Julian Röder in Berlin

Das Kapital demaskieren

Globalisierungsgegner, Militärmessen und Schnäppchenjagd: Eine Ausstellung mit Arbeiten von Julian Röder verdeutlicht, wie der Ostkreuzfotograf sich mit Protestbewegungen und kapitalistischen Lebens- und Machtverhältnissen auseinandersetzt.

Am Anfang war Julian Röder Teil einer Jugendbewegung. Der 1981 in Erfurt geborene Fotograf mischte sich mit der Kamera unter linke Demon­stranten in Berlin und brachte Bilder eines Lebensgefühls mit zurück, auf denen Randale und Romantik eine beinahe selbstverständliche Einheit bilden.

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Anschließend folgte Röder den Protesten gegen verschiedene Politik- und Wirtschaftsgipfel um die Welt und fand sich unversehens in einem Wanderzirkus wieder, der surreale Bilder, aber wenig politische Wirkung pro­duziert. Seit diesem Erlebnis sucht Röder die Konfrontation mit den herrschenden Mächten durch die Hintertür: Er fuhr auf die Waffenmesse von Abu Dhabi, inspizierte die ­europäischen Grenzbefestigungen der Frontex-Mission und war mittendrin, als Hunderte Schnäppchenjäger ­einen Elektronikmarkt stürmten.

Die Sympathie für die Menschen scheint Röder bei diesem Strategiewechsel verloren gegangen zu sein. Dafür gelingt es ihm beängstigend überzeugend, die kapitalistische Welt mithilfe seiner Fotografien als Konsumhölle ohne Aussicht auf Erlösung zu inszenieren.

Wie gut sich Röder auf suggestive Irritationen versteht, zeigt jetzt ein vom Berliner Haus am Waldsee unter dem Titel "Recht und Raum" arrangierter Querschnitt durch sein Werk. Aus seinen Aufnahmen von internationalen Wirtschaftsmessen entfernte Röder nachträglich sämtliche Firmenlogos und Schriftzüge, was die Verkäufer wie Marketingroboter auf leerer Bühne aussehen lässt. Mitunter ist die Wirklichkeit aber schon irritierend genug, wie Röder in World of War­fare, seiner Reportage über die Konsumschau für Militärtechnik in Abu Dhabi, zeigt. Man weiß gar nicht, was man erschreckender finden soll: dass hier Diktatoren durch einen ­gigantischen Supermarkt flanieren, in dem Sturmgewehre, Raketen und Panzer wie massenproduzierte Konsumgüter angeboten werden, oder dass der Krieg im Sandkasten dieser Messe aussieht wie ein Kinderspiel.

Schon Anfang 2012 widmete sich Julian Röder der Verteidigung des westlichen Wohlstands gegen Flüchtlinge aus der "Dritten Welt". Die Bilder, die an der europäischen Außengrenze entstanden, führen uns in eine Kulissenwelt, die umso gespenstischer wirkt, je gründlicher sie ihren Charakter zu verbergen sucht. Erstmals werden im haus am waldsee zwei neue Serien von Röder präsentiert. In ihnen beschäftigt er sich mit historischen Experimenten zur Gedankenfotografie, irrationalen Weltdeutungsmodellen und Verschwörungstheorien.

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Rubrik Fotografie
Aktuelle Ausstellungen, Artikel zur Kunst und Geschichte der Fotografie und regelmäßige Kolumnen