Ausgabe: 03 / 2006
Seite: 60-63

Einsatz der Pixel-Sanitäter

Von Sandra Danicke

Vor 40 Jahren begann die Epoche der Videokunst. Doch Magnetbänder zerfallen nach wenigen Jahren. Nun versucht ein Museumsprojekt, das digitale Erbe zu retten und die Geschichte des Mediums aufzuarbeiten

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Gleich zweimal, so scheint es, wurde 1963 in Wuppertal die Videokunst erfunden - obwohl in beiden Fällen gar kein Videorekorder eingesetzt wurde. Für seine Ausstellung "Exposition of Music - Electronic Television" hatte Nam June Paik (siehe Nachruf Seite 118) einen Raum der Galerie Parnass mit Fernsehapparaten voll gestellt. "Alle sind auf dasselbe Programm eingestellt", berichtete ein Zeuge, "und bei jedem wird der Bildschirm in anderer Weise gestört: einer mit Wellenlinien, ein anderer mit Streifen. Auf einem kommt das Programm im engen Band durch, auf dem anderen wellenweise." Paik hatte das laufende Programm durch technische Eingriffe beeinflusst. Zum ersten Mal wurden TV-Bilder von einem Künstler zu Ausstellungszwecken manipuliert.

Ebenfalls 1963 war der Aktionskünstler Wolf Vostell an einem ganz ähnlichen Punkt angelangt. Sein Film "Sun In Your Head", der ebenfalls in Wuppertal bei einem Festival gezeigt wurde, gilt als das erste Kunstwerk mit aufgezeichneten Fernsehbildern: schnell geschnittene Bildfolgen mit horizontalen Streifen, Verzerrungen und pixelartigen Auflösungen. Vostell hatte das ARD-Programm abgefilmt und verändert. Zwar wurde das Werk nicht als Video, sondern als 16-mm-Film produziert, aber der Film nahm die Ästhetik des neuen Mediums gleichsam vorweg.

Doch mit dem nächsten Schritt in der Entwicklung der Videokunst, dem Einsatz von Magnetbändern, begann nicht nur eine neue Epoche. Es entwickelten sich auch große konservatorische Probleme. So sehr die Erforschung der Technik zunächst integraler Bestandteil von Videokunst war, so gering blieb lange Zeit das Bewusstsein für die begrenzte Lebensdauer elektronischer Datenträger. Spätestens nach 20 Jahren benötigen Videobänder professionelle Hilfe. Viele sind dann nur noch in beschädigter Form erhalten, weil sich die Trägermaterialien nach und nach auflösen, sich Farben verändern, die Bänder verkleben oder reißen. "Dennoch", so Rudolf Frieling vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe, "ist bis heute jenseits der Versuche, den Status quo provisorisch zu erhalten, nur wenig unternommen worden, um die drohenden Verluste abzuwenden."

Wulf Herzogenrath, Direktor der Kunsthalle Bremen, initiierte deshalb ein Projekt, das sich "die Rettung des Erbes der Videokunst" zum Ziel gesetzt hat: der mit Hilfe der Bundeskulturstiftung verwirklichte und von Rudolf Frieling geleitete Sanitätsdienst "40jahrevideokunst.de".

"Der wichtigste Teil der Arbeit mit Video besteht nach wie vor darin, die Bänder überhaupt abspielbar zu halten", sagt Frieling. Nicht nur die unterschiedlichen Aufnahmesysteme, die im Laufe der technischen Entwicklung aufgekommen und wieder verschwunden sind, oder fehlende Farb- und Kontrastreferenzen beschäftigen die Restauratoren. Auch "den einzelnen Produktionsschritten, Kopierprozessen, Formatierungen und neuen Varianten auf die Spur zu kommen", sei ein zeitaufwändiger Prozess, so Frieling. "Es ist oft nur punktuell möglich, das Gewirr der von den Künstlern umkopierten und dabei "verbesserten` Arbeiten zu entwirren und ein wie auch immer hypothetisches Original zu identifizieren."

Auch Wolf Vostells "Sun In Your Head" war so ein kniffliger Fall. Anfang der siebziger Jahre wurde das Werk als Videoedition aufgelegt. Der Selbstauskunft des Künstlers nach wurde der Film hierfür unverändert auf Video kopiert, das Archivmaster besorgte man sich in der Galerie Vostell in Berlin. Im ZKM jedoch war man skeptisch: "In unserem Bemühen, der ersten Generation, also dem Master, wo immer möglich nachzugehen, haben wir die 16-mm-Film-Spule aus dem Archiv Vostell in Spanien entliehen und digitalisieren lassen", erzählt Frieling. Die Recherche brachte Überraschendes zu Tage: "Film und Video unterscheiden sich deutlich, schon die Länge stimmt nicht überein." Offenbar hatte Vostell das Originalmaterial für das Video neu montiert.

Wie man in Zukunft derlei Schätze archivieren sollte, dafür gibt es bis heute keine verbindlichen Standards. Als Konsens gilt allenfalls, dass man auf unkomprimierte digitale Speichermedien setzen sollte, um Datenverlust zu vermeiden. Derzeit gilt Digital Betacam als Favorit.

