Bookmarks: Mahmoud Dabdoub

Integration mit der Kamera

Als Araber im Exil in Ostdeutschland – das gab es schon vor über 30 Jahren: 1981 kam der angehende Fotograf Mahmoud Dabdoub aus dem Libanon in die DDR und fand hier seine "Neue Heimat Leipzig", so der Titel von Dabdoubs Bildband mit Straßenfotografie aus dem Vorwende-Leipzig der Achtziger.
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Mahmoud Dabdoub: "Karl-Marx-Platz (Augustusplatz)", 1985

Was ist drin?

Ein dampfender Zug am Hauptbahnhof, Reisende, Wartende, Kohlenmänner, Losverkäufer, spielende Kinder, sich küssende Paare Mahmoud Dabdoub fotografierte alles, was ihm bei seinen Streifzügen durch Leipzig kurios und bemerkenswert erschien.

Mit dem Blick des Fremden richtete er seine Kamera auf Straßenszenen und Orte, die den langjährigen Bewohnern der Stadt längst nicht mehr erwähnenswert erschienen. Voller Sympathie für seine neue Heimat liefert er ein einfühlsames fotografisches Sittengemälde Leipzigs der späten DDR-Jahre.

Was ist die These?

"Ich hatte immer den deutlichen Eindruck, dass Mahmoud sein Bildermachen als eine Art Lebenshilfe betrieb. Um wirklich hier anzukommen, war er darauf angewiesen, die im unbekannte Gesellschaft gründlich kennenzulernen." (Helfried Strauss)

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Cover von "Mahmoud Dabdoub: Neue Heimat Leipzig. Fotografien 1982–1989", Lehmstedt Verlag, 2016

Die schönste Seite?

Es gibt viele ebenso schöne und komische Fotos, hier nur ein Beispiel (Seite 57): Zwei ältere Damen stehen beim Gespräch in einer Grünanlage, die eine mit Kittelschürze und Gummistiefeln, die andere in einem schwarzen Mantel aus Persianerimitat, passend zum gelockten Fell ihres Hundes. Der heillos überfütterte Königspudel sitzt neben Frauchen und zeigt dem Fotografen sein breites Hinterteil – etwas anderes scheint seine Aufmerksamkeit zu bannen. Der helle Trabant Kombi am Ende des Wegs?

Der Fotograf:

Mahmoud Dabdoub, 1958 im libanesischen Baalbek geboren, arbeitete nach dem Abitur in Beirut im dortigen palästinensischen Kulturbüro, bis er 1981 in die DDR ging. Von 1982 bis 1987 studierte er Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Seine Lehrer waren neben Helfried Strauß auch Evelyn Richter und Arno Fischer. Dabdoub lebt und arbeitet als freier Fotograf in Leipzig.

Das Zitat:

"Wir haben uns tagelang von Broilern ernährt, denn das war eine sichere Sache – kein Speck, kein Schweinefleisch. Auf die Anforderungen der muslimischen Küche war die DDR überhaupt nicht eingestellt." (Mahmoud Dabdoub)

Das gefällt:

Das Vorwort von Dabdoubs ehemaligem Professor Helfried Strauß und das Gespräch von Mark Lehmstedt mit Mahmoud Dabdoud liefern eine unterhaltsame und informative Einführung in das Werk des Fotografen.

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Die in Berlin lebende Fotografin Xiomara Bender hat es bereits dreimal nach Nordkorea verschlagen. Im Gepäck eine Kamera, die sich nicht immer an die Vorgaben des totalitären Regimes hielt

Was ätzt die Kritikerin?

Das sehr kurzweilige Einführungsgespräch hätte gern noch länger ausfallen können.

Coffee-table-Faktor:

3 (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände") Ein handlicher Bildband, der eher durch seinen Inhalt als durch sein Volumen beeindruckt.

Gewicht: 1100 Gramm.

Mahmoud Dabdoub: Neue Heimat Leipzig

"Mahmoud Dabdoub: Neue Heimat Leipzig. Fotografien 1982–1989", Leipzig: Lehmstedt Verlag, 2016. 144 Seiten mit 120 Duotone-Abbildungen, ISBN 978-3-95797-028-2, 19,90 Euro

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