Ausgabe: 10 / 2002
Seite: 48-59

Der Schock des Alltäglichen

Von Kirsten Einfeldt

In kaum einem Land ist die Kluft zwischen Dekadenz und Massenarmut größer als in Mexiko. Die junge Kunstszene des Landes reagiert mit drastischen, manchmal brutalen Bildern und Inszenierungen, die das tägliche Grauen ins Bewusstsein der Privilegierten bringen sollen. art-Autorin stellt die wichtigsten Vertreter der neuen Generation vor / JACOBO BRAUN (PORTRÄTFOTOS)

Dichter Nebel füllt den gesamten Raum aus. Jeder Galeriebesucher kann gerade ein paar Schritte weit sehen, der Rest verschwindet in einer weißen Nebelwand. Unbehagen macht sich breit, zumal ein beißender Geruch in der Luft liegt. Die mexikanische Konzeptkünstlerin Teresa Margolles strapazierte im vergangenen Winter die Besucher der Galeria ACE in Mexiko-Stadt mit einer ihrer schauerlichsten Arbeiten: Der Nebel bestand aus Wasser, mit dem zuvor die sterblichen Überreste von nicht identifizierten Toten im zentralen Leichenschauhaus gewaschen worden waren. Niemand im Ausstellungsraum konnte der körperlichen Präsenz des anonymen Todes entgehen, der - zumindest für das gut situierte Kunstpublikum - nur eine abstrakte Tatsache ist.

Margolles' Arbeit gehört zu den extremsten Positionen innerhalb der jungen Kunst von Mexiko-Stadt. Und doch ist sie charakteristisch für eine Szene, deren Vertreter heikle Themen aufgreifen und schonungslos mit der sozialen und politischen Wirklichkeit im Land umgehen.

Am toten Körper demonstriert Teresa Margolles die Folgen der enormen sozialen Konflikte und der daraus resultierenden Gewalt. 1990 gründete sie das Künstlerkollektiv "SEMEFO", benannt nach dem staatlichen Unternehmen Servicio Medico Forense (Medizinisch-forensischer Dienst), das die Leichen meist armer Menschen in die städtischen Schauhäuser bringt.

Die Wiener Aktionisten um Hermann Nitsch gehören zu den Vorläufern der Gruppe, die mit ihren Präparaten und ritualhaften Performances den Betrachter direkt mit Gewalt und Tod konfrontiert. Der Weg zur Erkenntnis führt dabei nicht selten über den Schock; wer Blut und Leichenteile sieht, wird tief erschüttert und berührt, er kann die Augen vor der rauen Wirklichkeit nicht länger verschließen.

Wahrgenommen werden solche Aktionen längst nicht mehr nur im eigenen Land. Zeitgenössische Kunst aus Mexiko rückte in den letzten Jahren immer stärker ins Zentrum des internationalen Kunstbetriebs. In New York, Paris, Rotterdam fanden Ausstellungen statt, auf den Biennalen von Havanna, Istanbul und Venedig waren mexikanische Künstler vertreten. In England zeigt die South London Gallery unter dem Titel "20 Millionen Mexikaner können nicht irren" eine Auswahl von Arbeiten aus Mexiko-Stadt. Nun folgt Berlin: Von Mitte September an lädt die deutsche Hauptstadt zum Festival "MEXartes-berlin. de", an dem rund 200 mexikanische Wissenschaftler und Künstler aller Sparten teilnehmen. Das Haus der Kulturen der Welt gibt mit der Schau "Zebra Crossing" einen Überblick über die aktuelle Kunst-Szene; in den Kunst-Werken ist "Mexico City - An Exhibition about the Exchange Rates of Bodies and Values" zu sehen - "eine Ausstellung über den Tauschwert von Körpern und Werten".

Unterstützt wird das allgemeine Interesse noch durch Kino-Erfolge der letzten Jahre wie das oscarnominierte Epos "Amores Perros" von Alejandro Gonzalez Inarritu oder das Liebesdrama "Y tu mama tambien" von Alfonso Cuaron. Der realistische Umgang mit sozialen Spannungen und Gewalt in einer Stadt mit einer der niedrigsten Aufklärungsraten von Verbrechen weltweit, weckte die Neugier auf mehr.