Gerade für Galeristen ist diese Unsicherheit ein Problem. Bei der Frankfurter Videokunst-Galeristin Anita Beckers können Kunden ältere Arbeiten auf Kassetten gegen DVDs tauschen, für deren Qualität jetzt aufwändige Rückversicherungen bestehen: "Wenn wir heute eine Videoarbeit verkaufen, dann bekommt der Kunde eine Vorführ-DVD, eine Sicherungskopie und ein Zertifikat, das besagt, wo das Masterband gelagert ist. Wenn morgen ein neues Abspielgerät raus kommt, muss man immer auf das Masterband zurückgreifen können. Auch eine Installationsanweisung ist Teil der Arbeit. Eine subtile Rauminstallation kann man nicht auf dem Fernseher zeigen."

Das Projekt "40jahrevideokunst. de" dient allerdings nicht nur dem Erhalt der Werke. Neben einem Symposium zur Konservierung und Restaurierung von Videokunst beinhaltet das Projekt auch eine Ausstellung an fünf Orten: dem ZKM, der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K21 in Düsseldorf, der Kunsthalle Bremen, dem Museum der Bildenden Künste in Leipzig und dem Münchner Lenbachhaus. Vor allem die Beteiligung klassischer Kunstmuseen sei ihm wichtig, betont Herzogenrath. Schließlich wurde der Videofilm als Kunstgattung lange nicht recht ernst genommen. Erst Anfang der neunziger Jahre begann das ZKM, die wohl umfangreichste internationale Videokunstsammlung aufzubauen.

Das Projekt wird schließlich ab geschlossen mit einem Katalog und einer DVD-Studienedition für Museen und Universitäten. 59 stilbildende Videofilme aus den Jahren 1963 bis 2004 wurden hierfür von einer Jury ausgewählt und können in den beteiligten Museen angeschaut werden. Hier sind nicht nur Pioniere wie Paik oder Vostell vertreten. Neben jüngeren Videokünstlern wie Pipilotti Rist, Jeanne Faust oder Björn Melhus sind auch Multimediakünstlerinnen wie Rosemarie Trockel oder Rebecca Horn dabei. Popgruppen der achtziger Jahre wie "Die tödliche Doris" oder "Malaria" wurden ebenso exemplarisch in den Kanon aufgenommen wie politische Arbeiten von Harun Farocki oder Klaus vom Bruch. Zudem hat jedes Haus sein eigenes Schwerpunktthema (siehe Kasten).

Unter historischen Bedingungen, so viel ist klar, wird keine der älteren Videoarbeiten jemals wieder gezeigt werden können. Inwieweit man versucht, die Original-Umstände herzustellen, und ob eine Rekonstruktion auch die Behebung von Störungen einschließt, die durch Materialfehler verursacht wurden und heute womöglich als besonders authentisch empfunden werden, all das bleibt den Kuratoren und Restauratoren bislang noch selbst überlassen.

"Bis heute ist nur wenig unternommen worden, um die drohenden Verluste abzuwenden"

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Bremen: Die Kunsthalle präsentiert die Pionierzeit des neuen Mediums aus den sechziger Jahren mit Videoskulpturen. Einige Werkgruppen wurden von den Künstlern selbst rekonstruiert. Gezeigt werden unter anderem Installationen von Nam June Paik und Joseph Beuys. Hinzu kommen erste Künstler-Produktionen fürs Fernsehen.

Karlsruhe: Das Zentrum für Kunst und Medientechnologie legt den Schwerpunkt auf die Restaurierung von Bändern der sechziger und frühen siebziger Jahre. Präsentiert werden alte Abspielgeräte sowie defekte Bänder und das Ergebnis ihrer Bearbeitung. Raritäten von Künstlern wie Herbert Schuhmacher und Michael Geißler - die seit den Siebzigern nicht mehr zu sehen waren - ergänzen die Ausstellung.

Leipzig: Da Videotechnik in der DDR nicht allgemein zugänglich war, wurde auf Schmalfilm gedreht und auch dies nur inoffiziell. Zu den Pionieren zählen A. R. Penck und Lutz Dammbeck, die eine völlig eigene Bildsprache entwickelten. Die Ausstellung im Museum der Bildenden Künste zeigt weitere Videokünstler, die - wie Yana Milev und Via Lewandowsky - heute noch erfolgreich sind.

Düsseldorf: In den achtziger Jahren wagten die Künstler den Schritt zur medialen Rauminstallation. Im K21 in Düsseldorf werden dazu Arbeiten unter anderem von Paik und Marcel Odenbach gezeigt. Neben einem Fernseh-Areal gibt es einen Kinoraum, Black Boxes oder eine Liegeskulptur.

München: Im Lenbachhaus geht es um aktuelle Arbeiten von jungen Künstlern wie Sunah Choi, Christian Jankowski, Sean Snyder oder Markus Sixay, der aussterbende Effekte wie Schnee, das Testbild oder den Ausschalteffekt am Gerät nachbaut. Der Fokus liegt auf der Vielseitigkeit heutiger Produktion und dem Einfluss, den die Videokunst auf Bereiche wie das Theater hat.

Internet: www.40jahrevideokunst.de

Bild(er):

Bild: Zum Vertrieb von Performances an Sammler ist Videotechnik unabdingbar. Hier bei Rebecca Horns "Berlin-Übungen in neun Stücken" (1974/75) ist das Original auf 16-mm-Film gesichert, die Video-kopien werden mit jedem Jahr schlechter

Bild: Klaus vom Bruchs Dokumentarcollage "Das Schleyer-Band I/II" (1977/78) ist ein bedeutendes Zeugnis aus der Zeit, als Künstler die Utopie einer medialen Gegenöffentlichkeit verfolgten

Bild: Wolf Vostells Filmmontage "Sun In Your Head" von 1963 gilt als die erste künstlerische Arbeit mit aufgezeichneten Fernsehbildern