Fotokünstler Elger Esser

Wieder eine Landschaft in Sepia

Als würde man Europa noch mit der Pferdedroschke bereisen und Korrespondenzen mit der Feder erledigen: Die Kunsthalle Karlsruhe zeigt den Fotokünstler Elgar Esser als hoffnungslosen Nostalgiker. Verdient der Meister des Eskapismus dafür den Oskar-Schlemmer-Preis?
Elger Esser

Elger Esser: "Nil I", Ägypten, 2011

Notorische Rückkoppelungen in verblichene Epochen der Kunst haben meist etwas Verzweifeltes an sich. Der schon berüchtigte Fall des vergangenheitsseligen Fotokünstlers Elger Esser erfährt nun eine besondere Zuspitzung.

Seit 2014 gibt es den vom Land Baden-Württemberg verliehenen Oskar-Schlemmer-Preis. Im Namen des Bauhaus-Meisters Schlemmer nach jahrelangen Copyright-Streitereien um dessen Werk einen großen Staatspreis aus­zuloben war eine wunderbare Entscheidung. Über die Wahl des diesjährigen Preisträgers Elger Esser darf man sich allerdings nicht nur die Augen reiben, sondern mehr noch die Stirn in Bedenkenfalten legen.

War Schlemmer vor fast 100 Jahren dezidiert dem modernen Menschenbild und sicher auch dem Utopismus ­zugewandt, so ist der Fotokünstler Esser ein hoffnungsloser Nostalgiker mit anhaltender Schwäche für bourgeoise Malereimotive aus einer vermeintlich besseren Zeit.

Schlemmer und Esser gedanklich zu paaren, das ist in etwa so, als würde man den verglasten Barcelona-Pavillon von Ludwig Mies van der Rohe mit aufwendig nachgemachten Biedermeier-Stücken verbarrikadieren. Kunststaatssekretär Jürgen Walter kommt hingegen zum Jubilieren: "Mit Elger Esser wird ein Künstler ausgezeichnet, der die Grenze zwischen den Medien Foto­grafie und Malerei zum Fließen bringt. Mit ­analoger Technik erzeugt er beeindruckende ­fotografische Bildwelten, die an die Malerei des 19. Jahrhunderts erinnern und doch ganz und gar im Jetzt verhaftet sind." Zumindest der letzte Halbsatz ist reiner Nonsens.

Gepflegter Eskapismus

Wenn ein derzeit in deutschsprachigen Ausstellungshäusern inflationär herumgereichter Fotokünstler nicht im "Jetzt" verhaftet ist, dann ist es Elger Esser. Bevorzugte Motive des vormaligen Schülers von Bernd Becher sind weitgehend von lästigen Menschen und heu­tigem Trash befreite Landschaften, Veduten, Seestücke, Architekturansichten, Sonnenuntergänge. Für seine analoge Fotografie in Sepiatönen setzt Esser die Plattenkamera ein. Die real aufgefundenen Orte bei seiner Suche nach einer verlorenen Zeit bleiben dabei ­bewusst verunklart. Ein Schmelz liegt über den Bildern, als würde man Europa noch mit der Pferdedroschke bereisen und mit der Feder amouröse Korrespondenzen auf Büttenpapier erledigen. Nicht von ungefähr hat der 1967 in Stuttgart geborene Künstler eine Sammlung aus Tausenden von Landschaftspostkarten aus der Zeit um 1900 zusammengetragen. ­Esser vergrößert die Postkartenmotive mittlerweile im Blow-up-Verfahren zu Fotografien im pointillistischen Retro-Stil. Es ist vielleicht in terrorerschütterten Zeiten nichts gegen einen zeitweilig gepflegten Eskapismus einzuwenden.

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Aber die kontinuierliche Bemühung des 19. Jahrhunderts, wie sie Elger Esser betreibt, nervt in ihrer auch kunstmarktgetrimmten ­Routiniertheit. "Mir ist wichtig, dass sich die Schönheit meiner Bilder nicht so schnell verbraucht. Ich wollte immer das Gefühl haben, die Dinge altern gut und in Würde", sagt Esser. Oskar Schlemmers Vermächtnis hat jedoch etwas anderes als das Schwelgen in verblasenen Romantizismen verdient.

Elger Esser: zeitigen

Die Ausstellung läuft vom 20. Februar bis 10. Juni 2016 in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe.