Andreas Gursky in Baden-Baden

Was ist los mit Andreas Gursky?

Eine Werkschau im Museum Frieder Burda fragt nicht nur nach der politischen Ordnung der Bilder im Werk des Fotokünstlers Andreas Gursky. Sie klopft auch die Zukunftstauglichkeit des inzwischen Sechzigjährigen ab. Das Ergebnis ist ausbaufähig.

Jetzt also auch noch Andreas Gursky. Mit seinem vierfachen Kanzlerporträt – zum Tag der Einheit sogar mit großem Auftritt in der Bild-Zeitung – begibt er sich auf ein eigentlich ausreichend besetztes Terrain. Wir kennen es von den Fotos von Herlinde Koelbl, die über Jahre die Häutungen von Angela Merkel oder Gerhard Schröder dokumentierte. Oder von den Bildern eines Andreas Mühe, der wegen seiner Nähe zu Merkel schnell das Etikett des "Kanzlerfotografen" zugewiesen bekam.

Für Mühe immerhin Grund genug, um mit der Serie "A. M. Eine Deutschlandreise" wieder auf Distanz zu gehen. Der Fotograf ließ ein Double für eine fiktive Reisereportage die Rolle der Republik-Lenkerin übernehmen. Man sah sie aus dem Fenster ihrer Limousine deutsche Landschaften begutachten, stets aus der Rückenperspektive, blickt sie auf die Zugspitze, die Kreidefelsen auf Rügen oder das RAF-Gefängnis in Stuttgart-Stammheim.

Mit "Rückblick", seinem neuesten Wurf, reiht Gursky sich nun nahtlos in die Tradition der kühl distanzierten Kanzlerbilder. Und etwas ratlos fragt man sich in seiner aktuellen Ausstellung im Museum Frieder Burda, warum? Ist ihm seine digitale Historienmalerei nicht mehr genug? Muss er jetzt auch noch mit der leibhaftigen Politik Verstecken spielen? Auf dem fünf Meter breiten Hochglanz-Digitalfoto hat sich ein geschichtsträchtiges Quartett vor einem blutroten Farbfeld-Gemälde von Barnett Newman versammelt. Man sitzt und tauscht Blicke aus. Der Betrachter muss sich mit der Rückenansicht begnügen. Die innere Fabuliermaschine rattert umso gewaltiger.

Merkel, im gelben Jackett, plaudert mit Helmut Schmidt, der in einer Zigarettenaura feststeckt. Rechts von ihr horcht Helmut Kohl abwesend in sich hinein, während Gerhard Schröder am anderen Ende misstrauisch die sich gerade bildenden Allianzen der Konkurrenz beäugt. Das doppeldeutig betitelte Gruppenbild reizt zu wilden Interpretationen. Gerade weil diese Maskerade so banal und statisch erscheint. Zumal Andreas Gursky nach seinem 60. Geburtstag hier eine neue Phase einzuläuten scheint.

Für die neuen Bilder muss Gursky nicht mal mehr vor die Tür

Konkrete Personen rücken in den Vordergrund, nicht mehr anonyme Massen oder austauschbare Bildfüller. Für seine neuen digitalen Montagen muss Gursky keinen Fuß mehr vor die Tür setzen. Anders als bei den meisten, in den transparenten White Cubes des Hauses prächtig zur Geltung kommenden älteren Riesenformaten, die ausgiebige Reisen rund um den Globus erforderten. Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie in Berlin und Kurator der Schau, hat die Werke unter dem Aspekt der Subversion ausgewählt.

Nicht die Schauwerte der perfekt arrangierten Tableaus, weder die Millionen-Preise noch die oft bemühten Bezüge zur Malerei, sondern der gute alte Inhalt soll den Takt der prominent bestückten Werkschau vorgeben. Als komplexe Bilderrätsel, deren subversive politische Botschaften es zu erkennen gilt, sind Gurskys Erkundungen der Gegenwart zwar bisher nicht rezipiert worden. Aber vielleicht lässt sich mit diesem wenig originellen Manöver besser von der Unbeholfenheit ablenken, mit der die neuesten Werke dem Chaos der Welt begegnen.