Dass der Boom erst jetzt kommt, mag viele erstaunen. Schließlich hatte schon der Erfolg von Künstlern wie Gabriel Orozco (art 7/2000) und Francis Alýs seit Mitte der neunziger Jahre weltweit darauf aufmerksam gemacht, dass es in Mexiko eine vitale Szene gibt. Doch inzwischen ist noch deutlich mehr Bewegung in die mexikanische Kulturpolitik gekommen. Die konservative Regierung unter Präsident Vicente Fox übernahm bei den Wahlen vor zwei Jahren die Macht von der 71 Jahre lang herrschenden Einheitspartei PRI. Kurz darauf wurden in Mexiko-Stadt mit dem staatlich geförderten "Laboratorio Arte Alameda" und den Ausstellungsräumen der Sammlung "Jumex" zwei Stätten für zeitgenössische Kunst eröffnet - beide arbeiten auf internationalem Niveau.

Eugenio Lopez, der 33-jährige Erbe des mexikanischen Saftimperiums "Jumex", wird gar mit dem englischen Werbe-Guru Charles Saatchi verglichen, der als Sammler und Mäzen der jungen britischen Kunst zum Durchbruch verhalf. In den vergangenen zehn Jahren hat Lopez über 600 Werke von Donald Judd bis Pipilotti Rist gekauft und ist darüber hinaus zum Hauptsammler zeitgenössischer mexikanischer Kunst geworden. Für deren Renommee setzt er sich über US-Galerien und mit Hilfe der New Yorker Zeitschrift "Trans>" ein. Doch so international ihre Verbreitung sein mag - ihre Themen nehmen die meisten Künstler aus der unmittelbaren Umgebung. Die Drastik, mit der sie auf die Probleme reagieren ist neu in einem Land, in dem jahrzehntelang Kultur von staatlichen Institutionen gesteuert wurde. Die Debattierfreude, die den mexikanischen Kunstbetrieb erfasst hat, entzündete sich dabei besonders an den Arbeiten des gebürtigen Spaniers Santiago Sierra. Der Künstler, der vor sieben Jahren seinen Wohnsitz von Madrid nach Mexiko-Stadt verlegte, bedient sich künstlerischer Methoden, die manche als zweifelhaft empfinden.

Er versammelte in den letzten Jahren in Mexiko, Guatemala und Peru Hunderte von Menschen, die nach dunkler Hautfarbe und möglichst niedrigem sozialem Stand ausgesucht wurden, für mehrere Stunden in Museumsräumen und zahlte ihnen fürs einfache Dastehen den lokalen Mindestlohn. Grund für eine heftige Kontroverse: Während die Kritikerin Monica Mayer dem Werk Sierras faschistoide Züge bescheinigt und den Künstler einen Zyniker nennt, verteidigt der mexikanische Kritiker und Kurator Cuauhtemoc Medina Sierras Position als politische Kunst, hinter der eine "postmarxistische" Strategie stecke. Der Konzeptkünstler selbst rechtfertigt seine Arbeit mit seinem moralischen Ansinnen: "Ich zeige die Schattenseite der globalisierten Welt. Dazu übersetze ich lediglich das, was jeden Tag an vielen Orten der Welt passiert, in eine ästhetische Sprache."

Mit solcher Übersetzungsarbeit lassen es nicht alle Künstler bewenden. Einige greifen direkt in die Wirklichkeit ein, darunter die Künstlerin Minerva Cuevas, deren Arbeiten nicht nur sozialkritische Thesen illustrieren, sondern das System auch praktisch unterlaufen, indem etwa U-Bahn-Fahrkarten umsonst ausgegeben werden.

