Ausgabe: 08 / 2004
Seite: 72-74

"Es dreht sich jetzt nur noch um gute Kunst"

Von Silke Mller

Einer der berühmtesten deutschen Künstler lebt seit Jahren in London: Wolfgang Tillmans, der mit seiner Bildsprache eine ganze Fotografengeneration prägte. Mit art-Redakteurin Silke Müller spricht der Träger des TurnerPreises über Trends und Tücken seiner Wahlheimat

art: Herr Tillmans, warum leben Sie in London?

Tillmans: Ich hatte schon lange eine Affinität zu England, insbesondere zur Musik und Jugendkultur. Das Schlüsselerlebnis war ein Konzert der Band "Culture Club" 1983, das ich bei meinem ersten London-Aufenthalt als Sprachschüler live erlebt habe, zusammen mit meinem ältesten Freund Lutz, der ja auch auf vielen meiner Bilder auftaucht.

Was war das Besondere an dieser Jugendkultur und der Musikszene in London?

Die frühen Achtziger in England waren eine besonders kreative Zeit, mit neuen Popstars wie Boy George, Marilyn und Dead or Alive - den so genannten New Romantics: Da ging es um diese sexuelle Mehrdeutigkeit, mit der sich die erste offene schwule Subkultur äußerte.

Ging es in London freizügiger zu als anderswo?

Der Umgang mit Sexualität in England unterliegt zwar einerseits gewissen Tabus, aber in Wirklichkeit wird das Thema viel öffentlicher behandelt als anderswo. Das ist das Besondere an England: Das Land hat 30 Jahre lang eine Jugendkultur nach der anderen produziert. Jede Bewegung wirkte irgendwie befreiend, hätte aber andererseits nicht funktioniert ohne ein enges gesellschaftliches Korsett, aus dem es sich zu befreien galt. Doch das ist nur die Hälfte der Erklärung und wie immer ein Teil des Klischees.

Wie hat sich die Atmosphäre in der Stadt verändert - von Margret Thatcher zu Tony Blair?

Ich habe neulich im Stadtmagazin "Time Out" gelesen, in London gebe es viel weniger Gewalt als früher. Das Gefühl, sich auf der Straße unsicher zu bewegen, kenne ich noch bis Anfang der neunziger Jahre. Es gab so eine latente Aggressivität. Zum Beispiel sind wir zu unserer Lieblingsschwulenbar, dem "London Apprentice", immer nur mit dem Taxi gefahren, und zwar bis vor die Tür. Und beim Rausgehen hat man immer gehofft, dass wieder ein Taxi vorbeikommt. Genau an diesem Ort liegt heute das Epizentrum des heißen Londoner Ostens, 100 Meter davon entfernt sitzt die Galerie White Cube. Und der andere Punkt ist, dass man vor zehn Jahren nicht gut Essen gehen konnte. Als ich hierher kam, war ich immer erstaunt über das schlechte Gemüse im Supermarkt, und dachte immer, in Deutschland sind die Apfelsinen doppelt so groß. Heute ist es umgekehrt.

Wie kommt das - sind die Lebenshaltungskosten gefallen oder ist London insgesamt wohlhabender geworden?

Die Leute verdienen mehr, und es liegt am Einfluss der wachsenden Zahl von Ausländern. London ist eben auch die multikulturellste Stadt Europas, wenn nicht der Welt. Alle Geschmäcker der Welt werden hier hereingetragen. Das Entscheidende aber ist wohl der wirtschaftliche Boom, der nun seit bald zehn Jahren anhält. Und das kann man durchaus kritisch sehen - man weiß nicht so genau, woher kommt das Geld, wieso geht es eigentlich immer weiter? Wenn man hier in Shoreditch ausgeht, sieht man Tausende von Jugendlichen, die alle irgendwie Hoffnungen haben, die alle an etwas arbeiten.

Sind denn die hohen Lebenshaltungskosten nicht ein Hindernis für junge Künstler?

Ich bin selbst immer erstaunt, wie die Leute das schaffen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass alle reiche Eltern haben. Freunde, die am Saint Martins College of Art and Design unterrichten, erzählen mir, dass man heute eigentlich nur noch Mittel- oder gar Oberklasse-Studenten hat. London ist nicht mehr so zugänglich für Ärmere, das ist so und das wird vielleicht auch irgendwann durchschlagen auf die Qualität der Arbeiten. Aber die Sache ist auch die: Ein gewisser Druck bringt auch Resultate, macht erfinderisch.

Wie war das denn für Sie? Sie sind ja auch nicht mit vollen Taschen nach London gekommen.

