Edmund Clark in Mannheim

Der unsichtbare Krieg

Illegale Foltercamps, geheime Gefangenentransporte, Guantanamo – mit seinen Fotos dokumentiert der englische Fotograf Edmund Clark auf eindringliche Art die Schattenseiten des "War on Terror" nach dem 11. September 2001. Sein neuestes Projekt, zentrale Arbeit einer aktuellen Ausstellung in Mannheim, verdeutlicht die Folgen einer schicksalhaften Verwechslung.

Die Aussicht aus dem Fenster auf ein Wohngebiet: Dächer, Zypressen, im Hintergrund ein Bergrücken im leicht diesigen Licht, ein Kreuz, am blauen Himmel hängen Wolken. Und weiter? Nichts.

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Genauso wenig hat auf den ersten Blick Edmund Clarks Aufnahme eines Hotelbetts mit blauer Tagesdecke etwas zu bedeuten, oder sein perfektes Stillleben eines Pools mit Gartenblick. Ist halt schön. Aber anders als die teilweise verpixelte Ansicht eines Waldstücks aus derselben Bildserie "Negative Publicity", weisen diese Fotos kaum über sich hinaus. Wie auch? Selbst das Geheimnis des Waldstückidylls kann nur in Erfahrung bringen, wer quasi durch das Bild hindurch schaut, auf die Geschichte, die der Aufnahme zugrunde liegt. Erst durch sie ergibt sich ein zusammenhängendes Bild, das dann auch die drei anderen Fotos von Clark verlinkt. Der Blick aus dem Fenster, das Hotelbett, der Pool, der Wald: Es sind allesamt nachholende Beweisaufnahmen. Das Mannheimer Museum Zephyr stellt sie gerade in einer sehr sinnfällig arrangierten Ausstellung mit dem Titel "Terror Incognitus" aus. Ein Handbuch führt die Schau. Es ist die erste große Präsentation des zwischen Fotokunst, Detektivarbeit, engagierter Soziologie und Gegen-Geheimdienst schillernden Werks des 1963 geborenen Edmund Clarks in Deutschland. Und das ist verwunderlich. Denn der viel Ernsthaftigkeit ausstrahlende Engländer ist seit längerem berühmt für seine Fotoserie aus dem US-Gefangenenlager Guantanamo.

Der unsichtbare Krieg

Bearbeitetes Bild eines Hauses, dessen Besitzer als einer der Piloten identifiziert wurde, die Überstellungsflüge durchgeführt haben. Edmund Clark, aus der Serie “Negative Publicity: Artefacts of Extraordinary Rendition”, digitaler C-Print, 152,6 x 122,2 cm

Beinahe poetische, menschenleere Aufnahmen sind dabei unter dem Titel "If the Light Goes Out" versammelt. Statt gebeugter Menschen in orangefarbenen Overalls wie üblich, sieht man das Bild eines von Dunkelheit und grünem Kunstlicht aufgeladenen Käfigs, die klinisch kühle Aufnahme eines Stuhls auf dem Gefangene zwecks Zwangsernährung fixiert wurden, den handgeschriebenen Brief eines Mädchens, das seinem Vater von sich erzählt und in dicken Buchstaben schreibt, dass sie ihn liebt. Ihr Wohnort ist geschwärzt. Zu der preisgekrönten Serie gehören auch Aufnahmen, die den Lebensraum der Wachsoldaten zeigen. Und Bilder aus dem Dasein der Gefangenen nach der Zeit in Guantanamo. Wie sie jetzt leben, in "Freiheit", mit Oma-Stühlen und Vasen, in denen Rosen verwelkend untergehen, im Kopf die Angst, wenn das Licht ausgeht. Sie selbst sind nicht zu sehen. In einem Interview hat Clark gesagt, es sei ihm darum gegangen, ihre Würde zu bewahren.

