Ausgabe: 07 / 2008
Seite: 60
Labor des Absurden
Von Heinz Peter Schwerfel
Tanzende Elektrokabel, Bäume im Lederkorsett - die Bildhauerin Tatiana Trouvé liebt Grenzbereiche. Jetzt zeigt das Centre Pompidou ihre fantastischen Installationen
Der Begriff Polder kommt aus dem Niederländischen und bezeichnet Untiefen des Meeresbodens, die, aufgeschüttet mit Erdreich, zu der See abgetrotzter Nutzlandschaft werden. Einfacher gesagt: große Anstrengung für einen kleinen Sieg. Deshalb werden die hart erkämpften Polder schleunigst durch einen Deich geschützt und so davor bewahrt, wieder zu Meer zu werden.
Ein prekäres Stück Zivilisation im Niemandsland der Elemente.
"Polder" nennt Tatiana Trouvé seit gut zehn Jahren ihre Rauminstallationen: künstliche Landschaften, die sie den Untiefen der Fantasie abtrotzt.
Nur durch die Mauern des Museums werden sie davor bewahrt, wieder ins Imaginäre abzurutschen. Zum Beispiel ein zentnerschwerer dunkelgrauer Felsbrocken, bestückt mal mit Vorhängeschlössern, mal mit Metallklammern, die in seine poröse Oberfläche getrieben sind und geknickte Wasserrohre aus Plastik halten. Ein Wald von Bäumen aus Metall, deren in die Luft ragende Äste in einem Korsett aus metallicfarbenem Leder verschnürt sind.
Unbelebte Materie also, die durch Durchlöchern oder Bekleiden zum Körper wird. Die Objekte verlieren ihre Sachlichkeit. Tatiana Trouvés Bäume bepflanzen den Ausstellungsraum nicht, sie bevölkern ihn - und wecken Bondage-Fantasien.
Das gilt auch für ihre erotisch aufgeladenen Fitnessmaschinen, die nicht Muskeln, sondern die Einbildungskraft stärken. Im Französischen bedeutet der Name Trouvé "gefunden", und wie gefunden, aus dem Unbewussten gezerrt, wirken die meisten dieser lakonischen Kunstlandschaften, die die 40-jährige Französin seit fünf Jahren in immer mehr internationale Ausstellungsräume baut, von Genf bis Venedig, Miami bis Bordeaux, Berlin bis Paris. Da ist der für Benutzer ungeeignete Aufzug im Maßstab 1:2, dessen Türen sich langsam schließen - zu langsam für menschliche Wahrnehmung:
Zehn Jahre würden vergehen, ehe sie ganz geschlossen sind. Oder die überdimensionierten hellbraunen Lampenschirme, Armleuchter in Ekstase, die kein Licht spenden. Oder eine Ballettstange für Zwerge, schwarz lackiert, die in nur einem Meter Höhe an der Wand befestigt ist.
"Alles nur eine Frage des Maßstabs und natürlich des Standpunkts", schraubt die Künstlerin beim Treffen in ihrer Pariser Galerie die Erwartungen auf Erklärung herunter. Groß, mit langen Haaren und aufwändigem Ohrgehänge rasselt Tatiana Trouvé ihre bewegte Vita mit reizendem italienischem Akzent herunter und schweigt erst mal bei Fragen nach der konkreten Bedeutung ihrer rätselhaften Bilder, die für sie weder kompliziert noch explizit sind, sondern implizit, wörtlich übersetzt: "in sich gefaltet". Man solle an ihren Arbeiten nicht deuteln, sagt Trouvé, man solle sich einfach nur Zeit nehmen, um sie zu "entfalten" - dann offenbare sich alles, was in ihnen steckt.
Was aber zeigt die Entfaltung des Verborgenen bei steifen, aufrecht stehenden Elektrokabeln, deren übergroße Stecker ordentlich in ihren eigenen Steckdosen klemmen: Masturbationssymbolik, Technomobiles oder einen geschlossenen Energiekreis des Absurden? Und sind jene Stahlkurven, die Teile von mathematisch berechneten, gebrochenen Linien sind, der Versuch einer geometrischen Darstellung der vierten Dimension? Aus utopischen Fraktalen werden Zeichnungen im Raum, Apparate, die wissenschaftliches Scheitern künstlerisch sichtbar machen. Und der Künstlerin den Marcel- Duchamp-Preis einbrachten, die französische Variante des britischen Turner-Preises, mit dem im Sommer 2008 eine Einzelausstellung im Centre Pompidou verbunden ist.