Ich bin auf dem absoluten Nullpunkt hierhergekommen. Ich glaube, im zweiten Monat meines Studiums in Bornemouth stand das Wort Rezession zum ersten Mal in der Zeitung. Und innerhalb weniger Wochen war sie da. In den ersten Jahren herrschte hier nur schlechte Stimmung, wirtschaftlich lag alles darnieder. Aber am Punkt Null kommen auch regenerative Kräfte, und die Leute sehen die Chance: Wenn nichts mehr von außen kommt, dann müssen wir es selber machen. Die Generation davor hat die Achtziger durchgefeiert, und jetzt war nichts mehr da und man musste selber etwas schaffen. Ich persönlich habe nicht sehr viel Geld gebraucht. Ich habe für die Magazine Spex und i-D gearbeitet, und die 40-Pfund-Seitenhonorare haben sich zusammengeläppert, so dass ich ein paar hundert Pfund hatte. Und so ab 1993 habe ich zum Glück angefangen, Bilder zu verkaufen, die damals 400 Mark gekostet haben.

Wenn es um das deutsch-englische Verhältnis geht, rasseln die Medien gern verbal mit den Säbeln. Junge Deutsche auf dem "Vormarsch", schreibt "Der Spiegel", die deutschen Künstler nähmen Londons Kunstszene "im Sturm", so der "Independent". Gibt es diese Ressentiments überhaupt noch?

Das ist reine deutsche Medienrhetorik. Natürlich gibt es mal so Momente, wo drei Galerien gleichzeitig deutsche Künstler zeigen, und dann wird in der Zeitung ein Satz darüber verloren, aber niemand redet hier im Moment über eine Welle deutscher Kunst. Tatsache ist eher, dass deutsche Kunst eigentlich immer eine Rolle spielt. Sie ist eines der andauernden Exportgüter, wohl wegen des deutsche Bildungssystems, das offenbar gut funktioniert. Die Deutschen sind schlecht in Mode, die Deutschen sind schlecht in Popmusik, in vielen popkulturellen Dingen ist Deutschland nicht führend. Ich habe aber den Eindruck, dass Deutschland in den langsameren Medien recht produktiv ist. Dank der Museumsdichte und der Sammlerdichte ist der deutsche Sprachraum einfach sehr stark in der Kunst.

Als Sie als erster Deutscher 2000 den renommierten britischen Turner-Preis erhielten, schrieb der "Guardian", die Verleihung des Preises an Wolfgang Tillmans "schließt das bunteste Kapitel jüngster Kunstgeschichte, denn die Britart wird hiermit für tot erklärt". Wie fühlten Sie sich als Totengräber der Britart?

Die "Sensation"-Ausstellung 1997 war ein Höhepunkt und zugleich eine abschließende Bestandsaufnahme, mehr ist ja auch an Substanz aus dem Kreis der Brit Art nicht nachgekommen. Drei Jahre später lag die Frage auf der Hand: Was kommt jetzt? Die Entscheidung, mir den Turner-Preis zu verleihen, war ein Ausdruck der Internationalisierung der Londoner Szene. Dieser Prozess hatte zwischen 1996 und 1998 stattgefunden. Ich weiß noch, wie provinziell mir 1995 oft das Galerienprogramm vorkam, weil nur englische Dinge gezeigt wurden, und viele internationale

Debatten hier nicht stattfanden. Als Jochen Klein und ich 1997 hier zusammen lebten und uns viele Ausstellungen ansahen, wurde uns plötzlich klar, dass man nun genauso wie in New York alles Wichtige sehen könne. Diese Tendenz hat sich seitdem noch verstärkt.

Könnte man denn sagen, dass es für die YBA, die sehr deutlich die neunziger Jahre geprägt haben, keine Nachfolgebewegung gibt, sondern dass die Szene sich einfach geöffnet hat?

Ja. Man muss sagen, der große Verdienst der YBA ist, dass sich Londoner überhaupt für zeitgenössische Kunst interessieren. Das war vorher nicht der Fall. Es gab vielleicht fünf Galerien, die internationale Kunst gezeigt haben.

Als deutscher Zeitungsleser gewinnt man heute den Eindruck, London sei ein Paradies für bildende Künstler: Museen von Weltrang nehmen keine Eintrittsgebühr, Galeristen wie Anthony D'Offay und Jay Jopling/White Cube produzieren Künstler-Superstars am laufenden Band, die Verleihung des Turner-Preises erzielt TV-Einschaltquoten wie in Deutschland der Musikantenstadl. Ist London die Hauptstadt der internationalen Kunstwelt?

