Künstlerische Porträtfotografie in Köln und Bonn

Trockenhauben lügen nicht

In einer Zeit, in der Selfies zum täglichen Geschäft der Selbstbespiegelung gehören, sind durchdachte Porträtfotos eine Wohltat. Wie in der Doppelausstellung »Mit anderen Augen«, die mit einem Who is Who der zeitgenössischen künstlerischen Fotografie aufwartet.

Bloß keine falschen Töne: In einer Zeit, in der Selfies zum täglichen Geschäft der Selbstbespiegelung gehören, sind durchdachte Porträtfotos eine Wohltat. Wenn sie glücken, lässt sich in den Bildern so etwas wie ein authentisches Leben lesen. Wut, Hoffnung, Trotz, die kleinen und großen Katastrophen des Alltags prägen sich in das Minenspiel ein.

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Strecken Teaser

Eine Doppelausstellung in Bonn und Köln bietet zurzeit einen Einblick in die neuesten Tendenzen des Genres seit den neunziger Jahren. Sie beweist, dass die Königsdisziplin immer noch gut ist für neue Blickwinkel auf den Anderen.

Warum fühlen sich Menschen vor der Kamera oft unwohl? Weil "man sie so sieht, wie sie selbst sich niemals sehen, indem man etwas von ihnen erfährt, was sie selbst nie erfahren", schrieb schon Susan Sonntag in ihrem berühmten Essay "Über Fotografie". Das Fotografieren glich in ihren Augen einem Übergriff, der die Menschen in Objekte verwandelt. Und doch schaut man sie nicht nur mitleidig, sondern vor allem neugierig an, etwa die Frau, die Wolfgang Tillmans den Rücken zukehrt, während an der Wand vor ihr zwei Gemälde hängen. Das Paar aus der Biedermeierzeit im Bildhintergrund richtet den Blick scheinbar direkt in die Kamera. Immerhin machen diese beiden mit, denn die eigentlich Porträtierte verweigert sich mit einer Trockenhaube auf dem Kopf.

Übertragungen von der großen Festplatte des Lebens

Noch mehr Zitate stecken in den Fotografien von Jitka Hanzlová. Wer 2011 die Berliner Blockbuster-Schau "Gesichter der Renaissance" gesehen hat, bringt das nötige Rüstzeug mit, um sogleich die Tricks zu erkennen, mit denen sie in ihrer Serie "There is Something I Don't Know" operiert. Hell-dunkel-Kontraste dominieren etwa das Porträt einer nach links schauenden jungen Frau mit verschränkten Armen, die an Leonardos "Dame mit Hermelin" erinnert. Nichts in dieser Komposition ist dem Zufall überlassen, weder die Pose noch das Bildformat. Das gilt auch für die anderen Jugendlichen, die Hanzlová auf der Straße gecastet hat und die so wirken, als kämen sie aus einem anderen Jahrhundert. Ein Lächeln sucht man vergeblich. Nachdenklich bis streng fixieren sie als Dreiviertelfiguren die Kamera und schauen doch so, als sei ihnen die 1958 geborene Fotografin bereits lange bekannt.

Das könnte an ihrer eigenen Biografie liegen. In den achtziger Jahren ist sie aus der Tschechoslovakei ins Ruhrgebiet nach Essen geflohen. Die Erfahrung von Fremdheit treibt sie seitdem in ihren Porträts um. Bei der Erfassung der Gesichter möchte sie eine "Abstraktion ursprünglichster emotionaler Zustände" erreichen, wo "etwas von dem übertragen werden kann, was gespeichert ist auf der großen Festplatte eines Lebens". Behilflich ist ihr dabei eine analoge Kamera. Hanzlová verbringt mitunter ganze Wochen im Labor. Solange bis die Farben die Dichte von Malerei ausstrahlen und das Innere der Porträtierten kraftvoll betonen. Es bleibt nicht aus, dass diese nachhaltigen Begegnungen den Betrachter dazu animieren, die verbliebenen Lücken mit der eigenen Vorstellungskraft auszufüllen. Was könnte reizvoller sein, als einem Unbekannten eine imaginäre Identität anzudichten?

Ein fotografischer Spagat zwischen Gesellschaftskritik und dem Glamour des Elends.

Weniger zeitlos und stärker im Jugendmilieu verwurzelt sind die Bilder von Tobias Zielony, der auf der letzten Biennale von Venedig als Mitglied eines disparaten Quartetts Deutschland mit einer Serie über Flüchtlinge repräsentierte. Der 1973 geborene Wahl-Berliner glaubt nicht an die Möglichkeit, die "wahre" Persönlichkeit hinter der äußeren Fassade erfassen zu können. Er begnügt sich mit der Selbstdarstellung, die zumindest etwas über die Wünsche und Sehnsüchte des Gegenübers verrät. Seine Protagonisten findet er an sozialen Brennpunkten wie Knowle West in Bristol, Plattenbausiedlungen in Halle-Neustadt oder die Vorstädte von Marseille, wo er 2003 für die Serie "Quartiers Nords" junge Männer beim "Rumhängen" begleitete, in Situationen also, in denen er ihr "Komplize" war. "Ich glaube", so Zielony, "dass die Gesten nicht nur Überreste einer im Verschwinden begriffenen Industriekultur sind, sondern auch der Versuch, mit der zeitgenössischen visuellen Kultur in Verbindung zu bleiben. Über Kleidung, Posen, Musik usw. findet eine Art gesellschaftliche Teilhabe statt, die anders vielleicht nicht mehr möglich ist, zum Beispiel weil die Arbeit abgewandert ist." Und doch gibt es kein Bild ohne denjenigen, der es macht. Er trägt natürlich auch seine subjektive Wahrheit im Gepäck. Zielony schafft den herausfordernden Spagat zwischen dem Authentischen und dem Inszenierten, Gesellschaftskritik und Glamour des Elends.

