Interview mit Juergen Teller

»Am Ende kriegt man Krebs oder sowas«

Juergen Teller scheint auf einem langen Weg zu sich selbst zu sein. Der Martin-Gropius-Bau gibt jetzt einen Einblick in das konzeptionelle Werk des Kunst-, Mode- und Starfotografen. Wir sprachen mit Teller über glamouröse Schmuddeligkeit, sein persönliches Fußballwunder und warum Männer das schwächere Geschlecht sind.
»Am Ende kriegt man Krebs oder sowas«

"Enjoy your Life" heißt die aktuelle Ausstellung von Juergen Teller in Berlin: "Frogs and Plates No.13", 2016

art: Herr Teller, Ihre neue Ausstellung heißt "Enjoy Your Life". Täuscht der Eindruck, dass für Sie zum Lebensglück vor allem Familie, Fußball und die Sau rauslassen gehören?

Jürgen Teller: Nein, das nicht. Aber es sind auch ganz andere, ziemlich schwierige Elemente in der Schau. Durch den Selbstmord meines Vaters wurde mir klar: Du trägst selber Verantwortung für dein Leben, es liegt an dir, welche Richtung du ihm gibst.

Viele Leute laufen herum und mosern ständig, aber das liegt dann oft an ihnen selbst. Es ist besser, positiv eingestellt zu sein und etwas zu machen. Der Titel "Enjoy Your Life" ist auch überhaupt nicht lustig gemeint. Den habe ich auf einer Reklame gesehen und fotografiert. Die wollten einem da ganz bescheuerte Sessel, irgendwelche skurrilen Möbel verkaufen. Bei so vielen Leuten geht das Leben so dahin. Weil sie im falschen Beruf arbeiten oder mit der falschen Frau verheiratet sind. Sie fressen den Frust in sich hinein und kriegen am Ende Krebs oder sowas. Man muss auch mal ein Risiko eingehen und schwierige Sache machen. Und der Schwere des Lebens etwas entgegenstellen.

An Mut fehlt es Ihnen ja nicht. Sie haben beispielsweise eine Aufnahme der Schauspielerin Charlotte Rampling gemacht, die Klavier spielt, während sie selbst nackt mit gespreizten Beinen auf eben diesem Konzertflügel liegen. Warum haben Sie von dieser Szene auch noch ein Video gedreht?

Ich habe gedacht, das wäre eine gute Idee, und Charlotte ein paar Monate nach Ende unserer sehr intensiven Arbeit nochmal angerufen. Wir haben uns gemeinsam die Fotos angesehen und uns langsam an etwas Neues herangetastet. Das ist schon zwölf Jahre her, aber bis jetzt habe ich das Video noch nie gezeigt.

»Am Ende kriegt man Krebs oder sowas«

Juergen Teller: "Kanye, Jürgen & Kim, DPS No. 51", Chateau d'Anbleville 2015

Das war also nicht spontan, sondern genau geplant?

Genau, das war alles durchdacht.

Und was war Ihre Idee?

So ein Konzertflügel steht ja für Reichtum und Kultur. Das wollte ich mal betreten. Ich habe auch den Eindruck, dass Frauen viel mehr Kontrolle über ihr Leben haben als Männer. Die Männer tun ja immer stark. Sie sind diejenigen, die Kriege führen. Aber eigentlich sind die schwach. Dieses Bild spiegelt die Verletzlichkeit der Männer wider. Hinter jedem starken Mann steckt immer eine stärkere Frau. 

Ihre Ehefrau war bei diesen Aufnahmen dabei. Als Anstandsdame oder als Ermutigung?

Meine Frau hat die Aufnahmen gemacht und auch das Video gefilmt. Und sie hat Charlotte und mir geholfen, sie war die dritte Meinung, die uns sagt, ob das, was wir machen, total bescheuert oder sinnvoll ist. Und natürlich gab es Charlotte auch mehr Sicherheit, dass meine Ehefrau dabei war. Mit einem männlichen Assistenten wäre sie vielleicht nicht so weit gegangen.

