Ausgabe: 11 / 2004
Seite: 84-93

Stichproben des Elends

Von Ralf Schlter

Er sperrt Menschen in provisorische Gefängnisse, lässt sie sinnlose Arbeiten ausführen oder tätowiert ihnen eine Linie auf die Haut - und gibt ihnen dafür ein paar Dollar. Der Spanier Santiago Sierra, 38, ermittelt in seinen Arbeiten den Wert des Menschen und geht dabei näher an die Schmerzgrenze als jeder andere zeitgenössische Künstler

VON RALF SCHLÜTER

Es ist ein sonniger Tag in Zürich, und Santiago Sierra sitzt telefonierend im Hinterzimmer seiner Galerie. An der Wand hängt geschmackvolle Kunst, die Möbel sind von klassisch-moderner Eleganz - doch das gediegene Ambiente wird vom Künstler nicht recht gewürdigt. Mit Schirmmütze und Jeansjacke sieht er aus wie sein eigener Aufbauhelfer, und während er spanische Worte in den Hörer nuschelt, wippen seine Füße auf der Tischkante.

Mit mangelnder Höflichkeit hat das nichts zu tun. Seit bald zehn Jahren lebt Sierra nicht mehr in Madrid, wo er geboren wurde, sondern im 20-Millionen-Moloch Mexiko-Stadt, wo sich die Gettos über endlose Kilometer erstrecken und die Reichen ihre Anwesen mit Elektrozäunen sichern müssen. In dieser Umgebung ist Sierra das Verständnis für gehobene Lebensart abhanden gekommen. Es kam schon vor, dass er bei Vernissagen mit den Speditionsarbeitern revolutionäre Lieder sang, statt Sammlern die Hand zu schütteln.

"Die Europäer haben keine Ahnung von der sozialen Realität", sagt der 38-Jährige. "Sie leben in einem überdimensionalen Themenpark - es ist wie Disneyland. Doch die meis-ten Menschen auf der Erde existieren unter furchtbaren Umständen." Man müsse nur nach Guatemala schauen: "Dort kostet eine Prostiuierte genau einen Dollar."

In seinen Foto- und Videoarbeiten entnimmt Sierra Stichproben aus dem anonymen Elend. Seine Versuchsanordnungen sind von fast wissenschaftlicher Nüchternheit. Meist erklären die Titel schon den ganzen Vorgang: "250 cm lange Linie auf sechs bezahlte Personen tätowiert" heißt eine Arbeit aus dem Dezember 1999. Sierra zahlte arbeitslosen Kubanern in Havanna jeweils 30 Dollar, damit sie sich nebeneinander aufstellten und sich eine durchgehende horizontale Linie auf den Rücken tätowieren ließen. Was der Titel nicht erzählt: Für diese sechs war es ein Glückstag. "Es gab so viele Bewerber, dass es eine kilometerlange Linie hätte werden können."

Kubanische Verhältnisse: Selbst wer Arbeit hat, verdient durchschnittlich umgerechnet 9 Dollar im Monat; der kubanische Peso ist nahezu wertlos, die meisten Dinge des täglichen Bedarfs müssen in harter US-Währung bezahlt werden. Nur einem gut situierten Europäer kann deshalb die Frage einfallen, wie man denn für 30 Dollar die Verletzung seiner Würde in Kauf nehmen könne. "Es ist alles eine Frage des Preises", sagt Santiago Sierra. "Die Menschen verkaufen sich, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt."

Die Protokolle von Sierras Aktionen lesen sich wie Börsenberichte des Menschenwerts: In New York heuerte er Arbeiter an, die sich 50 Tage lang jeweils vier Stunden in einen Pappkarton sperren ließen - er bezahlte ihnen den gesetzlich vorgeschriebenen Mindeststundenlohn von 10 Dollar. In Venedig ließ er während der Biennale 2001 etlichen illegalen Einwanderern für umgerechnet 60 Dollar die Haare blond färben, damit sie "europäischer" aussahen. In Puerto Rico ließen sich zwei Junkies einen Streifen in ihr Haar rasieren - und wurden in ihrer eigenen Währung bezahlt: Jeder bekam einen Schuss Heroin.