Pflichtapplaus fürs Speckröllchen
Starfotografin Annie Leibovitz hat den aktuellen Pirelli-Kalender fotografiert, und alle schreien Hurra. Ihre Provokation ist dabei politisch so korrekt, dass man gar nicht anders kann, als zu applaudieren. Es gibt da nur ein Problem: Die Fotos sind stinklangweilig

Im Bonner Teil der Doppelausstellung "Mit anderen Augen", der sich mit etablierten Namen wie Thomas Ruff, Christopher Williams, Thomas Struth, Dunja Evers oder Annette Kelm der Vielfalt unterschiedlichster Ansätze widmet, erweist sich der 1982 geborene Jan Paul Evers als würdiger Kontrahent zu den Positionen von Hanzlová und Zielony. Er klopft seine Schwarz-Weiß-Kompositionen von gefundenem Foto-Material in der Dunkelkammer mit Vorliebe auf die möglichen Varianten ihrer Montage ab und erschafft so paradoxerweise Unikate. Für das Genre Porträt ist er seit einer Reise nach China entbrannt. Die Omnipräsenz von Mao-Bildnissen deutet er als Transfer westlicher Ikonografien der Macht. Grund genug, sich in den eigenen Gefilden auf den Spuren von Warhol an einem Familienporträt von Helmut Kohl samt Gattin und Schäferhund zu vergreifen. Die Bearbeitung des Motivs dient der Destillierung eines Images, das mit dem eigentlichen Charakter der gezeigten Personen kaum in Übereinstimmung zu bringen ist. Pikanterweise gehören dazu auch Porträts der Düsseldorfer Kunst-Mäzenin Julia Stoschek oder des Galeristen Hans Meyer, von dessen Sohn Max Evers vertreten wird.

Fotograf Mark Neville ging als offizieller "War Artist" nach Afghanistan

Der zweite Teil in Köln fokussiert auf das Fortleben der unverwüstlichen Dokumentarfotografie. Mit von der Partie ist die in Hamburg lebende Bulgarin Pepa Hristova, Jahrgang 1977 und Mitglied der Agentur Ostkreuz. Sie spürte für ihre Serie "Sworn Virgins" ausgerechnet im Norden Albaniens einen seltenen Fall der Gender-Verwirrung auf. Eine mündlich überlieferte Gesetzessammlung bietet Familien, die kein männliches Oberhaupt vorweisen können, ein Schlupfloch, das noch aus dem Mittelalter stammt: eine Frau aus der Verwandtschaft darf die Rolle der Stellvertreterin für den nicht selten durch Blutrache beseitigten Patriarchen übernehmen. Dafür zahlt sie einen hohen Preis. Sie muss Jungfrau bleiben. Im Gegenzug ist ihr nicht nur der Respekt der Sippe sicher. Sie erhält auch den privilegierten Status der Männer, was offenbar im Laufe der Jahre auch zu einer körperlichen Verwandlung führt. Die Frauen tragen nicht nur Männerkleidung und schneiden ihre Haare kurz. Selbst ihre Gesichter haben jeglichen femininen Zug verloren. Hristova hat die Mann-Frauen in einer archaisch anmutenden Umgebung aufgenommen und damit dieses soziale Phänomen noch kurioser erscheinen lassen. Glücklich wirken sie in ihrer Nische zwar nicht. Doch in der traditionellen Rolle der Frau-Frau wäre ihr Leben wohl noch mehr Restriktionen unterworfen gewesen.

art - Das Kunstmagazin
Eine Werkschau im Museum Frieder Burda konfrontiert seine ikonischen Wimmelbilder mit neuen Bildmontagen. Aber gerade auf die hätte man gerne verzichtet

Eine Erfahrung, die sich auch in den Bildern des Südafrikaners Pieter Hugo erschließt. Schauplatz der Serie "Permanent Error" ist die weltweit größte Müllkippe für Elektroschrott in Ghana, in der sich die Kehrseite unseres beschleunigten Geräteverschleißes spiegelt. Junge Männer suchen zwischen den entsorgten Computern und Kühlschränken nach Rohstoffen und nehmen eine Verseuchung durch Giftstoffe in Kauf. Ein apokalyptischer Ort, der keinerlei Zugang zu der im Westen viel beschworenen Partizipation bietet. Von Albanien und Accra ist es nach Afghanistan nicht mehr weit.

Der 1966 geborene Mark Neville kann einen Abschluss am renommierten Londoner Goldsmiths College vorweisen. Als offizieller "War Artist" folgte er 2010 den britischen Truppen in das bis heute im Chaos versinkende Land. Er ging mit den Soldaten zwei Monate lang auf Patrouille in der Provinz Helmand und begleitete sie auch bei der Entschärfung von Sprengfallen. Immer wenn ein Afghane seinen Weg kreuzte, verglich er sein Alter mit dem der auffällig jungen Briten. Für seine Serie "The Helmand Work" nahm er beide Parteien ins Visier und schaffte in den Farbporträts eine Nähe, die vor Ort, wo Kategorien wie Freund und Feind der Unschärfe anheimfallen, zwischen den Kindern und Jugendlichen eigentlich nicht möglich war.                      

Im Zeitalter der digitalen Vervielfachung sorgen diese Arbeiten für ein anderes Album der Intimität