Industry, Now - Bologna

Roboter statt Schweiß

Menschenleere Fabrikhallen, Roboter und Hochtechnologie: Eine prominent besetzte Ausstellung zeitgenössischer Industriefotografie verdeutlicht, wie weit sich der Mensch von den globalen und automatisierten Produktionsprozessen entfremdet hat.

Isabella Seràgnoli ist eine der reichsten Frauen Italiens, Besitzerin der familieneigenen, weltweit operierenden Coesia-Gruppe und engagierte Mäzenin. Ihr Unternehmen stellt feinmechanische Verpackungsmaschinen herstellt, die zum Beispiel 1000 Bonbons in knapp einer Minute einwickeln. Am Standort in Bologna hat die Chefin nicht nur eine Sportanlage und eine Kindertagesstätte für ihre Mitarbeiter eingerichtet, sondern im Oktober 2013 auch mitten auf dem Firmengelände den Sitz der Kunststiftung MAST (Manifattura di Arti, Sperimentazione e Tecnologia) eröffnet.

Dass Isabella Seràgnoli den Schweizer Urs Stahel, Gründungsdirektor des Fotomuseums in Winterthur, als Kurator für ihre Stiftung MAST gewinnen konnte, war ein Glücksfall. Stahel baute für sie eine Sammlung von Industriefotografie auf, aus der er jetzt für die Ausstellung "Industry, Now" schöpft.

Der Kurator wählte Werke von 24 internationalen Fotografen. Sie zeigen uns die Welt in der wir leben, wie sie aber kaum jemand kennt. Unsere Vorstellung von Industrie als einem lauthämmernden, staubigen Betrieb mit schwitzenden Männern erweist sich als völlig überholt. Industrie ist heute sauber, aufgeräumt und weitgehend menschenleer. Große Industrieunternehmen bringen ihren Produktionsprozess wie auf einer Bühne zur Aufführung. Ein Beispiel dafür ist die gläserne Manufaktur des Volkswagen-Konzerns in Dresden oder die Ferrari-Produktionsstätte in der norditalienischen Stadt Maranello, die Olivo Barbieri mit einer zehnteiligen, sieben Meter langen Fotoarbeit präsentiert: ein fussballfeldgroßer, lichtdurchfluteter, aufgeräumter Saal mit Inseln aus Grünpflanzen. Der Boden glänzt wie frisch gewachst. Der Transport auf den Montagestrassen verläuft vollautomatisch. Roboter führen die Karosserieteile durch das Tauchbad. Kein Lebewesen weit und breit.

Bilder vom Rückgrat der Globalisierung

Die meisten Fotografen werfen einen emotionslosen, analytischen Blick auf die Welt der High-Tech-Produktionsstätten und lichten sie mit kalter Schärfe ab. Nur Carlo Valsecchi gibt seiner malerischen Sensibilität nach und fotografiert die Maschinenräume der Müllverbrennungsanlage Dalmine (Bergamo) als poetische Abstraktion in Rosa. Eine fast kindliche Faszination für Raumfahrt und Technik hat sich der in Burkina Faso geborene, in Paris lebende Vincent Fournier bewahrt. Er zeigt einen Roboter, der versucht unter einem halb heruntergelassenen Rollo aus dem Fenster zu sehen. Henrik Spohler wiederum hält Orte der Logistik fest, Frachtverkehrszentren, die unsäglich banal erscheinen und doch das Rückgrat der Globalisierung sind.

Die Ausstellung macht deutlich, wie wenige bildliche Vorstellungen wir von der technischen Infrastruktur unseres Zeitalters haben. Bis in die siebziger Jahre gab es Industrieunternehmen, die ein eigenes Büro für fotografische Dokumentation unterhielten. Die Firmenarchive landeten zum größten Teil auf dem Müll. "Ein großer Verlust", sagt Kurator Urs Stahel, der seine Inspiration für die Ausstellung Ralf Kreibich verdankt, der in seiner Schrift "Die Wissensgesellschaft" den Wandel von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft beschreibt, die Entstehung von Denkfabriken, die eine neue Wissenschaftsindustrie beliefern. Produktion von Hochtechnologie ist heute der wichtigste Faktor im internationalen Konkurrenzkampf, "ein selbstmörderischer Wettbewerb wegen der selbstvernichtenden Umweltbelastung. Die Länder der dritten und vierten Welt geraten in auswegslose Verschuldung," schreibt Kreibich.

Die Maschinenräume der modernen Konsumgesellschaft sind gleichförrmig und steril

So werden veraltete Öltanker aus aller Welt nach Bangladesh gebracht und dort von Hand abgewrackt. Edward Burtynsky zeigt mit seinen Fotos vom Shipbreaking in Bangladesh ein apokalyptisches Bild. Teilstücke riesiger Tanker ragen aus einem braunen öligen Sumpf, dessen Grenzen sich im Nebel verlieren. Man hat die unheilvolle Verkoppelung von Konsum, Umweltzerstörung und Ausbeutung klar vor Augen. Mitch Epstein, der sich durch Reportagen über Amerikas Kohlekraftwerke verdient gemacht hat, ist in Bologna mit einem lapidaren Foto zweier Schlote präsent, aus denen dicker Rauch quillt. Der Blick himmelwärts bringt also auch keinen Trost mehr. Trevor Paglen fotografiert im harmlosen Blau kaum sichtbare weiße Streifen, die auf die Präsenz von Satelliten und militärische, hochtechnologisierte Überwachungssysteme hinweisen. Detailaufnahmen vom Kraftwerkbau des Energiekonzerns Alstom werden zu Abstraktionen bei Stéphane Couturier.

Dann aber erscheint doch ein Mensch in dieser postindustriellen Fotokunst. Jim Goldberg hat einen ukrainischen Jungen entdeckt, der sich mit einer Matratze auf dem schmutzigen Boden eines leeren Silos eingerichtet hat. Die Produktionsstätten, an denen die Güter unseres täglichen Bedarfs hergestellt werden, erscheinen in der fotografischen Wiedergabe als sehr befremdliche Orte. So sieht also die Gegenwart aus. Die Maschinenräume der modernen Konsumgesellschaft sind gleichförrmig und steril oder ganz einfach unsichtbar. Einen Datenfluss kann man nicht fotografieren. Wir haben auch keine Bilder, die zeigen, was Computer können. Durch Digitalisierung und die Verlagerung der Fabriken ist die Welt der Produktion immer unsichtbarer geworden. Fotografen aber sind immer auf dem Weg zum noch nicht gesehenen Bild. Dafür ist man ihnen nach dem Besuch der Ausstellung richtig dankbar.

Industry, Now

Termin: bis 6. September, MAST, Bologna, Via Speranza 42
http://www.mast.org/

Mehr zum Thema auf art-magazin.de