Santiago Sierras Werk ist von existenzieller Dunkelheit - ein Bilderbuch der Demütigungen, das in seiner Wucht und seiner Kälte an Francisco de Goya erinnert. Allerdings fehlt ihm jede Opulenz, die Arrangements sind karg, eine Faszination für rationale Formen scheint hindurch - von der (tätowierten) geraden Linie bis zum Kubus, der als Pappkarton auftaucht.

Als junger Mann sah Sierra in den achtziger Jahren eine Ausstellung der Kollektion des Grafen Panza di Biumo in Madrid: Werke der Minimal Art von Donald Judd, Robert Morris, Carl Andre. "Sie waren das Schönste, was ich je gesehen hatte." Die Reinheit der verknappten Formen beeindruckte ihn, ebenso der Geist der Geometrie, "der mit seinem wissenschaftlichen Selbstbewusstsein auch eine Ahnung von Macht vermittelte". Sierra studierte Kunst, zuerst in Madrid, dann an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg.

Er träumte von Arbeiten, die die Klarheit einer Donald-Judd-Installation besitzen. Doch etwas störte ihn auch an den Vorbildern: "Mir wurde klar, dass die Vertreter der Minimal Art jeglichen sozialen Zusammenhang ausblendeten. Sie machten Kunst für eine perfekte Welt. Nur leider ist unsere Welt alles andere als perfekt." Sierra entdeckte die dokumentarischen Arbeiten des deutschen Politkünstlers Hans Haacke - ein willkommener Gegenpol zu Judd. "Meinen Platz wollte ich in der Mitte zwischen beiden finden."

Im Jahr 1991 war in einer Halle des Hamburger Kampnagel-Geländes seine erste große Installation zu sehen: "Zwei je 1200 x 200 x 200 cm große Industriecontainer ". Die Plastikplanen der "Jeschke Spedition", welche die Container angeliefert hatte, wurden nicht entfernt. Der Kunstraum verlor seine Aura und erinnerte an eine Lagerhalle. Und das war erst der Anfang - in den folgenden Jahren entwickelte Sierra einen brutalen Minimalismus aus dem Geist der Baustelle. Er ließ Arbeiter mit Presslufthämmern Rechtecke aus der Straße herausschlagen (Madrid 1992), formte Zylinder aus Plakaten, die er von Hausfassaden abgerissen hatte (Madrid 1994) und ließ Schalungsplatten im Museum aufstellen (Barcelona 1995). Die Sphären von Kunst und körperlicher Arbeit waren nicht länger getrennt.

Mitte der neunziger Jahre verbrachte Sierra zwei Monate in Mexiko-Stadt - und beschloss, zu bleiben. "Madrid langweilte mich, und in Mexiko-Stadt gab es eine vitale, offene Kunstszene." Außerdem interessierte ihn die Metropole als Spiegel der Welt mit all ihren krassen sozialen und ethnischen Konflikten: "Man kann in dieser Stadt im Bus von Zürich nach Äthiopien fahren."

Sierras künstlerische Arbeit radikalisierte sich: "In Mexiko musste ich lauter sprechen." Im Mai 1998 bezahlte er zum ersten Mal einen Menschen dafür, dass er sich einen irreparablen körperlichen Makel zufügen ließ: Einem Mexikaner, der "keine Tätowierungen hatte und eigentlich auch keine haben wollte", ließ er eine 30 Zentimeter lange vertikale Linie auf den Rücken tätowieren und bezahlte ihm dafür 50 Dollar. Nicht nur irgendeine Arbeit - sondern ein bedeutender Schritt. Sierra hatte eine Grenze überschritten, die bis dahin für Künstler tabu war.

Traditionell steht die Kunst unter dem Postulat der eigenen Unschuld. Ob Pablo Picasso das Antikriegsbild "Guernica" malte oder Joseph Beuys 7000 Eichen pflanzte - die Kunst sah sich selbst auf der guten Seite und war im Zweifelsfall Teil der Lösung. Sierra macht sich absichtlich zum Teil des Problems. Er selbst ist der Ausbeuter, den er bekämpft, er zeigt nicht nur Leid, sondern verursacht auch welches: Das Bild wird identisch mit der Wirklichkeit. Und im Namen der Kunst Menschen zu demütigen und ihre körperliche Unversehrtheit zu verletzen, das ist ohne Zweifel zynisch.