Es wirkt wie das Ende einer Künstler-Ära

Den Willen zur Irritation sucht man jedenfalls in dem eher staatstragenden "Rückblick" vergeblich. Der Klassiker "Rhein II" von 1999 schweigt natürlich auch erhaben weiter und pfeift auf die Erwartungen einer politischen Aussage. Doch Bilder wie die "Lehmbruck"-Serie von 2013/2014 kann man allenfalls unter Kunstmarkt-Bashing verbuchen. In seiner fiktiven Kunstsammlung in dem Innenhof des Duisburger Museums versammelt Gursky Trophäen von Kollegen wie Katharina Fritsch, Neo Rauch oder Gerhard Richter. In "Lager" von 2014 zieht er sich gar selbstreflexiv auf das eigene Schaffen zurück und zeigt seine Bilder als Flachware, gehortet hintereinander in einer verschiebbaren Stahlkonstruktion.

Und auch die Spiderman-Hommage "SH IV" von 2014 entzieht sich einem gedanklichen Mehrwert. Zu sehen war sie bisher nur in der Londoner White Cube Gallery und in der Kestnergesellschaft Hannover in der Ausstellung "Andreas Gursky, Neo Rauch, Jeff Wall". Der Comic-Held steht in voller Montur vor dem Hermès-Tower in Tokio, während ihm seine Kino-Verkörperung in der Gestalt von Tobey Maguire, eingesperrt in einem beleuchteten Schaufenster, hilflos zuwinkt. Eine an künstlicher Ästhetik schwer zu überbietende Abrechnung mit den Scheinwelten von Hollywood? Oder eher Gurskys verspielte Verweigerung des lange fortlebenden Images eines Hyperrealisten?

Wird Gursky jetzt der neue Märchenonkel der Republik?

Eine Kategorie, die er zwar mit seinem Hang zur Bildmanipulation noch nie erfüllte. Aber gleich die ersten Motive, die sich im Parterre ins Blickfeld schieben, lassen keinen Zweifel daran, dass er ein begnadeter Seismograf der deregulierten Nullerjahre war. Ob die ausufernden Anzeigetafeln des Frankfurter Flughafens, die Hektik der Börse in Chicago, industrielle Ackerbewirtschaftung, vermüllte Flüsse in Asien oder nordkoreanische Masseninszenierungen des Kollektivstaats – der Wucht dieser totalen Einblicke kann man sich auch heute nicht entziehen. Trotz aller Konstruiertheit und der offen gelegten Unzuverlässigkeit des Mediums.

Andreas Gursky

Termin: 24. Januar 2016 im Museum Frieder Burda in Baden-Baden
http://www.museum-frieder-burda.de/

Beim Gang durch die Stockwerke kommt deshalb so etwas wie Wehmut auf. Bedeutet Gurskys Neuorientierung zum Märchenonkel der Republik das Ende einer Künstler-Ära? Möchte man sich in Zeiten einer im vollen Gange ausgetragenen Neusortierung der globalen Machtblöcke, deren Anfänge er früher kongenial einfing, mit blutleeren Superhelden und aussitzenden Kanzlern beschäftigen? Vielleicht sind die neuen Bilder nur das Zeugnis eines Runterschaltens vor dem nächsten zeitdiagnostischen Volltreffer. An einer Kunst, die, wie Gurskys frühere Arbeiten, gnadenlos ins Auge geht, herrscht jedenfalls mehr Bedarf denn je.

Ein ausführliches Porträt von Andreas Gursky mit Kommentaren des Künstlers zu seiner neuen Ausstellung finden sie in der Oktober-Ausgabe von art (Heft 10/15). Kaufen können Sie die Ausgabe hier.