Tatiana Trouvé wurde 1968 im süditalienischen Kalabrien geboren, vor allem aber ist sie in Dakar (Senegal) aufgewachsen, wo ihr Vater an der Universität Architektur lehrte. Zwar durfte er seine Entwürfe nie bauen - er war ein "Architecte de papier", wie die Tochter sagt, ein Papierbaumeister - doch wurden Tatiana und ihre Schwester regelmäßig eingespannt, ihm zu helfen und für ihn zu zeichnen. Architekturzeichnungen sind ihre Papierarbeiten bis heute, Konstruktionen von Wänden und Möbeln und Gängen, deren gerade Linien plötzlich bröckeln, während die dunklen Flächen auf dem schwarzen Papier ins Unsichtbare sinken. Nicht realisierbare Entwürfe einer Baumeisterin, die entgegen aller Erwartung doch umgesetzt werden - in der Kunst.
Italien und Afrika, einige Monate in den Niederlanden, das kosmopolitische Paris - Tatiana Trouvés Lebenslinie ist mehr Zickzack als gerade Linie, von der Schnittmenge verschiedener Zivilisationen geprägt und als Lebensmodell eher dekonstruktivistisch.
Eine prekäre Existenz im Niemandsland der Kulturen. Angeblich war sie ausgesprochen schlecht in der Schule, aber das ist sicher wieder eine ihrer kleinen Lügen, einer ihrer Ticks und Tricks, fiktionale Lebensläufe selbst zu bauen. Als sie 1995 mit dem Diplom der Kunsthochschule von Nizza nach Paris kam, verbrachte sie Wochen damit, Bewerbungen mit Haken und Ösen zu schreiben, die eine Anstellung objektiv unmöglich machten.
Die fiktiven Lebensläufe dienten nur angeblich der Jobsuche, in Wirklichkeit ging es um Selbstfindung. Sie waren von Anfang an Teile des künftigen Lebenswerks, wo sie als "Büros der impliziten Aktivitäten" fungieren, also als imaginäres Ordnungssystem für künstlerische Projekte, die noch auf Entfaltung warten.
Tatiana Trouvé gibt offen zu, lange Zeit gezögert zu haben, ihre künstlerischen Ideen wirklich zu materialisieren und einmal Begonnenes zu Ende zu führen. Da ist es wieder, das Implizite, nicht Ausformulierte, Selbstreferenzielle.
In einem großen Modell fasste Tatiana Trouvé 2007 als Schlussbilanz alle, auch die nicht umgesetzten Projekte des "Bureau des Activités implicites", noch einmal zusammen, und erst im Überblick verstand sie selbst den existenziellen Zusammenhang zwischen "administrativen" und "skulpturalen Modulen", wie sie ihre kleinen künstlerischen Freiräume nennt, die sich zu Landschaften addieren.
Gebaut werden die Polder in schweißtreibender Arbeit im Pariser Osten. Dort, im Arbeitervorort Pantin, arbeitet die Künstlerin auf dem Gelände des ehemaligen Frachtbahnhofs, wo auch viele Kollegen ihr Atelier haben.
Sie hört Country-Musik von Johnny Cash oder Hardrock von Led Zeppelin und verzichtet auf die Hilfe tatkräftiger Assistenten. Lieber rackert sie allein, im Beisein einer Sekretärin, die sie einstellen musste, seitdem es bergauf geht. Und der Rottweilerhündin Sarah, die gelangweilt vor einem gelben Tennisball liegt, unter den vergitterten Fenstern, die vibrieren, wenn im oberen Stockwerk wieder die Gabelstapler rotieren.
Auf einem Regal liegen Dutzende Metallfeilen und Schraubenzieher, Kisten mit aus Italien mitgebrachten schwarzen Steckern stehen herum, zwei Skulpturen sind bereits eingepackt für den Transport zu ihrer Berliner Galerie Johann König. Tatiana Trouvé beherrscht Stahlsäge und Lötpistole, Schraubstock und Ledermesser - auch eine Kopfkünstlerin kann praktisch veranlagt sein. "Was blieb einem in Afrika anderes übrig, als praktische Lösungen für die alltäglichen Probleme zu finden?", rechtfertigt sie ihre Liebe zur Handarbeit und zu ungewöhnlichen, emotionsgeladenen Arbeitsmaterialien: dunkle und weiße Schokolade, feinstes Leder, längst vergriffene Stecker, die sie noch aus ihrer Kindheit kennt oder nur Profis vertraute Bauutensilien. In ihrem Atelier vergeht jeder Tag in Zeitlupe; auch der Arbeitsrhythmus ist ein Geschenk Afrikas. Die Hektik des Kunstbetriebs und der Erfolgsdruck müssen draußen bleiben, nicht nur dank der vergitterten Fenster. "Die handwerkliche Arbeit gibt einem Zeit zum Nachdenken; man arbeitet Projekte besser aus, wenn man lange an ihnen werkelt", erklärt Trouvé ihren Rhythmus. "Ich bin grundsätzlich nicht in Eile." Der Betrachter auch nicht, will er Trouvés implizite Aktivitäten entfalten.
