Ausgabe: 11 / 1999
Seite: 86-95
Geliebter Feind
Von Silke Mller
ART Perspektiven Fotografie / Wolfgang Tillmans ist einer der einflussreichsten Fotografen der Gegenwart. Wie kein Zweiter erfasste er das Lebensgefühl der Jugend in den neunziger Jahren und verpasste dem Dasein unter den negativen Vorzeichen von Rezession, Arbeitslosigkeit, Globalisierung und Aids utopistische Züge. "Wer Liebe wagt lebt morgen", lautet einer seiner programmatischen Buchtitel. Die Suche nach Identität, das Verlangen nach Rausch und existenziellen Erfahrungen mündet am Ende des Jahrtausends in einen analytischen Blick auf die Gegenwart: In seiner jüngsten Arbeit setzt sich der Künstler mit der Darstellung von Soldaten in den Medien auseinander. / Exklusiv für ART arrangierte Wolfgang Tillmans eine Auswahl: "Soldiers: The Nineties"
Da hocken zwei halb nackt in den Bäumen und lassen die Beine baumeln. Einfach so. Haben die nichts Besseres zu tun? Keiner versteht, was das soll. "Alle großen Taten und alle großen Gedanken haben in ihren Anfängen etwas Lächerliches. Die bedeutenden Werke werden oft an einer Straßenecke oder in der Windfangtür eines Restaurants geboren." Wolfgang Tillmans, der "Alex & Lutz" 1992 in den Wipfeln fotografiert hat, zitiert aus Albert Camus' Essay "Der Mythos von Sisyphos" in einem frühen Katalog. Und nimmt den großen Existenzialisten (1913 bis 1960) bis heute beim Wort.
Tillmans, 1968 in Remscheid geboren, ist einer der erfolgreichsten Fotografen der Gegenwart. Seit 1990 lebt er in England. Er gilt als der Dokumentar der Techno- und Jugendszene des ausgehenden Jahrhunderts, als Mister Zeitgeist par excellence. Ganze Fotoklassen orientieren sich an seinem Stil, eifern dem flüchtigen, privaten Eindruck seiner Bilder nach, knipsen auf Partys, in Küchen und Badezimmern. Stilbildend nennt man so etwas. Doch viele Nachahmer sind einem Missverständnis aufgesessen: Wahrgenommen wird nur die Oberfläche seiner Bilder. Dahinter steckt eine zutiefst humanistische Weltvorstellung. Tillmans ist ein Fotograf mit Moral, allerdings einer, die nicht ausgrenzt, sondern zulässt: Leben und leben lassen.
Die Rolle des Chronisten weist er weit von sich: "Ich habe eine Fiktion aufgebaut, aus Teilen der Wirklichkeit. Vielleicht ist es eine Dokumentation meiner Wünsche, eine idealisierte, erträumte Welt." Dazu gehören Stillleben aus Blumen und Früchten, Mode-Aufnahmen, Porträts, Bilder von Ratten und Sonnenuntergängen, von exzentrischen Paaren und spielenden Kindern. "Die Leute fühlen sich durch meine Arbeiten in ihrer Sensibilität repräsentiert", sagt der Fotograf. "Mehr kann ich als Künstler nicht wollen."
Sein Blick bleibt an einer zufälligen Anordnung von Blumen, Töpfen und Stühlen hängen. Als die Sonne eine rot-weiße Lilienblüte erfasst und zum Leuchten bringt, greift er zur Kamera. Und entschuldigt sich: Das sei kein Schaufotografieren, er müsse nur schnell dieses Bild machen. Und wie so oft in seinen Fotografien fängt er mit Hilfe unspektakulärer Dinge aus dem täglichen Leben einen Moment ein, der zwei unfassbare Extreme miteinander verschmelzen lässt: das absolute "Jetzt" und das unbeschreibliche "Ewig".
Tillmans Bilder sind oft solche Zustands-Generatoren. Das Foto vom Küchen-Chaos nach einer wilden Party lässt den Augenblick wieder wach werden, wo sich Kater und Müdigkeit mit der Freude über ein ausgelassenes Fest mischen. Zerschlagen aber glücklich, die Zunge lahm, das Herz leicht - Situationen, die sich unmittelbar ins Gedächtnis einbrennen und durch diese Fotografien wieder wachgerufen werden: ein Blick aus dem Flugzeugfenster auf Wolken, Himmel und Turbinen; das zwiespältige Gefühl von Abschied und Ungewissheit, der Weite draußen und der Enge drinnen, Fern- und Heimweh.
Die Bilder speichern individuelle Erfahrungen, aus dem Augenblick entstanden und doch von allgemeiner Gültigkeit. Sie sind sorgfältig komponiert, aber frei von jeder Schwere. Sie schleppen ihre Bedeutung nicht als Ballast mit sich herum und sagen doch mehr aus über das Lebensgefühl einer Generation als alle Jugendstudien, Trendprognosen und Titelstorys in Lifestyle-Magazinen zusammen.
