Neue Werke von Richard Mosse

Die Kamera als Waffe

Bekannt ist er für seine Infrarot-Fotografien vom Bürgerkrieg im Kongo. In seinen neuen Arbeiten setzt sich der irische Künstler Richard Mosse mit der Flüchtlingskrise auseinander. Für die surrealen und eindringlichen Aufnahmen verwendete er schweres militärisches Gerät und reiste damit auch nach Berlin.
Die Kamera als Waffe

Richard Mosse: "Hellinikon Olympic Arena", 2016, digitaler C-Print auf Metallic-Papier

Mehr als 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. So viele wie nie zuvor. Zahlen verdeutlichen das Ausmaß der Katastrophe. Aber gleichzeitig haben sie den Effekt, menschliches Elend abstrakt werden zu lassen. Es wächst zu einer überwältigenden, unbegreiflich großen Zahl heran, die wir emotional nicht mehr erfassen können – und die uns irgendwann nicht mehr erreicht.

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Strecken Teaser

Der aus Irland stammende Künstler Richard Mosse, der mit auf Infrarot-Film geschossenen Fotos bekannt wurde, auf denen er den Krieg im Kongo in verstörenden Bonbon-Farben festhielt, experimentierte für seine neue Serie "Heat Maps" mit fotografischen Abstraktionen. Mosse reiste in Flüchtlingslager in Italien, der Türkei und Griechenland. Seine Fotos schoss er mit einer digitalen Kamera, die auf weite Entfernungen von bis zu 30 Kilometern Wärmestrahlung, darunter Körperwärme, wahrnimmt. Das Ergebnis sind surreale Panorama-Aufnahmen, auf denen Menschen wie geisterhaft strahlende Schattenwesen aussehen. Mit seinen Abstraktionen gelingt es Mosse, die Dimension dieser Katastrophe einzufangen und sie gleichzeitig menschlich zu machen.

Die Wärmebildkamera mit der Mosse arbeitet, wird unter anderem von Grenzbeamten eingesetzt, um Menschen aufzuspüren

Mosse installierte die 23 Kilogramm schwere Wärmebildkamera, die vom Militär als Waffe eingestuft und ferngesteuert kontrolliert wird, auf einem Stativ und scannte die unterschiedlichen Motive Bild für Bild ein. Anschließend setzte er aus tausenden von Bildern Panoramen zusammen.

Die Kamera als Waffe

Richard Mosse, "Larissa Camp, Greece", 2016, digitaler C-Print auf Metallic-Papier

Schon bei seinen Kongo-Fotos hatte Mosse eine Kamera benutzt, die in den vierziger Jahren für militärische Zwecke eingesetzt wurde. Die Wärmebildkamera für sein aktuelles Projekt "Heat Maps", mit der er auch den Film "Incoming" schoss, wird unter anderem von Grenzbeamten eingesetzt, um Menschen aufzuspüren, die illegal Landesgrenzen überqueren wollen. "Ich wollte die Kamera gegen ihren beabsichtigten Zweck, Grenzen und Gefechte zu überwachen, benutzen und stattdessen Landschaften menschlicher Vertreibung abbilden", beschreibt Mosse sein Projekt. "Wärme dient als Metapher und Index, um den brutalen Kampf um das Überleben aufzuzeigen, der täglich von Millionen von Flüchtlingen und Immigranten gelebt wird und gleichzeitig eine der unheilvollen Technologien untersuchen, die unsere Regierungen gegen sie einsetzen."

Ein Foto aus einem Olympia-Stadium bei Athen erinnert an alte Kriegs-Aufnahmen

Einige der großformatigen, auf Metallic-Papier gedruckten Schwarzweiß-Fotos sehen aus der Distanz zunächst wie Landschaftsaufnahmen oder Gemälde aus. Eine Gebirgswand schillert majestätisch im Sonnenlicht. Doch davor erheben sich, ordentlich aufgereiht, Flüchtlingszelte. In einer Hafenstadt vor Athen sieht alles zunächst nach normalem Schifffahrts-Alltag aus, bis man die winzigen Menschen erfasst, die auf einer Leerfläche herumlaufen und weiteres menschliches Leben in den Korridoren zwischen den Containern entdeckt.

Ein Foto aus einem Olympia-Stadium bei Athen, das als Flüchtlingslager umfunktioniert wurde, erinnert an alte Kriegs-Aufnahmen, auf denen Soldaten ihre Zelte im schlammigen Boden aufgeschlagen haben. Doch dann sieht man die Zuschauerreihen, die gewaltigen Scheinwerfer und begreift den Irrsinn der Situation und dass Menschen in einem Sportstadium einquartiert wurden. Auf einem anderen Bild sind winzige Zellen zu sehen, in denen die Flüchtlinge untergebracht wurden. Es handelt sich um ein vorübergehendes Lager, das mit simplen Trennwänden in den Hangars von Berlin Tempelhof eingerichtet wurde. Die einzelnen Flüchtlingszellen sind nach oben offen. Die Menschen leben dicht gedrängt. Was immer ihnen zum Überleben bleibt, steckt in diesen winzigen Boxen.

Die Kamera als Waffe

Richard Mosse: "Tempelhof Interior", 2016, digitaler C-Print auf Metallic-Papier

Auf seinen Bildern nimmt Mosse den Menschen ihre Identität. Sie stehen als anonyme Masse in langen Schlangen an, haben sich in kleinen Gruppen zusammen getan oder versuchen ein wenig Normalität in ihr Leben zu bringen, indem sie Fußball spielen. Indem Mosse die Flüchtlinge darauf reduziert, einfach Mensch zu sein, egal welche Hautfarbe, Rasse, Staatsangehörigkeit oder Religion, werden wir daran erinnert, dass auch wir schon morgen diese Menschen auf den Bildern sein könnten.

Richard Mosse: Heat Maps

Die Ausstellung läuft noch bis zum 11. März 2017 in der Jack Shainman Gallery in New York.