Seit vielen Jahren häuft der Künstler Bilder, Dokumente, Videomaterial, Tonspuren an, die in mehreren Tiefenschichten von den haarsträubenden Auswirkungen des zwischen 2002 und 2006 geführten "War on Terror" erzählen. Eines weltweiten Kriegs gegen den Terror, der eigentlich größtenteils unsichtbar bleiben sollte. Edmund Clark legt die erschreckende Rückseite frei, die aus Entführungen, Folterungen, Entmündigungen bestand, zum Beispiel die Praxis der "extraordinary rendition". So wurde ganz euphemistisch die Überstellung von Personen in andere Länder genannt. Der Zweck: Inhaftierung, Befragung, Folter. Einige starben.

Vier Jahre lang recherchierten Edmund Clark und der Investigativ-Profi Crofton Black

Clark ist urspünglich Historiker, der mit kaltem Blick, aber emphatisch arbeitet. Fotojournalismus studierte er erst später. An den Wahrheitsgehalt von Fotos glaubt er nicht. Für ihn sind sie nie Selbstzweck, vielmehr Vehikel, um etwas zu zeigen, auch wenn es nichts zu sehen gibt. Wenn es etwas bringt, stellt er den eigenen Aufnahmen aus Bagram, dem größten US-Luftwaffenstützpunkt in Afghanistan, die Landschaftsgemälde des einheimischen Malers Majeed gleichberechtigt anbei. Dessen schmerzbefreite Heimatbilder lassen die in ihrem Lager verbarrikadierten Soldaten noch mehr wie Aliens wirken. Wie von der Spurensicherung ist dagegen der Aufenthaltsort eines Mannes dokumentiert, der jahrelang in einem Vorort in England unter Hausarrest stand. Ohne Anklage, aber ganz legal. Als Präventivmaßnahme.

Clark kann das schon auch, Bilder ästhetisch komponieren. Aber er tut es nur, wenn es für ihn einen Sinn hat, wie bei seinem magisch realistischen Dokumentarfoto des Flughafens von Helsinki, mit dem er die Landung der Boeing 737, Maschine Nr. N733MA illustriert, die lediglich laut offiziellen Flugplan vom 25. März 2005 stattgefunden hat. In Wahrheit ist die Maschine aus Porto nach Palanga in Litauen geflogen, um die letzten CIA-Gefangenen auf europäischen Boden über Kairo nach Kabul und schließlich nach Guantanamo zu verfrachten. Die Täuschung wurde 2014 im finnischen Parlament vorgetragen. Den Bericht des Ombudsmanns hat Edmund Clark vorliegen.

Weisse Flecken und dunkle Orte
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Vier Jahre lang recherchierten er und der Investigativ-Profi Crofton Black, um solche Puzzleteile für das "Negative Publicity"-Projekt zusammenzufügen: in Gerichtsunterlagen, in denen eine US-Charter-Fluglinie über nicht bezahlte Rechnungen für "Überstellungsflüge" stritt, in Ausschussprotokollen, Geheimdienstdokumenten, Flugplänen, Telefonrechnungen, offen zugänglichem Material mit geschwärzten Stellen. Darin versteckt fanden sie Schicksale wie das von Khaled al-Masri, eines in Kuwait geborenen Deutschen.

Wegen einer Namensverwechslung setzten örtliche Sicherheitsbeamten Khaled al-Masri im Januar 2004 unter Terrorverdacht in Skopje, Mazedonien, fest. In Zimmer 11 des Hotels Skopski Merak, das, als es Edmund Clark Jahre später besuchte, blaue Tagesdecken aufgelegt hatte. 23 Tage blickte al-Masri von seinem Hotelzimmer aus auf ein Wohngebiet, auf Zypressen und das Kreuz auf dem Berg, bevor ihn Piloten der Firma Aero Contractors aus North Carolina mit der Boeing 737 Nummer N313P nach Kabul ausflogen. Im Pool des 5-Sterne Hotels Gran Meli in Palma de Mallorca spannten die Flugkapitäne aus: mit Gartenblick. Sie checkten unter falschen Namen ein, telefonierten aber mit ihrem richtigen Zuhause. So kam heraus, dass einer der Piloten in einem Waldstück irgendwo in der US-amerikanischen Provinz wohnt. Wo genau durfte Edmund Clark nicht zeigen, um die Sicherheit und Privatsphäre des Piloten zu wahren, deshalb die Pixel. Clark ist da sehr korrekt.