Dass solche Kunst überhaupt einen Widerhall findet, war noch vor wenigen Jahren undenkbar. Der Videokünstler Yoshua Okon erinnert sich ungern an die frühen neunziger Jahre, als er gerade sein Studium der Bildenden Künste abgeschlossen hatte. "Die mexikanische Szene war damals unglaublich konservativ", berichtet Okon. "Junge Leute gingen nicht in die Museen, für den Nachwuchs gab es keine Räume, um auszustellen, geschweige denn sich auszutauschen." Er kam damals auf die Idee, einen eigenen Ausstellungsraum zu eröffnen. Die Galerie "La Panaderia" gibt es seit mittlerweile acht Jahren. Sie liegt in einer ehemaligen Bäckerei mitten in der Colonia Condesa, dem Szeneviertel von Mexiko-Stadt.

Anfangs wurde sie von der lokalen Galeristen-Konkurrenz angefeindet. Heute gilt "La Panaderia" als einer der führenden Ausstellungsräume im Land, Schwerpunkt: junge Kunst. Wenige Monate nach der Gründung kam Okons Schulfreund, der Künstler Miguel Calderon, als Co-Galerist hinzu, und mit staatlicher Unterstützung wurde das dreistöckige Galeriehaus im Art-Deco-Stil zu großen Teilen in einen Treffpunkt der Kunst umgewandelt. Heute zieht es Nachwuchs aus aller Welt in die "Panaderia"; die Galerie hat Schwung und internationales Flair in die lokale Szene gebracht.

Miguel Calderon ist mittlerweile nicht mehr ganz so häufig dort anzutreffen. Mit seiner Arbeit hat er international Erfolg, in den USA wird er bereits als mexikanischer Star gehandelt. Dem undogmatisch-subversiven Geist der "Panaderia" bleibt er jedoch treu. Er pflegt weiterhin sein Querulantenimage, hat das Motto "Niemals festlegen!" zu seinem Künstlercredo erhoben, und wechselt zwischen Video, Fotografie, Installation und Malerei, immer voller Selbstironie und Zynismus.

Neuerdings dreht Calderon auch Spielfilme. "La discipula del velocimetro" ("Die Tachometer-Jüngerin, 2001/2002") ist sein Debüt. Der Film erzählt in grellen Bildern von einer Millionärsgattin mit exzentrischem Hobby: Sie fährt Oldtimer-Rennautos. Eine Persiflage auf den dekadenten Lebensstil der mexikanischen Superreichen? Calderon, der schon Aufkleber-Objekte wie "Papi paga" - "Papi zahlt" - entwickelt hat, verneint. Nicht alle Kunst in Mexiko ist engagiert.

Und doch lässt sich das Thema Reichtum in diesem Land nicht politisch neutral behandeln. "In Mexiko-Stadt prallen Beverly Hills und Kalkutta aufeinander", sagt der Leiter der Kunst-Werke und Chef-Kurator des mit dem MoMA kooperierenden P. S. 1, Klaus Biesenbach. "Durch diese Konfrontation von Erster mit Dritter Welt in derselben Stadt entsteht ein unglaubliches Spannungsfeld, das vor niemandem Halt macht. Auch nicht vor den Künstlern."

Es scheint, als fühlten sich die auffällig vielen ausländischen Künstler, die in Mexiko leben, von dieser Spannung auch durchaus angezogen. Zu ihnen gehört der Texaner Thomas Glassford. Aufgewachsen im Grenzstädtchen Laredo, war das südliche Nachbarland dem Künstler schon seit Kindertagen sehr nahe, bedeutete Vertrautheit und anziehende Fremde zugleich. 1990 ließ er sich im Anschluss an einen Studienaufenthalt in Mexiko-Stadt nieder. "Im Zentrum - wie die meisten ausländischen Neuankömmlinge", erzählt Glassford, der sich schnell dem Kreis um den mexikanischen Kurator Guillermo Santamarina anschloss. Der präsentierte damals in dem Ausstellungsraum "El Salon de los Aztecas" in der Altstadt eine neue Künstlergeneration.

Auch der belgische Künstler Francis Alýs lebt schon lange hier. Ihn hat es buchstäblich nach Mexiko-Stadt verschlagen: 1987 kam er als junger Ingenieur im Rahmen eines französischen Entwicklungsprogramms in das von einem Erdbeben erschütterte Mexiko. Er blieb und nutzte fortan jeden freien Tag, um durch das Zentrum der Hauptstadt zu spazieren. Den Moloch beschreibt er in Fotos und Bildern aus der Perspektive des europäischen Flaneurs.

