Kunst aus dem Fotoautomaten - Wien

Suchtbildendes Potenzial

Die Ausstellung im Kunsthaus Wien untersucht die kurze, aber höchst sehenswerte Geschichte der Foto-Automaten-Kunst

Rein in die Kabine. Vorhang zu, Münze einwerfen, gut positionieren und schon geht es los.

Kaum jemand, der sich nicht schon einmal vor dem Objektiv in Szene gesetzt hat. Der analoge Fotoautomat und die dazugehörige Vierbilderserie sind im digitalen Zeitalter eher rar geworden. Die kleine Kabine, kaum zwei Meter breit, schafft für wenige Augenblicke einen Ort des Privaten in der Öffentlichkeit. In den zwanziger Jahren in Frankreich erfunden, wurden die Automaten vor allem in Kaufhäusern und Bahnhöfen aufgestellt. Einem Beichtstuhl gleich verschwanden die Leute hinter dem Vorhang: für Passbilder, nette Erinnerungsfotos, oder sogar für intime Begegnungen – darum wurde aus Sicherheitsgründen 1980 der bodenlange Sichtschutz auf die Hälfte gekürzt. Allen Zensuren zum Trotz waren Konsumenten und Künstler gleichermaßen begeistert von der schnellen und günstigen Möglichkeit, sich ohne Fotografen ablichten zu können.

Das Kunsthaus Wien widmet sich in der Ausstellung "Foto-Automaten-Kunst – Die Ästhetik hinter dem Vorhang: Von den Surrealisten bis Warhol und Rainer" dieser automatisierten Fotografie. Anhand von thematischen Schwerpunkten wird der Ausstellungsbesucher durch die Geschichte des Fotoautomaten geführt: Kabine, Automatik, Fotostreifen, Kino und die Fragen "Wer bin ich?, Wer bist du? Wer sind wir?" werden gestellt. Aber vor allem will die Ausstellung von der Leidenschaft zu diesem kleinen Fotostreifen erzählen – als Porträt, Sammlerobjekt oder Dokumentation. Andreas Hirsch, Kurator des Kunst Hauses Wien, verweist treffend auf das suchtbildende Potenzial, das diese Thematik mit sich bringt. Gerade in der schnellen Entwicklung des digitalen Medienzeitalters wächst die Sehnsucht nach dem Einmaligen, dem nicht Reproduzierbaren.

1928 entdeckten als Erste die Surrealisten den Fotoautomaten für sich. Der automatische Ablauf und die Autorenrolle einer Maschine zu überlassen reizte Künstler wie André Breton, Max Ernst oder Salvador Dalí. Die Maschine ermöglichte den Surrealisten, in unmanipulierbarer Form ihren Gedanken und Ideen Ausdruck zu verleihen. Ein paar Jahrzehnte später holte sich Andy Warhol einen Fotoautomaten in seine Factory, um Freunde, Kollegen und sich selbst fotografisch festzuhalten. Die Passbilder bearbeitete er später in Serigraphien weiter. Auch andere Künstler entdecken den Fotoautomaten für sich. Als künstlerisches Medium der Selbstinszenierung und -befragung begeisterte die Kabine nicht nur die junge Cindy Sherman, sondern diente auch als ästhetische Vorlage für Thomas Ruff und Gillian Wearing, die die Formsprache der Kabinenfotografie zitierten. Der italienische Künstler Franco Vaccari hingegen nutzte 1972 auf der Biennale in Venedig in seinem Projekt "Ausstellung in Echtzeit" die partizipatorischen Qualitäten der Kabine. Die Besucher hatten die Möglichkeit sich im Ausstellungsraum in einem Automaten fotografieren zu lassen. Die Fotos wurden dann direkt vor Ort präsentiert.

Ob nun die künstlerische Intention, oder die anonyme und profane Absicht: Mit mehr als 300 Exponaten schafft die Ausstellung eine umfassende Betrachtung von Fotografien und Werken in Bezug zum Fotoautomaten. Darunter die Fotosammlung von Jeff Grosten, Enkel des Gründers von Auto-Photo Canada, dem wichtigsten kanadischen Produzenten von Fotoautomaten. Grosten, der quasi in der Kabine groß geworden ist, posierte über Jahrzehnte als Modell für die Automatenwerbung. Heute besitzt er eine der bedeutendsten Sammlungen von Selbstporträts aus dem Automaten. 792 Einzelbilder sind davon in der Wiener Ausstellung zu sehen. Sie zeigen die Entwicklung Grostens vom Kind zum Mann. Auch der Leipziger Künstler Jan Wenzel hat sich seit bereits 20 Jahren dieser Maschine verschrieben. Er nutzt den Fotoautomaten als künstlerisches Werkzeug. Ein weiteres beeindruckendes Exponat ist das Album von Michel Folco. Er suchte täglich nach den verlorenen, vergessenen oder sogar zerstörten Gesichtern in den Fotokabinen am Gare de Lyon in Paris. Seine zwanghafte und leidenschaftliche Arbeit diente als Inspirationsquelle für den französischen Kinoerfolg "Die fabelhafte Welt der Amélie Poulain." Selbst Clément Cheroux, einer der vier Kuratoren der Ausstellung, begann seine Sammlung zufällig mit einem gefundenen Fotostreifen eines Unbekannten.

Die Ausstellung zeigt, dass nicht allein die schnelle, serielle Möglichkeit der Fotoaufnahme und das unkontrollierbare und gleichbleibende Setting beeindrucken, sondern gleichwohl auch die Fotokabine als besonderer Raum im Raum, als kleine Bühne des Selbst, oder als Ort auf der Suche nach Identität. Die sehr empfindlichen Bilderfolgen offenbaren dem Besucher einen Blick auf die Welt hinter dem Vorhang. Einem Filmstreifen gleich, vermögen die Fotos Geschichten zu erzählen, zu dokumentieren und zu irritieren.

Wer bei all der Foto-Automaten-Kunst Lust bekommen hat selbst hinter dem Vorhang zu verschwinden, muss nicht lange nach einem Automaten suchen – das Kunst Haus Wien hat eine Kabine im Foyer installiert. Die Besucher sind aufgefordert auf dem Drehstuhl Platz zu nehmen, sich in Szene zu setzen und bei dem hauseigenen Fotowettbewerb mit zu machen.

Foto-Automaten-Kunst – Die Ästhetik hinter dem Vorhang: Von den Surrealisten bis Warhol und Rainer

Eine Ausstellung des Musée de l´Élysée in Zusammenarbeit mit dem Kunst Haus Wien.
bis 13. 01. 2013


Der Gewinner des Fotowettbewerbes wird am 21. November 2012 im Rahmen der Vienna Art Week gekürt und in der Ausstellung präsentiert.
http://www.kunsthauswien.com/

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