Vera Isler - Salzburg

Eine Allee von Menschen

Begegnung der besonderen Art: lebensgroße Künstlerporträts

Stephan Balkenhol trifft man völlig ungeniert, seine Linke lässig in der Hosentasche steckend, vor ihm eine seiner hölzernen Nackten ohne Arme. Silvie Fleury ließ sich kokett vor ihrem Schuhregal fotografieren. Donald Baechler wurde in seinem Atelier erwischt und dreht sich gerade mit diabolischem Blick zum Betrachter um.

Fast leibhaftig steht man plötzlich den wichtigsten Künstlern der Gegenwart gegenüber, lebensgroß, mit Blickkontakt. Fast hat man das Gefühl, mit den Dargestellten in einen Dialog treten zu können. Zu verdanken sind diese unkomplizierten Begegnungen einer äußerst regen alten Dame. Vera Isler wird in diesem Jahr 80. Und das Museum der Moderne Rupertinum in Salzburg zeigt als erstes den zweiten Teil ihrer Serie "Face to Face", der Vollendung ihres Opus Magnum.

Vera Isler arbeitete zunächst wissenschaftlich im Schweizerischen National-Fond, war Schauspielern und TV-Moderatorin, machte Filme und kreierte Objekte aus unterschiedlichen Materialien. Die Fotografie wurde bei einem Amerikaaufenthalt 1980 zu ihrem bevorzugten Medium: Seitdem besuchte sie rund 100 Kollegen und fotografiert sie in ähnlichen Posen, ganz klassisch, als Dreiviertelporträt. Was an sich noch nicht so spektakulär wäre – das Genre Künstlerporträt ist in der Fotografie praktisch unüberblickbar. Angefangen etwa beim Altmeister Brassaï (1899 bis 1984); der Österreicher Franz Hubmann hat schon 1952 die Pariser Kunstszene abgeklappert, von Braque bis Giacometti. Elfie Semotan, die letztes Jahr im Salzburger Museum ihre Kollegenporträts zeigte, entlarvt die Seelen ihrer Gegenüber, was sehr komisch, für die Betreffenden aber auch bitter sein kann. Vera Isler hat keinen Anspruch
auf Vollständigkeit, wählt ihre Modelle beliebig aus, sie arbeitet auch nicht mit Blitz und großen Inszenierungen und stets in Schwarzweiß und auf klassischem Barytpapier. Sie zeigt ihre Modelle – wie Gilbert & George, Joseph Kosuth, Agnes Martin, Kiki Smith oder Franz West – stets in einem für sie charakteristischen Ambiente und mit ihren Arbeiten.

Was den Zugang zu den Fotos besonders erleichtert, so Kuratorin Margit Zuckriegl, ist die Monumentalität der Bilder, die Lebensgröße, die eine direkte Begegnung vorspiegelt. "Isler möchte, dass man durch ihre Ausstellung wie durch eine Menschenallee geht", erklärt die Fotografiespezialistin. Manchmal ist diese Allee auch eine Straße der Erinnerung – Alfred Hrdlicka, Keith Haring, Niki de Saint Phalle, Max Bill oder Agnes Martin etwa sind bereits gestorben. Eine Erinnerung an seine Anfänge ist diese Ausstellung wohl auch für den Schweizer Direktor des Salzburger Museums der Moderne, Toni Stooss: Mit dem ersten Teil von Islers "Face to Face"-Serie weihte er 1992 die damals neue Wiener Kunsthalle ein.

Vera Isler – Face to Face II

Termin: bis 2. Oktober 2011; Der Katalog erscheint im Verlag Bibliothek der Provinz und wird zirka 20 Euro kosten; Salzburg, Museum der Moderne