"Das Chaos, die Mischung aus historischen Gebäuden und alltäglichem Leben, die Masse an Händlern, die das Stadtbild, das mit keinem im geordneten Europa zu vergleichen ist, beherrschen und praktisch eine parallele Ökonomie geschaffen haben, faszinierten mich von Anfang an", erinnert sich Alýs. Der rastlose Künstler, inzwischen auf den Biennalen von Istanbul bis Venedig präsent, ist mit den Problemen nicht aufgewachsen. Er sieht die Gesellschaft von außen. Auch für diesen fremden Blick ist Platz in der Kunst eines Landes, in dem das Extreme der Normalfall ist.

SANTIAGO SIERRA

Der Spanier, 36, der seit 1995 in Mexiko-Stadt lebt, nennt seine umstrittenen Performances "Remuneraciones" ("Entlohnungen"): Bekannt und zugleich angefeindet wurde Sierra mit "250 Zentimeter lange Linie, tätowiert auf sechs entlohnte Menschen" (1999). Sechs arbeitslosen Kubanern ließ er gegen dreißig US-Dollar pro Person eine durchgehende Linie von 250 Zentimetern Länge auf die Rücken tätowieren. Eine Gratwanderung zwischen Kritik und Zynismus. Für Harald Szeemanns Ausstellung "Plateau der Menschheit" auf der Biennale von Venedig 2001 ließ Sierra 200 dunkelhaarige Einwanderer blondieren und zahlte jedem dafür sechzig US-Dollar. Noch Wochen später waren die Männer als Markierte im Stadtbild von Venedig auszumachen. Weniger bekannt als seine "Entlohnungen": die minimalistischen Formen, die Santiago Sierra schon seit seiner Studienzeit an der Hamburger Hochschule für bildende Künste Anfang der neunziger Jahre als Skulpturen einsetzt.

IVÁN EDEZA

Der Videokünstler, 35, untersucht in seinen Arbeiten, in die er oft nur minimal zensierte pornografische Sequenzen und extreme Gewaltszenen einfließen lässt, den Wahrheitsgehalt von Medienbildern. In "Storyboard" (2000) werden banale Fernsehbilder jäh von Szenen einer Hinrichtung unterbrochen, und in dem Werk "De Negocios y Placer" ("Von Geschäften und Vergnügen", 2000) verarbeitet er schockierendes Filmmaterial über eine reale Menschenjagd aus den siebziger Jahren im Amazonasgebiet. Die Bilder und Tonspuren von vorhandenem Material überblendet Edeza mit Flimmern und Rauschen derart minimal, dass es für das Publikum schwierig wird, "Wahres" von Manipuliertem zu unterscheiden. In dem Video "Zensiert" (1999) werden sehr kurze obszöne Sequenzen ständig wiederholt. Der Betrachter sieht dabei fast kein Originalmaterial: Edeza bearbeitet den Film rigoros mit Störflimmern und schwarzen Flächen, die nur durch kleine Ausschnitte Bildfetzen erkennen lassen. Die Bilder kehren gemeinsam mit der penetranten Wiederholung der Tonsequenzen die ursprünglich erregende Absicht der Pornografie ins Gegenteil. Neben seiner eigenen künstlerischen Arbeit kümmert sich Ivan Edeza auch um die Vermittlung von Kunst. Seit 2001 ist er als Kurator am Universitätsmuseum für Wissenschaft und Kunst von Mexiko-Stadt (MUCA) für den Bereich Medienkunst verantwortlich.

