Albert Watson - Hamburg

Visionäre Werbung

Die Retrospektive des Fotografen Albert Watson zeigt nicht nur seine ikonenhaften Porträts von Mick Jagger, Jack Nicholson oder Steve Jobs, sondern auch sein neuestes Projekt über Baumwollbauern in Afrika. Funktioniert diese Kombination?

Das Verhältnis von Afrika und Fotografie ist kein einfaches. Die Kamera diente als Werkzeug der kolonialen Anthropologie: zur Vermessung, Typologisierung und natürlich zur Vermittlung des imperialistischen Abenteuers in der fernen Heimat.

So gesehen kann man es durchaus als riskantes Experiment betrachten, wenn die Initiative "Cotton Made in Africa" ausgerechnet einen Werbefotografen beauftragt, Baumwollbauern im westafrikanischen Benin zu fotografieren. Eigentlich ein absolutes No-Go, wie der Kurator Ingo Taubhorn auf der Eröffnung zugab. Doch da es sich um den weltbekannten Fotografen Albert Watson handelte, war der Reiz des großen Namens zu verlockend.

In trauter Harmonie feiern alle Beteiligten den Coup und verkünden freimütig: Das Ziel der Schau sei es, die Arbeit der Stiftung einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. "Albert Watson – Visions feat. Cotton Made in Africa" lautet dann auch der etwas sperrige Titel der Retrospektive des schottischen Star-Fotografen. "Cotton Made in Africa" ist eine Initiative und Gütesiegel der Stiftung "Aid by Trade", die der Hamburger Unternehmer Michael Otto 2005 gegründet hat. Ziel ist es, afrikanische Baumwollbauern zu nachhaltigen Anbaumethoden zu ermutigen. Hilfe zur Selbsthilfe und Vertrauen auf den freien Markt sind die Grundpfeiler der Philosophie der Initiative. 420 000 Vertragsbauern verkaufen ihre Erträge zu Welthandelspreisen an "Cotton Made in Africa". Es handelt sich also weder um ein Fair-Trade-, noch um ein Bio-Siegel. Die Bauern profitieren allein von Ertragssteigerungen und einer kleinen Lizenzgebühr, die Textilfirmen für die Verwendung des Siegels entrichten müssen.

Watson reiste Ende 2011 zwei Wochen mit seiner Crew durch Benin und fotografierte die Vertrags-Baumwollbauern der Stiftung, ihr Umfeld, Landschaften, Fetische und Alltagsgegenstände. Perfekt ausgearbeitet, als großformatige Fotoabzüge bilden sie das (räumliche) Zentrum der Hamburger Ausstellung. Umklammert werden die Afrikabilder von Watsons fotografischen Ikonen berühmter Models und Stars aus den letzten 40 Jahren. Diverse Magazintitel, sowie weniger bekannte Frühwerke sind ebenfalls vertreten in der hervorragend gehängten Schau.

Ein Meister des Lichts im Herz der Finsternis?

Albert Watsons Arbeit in Benin präsentiert sich außerordentlich facettenreich. Vermeintliche Schnappschüsse hängen neben präzise inszenierten Porträts, Dokumentaraufnahmen folgen auf wohlarrangierte Stillleben, Schwarzweiß-Aufnahmen wechseln sich ab mit Farbfotografien, mal knallbunt, mal nahezu monochrom. Eine fotografische Mimikry der oft beschworenen Vielfältigkeit des Kontinents, die den Betrachter in gewisser Weise auch überfordert.

Die Laudatoren feiern Watsons Arbeit als neues Bild von Afrika. Doch Watson gelingt es nicht den ausgetretenen Pfaden der westlichen Afrikafotografie zu entkommen: Mystik, Magie und fremde Schönheit – alles natürlich in zeitgemäßer Umsetzung. Es gibt allerdings auch einzelne Bilder, die besonders hervorstechen, weil sie historisch belastete Topoi aufgreifen und altbekannte Klischees wiederaufleben lassen. Die Fotografien von "Salefou Adams" oder "Ahissou Boniface" wecken unweigerlich Assoziationen an die heroische Inszenierung des menschlichen Körpers durch Leni Riefenstahl. Farbentsättigte Aufnahmen von Beninern in traditioneller Tracht im improvisierten Studio, erscheinen wie moderne Interpretationen der ethnologischen Fotografien von kolonialen Expeditionen vor gut 100 Jahren.

Es wäre unfair Albert Watson einen bewusst kolonialen Blick vorzuwerfen, doch er verfällt dem Reiz der Schönheit des Exotischen nur zu leicht. Gleichzeitig konstruiert die Ausstellung visuelle Gleichnisse, deren Legitimität Zweifel hinterlassen. Die von Watson fotografierten Fetische der Beniner finden in den Deichtorhallen ihre Entsprechung in den Fetischen der westlichen Unterhaltungskultur, die prominent präsentiert werden: Elvis goldenes Jackett, der Helm von Darth Vader, Neil Armstrongs Raumanzug, oder ein mit Nieten besetzter Schuh von Vivienne Westwood. Die Fotografie kann alle diese Dinge gleichwertig erscheinen lassen, doch sind sie es nie.

Genau hier beginnt der Betrug, der sich fortsetzt, wenn Watson in rührender Überzeugung diese Gleichwertigkeit auf seine Porträtfotografie zu übertragen versucht – dass er dieselbe Herangehensweise wähle, egal ob er die Queen, Angelina Jolie oder eine Baumwollbäuerin aus Benin vor der Kamera sitzen habe. So gelingen natürlich meisterhafte Bilder einer würdevollen Armut, aber weder eine künstlerische Reflektion über die sozialen Bedingungen des Baumwollanbaus in Benin, der Machtverhältnisse zwischen den einzelnen Akteuren auf dem freien Weltmarkt, geschweige denn eine Infragestellung des Status quo.

Eine Winwinwinwin-Situation?

Die Fotografien nobilitieren die Initiative, das Museum die Fotografien, die Deichtorhallen erhalten eine Blockbuster-Ausstellung, die Besucher haben zukünftig ein weniger schlechtes Gewissen beim Klamottenkauf. Und die afrikanischen Baumwollbauern? Die sind glücklich und stolz Teil dieser wundervollen Allianz zu sein – Watsons Fotos sind doch der beste Beweis. Es bleiben viele Fragen offen nach dem Besuch dieser Schau. Vor allem, warum sich ein renommiertes Museum für eine privaten Initiative vereinnahmen lässt, habe diese auch noch so hehre Absichten? Es gab noch einen zusätzlichen Ableger der Schau. In Zusammenarbeit mit dem Verein "Lebendiger Jungfernstieg" wurden zur Eröffnung 40 Fotografien Watsons als Leuchtreklame präsentiert. Hier fanden die Bilder wieder zu sich selbst – als perfekt inszenierte Werbung.

Albert Watson Retrospektive

Die Ausstellung ist bis zum 6. Januar 2013 im Haus der Photographie in den Deichtorhallen in Hamburg zu sehen. Katalog an der Museumskasse 2 Euro.
http://www.deichtorhallen.de