Joel Sternfeld - Essen

Amerikas Darling

Amerikanischer Pioniergeist, der Traum von Freiheit und der Glaube an die Zukunft, all das findet sich in Joel Sternfelds Fotos wieder. Er ist einer der großen Chronisten Amerikas.

Zwei Aufnahmen pro Tag, mehr konn­te sich Joel Sternfeld zu Beginn seiner Karriere nicht leisten. Das war 1978, als er mit einem Stipendium vom Guggenheim Museum in einem VW-Bus durch die Vereinigten Staaten reiste, um sein Land mit einer Großbildkamera zu erforschen. Es ging dem damals 34-Jährigen um die große Frage, ob es sich nach Vietnam, Watergate und Präsident Nixon bei den Amerikanern um eine Nation handelte, die ihre Unschuld verloren hatte.

Neun Jahre sollte er an seinem Projekt arbeiten, weitere Trips durch die USA folgten. Was Sternfeld mit seinen Bildern von gewöhnlichen Menschen in alltäglichen Umgebungen einfing, war das Gefühl, das Amerikas Fassade bröckelte, aber die Seele der Menschen noch halbwegs intakt zu sein schien. Es sind berühmte Aufnahmen, die ohne die klassi­schen Amerikamotive wie Neonzeichen oder Motels auskommen. Wie die des Feuer­wehrmanns, der an einem Marktstand in aller Ruhe einen Kürbis für seine Fami­lie aussucht, während im Hintergrund eines dieser typischen amerikanischen Holzhäuser in Flammen steht. Es ist das Bild eines Paars, das sich im Laufe seines gemeinsa­men Lebens verloren zu haben scheint und inmitten der Wüste von Arizona auf den Fortschritt in Form ihres Swimmingpools blickt. Der ist mit Solarzellen ausgerüstet, die auf der Oberfläche schwimmen. Oder das Foto von Vater und Tochter in einer dieser künstlich angelegten Siedlungen von Kalifornien. Der Vater in seinen zu knappen Shorts, die Zigarre in der Hand, präsentiert den neuen Wohlstandsmenschen. Im Hindergrund sieht man Blumenbeete und einen frisch gepflanzten Baum, hinter dem sich die trockene, schroffe Landschaft auftut.

Amerikanischer Pioniergeist, der Traum von Freiheit und Unabhängigkeit, vom eigenen Heim, der Glaube an die Zukunft, an Wohlstand und Neuerung. All dies findet sich in Sternfelds Fotos wieder. Und immer wieder erinnert er daran, dass die Natur, die auf stille Weise auf vielen Bildern die eigentliche Hauptrolle spielt, die Oberhand bei dieser so fortschrittlichen Gesellschaft behält. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass in einer aus dem Boden gestampften Siedlung nach einem Erdrutsch ein Auto den Abgrund heruntergefallen ist. Während der Wagen des Nachbarn noch ordentlich vor der Haustür parkt. Auch wenn ihm der Glaube an ein heiles Amerika bei seinen Roadtrips abhanden kam, seinen skurrilen Sinn für Humor verlor der Fotograf nicht. „American Prospects“ machte den heute 67-Jährigen zum Chronisten seines Landes. "Ich hatte Amerika in meinen Ohren, zwischen meinen Zähnen und unter meiner Haut", meint Sternfeld.

Wie seine Kollegen William Eggleston oder Stephen Shore zählt der New Yorker zu den Wegbereitern der Farbfotografie, die in den siebziger Jahren als künstlerisches Medium in ihren Anfängen steckte und bis
da­hin der Werbefotografie und Amateuren vor­behalten war. Die neue Generation entdeckte Farbe als Bildelement. Sternfeld bediente sich beim Aufbau seiner Bilder bei der Malerei, bei den formalen Regeln der Architektur und der Farbenlehre des Bauhauses.

Die gedämpften Farbtöne sind so akribisch aufeinander abgestimmt, dass nichts in den Vordergrund rücken und die Komposition sprengen kann. Die ersten Jahre hatte Sternfeld noch mit der Kleinbildkamera experimentiert. Bis er 1974 William Eggleston traf und feststellen musste, dass die Schnappschuss-Ästhetik ein Feld war, das der Kollege aus Memphis längst für sich erobert hatte und es keinen Platz mehr für ihn gab, erinnert sich Sternfeld. Die Begegnung war folgenschwer. Sternfeld entschloss sich für das entschleunigte Arbeiten mit der schweren Großbildkamera, mit der sich die Welt aus der Vogelperspektive mit größter Präzision festhalten lässt. Seine Werk­zeuge seien Distanz, Farbe und Humor, schrieb die Kuratorin Anne W. Tucker in "American Prospects".

Die Ausstellung im Essener Museum Folkwang ist nicht nur die umfassendste, sondern die persönlichste in der langen Kar­riere des Fotografen. Als sein Bruder in den siebziger Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam, suchte Sternfeld Ablenkung in der Street-Fotografie.

Den kompletten Text über Joel Sternfeld lesen Sie in der Ausgabe von art. Jetzt am Kiosk

Joel Sternfeld. Farbfotografien seit 1970

Museum Folkwang, Essen
bis 23. 10. 2011
http://www.museum-folkwang.de/de/ausstellungen/ausblick/joel-sternfeld.html