MIGUEL CALDERÓN

Der 31-Jährige, auf dem Porträtfoto vor einem Filmstill aus "Die Tachometer-Jüngerin" von 2001/2002, sieht sich als Anarchist: Kaum hat der frühere Mitbetreiber der Galerie "La Panaderia" ein Medium ausprobiert, wechselt er zum nächsten. Und immer provoziert er. In der Serie "Mitarbeiter des Monats" von 1998 vergriff er sich an den Heiligtümern des Museo Nacional de Arte von Mexiko-Stadt: Altmeisterliche Gemälde aus dem Haus ließ er von Angehörigen der Putzkolonne nachstellen. Damit persiflierte er zugleich das amerikanische Ritual der Personal-Ehrung und die erhabenen Gesten der gemalten Figuren. Arbeiten wie "Angriff" und "Flucht aus Cacaville", die der Künstler 1998 in seiner Solo-Schau in der New Yorker Galerie Andrea Rosen präsentierte, pendeln zwischen Realismus und Kitsch - ganz klassisch in Öl auf Leinwand gemalt. Der US-amerikanische Filmregisseur Wes Anderson war von der stilsicheren Geschmacklosigkeit der Bilder derart begeistert, dass er gleich drei davon für die Ausstattung seiner Film-Groteske "The Royal Tenenbaums" (2001) benutzte.

TERESA MARGOLLES,

39, pflegt eine drastische, oft schockierende Ästhetik des Todes. Die Künstlerin, Kommunikationswissenschaftlerin und Präparatorin macht extreme soziale Unterschiede und die dadurch entstehende Gewalt auf brutale Weise sichtbar. Ihre Arbeit "La Lengua" ("Zunge", 2000) spricht vom gewaltsamen Tod, der in Mexiko-Stadt allgegenwärtig ist: Margolles bot der mittellosen Mutter eines erstochenen Drogenabhängigen einen Sarg an, damit der Junge nicht in einem Massengrab beerdigt würde. Als Gegenleistung forderte die Künstlerin die gepiercte Zunge des Jungen und konservierte sie. Andere Arbeiten wie die Serie "Lienzos" ("Leinwände", 2001) sprechen vom Elend: Die Abdrücke auf den hellen Stoffen stammen von Toten, die während der Zeit des Streiks der größten Universität von Mexiko-Stadt vor drei Jahren in den Leichenschauhäusern eingeliefert wurden. Da es für die vielen anonymen Leichen, die sonst teilweise von der dortigen medizinischen Fakultät angenommen werden, nicht genügend Särge gab, wurden sie in Laken gewickelt. "Verdunstung" (2001/2002) markiert einen Höhepunkt im bisherigen Werk von Margolles: Verdampfendes, desinfiziertes Wasser, mit dem zuvor nicht identifizierte Leichen im Schauhaus gewaschen wurden, vernebelt einen leeren Galerieraum. Der Tod umschließt den Besucher, rückt ihm auf den Leib und dringt in seine Lungen - ein erschütternde Erfahrung.

FRANCIS ALYS

43, hält bei seinen Streifzügen durch Großstädte Realitätserfahrungen fest und fragt dabei nach dem Wert von Leben. 1991 dokumentierte der künstlerische Autodidakt, Ingenieur und Architekturhistoriker seinen ersten "Spaziergang". Hierfür zog Alýs, der bereits 1987 seinen Wohnsitz von Belgien nach Mexiko-Stadt verlegte, einen kleinen magnetischen Hund auf Rädern hinter sich durch das historische Zentrum der Hauptstadt, wonach der Hund eine zweite Haut aus metallischen Abfällen besaß. Die "Spaziergänge" sind eine Arbeitsform, die der Künstler bis heute weiterführt. In der fortlaufenden Serie "Schläfer" (seit 1999) fotografiert Alýs die vielen auf der Straße liegenden Menschen und Hunde in Mexiko-Stadt - wobei oftmals nur schwer zwischen Schlaf und Tod zu unterscheiden ist.

"Der Lügner. Die Kopie des Lügners" (1994/1995) bestand zunächst aus kleinformatigen Bildern, die Variationen eines Männerporträts zeigen. Nach Alýs' Originalen kopierten mexikanische Schildermaler das Motiv auf meist größere Emailleschilder, wie sie im Alltag des mittelamerikanischen Landes noch häufig zu sehen sind. Alýs überarbeitete anschließend seine Leinwandbilder anhand der Kopien. Die Unterschiede zwischen Original und Imitation sowie die anfängliche Klarheit darüber, dass der Einfluss von Alýs' Motiv auf die Schildermaler ausging, verschwammen mit jedem Schritt mehr.

