem chinesischen Regime trotzdem nicht geheuer, in China gelten Sex und Nacktheit offiziell immer noch als Tabu; so wurde vor einigen Jahren der einzige FKK-Strand geschlossen und Nudisten mit Gefängnis und Umerziehungslager gedroht.

Nackte Körper und andere kleine Wunder
Er inszeniert nackte Körper als Rohmaterial für absurde Ornamente. Sie fängt wolkige Blicke auf die kleinen Wunder unserer alltäglichen Welt ein. Wien feiert zwei große asiatische Fotokünstler mit Einzelausstellungen – wir haben sie beide getroffen. Gemeinsam.

Was bleibt, ist die Erinnerung an eine kurze Begegnung bei einer von Fans völlig überlaufenen Vernissage in der Wiener Fotogalerie "Ostlicht" 2015, wo ein offensichtlich sehr schüchterner Ren Hang, von seinen Freunden abgeschirmt, höflich in fremde Gesichter lächelte, des Englischen anscheinend nicht oder kaum mächtig. Es bleibt aber auch die Verwunderung über Antworten auf Fragen wie der nach seinem Wissen über japanische Shunga-Holzschnitte, die für ihre explizite Darstellung von Geschlechtsteilen berühmt sind: "Kenne ich nicht." Man schaut auf eines von Ren Hangs Fotos, wo einem Mädchen in die schwarzen Haare ein Oktopus geflochten wurde, denkt sofort an "Der Traum der Fischersfrau" von Hokusai aus dem Jahr 1820, bei dem eine Frau von einem Oktopus nahezu vergewaltigt wird – und bleibt mit dieser Assoziation alleine. "I don't know this", lautete die Antwort aus dem Online-Orkus.

Shame? – I don't know!

Bei der Frage nach Ai Weiwei, der ihn 2013 in die Gruppenausstellung "Fuck Off 2" im Groninger Museum aufgenommen hat, wurde es fast freundlich: "Very good", fand Ren Hang den Kollegen verständlicher Weise. Freedom? "Don't have", schrieb er. Der Versuch, die rhetorische Knappheit durch eine ähnliche Knappheit der Fragen zu durchbrechen, war ebenfalls gescheitert. Die vielen kunsthistorischen Assoziationen, die einen bei Durchsicht des Fotobands beschleichen, wurden von ihm allesamt abgeschmettert. Wiener Aktionismus kenne er nicht, Courbets "Ursprung der Welt" ebensowenig. Von Sigmund Freud schien er immerhin schon einmal gehört zu haben, Robert Mapplethorpe entlockte ihm den Kommentar "schwarz/weiß".

Ren Hangs Fotos markieren eine Gratwanderung

Einzige Inspiration, die Ren Hang gelten ließ, war die des japanischen Avantgarde-Filmers Terayama Shuji (1935-1983). Hinweise zu frappanten Ähnlichkeiten mancher Motive Ren Hangs zu denen anderer Fotografen, wie etwa die sanfte Hügellandschaft aus nackten Hinterteilen, die der populäre US-Fotograf Robert Farber 1979 aufnahm ("Moonscapes"), ließ er unkommentiert. Ist vielleicht auch mit der anderen Kultur und der anderen Generation zu erklären, die beide wenig Wert auf Originäres legen. Ren Hang mixte einfach die Dinge zusammen, die er irgendwo aufgeschnappt hat, vermutlich. Trotzdem blieb er bei all diesem Quer-Beet-Zitieren bei seinem ganz eigenen Stil, der unverkennbar ist: leicht, trashig, verspielt, hell und herrlich geschlechtsneutral in der Schamlosigkeit, junge Männer und Frauen zeigen ihre Körperöffnungen völlig gleichmütig - "Shame?“ "I don't know".

Shame? – I don't know!

Leicht, trashig, verspielt, hell und herrlich geschlechtsneutral in der Schamlosigkeit. Ren Hang:"Untitled"

Kein Wunder, dass Ren Hangs Fotos eine Gratwanderung markieren, einerseits hatte er Erfolg, war in Ausstellungen sowohl im Lande als auch rund um die Welt vertreten, hat selbst sieben Monografien herausgegeben mit seinen Fotos. Inhaftiert wurde er trotzdem schon kurz, manchmal musste er laufen, wenn mal wieder die Polizei nahte bei einem Shooting, manchmal wurden Fotos aus Ausstellungen genommen, manchmal bekam er sie voll Spucke zurück, erfährt man aus verschiedenen, vor allem älteren Ren-Hang-Porträts im Internet. Denn der große, schlacksige junge Mann, der im Westen zu einem der Stars der zeitgenössischen chinesischen Gegenkultur wurde, gab praktisch keine Informationen heraus über seine Arbeit und seinen Zugang. Was wirkte wie eine etwas pubertär wirkende Verweigerungshaltung, die hierzulande eher irgendwie retro wirkt, wie man sich Daniel Richter in der ärgsten Punk-Zeit vorstellt, war der Krankheit geschuldet, an der er litt.

"My Depression" heißt ein Kapitel auf Ren Hangs Homepage, es beinhaltet eine Art (chinesisch geschriebenes) Tagebuch, das 2007 beginnt. "Depression" heißen auch zwei Fotobände, die Ren Hang 2013 veröffentlicht hat. Die Poesie (es gibt auch Gedichte auf der Seite) verliert sich in den Online-Übersetzungsprogrammen.

»Unsere Schwänze und Pussies sind einfach nicht peinlich.«

Shame? – I don't know!

Ein Fotoband von Ren Hang erschien gerade im Taschen-Verlag

Vielleicht ist aber auch alles viel komplizierter. Der Vergleich mit den Porn-Chic-Bildern eines jungen Terry Richardson, den Dian Hanson, die Herausgeberin seines 300 Fotos umfassenden neuen Taschen-Bands, in ihrem sehr knappen Textbeitrag zieht, lässt einen ins Grübeln kommen. "Pornografie" fand Ren Hang auf Nachfrage zwar "sehr gut", aber expliziter Sex kommt praktisch keiner vor auf seinen Bildern. Wenn dann nur als Ornament, etwa bei einer pyramidenförmigen Aufstellung von drei Männern, die jeweils das Glied des nächsten im Mund haben. Die Glieder sind zwar bei Ren Hang meist erigiert, weil sie dann einfach schöner sind, wie er einmal erklärt hat. Das erinnert aber eher an Robert Mapplethorpes ästhetisiertes Hohelied auf die Schönheit des Geschlechts.

Ist Ren Hangs schweigsames Werk also schlicht ein lustvolles Lehrstück für Ren Hangs Landsleute, das mit dem Sex und der Nacktheit einmal auf die leichte Schulter zu nehmen? Einmal die gebratenen Nudeln aus dem nackten Schoß der Freundin zu essen und nackt ins Meer baden zu gehen, auch wenn das Zuchthaus droht? Ist es auch für die übrige Welt eine Erinnerung an das allzu Menschliche in unseren China-Klischees? "Ich möchte nicht, dass andere den Eindruck haben, dass Chinesen Roboter ohne Schwänze und Pussies sind, oder dass sie zwar vielleicht Genitalien haben, aber sie immer als eine Art geheime Schätze hüten, ich möchte sagen, dass unsere Schwänze und Pussies einfach nicht peinlich sind." Dafür hat Ren Hang gesorgt. Mit den schönsten und fantasievollsten Bildern, die man sich dazu vorstellen kann. RIP.

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