Sierra legt allerdings Wert darauf, dass es unser aller täglicher Zynismus ist. "Ich folge nur den allgemein akzeptierten Regeln der Gesellschaft", sagt er. "Ich kaufe Menschen und zahle ihnen die in ihrem Land üblichen Löhne." Sierra will die gesellschaftlichen Verhältnisse in den Raum der Kunst übersetzen - "dort kann ich wenigstens für etwas Irritation sorgen". Wer Benefiz-Aktionen mache oder Eichen pflanze, der wolle sich selbst als guten Menschen präsentieren - "Ich will aber nicht, dass meine Kunst von mir handelt. Sie soll von den Verhältnissen erzählen."

Der tiefe Zynismus von Sierras Arbeiten kann nur durch einen noch tieferen Moralismus gerechtfertigt werden. Die Kunst wird zum letzten Ort, der Ausbeutungsverhältnisse noch sichtbar machen kann, nachdem theoretische Kritik und politische Bewegungen versagt haben. Ähnlich wie bei seiner mexikanischen Kollegin Teresa Margolles (art 7/2004), die Totenkult und Leichenwäsche in den Kunstraum holt, wird das Museum bei Sierra zur Stätte der Offenbarung. Dass darin auch eine erhebliche Anmaßung liegt, quittiert er mit dem fatalistischen Satz: "Ich bin nun einmal Künstler. Ich kann nichts anderes machen."

Das moralische Dilemma dieser Werke beschäftigt jeden, der sie sieht - ihrem Erfolg tut es keinen Abbruch. Sierras schlechte Nachrichten werden in Europa mit großem Interesse aufgenommen. Bei kaum einer Großausstellung fehlt er, bei der Biennale 2003 in Venedig vertrat er Spanien, zuletzt wurde sein Werk im Düsseldorfer "NRW-Forum Kultur und Wirtschaft" gezeigt. Sierra ist, irritierend genug, salonfähig geworden.

Zunehmend wird er von europäischen Galerien und Museen eingeladen. Seine dabei entstandenen Auftragsarbeiten sind leichter, manchmal fast heiter: Sie zeigen Sierra als Regisseur eines absurden Theaters. Aus der Eröffnung der neuen Londoner Lisson Gallery im September 2002 machte Sierra eine demonstrative Schließung, indem er die Galerie für drei Wochen mit Wellblech versperrte. Bei der Venedig-Biennale 2003 ließ er den Eingang des spanischen Pavillons zumauern und postierte am Hintereingang ein paar Uniformierte, die nur Inhabern eines spanischen Passes Zutritt gewährten.

Das Kunst-Establishment, dem sonst kaum irgendwo der Zugang versperrt ist, reagierte pikiert. Und Sierra hatte ganz nebenbei die Idee der Nation ad absurdum geführt: Die Spanier waren im leeren Pavillon unter sich - gefangen in der eigenen nationalen Identität.

Im April dieses Jahres erfand Sierra in Bregenz eine ganz neue Form des Museums - eines, für das Besucher eine Belastung sind (art 5/2004). Im dritten Stock des Kunsthauses Bregenz ließ er 292 Tonnen Betonziegel zu kubischen Formen auftürmen. Durch provisorische Stützen wurde das Gewicht über das ganze Gebäude verteilt. Ab 300 Tonnen Belastung wäre das Gebäude nach den offiziellen statischen Berechnungen einsturzgefährdet gewesen - die fehlenden acht Tonnen wären bei etwa 100 Zuschauern erreicht. Am Eingang stand ein Zähler, und man betrat das Gebäude mit dem unguten Gefühl, nicht erwünscht zu sein.

Wenn Santiago Sierra von diesen subversiven Vorstößen in die heiligen Hallen der Kunst erzählt, ist auf seinem Gesicht keine Schadenfreude zu entdecken. Zwar nimmt er an jeder Aktion persönlich teil, wenn es geht. "Auch ich bin schließlich ein Voyeur." Aber über die Gefühle und Gedanken, die ihn beim Gucken beschleichen, spricht er prinzipiell nicht - gerade dann, wenn an der Aktion Menschen beteiligt sind. "Wenn ich sagen würde, was ich fühle, würde das meine Arbeit zerstören."