YOSHUA OKÓN

32, ironisiert in realistischen Skulpturen und Videoarbeiten im Dokumentarstil die Institutionalisierung von Kunst sowie soziale und ökonomische Missverhältnisse in Mexiko. In der Serie von Videoarbeiten "Fahren Sie rechts ran" (1999/2000) kommentiert Okon sarkastisch das Versagen eines Staates, dessen Vertreter käuflich sind: In einem Video nimmt der Künstler korrupte Polizisten in Mexiko-Stadt auf, die gegen wenig Geld einen Tanz für ihn aufführen. In ihrer Unglaubwürdigkeit steigern sich die städtischen Ordnungshüter noch in einem weiteren Video, das die Polizisten beim Anblick der Kamera zum Teil aggressiv, zum Teil obszön zeigt. Okon hat die Produzentengalerie "La Panaderia" gegründet, in der er befreundete Künstler ausstellt. Der Künstler lebt derzeit in Mexiko-Stadt und in Los Angeles.

MINERVA CUEVAS

Die 1998 gegründete, gemeinnützige Organisation "MVC" ("Gesellschaft Besseres Leben") ist das bislang erfolgreichste Projekt von Minerva Cuevas, 27. Mit den Aktionen von "MVC", die zwischen Kunst und politischen Interventionen anzusiedeln sind, verbessert die Künstlerin ungefragt, eigenmächtig und mal real, mal symbolisch den Alltag ihrer Mitmenschen in Mexiko-Stadt: Cuevas verteilt zum Beispiel frühmorgens kostenlose U-Bahn-Fahrkarten vor den Ticket-Schaltern und fegt die Bahnsteige ("Reinigungsservice", 1999). Bereits 1998 verschenkte sie in der U-Bahn mit Koffein versetzte "Sicherheitspillen" und "Tränengas", um die Passagiere wach zu halten und vor Überfällen zu bewahren. In ihrer Parodie auf die Unternehmenskultur und zugleich als künstlerische Notreaktion auf die desolaten sozialen und ökonomischen Zustände in Mexiko geht Cuevas jedoch noch weiter: Quasi kriminell beklebt Cuevas in ihrer Aktion "Strichkodes" (seit 1999) Supermarktartikel mit gefälschten Strichkodes, um den Käufern verbraucherfreundliche Preise zu verschaffen. All ihre Produkte vertreibt Cuevas auch von ihrem Büro im 14. Stock des zentrumsnahen Lateinamerika-Turms aus. "MVC" bietet zudem internationale Studentenausweise einer fiktiven Universität und Empfehlungsschreiben an.

Auch im Internet sind die Produkte und Dienstleistungen erhältlich: www.irational.org

THOMAS GLASSFORD

Seit seiner Niederlassung in Mexiko-Stadt 1990 arbeitet der Texaner Thomas Glassford, 39, oft mit einer lokalen Kürbisart, den "Guajes". 1994 präsentierte Glassford auf der Biennale von Havanna die Performance "Einladung zum Transport 3". Die Guajes wurden dabei symbolisch zu Boten der Freiheit, die auf Pferde und Fahrräder geschnallt durch die kubanische Hauptstadt zum Leuchtturm an der Uferpromenade Malecon transportiert wurden. Von dort segelten sie an Fallschirmen übers Wasser und wurden in die Welt hinaus getragen. Ein zweiter Schwerpunkt in Glassfords Werk ist die Arbeit mit industriellen Materialien, die er in minimalistischen Formen einsetzt, zum Beispiel in den Serien "Aster" (seit 2000) aus grellen Leuchtstoffröhren und "Partituren" (2001/2002) aus farbigen Aluminium-Fertigteilen. Die Installation "Fuente" ("Quelle", 2001/2002) beschäftigte sich mit dem Wassermangel in Mexiko: In einem umfassenden Wasserkreislauf aus Industriebehältern, Schläuchen und Wannen füllte sie den gesamten Raum des ehemaligen Klosters San Agustin aus.