Das kann man Punkt für Punkt widerlegen: Etwa 800 000 bis 2 Millionen Leute schauen sich die Übertragung der Turner-Preis-Verleihung an - das ist an dem Abend das am wenigsten gesehene Fernsehprogramm. Und am Tag der Nominierung im Mai steht einmal ein Artikel in allen Zeitungen, dass halt wieder Müll in der Tate ausgewählt worden ist. Und dann ist die Preisverleihung, wo natürlich der Künstler mit den größten Müll gewonnen hat und welche Berühmtheiten auf der Verleihung waren. Boulevardmässig wird Kunst hier etwa so behandelt wie Joseph Beuys in Deutschland in den Achtzigern, als die Bildzeitung titelte: "Kann denn Butter Kunst sein?".

Ähnlich wie in New York haben in London Künstler auch heruntergekommene Viertel "warmgewohnt". Meist folgen dann die Boutiquen und dann wird die Gegend zu teuer und etabliert für Künstler. In welches Viertel zieht die Kunstszene im Moment?

Es gibt eine Bewegung von Westen nach Osten. Wer die Mieten in Shoreditch/Hoxton nicht bezahlen konnte, ist in den letzten Jahren nach Hackney und Bethnal Green ausgewichen gewesen - jetzt gerade ziehen ein paar Galerien in die Vyner Street, was 20 Minuten zu Fuß von der Station Bethnal Green entfernt ist. So weit muss man derzeit gehen, um bezahlbaren Platz zu finden. Die Verlagerung nach Osten geht immer weiter.

Welchen Einfluss haben Häuser wie das ICA oder die Whitechapel Gallery?

Whitechapel ist die staatliche Kunsthalle von Ost-London, die immer schon gutes Programm gemacht hat. Und das Institute of Contemporary Arts ist seit Jahren schwach und krampfhaft modisch, hat sich nicht so richtig gefunden in den letzten Jahren. Nur der "ICA/Beck's Futures"-Preis hat sich gut durchgesetzt.

Was darf man denn auf keinen Fall verpassen?

Es ist so - und das wollen Sie als Journalistin natürlich gar nicht hören: Das Gute an London ist, dass es überhaupt keinen Trend gibt. Es dreht sich jetzt einfach nur um gute Kunst, um interessante Einzelpersonen, spannende Einzelgalerien wie etwa Cabinet oder Greengrassi, und um kleinere Freundeskreise. Es ist wunderbar unaufgeregt.

Aber wenn der Galerist Jay Jopling seinen Geburtstag auf einer Rennbahn feiert, erfährt es die ganze Welt. Das klingt nicht gerade unaufgeregt

Es gibt natürlich eine Kunstschickeria, wo es um Superlative geht, und es gibt nach wie vor Charles Saatchi, der irgendwie versucht, neue Strömungen zu erfinden. Aber man muss einfach mal akzeptieren, dass all das keine Relevanz mehr hat. Sie müssen wissen, dass White Cube zum Beispiel eine PR-Agentur damit beschäftigt, seine Künstler regelmäßig in den Medien zu halten. Wer Werbegelder hat, wird natürlich weiterhin besprochen, aber die interessanten Gespräche finden jenseits davon statt. Kunst entzieht sich der Zusammenhordung und der Vereinfachung - obwohl genau das auch einmal gut für die Stadt war. Der Rummel um die YBA musste sein, um Kunst populär zu machen, um sie überhaupt als Karriereidee jungen Leute in den Kopf zu bringen. Dank dieser Aufmerksamkeit und der ganzen Ausländer und Touristen und Sammler, die hierher kommen, gibt es jetzt ein Forum, wo einfach mehr zu sehen ist als in jeder anderen Stadt in Europa.

Wolfgang Tillmans

ZUR PERSON

Er fotografierte seine Freunde im Badezimmer, in der Küche oder im Baum sitzend: Mit seinem frischen Blick auf Alltägliches wurde der 1968 in Remscheid geborene Tillmans zum Chronisten der Techno- und Jugendkultur. 1992 zog er nach London, wo er für Popmagazine wie Spex und i-D fotografierte. Seit Mitte der Neunziger arbeitet er vorwiegend an eigenen Projekten, darunter Fotoserien wie "Concorde" (1997) und "Soldiers" (1999). Im Jahr 2000 bekam er als erster Deutscher den Turner-Preis. Seit 2003 lehrt Tillmans an der Frankfurter Städelschule.

"Das große Verdienst der Young British Artists ist es, dass sich die Londoner überhaupt für zeitgenössische Kunst interessieren"

Bild(er):

Bild: Wolfgang Tillmans, wie er sich selbst sieht: Dieses Selbstporträt von 2003 nannte der Fotograf "Wolfsnap"