»Peter Gowland's Girls« in Mannheim

Der Frauenversteher

Er sah gut aus. Er kannte die richtigen Leute. Er hatte Respekt. Mit Bildern die zwischen Kunst und Verführung changieren, wurde Peter Gowland zu einem der besten Pin-up-Fotografen Amerikas.

Das Modell kniet am Strand: offenes Gesicht, ein Lächeln, unverstellt in grellem Licht. Sie trägt einen Badeanzug in rot. Ein Arm ist kopfhoch angewinkelt. Der andere ruht lässig in ihrem Schoß. Ein Sonnenschirm ist aufgeklappt. Ein kleiner Koffer beiläufig postiert. Im Hintergrund joggt wie zufällig ein Mann in Shorts durch das Strandbild mit gut gelaunter Frau.

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Strecken Teaser

Die Aufnahme könnte Teil eines Familienalbums aus den fünfziger Jahren sein. Oder im Spind einer Männerumkleidekabine aus eben dieser Zeit hängen. Nichts Schwitziges geht von Peter Gowlands Foto aus – eher unschuldiger Sex-Appeal. Es verströmt technische Perfektion und hübsche Eleganz. Und eine komplett ungetrübte Lebenslust, die im kalten Blick der Gegenwart beinahe schon provoziert. Die Aufnahme ist auf das Jahr 1957 datiert. Eine Hochzeit der Pin-up-Fotografie, wie die Produktion vervielfältigter Frauenbilder, die sich besonders Männer gerne aufhängen, heißt. Sie war seit den zwanziger Jahren virulent.

Im Nachhinein hat das Genre fast etwas Drolliges. Vor allem scheint ihm eine Restheikelkeit immanent zu sein. Warum sonst sollte im Handbuch der Pin-up Schau ein Text stehen, der mit "feministischem Blick", wie es heißt, über deren Sujet räsoniert? Mit einem Verdacht, der sich dann allerdings nicht bestätigt. Sie könne, schreibt die Autorin sinngemäß, mit dem titelgebenden "Gowland's Girls" sehr gut leben. Und warum auch nicht? Das Modell im roten Badeanzug, Venetia Stevenson, eine in kalifornischen Eliteschulen ausgebildete Engländerin, hat sogar augenscheinlich Spaß daran, eins zu sein. Sie posiert als Abziehbild von Männerillusionen, "na und!", sagt ihr Foto. Herzlich fröhlich flirtet sie mit der Kamera, als wüsste sie ganz genau, wie man mit dem schönen Schein angeblicher Verfügbarkeit spielt.

Vom Ronald-Reagan-Double zum besten Pin-up-Fotografen Amerikas

Peter Gowland, Jahrgang 1916, 2010 gestorben, einer der Größten des Metiers, war ein Virtuose der Verbindlichkeit, des angenehmen Arrangements und der Anzüglichkeits-Minimierung. Das sagen alle, die ihn kannten. Und das sagen die Bilder. Er war ein geschäftstüchtiger Gentleman. Sohn eines Schauspielerpaares. In Los Angeles geboren. An Hollywood-Sets groß geworden, wurde später sogar Ronald-Reagan-Double und drehte mit Ava Gardner.

Lieber half er allerdings beim Licht und studierte die Mechanismen der Illusionsproduktion. Er sah gut aus. Er kannte die richtigen Leute. Und er heiratete Alice, seine kongeniale Partnerin, zwei Tage nach dem ersten Date. Sie fungierte sein Lebtag als Stylistin, stand besänftigend dabei, wenn er arbeitete und schrieb die Texte seiner 25 Fotobücher, die Lehr- und Schauwert immer geschickt kombinierten. Peter Gowland hatte die perfekte Biografie für das, was er tat. Den "besten Pin-up-Fotografen Amerikas" nannte ihn die "New York Times" 1954. Die Ausstellung im Mannheim ist dennoch die erste Retrospektive des Kaliforniers, der auch als Konstrukteur seiner berühmten Kamera Gowlandflex reüssierte, die unter anderen die Starfotografin Annie Leibovitz benutzt. Ein Exemplar ist ebenfall in Mannheim ausgestellt.