"Die Erfahrung von ausgehen, sich berauschen war wichtig für mich, das wollte ich beschreiben", sagt Tillmans über seine Bilder aus den frühen neunziger Jahren. "Verschwitzte Körper in der Disko zu fotografieren fand ich genauso existenziell wie ein Stillleben aus frisch eingekauftem Obst auf der Fensterbank."
Als Mitarbeiter beim Londoner Lifestyle-Magazin "i-D" konnte er sein Bildkonzept ausprobieren und verfeinern. "Das war die Zeit der Rezession unter Margret Thatcher, als eine ganze Generation auf der Straße stand und auf der Suche nach einer eigenen Identität war", erzählt der Fotograf. Mode wurde auf der Straße, auf Flohmärkten und in Second-Hand-Shops gemacht. Die Menschen in den Pubs und aus der Nachbarschaft waren die besten Models und jeder war ein selbsterfundener Star.
Viele, die damals in der Szene mitmischten, haben sich heute mit ihren Ideen etabliert, als Modemacher, Plattenproduzenten, Clubbesitzer, Werber, Galeristen oder Künstler - auch Tillmans: In seiner jüngsten Ausstellung bei Maureen Paley/Interim Art in London zeigte er erstmals großformatige Arbeiten auf Cibachrome-Papier - edel in Holz gerahmt. Er ist mit seinen Werken in großen Ausstellungen und wichtigen Sammlungen vertreten und seit 1997 Mitherausgeber des deutschen Magazins für Popkultur "Spex".
"Ich wollte in meinen Bildern eine Haltung zeigen, die ich so nirgends finden konnte. In der damals existierenden Bilderwelt habe ich mich nicht repräsentiert gefühlt", versucht Tillmans, seine frühen Arbeiten zu begründen. In seinen Porträts und Modeaufnahmen, die Berühmtheiten wie das Supermodel Kate Moss oder Michael Stipe, den Sänger der Popgruppe "R.E.M.", aber auch Unbekannte aus dem Freundeskreis des Künstlers vorstellen, durchbricht Tillmans die Darstellungsmechanismen der Medienwelt. Den charismatischen Stipe, der auf den Open-Air-Bühnen weltweit Tausende in seinen Bann zieht, zeigt Tillmans als introvertierten, verletzbaren Einzelgänger. Das Bild heißt einfach "Michael, New Inn Yard, 1997" - so wie die Aufnahme von sonnenbadenden Freunden schlicht "Christopher & Daniel, 1996" betitelt ist; Stars werden Menschen, und Unbekannte werden Stars.
Tillmans übermittelt mit seinen Aufnahmen eine Nähe, die sich selbst fremden Betrachtern nahezu körperlich vermittelt. Besonders stark sind diese Momente in jenen Bildern, die Erotik und Lust, manchmal gar aggressive Sexualität zeigen. Das Bedürfnis, hierzu Stellung zu beziehen, hat der Fotograf ausgelebt - und für sich selbst auch abgearbeitet. Das Motiv der Nähe, des Zusammenseins bleibt jedoch maßgeblich für seine Arbeit: "Mich interessiert das aufrichtig Empfundene, meine Idee von einem positiven, vielleicht auch alternativen Zustand. Glück ist eine zentrale Kategorie für mich - und das Staunen, das Schöne. Ich möchte eine Welt repräsentieren, in der ich leben will. Auf zynische Dinge verwende ich keine Energie. Es ist viel schwieriger, positiv zu definieren, was man will."
Dem Staunen hat Tillmans dieses Jahr ein ganzes Buch mit Fotografien und Zeichnungen gewidmet: "Totale Sonnenfinsternis". "Es ist eine ganz besondere Unsinnigkeit der Natur. Das Ganze hat null Bewandnis", sagt Tillmans und begeistert sich: "Diese Sinnlosigkeit finde ich faszinierend, es ist eine rein ästhetische Angelegenheit." Als Kind entdeckte er seine große Leidenschaft für die Astronomie; immer größere Fernrohre kamen ins Haus, seine Beobachtungen hielt er auf Millimeterpapier fest. "Als es 1978 hieß, die nächste totale Sonnenfinsternis geschehen am 11. August 1999, war das unvorstellbar weit weg." Vergangenes Jahr erfüllte sich Tillmans seinen Kindheitstraum und reiste in die Karibik - wo sich das Schauspiel ein Jahr vor dem mitteleuropäischen "SoFi"-Fieber ereignete. Mitgebracht hat er meditative Bilder von der verschatteten Sonne, von Wolken und Lichtreflexen sowie Aufnahmen von Menschen und Häusern, in befremdliches Helldunkel getaucht.
