Preis der Nationalgalerie
Berlin
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Am 28. September vergibt eine hochrangig besetzte Jury den diesjährigen Preis der Nationalgalerie. Cyprien Gaillard, Klara Lidén, Kitty Kraus und Andro Wekua heißen die vier Nominierten, deren Arbeiten vom 9. September bis 8. Januar in einer Ausstellung im Hamburger Bahnhof zu sehen sind. Der Publikumspreis wird erst am Ende der Ausstellung ermittelt. Bis dahin können Sie Ihren persönlichen Favoriten unter den vier Kandidaten wählen. art stellt Sie Ihnen vor.
Kandidat 1: Cyprien Gaillard
Cyprien Gaillard, geboren 1980 in Paris, beschäftigt sich in seinem Werk vor allem mit den Wechselwirkungen zwischen Architektur und Gesellschaft. Die einstige Documenta-Leitfrage, ob die Moderne unsere Antike sei, hat er für sich längst beantwortet. In seinen archäologisch inspirierten Feldforschungen zeigt der Teilnehmer der 5. Berlin-Biennale 2008 jedoch nicht nur Interesse für die Überreste des Modernismus, sondern für Ruinen aller Art, die Landschaften, die sie konstituieren und der Umgang mit ihnen: "Meine Arbeit beginnt, wenn die Archäologen gegangen sind."
Die künstlerische Umsetzung seiner Recherchen endet meist in überraschenden Aktionen. So ließ Gaillard vor zwei Jahren für die In-situ-Arbeit "Dunepark" in Scheveningen einen Nazi-Militärbunker aus dem Zweiten Weltkrieg ausgraben, der nach Kriegsende aus Kostengründen nicht abgerissen worden war, sondern einfach unter einem Sandberg verschwand. "Ich fand es interessant, einen Bunker wie eine klassische Ruine zu behandeln, oder einen Tempel, begraben unter der Wüste in Ägypten – für dessen Ausgrabung man einen Raupenbagger benützt, statt einer Pinselquaste."
An die Spektakelfunktion von archäologischen Tourismuszielen erinnerte in diesem Frühjahr hingegen die Installation "The Recovery of Discovery" in der Haupthalle der Berliner Kunst-Werke an der Auguststraße. Gaillard ließ insgesamt 72000 Flaschen der türkischen Biermarke "Efes" in die Kunstinstitution bringen und errichtete aus den mit den Flaschen gefüllten Kartons eine treppenartige Pyramidenstruktur: das große Besäufnis als Happening. Zwischen Alkohol und Architektur gibt es für Gaillard gewisse Verbindungen: Je fortgeschrittener der Abend, desto ruinierter waren sowohl die reale als auch die soziale Skulptur – betrunkene Gäste, zersetzte Form. Dass die Biermarke ihren Namen der antiken Stadt Ephesos verdankt, die mit dem Tempel der Artemis einst eines der Sieben Weltwunder beherbergte, passt ins Bild.
So könnte man Cyprien Gaillard auch als einen Künstler beschreiben, der sich mit den Übergängen zwischen Landschaften beschäftigt. Es ist ein kühler, nicht kommentierender oder wertender Blick, den er auf Prozesse von Zerstörung und Verwahrlosung ehemaliger Utopien richtet. So interessiert er sich zum Beispiel sehr für Golfplätze, hinter deren Beschaulichkeit die kompromisslose Durchsetzung von Landschaftlichkeit steht. Werden sie verlassen, erobert die Natur ihren Raum zurück.
Kandidat 2: Klara Lidén
Der städtische Raum und die vielfältigen Möglichkeiten seiner künstlerischen Aneigung sind das Thema der 1979 in Stockholm geborenen Schwedin Klara Lidén. Ihre Aktionen lassen jedoch den heiligen Ernst vermissen, mit dem etwa Gentrifizierungskritiker aus dem Kunstfeld oft auf den Plan treten. Ein Teil von ihr sei zwar "diese arme Architektin" erklärt Lidén "die sich mit den Problemen existierender Strukturen in Städten auseinandersetzt". Doch da gibt es eben auch "diese Amateurtänzerin oder Performerin, die dem Bauen eine Form von Rhythmus zurückgeben möchte und sich die gebaute Umwelt wieder aneignen will". Wie diese Inbesitznahme funktioniert – das sieht man in den Videos, Diaprojektionen, Performances und Installationen der in Berlin lebenden Künstlerin, die auf der diesjährigen Venedig-Biennale eine lobende Erwähnung erhielt.
Mit Lust attackiert Lidén die verschiedenen Ideen, mit denen gewisse Sorten von Räumen unveränderlich verbunden scheinen: Im Pariser Museum Jeu de Paume stapelte sie kürzlich so viele von Plakatwänden gerissene und anschließend gefaltete Werbeposter übereinander, bis der Ausstellungsraum unbetretbar wurde. In einer New Yorker Galerie installierte sie 2008 einen Taubenschlag: Die Tiere blieben für die Besucher unsichtbar, ihr Gurren war jedoch deutlich vernehmbar. Im Bonner Kunstverein schließlich waren im letzten Winter zehn verschiedene Abfallbehälter ausgestellt, die Lidén in Städten wie New York, Stockholm oder Zürich eingesammelt hatte. Der alte Trick mit der Kontextverschiebung profaner Objekte funktioniert noch immer: Mit Interesse studierte das Publikum abgerocktes Stadtmobiliar, welches im öffentlichen Raum ansonsten unbeachtet bleibt.
Schon kleine Veränderungen können also den theatralischen Aspekt, der im Konzept der Straße ohnehin schlummert, zutage bringen. Für ihr Video "Der Mythos des Fortschritts (Moonwalk)" von 2008 führt die Künstlerin auf nächtlichen Plätzen den berühmten Michael-Jackson-Tanz auf. Das Pop-Zitat wird in die öffentliche Sphäre verfrachtet, als Mittel der Fortbewegung wie auch des Stillstands. Plötzlich fallen Zuschauer und Akteure in eins, und die Straßenlichter mutieren zu Bühnenlicht. Eine Straße ist nie nur eine Straße – es ist die Bühne des Augenblicks.