Die Fußballlegende Pelé haben Sie mal dazu gebracht, ihre spätere Frau anzurufen und ihr zu sagen, dass sie gutes Heiratsmaterial sind. Muss man als Porträt- und Modefotograf ein Verführer sein?

Ich habe Pelé einfach erzählt, wie es ist. Dass wir seit mehreren Monaten keinen Kontakt mehr zueinander hatten. Und da hat Pelé gesagt: Jürgen, du scheinst ein netter Junge zu sein, ich versuche, dir zu helfen. Meine Frau war total verblüfft, die beiden haben über 20 Minuten geredet, vor allem über Fußball.

Sie überrumpeln die Leute mit Nettigkeit?

Mit Einfühlsamkeit. Ich hätte Pelé auch nicht um etwas Seltsames gebeten, das wäre nicht richtig. Ich glaube, er fand die Idee, eine Frau mit Fußball zu überreden, sehr charmant.

Auch die Models auf Ihren Modefotos machen Dinge, die sie für andere Fotografen nicht tun. Auf einem Bild der Ausstellung zieht das Model ihr Designerkleid hoch, um ihre Scham zu entblößen.

Das war gar nicht meine Idee, das haben sich das Model und die Hair-Stylistin gemeinsam ausgedacht. Beide sind plötzlich zu mir gekommen und haben gefragt: Hey, wie findest du denn das? Sie vertrauen mir.

Sie haben Anfang der 1990er Jahre die schmuddelige Grunge-Ästhetik der Popmusik in die Modefotografie übertragen und der Sache mit Blitzlicht eine Crime Scene-Anmutung gegeben. Bei Ihnen haben Models mitunter blaue Flecken oder sie tragen das Versace-Label wie ein Brandzeichen auf der Haut. Man hatte das Gefühl, hier wird der schöne Schein der Modewelt kritisch reflektiert.

Ja, aber das waren alles Models, die mir nahe waren und immer noch sind, und ich will halt etwas fotografieren, was mir nahe ist. Und so war das dann einfach. Was das Blitzlicht angeht: Das war eine technische Sache, die mir gelegen kam, um etwas direkt zu fotografieren und zu betonen, was ich wollte. Mittlerweile arbeite ich fast gar nicht mehr mit Blitz.

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Ist die Modewelt eine Ersatzheimat für Sie? Herkunft und Familie spielen wichtige Rollen in ihrem Werk.

Sie ist mein Beruf, durch den ich viele enge Freunde gefunden habe. Wie es auch bei anderen Berufen normalerweise der Fall ist. Aber meine Heimat sind meine Familien. Die, in der ich aufgewachsen bin, und die, die ich jetzt habe.

Was hat Sie zur Modefotografie gebracht? Es ist einerseits Auftragsarbeitet, bietet aber enorme Freiheiten, wenn man sich die Geschichte der Modefotografie anschaut.

Ich würde doch nicht aus bloßer Lust und Laune auf die Idee kommen, irgendwelche Handtaschen zu fotografieren. Da geht es ganz einfach darum, Geld zu verdienen. Mode bedeutet für mich Spaß. Das ist ein Luxus, der Spaß machen soll.

Aber es kann ja auch eine Herausforderung sein, neue Lösungen für Dinge zu finden, die eigentlich schon zu Tode fotografiert wurden.

Klar, die Modefotografie bietet unheimliche Möglichkeiten und Geldmittel, um Ideen zu verwirklichen, wenn man welche hat. Das nutze ich aus.

Sie haben kürzlich den FC Bayern München auf dessen Chinareise begleitet. Was hat Sie daran gereizt?