Das Sonnen-Buch ist nach dem Concorde-Band die zweite umfangreichere Arbeit des Fotografen, mit der er eine Brücke zwischen Konzeptkunst und Fotografie schlägt. Dass es ihm um mehr als um die Aneinanderreihung schöner Bilder geht, ist in seinen Ausstellungen schon lange zu erkennen: Für jede Installation greift Tillmans in den großen Pool aller bislang vorhandenen Motive, zieht Postkarten, Bilder aus Magazinen oder Zeitungen hinzu, verändert die Größenverhältnisse und Beziehungen der Aufnahmen zueinander. Es entstehen neue Korrespondenzen zwischen den Bildern, durch die Verschiebung in einen anderen Zusammenhang erweitert der Fotograf das Spektrum möglicher Assoziationen.
Auf eine inhaltliche Erzählung kann man diese Installationen nie festlegen, auch nicht auf ein formales Verfahren. "Es hat sich ein Bildgedächtnis bei mir angesammelt, das ich keiner Konzept-Rhetorik opfern will", sagt der Künstler. "Die Installationen spiegeln die Parallelität meiner Wahrnehmung, das Hin- und Herspringen des Auges." Seine Sammler haben diesen Schritt hin zur Gruppierung unterschiedlicher Bildträger nachvollzogen: Immer öfter verkauft Tillmans seine Arbeit wändeweise.
Zum Ende der neunziger Jahre legt Tillmans die radikalste und konsequenteste Arbeit vor - und beweist einmal mehr seine Sensibilität für die Strategien der Medien. "Soldiers: The Nineties" heißt die Serie, die Tillmans im Sommer bei Interim Art in London gezeigt und als Buch veröffentlicht hat. Ein Jahrzehnt lang hat er sich mit einem Motiv beschäftigt, das unsere Zeitungslektüre und die täglichen Fernsehnachrichten nachhaltig geprägt hat: die Darstellung uniformierter Männer.
"Es ist ein einzigartiger Bildtypus: Normalerweise bilden die Medien Berühmtheiten ab oder zeigen Szenen, in denen etwas passiert. Hier aber werden unbekannte junge Männer gezeigt, die sitzen oder herumstehen." Was also macht diese Bilder so interessant? Gerade bei Fotografien von Soldaten, so Tillmans, sei eine ästhetische Auseinandersetzung gesellschaftlich nicht erwünscht. Für ihn ein Grund mehr, genau hinzuschauen.
Er wagt einen regelverletzenden Blick auf die knabenhaft zarten oder auch protzig-muskulösen Uniformierten: den begehrenden Blick, der ihre aufreizend spektakulären Posen aufsaugt. Sie präsentieren sich in coolen, machohaften Haltungen, tragen martialisch rasierte Schädel und trainierte Körper zur Schau, die gefährliche Waffe locker über der Schulter baumelnd. Sie heben die Hand zum Siegeszeichen, gehen, stehen oder sitzen in Formationen. Männermythen. Doch aus den jüngeren, kindlich-glatten Gesichtern spricht die Verunsicherung - über eine Rolle, die sie auszufüllen haben, fremdbestimmt, entindividualisiert, herausgerissen aus Familien- und Freundeskreis, ein Figürchen im abstrakten Spiel höherer Mächte.
Tillmans hat diese Bilder seit 1990 aus internationalen Magazinen und Zeitungen ausgeschnitten und sie mit eigenen Fotografien kombiniert. Die Fotos seiner Wahl erzählen von der Nähe der Männer zueinander, von Zweckbündnissen und Partnerschaften - und oft unfreiwillig von der Vereinzelung der Uniformierten. Jungs, Kameraden, Helden - Täter? Opfer? Vorbilder? Auf jeden Fall Männer.
"Army. Be all you can be", fordert ein Aufkleber auf einem Foto: "Armee - zeig, was du kannst." Um das Zeigen geht es Tillmans. Die Posen der Männer sind über Grenzen und Systeme hinweg dieselben. Ein Soldat ist ein Soldat. Und die Fotos, die wir von ihnen bekommen und die unser Bild von ihnen prägen, gehorchen stets denselben Regeln. Ein medialer Kreislauf, in den Tillmans eingreift: Er isoliert sie aus dem Politik-Wirtschaft-Wetter-Umfeld der Nachrichten, nimmt ihnen ihre Tagesaktualität und forscht nach dem Menschenbild der Gattung Soldat. Zu einem Urteil kommt er dabei nicht. Sein hin- und herspringender Blick behält auch hier die Oberhand. Silke Müller
Bildunterschrift: Bedeutung und Banalität: "Alex & Lutz", 1992 / Der Sonnenfinsternis entgegengereist: "Eclipse Watchers", 1998 / Abschied und Ungewissheit: "JAL" von 1997 /
