Polaroids von Ted Serios

Gedankenfotografie ist harte Arbeit

Schwitzend und biertrinkend zauberte der ehemalige Hotelpage Ted Serios in einem geschlossenen Raum in Chicago vor Publikum Gesichter oder indische Tempel auf Polaroid. War er ein Betrüger? Ein Spinner? Oder doch ein Künstler?
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Unerklärlich und unheimlich: Die "Gedankenfotos" von Ted Serios

Muss die Geschichte der Fotografie nicht korrigiert werden? Hat man ihn nicht allzu schnell als Spinner abgetan, den ehemaligen Hotelpagen Ted Serios aus Chicago, der in den sechziger Jahren seine inneren Bilder direkt auf Polaroidfilm bannte, ohne den Umweg über eine sichtbare Realität? Schaut man heute den Film an, den ein deutsches Fernsehteam damals drehte, dann kommt einem Psychokinese wie Schwerstarbeit vor: Ted Serios raucht und trinkt während der stundenlangen Sessions, er stöhnt und flucht ob der vielen Fehlversuche, und irgendwann zieht er sein Hemd aus und steht mit nacktem Oberkörper vor der Kamera wie ein Straßenarbeiter, der in gleißender Sonne den Boden teeren muss.

Falls man sich "Gedankenfotografie" als etwas Leichtes, Elegantes vorgestellt hat, wird man hier eines Besseren belehrt. Es ist harte Arbeit unter strenger Kontrolle: Immer wieder betonen die Teilnehmer des TV-Versuchs, wie gewissenhaft alles getan wurde, um einen Betrug unmöglich zu machen. Und schließlich klappt es: Aus der Polaroidkamera kommen Bilder, die beim besten Willen nicht durch Gegenstände, Körper oder Lichteffekte im Raum entstanden sein können. Hatte Ted Serios zuvor angekündigt, mit seinem Gehirn das Bild eines Urmenschen auf den Film zu werfen, das er zur Sicherheit mit dem Stift skizziert hatte, so erscheint plötzlich tatsächlich dieser hockende Mensch auf dem Papier. Im Ernst, wie will man das erklären? Serios – allein der Name! – macht dann allerdings seriöse Fotos, auf einem ist der Petersplatz in Rom
zu sehen, auf einem anderen ein indisches Baudenkmal.

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Erst fotografierte Peter Keetman den Krieg, dann verwandelte er schlichte Industriematerialien in abstrakte Kompositionen, alltägliche Straßenszenen in dyanmische Spannungsfelder

Schon lange hat die Menschheit davon geträumt, irgendwann einmal auf den Umweg über Sprache, Gesten oder Malerei verzichten zu können. "Geh, wir haben grobe Sinne", schrieb Georg Büchner. "Einander kennen? Wir müssten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren." Ted Serios hat von sich aus den ersten Schritt getan und seine Gedankenwelt mit der Kamera kurzgeschlossen. Ein Hamburger Verlag erinnert jetzt an ihn: Der Herausgeber Romeo Grünfelder ernennt die Polaroidkonvolute zu "Serien" und legt dem Gedankenfotografen damit ganz vorsichtig den Schutzmantel der Outsider-Kunst um. Das Buch "Ted Serios – Serien" befasst sich skrupulös mit verschiedenen Aspekten des Werks, zeigt aber vor allem auch die Polaroids, die manchmal klare Fehlbelichtungen sind, manchmal aber auch unheimlich und unerklärlich konkret. Wahrlich: Kunst aus dem Off!

Rubrik Fotografie
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