Im vergangenen Jahr auf der Biennale von Venedig konnte man in der Vernissagen-Hektik leicht an ihrem Raum im Arsenale vorbei gehen, der an einer dicken und - wie sie sagt - "dummen Mauer" klebte, vor der es kein Entrinnen gab. Trouvé bezog die Steinwand notgedrungen ein und baute einen abgeschlossenen Raum mit zwei unterschiedlich großen Schaufenstern, das äußere deutlich größer.
Dann brachte sie die Maßstäbe mit zu kleinen Türen durcheinander, fügte eine gekippte Spiegelwand ein. Ein Bett aus Metall und Leder ließ an einen weiblichen Bewohner denken, mehrere Kabelskulpturen mit Steckern an männliche Besucher. Mit seinen transparenten Fensterfronten, die nur scheinbar Einblick gaben, wirkte der Raum wie ein Aquarium, eine submarine Zwischenwelt zwischen Architektur und Psyche. Die Unendlichkeit der Seele schrumpfte auf eine kleine, intime Höhle, einen Raum, wie es ihn eigentlich nur im Traum gibt. Einen Polder eben, eine Nutzlandschaft des Imaginären.
Andere ihrer Installationen besitzen falsche Zwischenwände, hinter denen sich plötzlich neue Räume auftun.
Manchmal liegt ein umgestoßener Stuhl herum - Verweis auf das Thema des Sturzes, das sie sehr beschäftigt, und auf Künstler wie Bruce Nauman, Edward Kienholz oder Janet Cardiff, deren psychologisch aufgeladene Rauminstallationen sie beeindrucken.
Wieder spricht sie nur zögernd über Zusammenhänge von Seele und Architektur, Kunst und Traum - auch hier würde sie ihre Ideen lieber nicht konkret ausformulieren. Echos anstelle präziser Antworten sind ihr lieber, und sie zitiert ihr Lieblingsbuch, den Roman "Il grande ritratto" von Dino Buzzati, in dem das Hirn des Protagonisten zur Stadt wird. Eine urbane Architektur als menschliches Porträt, jede Gefühlsregung wird zum unkontrollierbaren Ortswechsel. Das gefällt Tatiana Trouvé: Psycholandschaft und darin Kunstwerke als Seelenpolder - die immer dort auftauchen, wo man sie am wenigsten erwartet.
Ausstellung: Centre Pompidou, Paris, 25. Juni bis 29. September. Katalog: Tatiana Trouvé. Verlag der Buchhandlung Walther König, englisch, im Buchhandel:
48 Euro. Internet: www.centrepompidou.fr.
Galerien: Emmanuel Perrotin, Paris/Miami, www.galerieperrotin.com; Johann König, Berlin, www.johannkoenig.de
Bildunterschrift:
Tatiana Trouvé und ihre Hündin Sarah hinter der verpackten Elektrokabel installation ohne Titel von 2007 (Foto: Serge Cohen)
Aus utopischen Fraktalen werden Zeichnungen im Raum, Apparate, die wissenschaftliches Scheitern künstlerisch sichtbar machen
Wie im Aquarium: Trouvés Rauminstallation im Arsenale der Venedig- Biennale 2007
Schwerer Brocken:
Steinskulptur ohne Titel (2008) mit implantierten Aluminiumplatten
Hinter falschen Wänden:
Für die Rauminstallation mit Stuhl und Elektrokabeln erhielt Tatiana Trouvé 2007 den Marcel- Duchamp-Preis
"Die handwerkliche Arbeit gibt einem Zeit zum Nachdenken; man arbeitet Projekte besser aus, wenn man lange an ihnen werkelt"
Bondage-Fantasie: Ihre Baumskulptur ohne Titel (2008) aus Metall hat Tatiana Trouvé mit metallicfarbenem Leder und Ösen eingeschnürt
