Geflutete Kathedralen

Tempel des Wassers

Nur höchstens einmal im Jahr, zur Reinigung, werden die unterirdischen Wasserspeicher der Schweiz geleert und damit für kurze Zeit betretbar. Der Fotograf Silvio Maraini hält diese Momente fest und schafft das Abbild einer geheimnisvollen Welt aus Fliesen und Beton.
Tempel des Wassers

Normalerweise bis unter die Decke gefüllt mit Trinkwasser: Silvio Maraini: "Lengg Langsamfilter", 2010

Wassertürme bauen andere – die Schweiz hat ihre kostbaren Trinkwasserreservoirs tief in der Erde, in ständig gefluteten, unterirdischen Hallen gespeichert. Das kühle Nass steht normalerweise bis unter die Decke in den dunklen Kammern - nur höchstens einmal im Jahr, zur Reinigung, werden die Katakomben geleert und damit unter strengen Hygieneregeln für kurze Zeit betretbar. Der schweizerische Fotograf und Geophysiker Silvio Maraini hält diese Momente für die Ewigkeit fest und schafft damit das Abbild einer geheimnisvollen, mysteriös wirkenden Welt aus Fliesen, Beton oder Stahlblech.

Unendlich weit und trotzdem seltsam klaustrophobisch fühlen sich diese Räume an, die, das weit entfernt hallende Plätschern im Ohr, wie weihevolle Kultstätten wirken. Dabei ist die Formenvielfalt nicht enden wollend - während manche der Hallen wie spätgotische Säulenwälder aussehen, andere oder in schirm-artige Gewölbe übergehen und damit orientalisch wirken, muten wieder andere wie Innenräume eines U-Bootes, wie U-Bahn-Stationen, Baustellen oder Swimmingpools an.

"Sind es Tempel aus der Urzeit? Ausgeraubte Schatzkammern? Kirchen einer untergetauchten Gemeinde?" fragt Benedikt Lederer im Vorwort des Fotobands und beschreibt damit genau das Gefühl, das einem beim Betrachten der Bilder packt. Die nüchtern-zentralperspektivisch, auf lichtempfindlicher Emulsion fotografierten Räume beruhigen das Auge und wirken sakraler als es ihr profaner Zweck vermuten lässt. Wenn man sich allerdings die Kostbarkeit von ständig vorhandenem Trinkwasser vor Augen führt, ist der weihevolle Umgang vielleicht genau richtig.

Geflutete Kathedralen

Fotografiert von Silvio Maraini, mit einem Vorwort von Benedikt Loderer und einem Text des Fotografen, 144 Seiten, durchgehend illustriert, 28 x 28 cm, Benteli Verlag