Galeriekontakt: Galerie Peter Kilchmann, Zürich, www.kilchmanngalerie.com; Lisson Gallery, London, www.lisson.co.uk Ausstellung: bis 12. Dezember, Museum Dhondt-Dhaenens, Deurle, Belgien

Sierra hält sich an die Stundenlöhne, die im jeweiligen Land üblich sind: "Ich folge nur den Regeln der Gesellschaft"

Von künstlerischen Benefiz-Aktionen hält Sierra nichts: Er will sich nicht als guten Menschen präsentieren, "sondern von den Verhältnissen erzählen"

Mitte der Neunziger ging Sierra von Madrid nach Mexiko: "Dort musste ich lauter sprechen"

Die Welt zu verändern, traut Sierra der Kunst nicht zu: "Ich kann höchstens ein bisschen für Irritation sorgen"

Bild(er):

Bild: "Eine für 360 fortlaufende Arbeitsstunden bezahlte Person" im P.S.1 Contemporary Art Center, New York, September 2000. Sierra teilte den Raum mit einer Ziegelmauer; die Person, die dadurch eingeschlossen wurde, bekam ihr Essen durch eine Öffnung am Boden. Der Mann blieb zwei Wochen lang in dem Raum eingesperrt - für einen Stundenlohn von 10 Dollar

Bild: "10 Zoll lange Linie, auf die Köpfe zweier Junkies rasiert, die mit einem Schuss Heroin bezahlt wurden", San Juan de Puerto Rico, Oktober 2000. Die Aktion fand in der Altstadt statt, wo Heroinsüchtige Bewohner und Touristen anbetteln

Bild: "133 Personen, die dafür bezahlt wurden, sich ihr Haar blond färben zu lassen", Venedig, Juli 2001. Während der Biennale sprach Sierra Einwanderer an und färbte ihr Haar für umgerechnet 60 Dollar "europäisch" blond

Bild: "160 Zentimeter lange Linie, auf vier Personen tätowiert", Salamanca, Spanien, Dezember 2000. Sierra heuerte vier drogensüchtige Prostituierte an und bezahlte jeder von ihnen für das Tätowieren einer Linie einen Schuss Heroin, der in Spanien umgerechnet knapp 70 Dollar kostet

Bild: "Polyurethan auf die Rücken von 10 Arbeitern gesprüht", Lisson Gallery, London, Juli 2004. Für diese Aktion heuerte Sierra irakische Einwanderer an. Sie wurden mit Spezialkleidung geschützt, dann wurde der Schaumstoff aufgesprüht; zurück blieb eine Skulptur

Bild: "Arbeiter, die nicht bezahlt werden dürfen, entschädigt für das Sitzen in Pappkartons", Kunst-Werke, Berlin, September 2000. Sechs tschetschenische Flüchtlinge saßen sechs Wochen lang vier Stunden täglich in Kartons

Bild: "Objekt mit den Maßen 600 x 57 x 52 cm, konstruiert, um horizontal an die Wand gehalten zu werden", Galerie Peter Kilchmann, Zürich, April 2001. Sierra bezahlte politischen Flüchtlingen aus verschiedenen Ländern jeweils 20 Schweizer Franken pro Stunde - etwa 12 Dollar

Bild: "Zwei je 1200 x 200 x 200 cm große Industriecontainer", Kampnagel, Hamburg, Dezember 1991. Zwei Frachtcontainer wurden in die Galerie gestellt, inklusive der Plastikplanen

Bild: "300 Tonnen", Kunsthaus Bregenz, Österreich, April 2004. Oben: Santiago Sierra (links) im obersten Geschoss, wo 292 Tonnen Betonziegel aufgehäuft wurden. Mitte: provisorische Stützen, die das Gewicht über das ganze Gebäude verteilten. Unten: der Zähler am Eingang. Ab 100 Besuchern galt das Haus als einsturzgefährdet

Bild: "Mauer um einen Raum", Biennale Venedig, Juni 2003. Den inneren Raum des spanischen Pavillons ließ Sierra zumauern, am Hintereingang erhielten nur Spanier Einlass

Bild: "Mit Wellblech verschlossener Raum", Lisson Gallery, London, September 2002. Zur Eröffnung der neuen Galerie verschloss Sierra den Raum für drei Wochen