Das Festival

Von Mitte September an steht Berlin mit rund 100 Ausstellungen und Veranstaltungen im Zeichen Mexikos.

Ausstellungen (Auswahl): "Große Meister der mexikanischen Volkskunst" im Ethnologischen Museum, bis 23. Februar 2003. "Zebra Crossing - Zeitgenössische Kunst aus Mexiko" im Haus der Kulturen der Welt, bis 1. Dezember. "Mexiko-Stadt: Eine Ausstellung über den Tauschwert von Körpern und Werten" in den Kunst-Werken, bis 5. Januar 2003. Fotografien von Ruben Ortiz Torres im Haus der Kulturen der Welt, bis 3. November. "Superficies coloreadas/Gefärbte Oberflächen - 4 Fotografinnen aus Mexiko" in der Mexikanischen Botschaft, bis 29. November.

Information: Internet: www.mexartes-berlin.de; Allgemeine Informationen anfordern: info@mexartes-berlin.de; Kartenvorbestellungen und Informationen zu den Veranstaltungen im Haus der Kulturen der Welt: Tel. 030/397870 oder 030/39787175

Künstler holen die Wirklichkeit in die Galerien - und manchmal sogar den Tod

Noch vor rund zehn Jahren waren die Galeristen konservativ. Politische Kunst hatte kaum Chancen

Bild(er):

Bild: Oben: Für eine Handvoll Dollar ließen sich 1999 einige Kubaner von Sierra die "250 Zentimeter lange Linie" auf die Rücken tätowieren. Kommentar zur Käuflichkeit des Menschen und zynische Praxis zugleich.

Bild: Links: In der Berliner Galerie Carlier-Gebauer zeigte Sierra kürzlich minimalistische Skulpturen: "Konstruktion und Installation von zwölf mit Teer beschichteten Formen, mit den Maßen 75 x 75 x 800 cm, angeordnet in zwei Räumen"

Bild: Die Videoarbeit "Von Geschäften und Vergnügen" (2000) zeigt Horrorbilder aus den siebziger Jahren: Reiche machten Jagd auf Ureinwohner

Bild: Spiel oder Ernst? Das Bild "Angriff" (1998) zeigt Gewalt in Pop-Ästhetik

Bild: Lebendes Bild: In der Fotoserie "Mitarbeiter des Monats" (hier Nr. 1) lässt Calderon die Putzkolonne des Museo Nacional de Arte in Mexiko-Stadt altmeisterliche Gemälde aus dem Haus nachstellen

Bild: Auf der Biennale von Cuenca 2001 hängte die Künstlerin Leichentücher auf. Sie nannte sie "Lienzos" - Leinwände

Bild: Nebel des Grauens: In der Galeria ACE ließ Margolles Wasser verdunsten, mit dem zuvor unidentifizierte Leichen gewaschen worden waren

Bild: In Mexiko-Stadt liegen Menschen auf der Straße, von denen niemand weiß, ob sie schlafen oder tot sind - ein Foto aus Alýs' Serie "Schläfer"

Bild: "Spaziergang" mit einem magnetischen Metallhund, an dem Fundstücke haften blieben: Alýs-Aktion "Der Sammler" aus dem Jahr 1999

Bild: Von der Kamera bedrängter Polizist: "Poli I" aus der Serie "Fahren Sie rechts ran" (1999/2000)

Bild: "Poli V": Diesen Beamten hat Okon dafür bezahlt, dass er einen Tanz aufführt

Bild: Plakat zu Cuevas Sicherheitspillen-Aktion: "Wann und wohin sie reisen - bitte schlafen Sie im Zug nie ein"

Bild: "Sicherheitspillen" zum Wachbleiben, denn das Verbrechen lauert überall (Aktion von 1998)

Bild: Diese Zucchini wurden verbilligt - von der Künstlerin

Bild: Beschwörung eines in Mexiko knappen Elements: Anfang 2002 leitete Glassford unter dem Titel "Fuente" ("Quelle") Wasser in Schläuchen durch die Räume des ehemaligen Klosters San Agustin