Akt Now!

Aktfotografie

Maurizio Di Iorio
Maurizio di Iorio: "The Naked Truth", 2011 (© Maurizio di Iorio)

MAURIZIO DI IORIO

Unsere Serie präsentiert jede Woche die besten Aktbilder junger Fotografen. Diesmal: Maurizio Di Iorio

Was reizt Sie an dem Thema Akt?

Das Thema interessiert mich, aber ich bin nicht besonders an Fotografie interessiert, die Nacktheit um der Nacktheit willen zeigt, oder aber an der Grenzüberschreitung um jeden Preis.

Auf eine ähnliche Frage antwortete Richard Kern einmal ungefähr folgendes: "Ich mache gerne Bilder von Menschen, die gewöhnliche Dinge ohne Kleidung tun." Ausstellen, Enthüllen, intime Geschichten über Menschen erzählen, Tendenzen zu Glamour oder Porno vermeiden: Das fasziniert mich wirklich. Was bedeutet schon Grenzüberschreitung im Sinne der erzwungenen Darstellung von Titten und Ärschen, wenn der Markt selbst nach dieser Art von Porno fragt? Wenn Sie darauf abzielen, den Markt zu befriedigen und viele Klicks mit Ihrem Online-Eintrag zu erhalten, heißt das, dass Sie spießige Kunst produzieren, jedenfalls nichts Grenzüberschreitendes! Ich habe auch schon ansprechende Bilder gemacht, trotzdem müssen sie einen gewissen Anteil Surrealismus und Ironie enthalten, um interessant zu sein. Wir sind an einem solchen Sättigungspunkt von Erotik und Pseudo-Pornografie angelangt, dass viele Fotografen sich die Äste der Bäume absägen, auf denen sie sitzen. Ein großer Teil der Künstler, die ich bewundere, konzentrieren sich auf eine Poesie, bei der Nacktheit und Sexualität nicht Hauptbestandteil sind.

Wie weit würden Sie gehen? Gibt es Tabus?

Für mich gibt es keine Tabus, und unter den Künstlern, die ich bewundere gibt es auch solche, die extreme Bilder anbieten. Die einzige Bedingung, die für mich zwingend ist, ist, dass sie nicht hergestellt werden, nur um Aufmerksamkeit zu erregen. Und bei dieser Art von Fotografie wird das immer seltener. Vor einer Weile hat mich der Besitzer einer Galerie gebeten, ihm besonders provokante Bilder zu geben, die ihm den Verkauf erleichtern sollten; zur gleichen Zeit hatte ich die Möglichkeit, mit einem Model zu arbeiten, die dazu bereit war, explizitere Posen auszuführen. Als ich an das Set kam, fotografierte ich jedoch nur das, was ich wollte, ohne mich vom Verkaufsaspekt einschränken zu lassen. Ich bin am Anfang einer Reise und weiß nicht, was ich von der Zukunft zu erwarten habe. Das einzige, was ich mir wünsche ist, in der Lage sein zu können, ehrliche Fotografie zu machen. Integrität ist eine Form des Respekts gegenüber der Öffentlichkeit und sich selbst.

Wann wird ein Akt zum Kunstwerk?

Durch die selben Merkmale, die jede Art von Fotografie jeden Genres, nicht nur die Akt-Fotografie, für uns zu Kunst werden lässt. Es ist unmöglich, eine einzelne Aufnahme zu beurteilen, ohne sich das Gesamtwerk des Künstlers anzusehen. Es gibt wunderschöne Bilder, die wir nicht als Kunst betrachten können, weil sie nicht die Frucht einer bestimmten Vision darstellen, sondern nur die des Schicksals. Über künstlerische Sprache und Stilmerkmale hinaus, die natürlich in allen Künsten von Relevanz sind, ist die grundsätzliche Vorgabe, dass das Endergebnis aus einer ehrlichen Ausdrucksform resultieren muss und nicht aus dem Willen, um jeden Preis beeindrucken und gefallen zu wollen. Ich würde dieses Konzept wiederholen, weil es sich viel weniger durchgesetzt hat, als allgemein angenommen wird, da nicht wenige Galerien alles dafür tun, die Marktvorgaben zu erfüllen.

Gibt es inspirierende Vorbilder?

Ich verwende viel Zeit darauf, mir die Werke von anderen anzusehen. So viel, dass ich sogar ein Magazin für zeitgenössische Fotografie gegründet habe (siehe Link), das sich aufstrebenden Künstlern widmet. Unter den etablierten Fotografen sind meine Anhaltspunkte Eggleston, McGinley und Teller. Ich bin wirklich interessiert an Literatur und US-amerikanischem Kino, Leuten wie Bret Easton Ellis und David Lynch haben meine Art, Dinge wahrzunehmen, ein bisschen beeinflusst.

Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich außerdem?

Die Öffentlichkeit ist immer sehr von den schönen weiblichen Motiven angezogen, die bis heute die Hauptpersonen meiner Bilder sind. In der letzten Zeit interessiere ich mich weniger für kanonische Schönheit; meine Bildwelt bewegt sich in Richtung des Exotischen und macht das Gewöhnliche ungewöhnlich. Gleichzeitig stimme ich Robert Frank zu, wenn er sagt, dass der visuelle Einfluss bei zeitgenössischer Fotografie immer jeder Erklärung überstellt sein sollte; daher wird meine Fotografie nie einem bestimmtem Konzept folgen.

Welches Projekt würden Sie gerne einmal realisieren?

Seit einigen Monaten arbeite ich an einem neuen Projekt, das sich einem der Themen widmet, die mich seit längerem in Atem halten: Natur und ihrem Zwiespalt, gleichzeitig unheimlich und beruhigend zu wirken; eine Natur, die sowohl Segen als auch Fluch bedeuten kann. Ich habe schon 200 Bilder zusammengestellt aber noch keine davon veröffentlicht. Ich setze mir aber keine Deadline, es wird noch ein oder zwei weitere Jahre dauern. Im Laufe der Zeit bin ich viel langsamer in der Reflexion geworden, und ich bevorzuge es, die Bilder gänzlich zu verinnerlichen, bevor ich sie an die Öffentlichkeit verfüttere.

Maurizio Di Iorio

Nächste Ausstellung: Ono Arte Contemporanea Gallery, Bologna, ab 15. September 2011

http://mauriziodiiorio.it

maurizio.diiorio@gmail.com

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