Fotofestival Mannheim/Ludwigshafen/Heidelberg

Die dunkle Seite der flüchtigen Moderne

Eine Momentaufnahme der dunklen Seite der Moderne will Kurator Urs Stahel abliefern. Und das gelingt ihm mit "7 Orte, 7 prekäre Felder" eindringlich. Rundgang über ein Fotofestival, auf dem es fast immer dahin geht, wo es wehtut.

Der Schweizer Urs Stahel ist ein mitteilsamer Mann und in Fotokreisen ein Guru. Ein Erklärbär, Durchblicker, Stehgreif-Philosoph vor dem Herrn. Klar, dass der gewichtige Mitbegründer des Fotomuseums Winterthur und Kurator des 6. Fotofestivals Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg eine ganze Menge vorhat, mit seiner auf sieben Ausstellungshäuser der drei Städte verteilten Überblicksschau.

Die Moderne befinde sich, stellte der Philosoph Zygmunt Bauman vor geraumer Zeit schon fest, im Aggregatzustand "flüchtig". Das heißt, alles verändert sich. Ständig. Es gibt kein Halten mehr. Aber Urs Stahel, der Macher von "7 Orte, 7 prekäre Felder", wie das Fotofestival betitelt ist – die Zahl Sieben jeweils in eckigen Klammern – möchte trotzdem eine Art von Momentaufnahme abliefern, und zwar ihrer dunklen Seite. Und das gelingt auch eindringlich. Trotz der gelegentlichen Penetranz, die sich etwa in Ai Weiweis Alt-68er-Sinnspruch auf den Festivaltaschen ausdrückt: "Everything is Politics", alles ist Politik. Und auch wenngleich die Tagesaktualität ältere Dokumentationen überbietet. Vielleicht sogar gerade deshalb, weil die Weitsicht der Künstler ihre Deutungshoheit belegt.

Unmut des Premiumsponsors über Kapitalismuskritik

Ad van Denderen etwa, im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum ausgestellt, fotografierte zwischen 2003 und 2008 in den 17 Anrainer-Staaten des Mittelmeers die Begegnung von Flüchtlingen und Touristen. Das Idyll beispielsweise, wie ein Mann in Badehosen mit seinem Gummiboot kurzzeitig als Schlepper für verhüllte Frauen einspringt. In diesem Sommer auf der griechischen Insel Kos dürfte der Kontakt eher intensiver gewesen sein.

Stahels Thesen-Ausstellung ist ein giftiges Großereignis für die Metropolregion am Rande. Etwas alte Schule. Die Dauer des Presserundgangs: gut zehn Stunden. Er würde, gesteht Stahel unterwegs, am liebsten alle Verheerungen der globalen Waren- und Flüchtlingsströme nachzeichnen und übereinanderlegen, um zu beweisen, dass ein Zusammenhang existiert. Kein Wunder, dass am Rande auch ein gewisser Unmut des Premiumsponsors BASF über den kapitalismuskritischen Steilgang kolportiert wird. Anstrengend ist das alles. Sogar schädlich für die Augen, wenn Sylvain Couzinat-Jaques in einem abgedunkelten Raum im Mannheimer Museum Zephyr Polaroids und Silbergelatine-Prints starkem UV-Licht aussetzt. Die Aufnahmen gescheiterter spanischer Bauprojekte verblassen nach und nach. Die Betrachter müssen Schutzbrillen tragen.

Auswüchse der Gier, Kontrollwahn, Ich-Feste

Nebenan riecht es aus der Fotoinstallation der Japanerin Hiroko Komatsu. Sie besteht aus meterlangen belichteten Fotobahnen und 2500 analog aufgenommenen Fotos zerstörter oder im Bau befindlicher Häuser. Die Abzüge sind auf den Boden und an die Wand getackert. Die Installation ist ein begehbarer Tempel, fast der Seelenraum der Ausstellung, die mit ihren "Prekären Feldern" eher die heillosen Todsünden-Terrains vermisst, weniger die Wunderstätten der Welt. Die Fotokunst, die hier gezeigt wird, zielt eher aufs Wahre als aufs Schöne, Bedeutsamkeit wird Bedeutung vorgezogen, Emphase etwaigen Neuigkeiten auf dem Feld der Fotografie.

"Die Themen behandeln gesellschaftliche Problematiken und berühren gleichzeitig das persönliche Leben", bewirbt der Kurator seine engagierte Ausstellung vergleichsweise lahm im Pressetext. Es geht um High-Tech-Folgen, die Auswüchse der Gier, Kontrollwahn, Ich-Feste, Selbstoptimierungshöllen. Schlafende Labors in diffusem Licht. Die Doku des Wegs einer Bombe von ihrer Produktion bis zu dem Moment, in dem sie hochgeht. Junge Leute, die sich ganz ihren auf Facebook verwertbaren Selbstinszenierungen hingeben – in einer Zehnkanal-Video-Audio-Installation zum Verrücktwerden von Rico Scagliola und Michael Meier in der Heidelberger Sammlung Prinzhorn. In einem Haus, das den Obsessionen sogenannter Outsiderkünstler gewidmet ist – unter anderem Insassen von Psychiatrien.

Feiste Männer dümpeln im Pool über dem Himmel der Steueroase Singapur und genießen ihren Mehrwert, auf einem Foto von Paolo Woods und Galimberti, das in der Kunsthalle Mannheim im Gemäldesaal mit Porträts von George Grosz, Max Beckmann oder dem "Streichholzhändler" von Otto Dix hängt.

Es geht fast immer dahin, wo es wehtut

Künstler aus 18 Nationen sind vertreten, darunter viele Stars wie eben Ai Weiwei oder Dayanita Singh, die Deutschland bei der Venedig-Biennale 2013 vertreten hat. Trevor Paglen, der militärische Überwachungsanlagen fotografisch ausspioniert und damit so etwas wie der Künstler der Stunde geworden ist. Oder Allan Sekula, berühmt für seine dokumentarischen Recherchen über ganze Fabriken, die auf Schiffen über die Meere touren, um das gerade billigste Billiglohnland anzulaufen.

44 Werkgruppen, über 1000 Werke, Fotos, Videos, Installationen sind ausgestellt. Es geht fast immer dahin, wo es wehtut. Ständig verspürt man Weltschmerz. Einige Arbeiten sind Hardcore. Vor allem die agitatorischen Collagen von Thomas Hirschhorn im Kunstverein Ludwigshafen sirren im Gemüt: Modeaufnahmen sind mit Bildern von Soldaten, denen der Kopf abgerissen wurde, uusammengeschnitten. Soll das gezeigt werden?

Als One-Man-Show ist der Schweizer Jules Spinatsch "im Auftrag" in die Festivalregion losgezogen. An jedem Standort zeigt er jetzt ein bei seinen Streifzügen entstandenes hochauflösendes Panorama aus unzähligen mit Überwachungstechnologie produzierten Einzelfotos. Gerade an ihnen zeigt sich, wie Urs Stahel mit seinem Fotofestival den Blick leitet. So ist im Heidelberger Kunstverein von Spinatsch unter dem Überbegriff "Kommunikation und Kontrolle" die Draufschau auf den Tanzsaal eines Mannheimer Technofestivals zu sehen. Menschen, entgrenzt von den harten Realitäten, auf denen sich die "Prekäre Felder"-Schau sonst so bewegt. Sie tanzen nur. Und trotzdem denkt man: Flüchtige, auch sie.

6. Fotofestival Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg

Termin: bis 15. November an verschiedenen Orten in Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg
http://www.fotofestival.info/de/