Ich habe eigentlich immer gedacht: Fußballer kann man gar nicht fotografieren. Und braucht man auch gar nicht zu fotografieren. Die Schönheit der ganzen Sache findet ja in der Fußballarena statt mit diesen Gladiatoren. Egal ob man im Stadion ist oder vorm Fernseher, etwas Schöneres gibt es ja nicht. Ich wollte es aber trotzdem machen, auch weil ich davon angezogen bin, an so etwas ranzukommen, einfach aus Neugierde. Außerdem war ich vorher noch nie in China.

Mit welcher Idee sind Sie dort hingefahren?

Da kann man mit keiner großen Idee rangehen, weil ich dort in einer ganz anderen Rolle bin als bei den Porträts von Kanye West und Kim Kardashian oder den Bildern meiner Mutter. Da habe ich die volle Kontrolle, dort ist man nur Mitreisender und muss spontan sein.

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Fußball spielt ohnehin eine prominente Rolle in ihrem Werk. Es gibt ein Video, das in voller Länge zeigt, wie Sie im Fernsehen das Endspiel der WM 2002 schauen.

Die Kamera war für mich eigentlich gar nicht da. Das sieht man ja auch. Das Spiel war viel wichtiger, ich war da voll drin. Das ist ein Selbstporträt, eine Arbeit über mich.

Sie kommen jetzt immer häufiger in ihren Arbeiten vor, und sei es nur in Form eines Tellers, den Sie den Leuten, die sie porträtieren, in die Hand drücken.

Das sind Selbstporträts mit Prominenten, mit Vivienne Westwood oder Francesco Bonami. Der Teller ist ein unheimlich interessantes Requisit: It’s a good looking thing. Manche der Leute, die ich fotografiere, machen gar nichts damit, andere benutzen es.  

Sie drucken auch alte Aufnahmen auf Teller. Das wirkt beinahe wie ein Affront gegen den Kunstmarkt, wenn man den Kult um hochwertige Fotografie-Abzüge kennt.

Mir macht es einfach Spaß, mit meinem Werk umzugehen. Es wieder zu betrachten und mich zu fragen, was man damit noch machen kann. Ich habe viel mit Mode zu tun, jeder ist täglich damit beschäftigt, was man anzieht. Mit Tellern bist du doch viel mehr beschäftigt, die meisten drei Mal am Tag. Es ist ein schönes Objekt, da wollte ich meine Fotos drauf haben. Und das gibt es nur bei mir: I own this.

Essen auf Tellern haben Sie schon vor Jahren fotografiert. Wobei das Essen da nicht so richtig lecker aussieht.

Wirklich? Die Küche hat zwei Michelin-Sterne. Die ist exzellent, das würde ich gerne essen. Jetzt werde ich hungrig.

Das geht also nicht in Richtung Martin Parr? Das Gedeck soll einem nicht irgendwie verdächtig vorkommen?

Das ist das genaue Gegenteil von Martin Parr. Wie meine gesamte Arbeit.

Sie haben vorhin gesagt, dass Sie die Neugier antreibt. Die Neugier aufs Leben oder die Neugier zu sehen, wie etwas fotografiert aussieht?

Das ist der berühmte Spruch von Garry Winogrand: Ich fotografiere, um zu sehen, wie die Dinge fotografiert aussehen. Und der ist wirklich total wahr. Man ist immer wieder gespannt, wie es ausschaut. It’s always the same and it’s beautiful. Es ist magisch und mir ist völlig unbegreiflich, wie es funktioniert.

Dieser Text erschien zuerste anlässlich der Ausstellungseröffnung in der Kunsthalle Bonn, 2016.

Juergen Teller – Enjoy Your Life!
Der deutsche, in London lebende Fotograf (*1964) ist vor allem für seine Modeaufnahmen bekannt, nun werden konzeptuelle Fotografien gezeigt, die durch ihre Beiläufigkeit eine Gegenposition zum Glamour der Mode bilden. Rund 250 Bilder geben Einblicke in sein Gesamtwerk
Martin-Gropius-Bau ,  Berlin