Interview mit Oliver Hartung

Monumente verraten den Alltag

Auch in Syrien, im Iran und im Libanon gibt es Kunst im öffentlichen Raum – und oft sind sie westlichen Monumenten gar nicht so unähnlich. Fotograf Oliver Hartung zeigt Bilder seiner ausgedehnten Reisen durch den mittleren Osten im Kunstverein Tiergarten – und spricht im Interview über den westlichen Blick und die komischen Seiten von Herrscherkult.
Monumente verraten den Alltag

Audiokassette, Sirjan. In den Kurven des Bandsalates findet sich, von links nach rechts, die Jahreszahl 1393 (nach unserem Kalendar 2014) wieder. Oliver Hartung, aus der Serie: "Iran - A Picture Book"

Seit 2007 bereisen Sie den Mittleren Osten, um den öffentlichen Raum fotografisch zu dokumentieren. Woher stammt das Interesse?

Meine ersten Reisen im Mittleren Osten 2007 erfolgten im Anschluss an ein Projekt über die USA unter Bush, 2004. Sie brachten unter anderem die Erkenntnis, dass es in beiden Regionen Orte und Bilder gibt, die sich sehr ähnlich sind, aber durch den Kontext gegensätzlich interpretiert werden. Schwäche und Stärke der beiden Regionen ergeben sich zum Teil auch durch die unterschiedliche mediale Präsenz und die Kontrolle über die Bilder. Unsere Wahrnehmung der Welt wird über Bilder gesteuert. Mein erster Ansatz bestand darin, die Bildsprache amerikanischer Vorbilder, wie etwa Shore, Sternfeld, Eggleston und Friedlander auf arabische Länder zu übertragen.

Mit "The Arabian Monument" haben Sie Denkmäler im Libanon und Jordanien archiviert, aber eben auch objets trouvés…

Der Titel ist eine Hommage an Lee Friedlanders "The American Monument" von 1976. Das interessante an seiner Arbeit sind nicht unbedingt die Monumente selbst, sondern die Umgebung und Details. Teil meines Projektes sind unter anderem Schrott-Objekte, wie z. B. zusammengeschweißte Auspuffrohre, die als Werbung für Werkstätten dienen. Ich schätze diese für ihre skulpturalen Qualitäten und habe sie entsprechend am Original-Ort, aber isoliert von ihrem Kontext, fotografiert.

Was reizt Sie also am Thema "Monument"?

Monumente erheben einen Anspruch auf Ewigkeit, die Fotografie wiederum vermag die Zeit festzuhalten. Was ich spannend finde, ist das Paradoxe – dass nämlich beide von vornherein zum Scheitern verurteilt sind. Frei nach Eduardo Cadava und Walter Benjamin: Wenn die Fotografie einen Zustand bewahrt, während das fotografierte Objekt vergeht, so kündigt der Akt des Fotografierens bereits den Tod des Objektes an.

 Nächster Halt: Leningrad
Was in der apokalyptisch wirkenden Landschaft aussieht wie mystische Kapellen, unwirkliche Behausungen oder futuristische Raumschiffe sind in Wahrheit ganz profane Bushaltestellen. Eine Kaffeefahrt durch die ehemalige Sowjetunion

Für "Syria Al-Assad" haben Sie das Land mit öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Auto durchquert. Wie nah sind Sie dem Abbild gekommen?

Bereits bei der Arbeit an "Arabian Monument“ habe ich die Assad-Denkmäler fotografiert, damals schien das Land noch stabil. 2009 reiste ich mit zwei syrischen Freunden. Viele Objekte, etwa in der Umgebung von Militärkasernen konnte ich gar nicht oder nur vom Auto aus fotografieren. Die entstandenen Kompositionen und Bewegungsunschärfen passten zuerst nicht in mein fotografisches Konzept. Erst im Nachhinein geben diese flüchtigen, heimlich fotografierten Bilder Sinn. Die Spannung der Bilder ergibt sich auch aus dem Wissen, dass die fotografierten Monumente mittlerweile wahrscheinlich zerstört sind.

Die entstandenen Bilder zeigen Landschaften und Architekturen, die mit Portraits der Herrscherfamilie geschmückt sind. Reicht es, diese Objekte als staatliche Propaganda abzutun?