Kecke Girls zeigen nichts, was sie nicht wollen

23 000 Originalfotos hat Kurator und Zephyr-Direktor Thomas Schirmböck für die Ausstellung gesichtet. Er dürfte der beste Kenner des Werks überhaupt sein, das maßgeblich aus den insgesamt 14 bis in die siebziger Jahre erschienenen "Peter Gowland’s Girls"-Kataloge besteht. Jeweils Hunderte von Fotos waren darin, die Schutzgebühr betrug fünf Dollar. Verschickt wurden sie an große Verlage und auch Privatpersonen – damals geniales Marketing. Über 1000 Cover von Zeitschriften wie "Playboy" oder dem "Rolling Stone" gehen auf Gowlands Konto.

Der Frauenversteher

Der Katalog "Peter Gowland´s Girls" ist im Kehrer Verlag erschienen, 20 x 26 cm, 192 Seiten, Euro 39,90

Über 200 Bilder von ihm aus den vierziger bis sechziger Jahren sind jetzt in Mannheim zu sehen. Auch kriegsabgewandte Veduten aus Fürstenfeldbruck, wo der Deutschlandliebhaber 1945/46 seinen Militärdienst als Leiter des Fotolabors der Air Force ableistete oder ein Porträt von Alfred Hitchcock mit Hündchen. Einige seiner Werbefotos für Bademoden und Rohrzangen wirken inzwischen etwas lustig. Aber es kann gut sein, dass sie auch zu ihrer Entstehungszeit schon ironisch spekulierten.

Die meisten Fotos allerdings zeigen Frauen in kunstschönen Verführungsposen von unbedingter Dezenz. Bilder mit Strandleben, einen L.A.-Style, den Gowland mitkreierte. Dabei zeigen die Damen nichts, was sie nicht wollen. Wie drapiert erscheinen sie auf Liegen, tragen nur Schatten auf dem Leib. Glamouröse Amazonen rauchen voller femininer Selbstgewissheit. Im Poolhaus, im Ballkleid, am helllichten Tag: Selbst wenn sie nackt sind, lässt Peter Gowland die Modelle wie angezogen wirken.

Rubrik Fotografie
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Das einzige, was man ihm übelnehmen könnte, war, dass er sie in "schlank", "athletisch" und die zur Trägheit neigende "Esserin" typisierte. Feministinnen aller Generationen, heißt es dazu im Handbuch, laufe es dabei kalt den Rücken runter. Aber sonst? Makellos, der Mann. Seine Arbeit, von Respekt beflügelt.

In seinem Studio arbeitete er mit einem fahrbaren Spiegel, der so neben der Kamera positioniert war, dass die Modelle sehen konnten, wie die Kamera sie sah. Er nennt sie auf seinen Bildtiteln alle beim Namen. Die Starlets wie die Stars: Susan Denberg, die eigentlich Dietlinde Ortrun Zechner heißt, geboren 1944 in Bad Polzin. Ein Drogenproblem verdarb ihr die beginnende Filmkarriere. Lee Evans, deren Foto als angebliches Nacktbild von Elisabeth Taylor durch die Medien geisterte. Marli Renfro, die den Nudismus pflegte und als Double für Janet Leigh in der Duschszene von Hitchcocks "Psycho" einsprang. Besonders ergriffen war Gowland vom Schicksal des Playmates Paige Young. Ein mutmaßliches Opfer des Macho-Systems, das im Umfeld von "Playboy"-Verleger Hugh Hefner herrschte. 1974 beging sie Selbstmord. Peter Gowland stellte daraufhin die Zusammenarbeit mit der Zeitschrift ein.

Peter Gowland’s Girls*
Weltweit erste große Schau mit Werken des US-amerikanischen Pin-up-Fotografen (1916–2010)
Zephyr – Raum für Fotografie der Reiss-Engelhorn-Museen im Museum Bassermannhaus ,  Mannheim