Diese Monumente entstanden über 40 Jahre und sind sehr vielfältig. Bei dem Personenkult, die den ehemaligen Augenarzt und heutigen Präsidenten Bashar mit Sonnenbrille, seinen verstorbenen Bruder Basel mit Vollbart, sowie den Vater zeigen, handelt sich keineswegs nur um offizielle staatliche Propaganda. Die Mehrzahl sind von Hand gefertigte Schilder und Monumente, die in einer Art vorrauseilendem Gehorsam von Betrieben, Verwaltungen und einzelnen Berufsgruppen und Personen in Auftrag gegeben und an die Straße gestellt worden sind, im ganzen Land vielleicht Tausende. Manche sehr absurd und komisch, wie eine Straßenlaterne mit Portrait oder ein Schild im Auftrag der Zahnärzte von Idlib. Trotz der Tragik und dem Zynismus, die diese Monumente beinhalten, sind sie aber Teil der Geschichte des Landes und verraten etwas über den Alltag in Syrien vor dem Krieg.

Beim Betrachten der skulpturalen Monumente, die Sie im ab 2012 im Iran fotografiert haben, fragt man sich tatsächlich: Wie sind die dahin gekommen?

Das sind zumeist Verschönerungsmaßnahmen der Gemeinden und Bezirke, gleichzeitig gibt es keine Cafés oder Restaurants mit Bestuhlung im Freien, weil zwischengeschlechtliche Begegnungen im öffentliche Raum im Iran nicht erwünscht sind. Das Tape, das ich in Sirjan fotografiert habe könnte eine Referenz auf die Tatsache sein, dass vor der Revolution die Reden von Khomeini über Audiokassetten ins Land geschmuggelt und verbreitet worden sind. Die Gebetskette erinnert daran, dass man sich in der heiligen Stadt Mashhad befindet und der Blumenkorb ist eben schön. In der Kultur des Islam hat das Ornament die größte Bedeutung, nicht das Abbild. Wenn Du in Europa etwas aufstellst, dann muss das konzeptionell begründet, mit dem Raum und der Umgebung zu tun haben. Das ist hier nicht der Fall, der symbolische Wert hat Vorrang vor dem formalen.

Für Ihr Buch "Iran a picture book" haben Sie über 20 000 Bilder gemacht; In einer Kultur, in der angeblich Bilderverbot herrscht, der ultimative Kick für einen Fotografen?

Entgegen aller Vorbehalte des Westens gibt es im Iran eine sehr ausgeprägte Bildkultur im öffentlichen Raum, die sich vor allem aus der Revolution von 1979 und dem anschließenden ersten Golfkrieg speist. Mich interessiert weniger das Portrait als das Aufspüren von Details. So bilden z. B. die Kriegsfriedhöfe, auf denen die gefallenen Soldaten des Iran-Irak-Krieges (1980-88) liegen, ein öffentlich zugängliches Archiv mit einer Vielzahl analoger Fotografien: Frisuren und Kleidung der Portraitierten sind noch sehr westlich und erzählen vom Alltag der Zeit vor 1979. Das Gleiche gilt für die vordigitalen Reproduktionstechniken: So wird das Portrait eines jungen Mannes seitenverkehrt und mit einer Herz-Vignette versehen mehrfach auf das Fotopapier belichtet. Diese Bilder sind Teil des kollektiven Gedächtnisses des Landes, leider vergilben die Fotografien bereits und sind dem Verfall geweiht.

Äußert sich diese Bildkultur auch öffentlich?

Wandbilder sind im öffentlichen Raum sehr präsent. Die Verehrung der Märtyrer, der im Iran-Irak-Krieg Gefallenen wird gepflegt. Der 1980 von Saddam Hussein initiierte Krieg hat die junge Revolution stabilisiert und ist deshalb Teil des Gründungsmythos der Islamischen Republik Iran. Ein bildgewordenes Erbe, das die junge Generation zum großen Teil ablehnt. Das Regime reagiert darauf, in dem es die alten, naturalistischen Wandbilder übermalen lässt: Im Trend sind illusionistische Räume wie eine Treppe, die in den Himmel führt – Bilder die eine Aufwertung und Verschönerung des Stadtraumes vortäuschen. Die Darstellungsform ändert sich, aber der Inhalt, die Symbolik bleibt dieselbe.

The Arabian Monument

Die Ausstellung findet bis 14.1.2017 im Kunstverein Tiergarten, Berlin statt.

Am Donnerstag, 8. Dezember 2016, um 19.00 Uhr findet bei Walther König eine Buchvorstellung von "Iran - A Picture Book" und "Architekturführer Iran" mit Oliver Hartung und Thomas Meyer-Wieser (mit anschließender Diskussion) statt, Buchhandlung Walther König an der Museumsinsel, Burgstraße 27, 10178 Berlin

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