Ausgabe: 11 / 2004
Seite: 126-141

Der Himmel, das Land und der Stahl

Von Ute Thon Dirk Reinartz

"Te Tuhirangi Contour" heißt Richard Serras riesige Skulptur in den Hügeln über Kaipara Harbour, Neuseeland. Wir zeigen das über 250 Meter lange Band von Stahlplatten in einem Portfolio des langjährigen Serra-Freundes und art-Fotografen Dirk Reinartz. Es war seine letzte große Arbeit

Seit 25 Jahren hat Dirk Reinartz die Skulpturen von Richard Serra in aller Welt dokumentiert. Seine Schwarzweiß-Aufnahmen lassen das immense Gewicht und die wunderbare Leichtigkeit der Stahlkolosse spürbar werden. Wie kein zweiter hat der Fotograf das Bild von Serras Werk geprägt - so wie er mit über 400 Künstlerporträts auch das Kunstmagazin art über die Jahre geprägt hat. Unsere New Yorker Korrespondentin Ute Thon sprach mit Richard Serra über seine Skulptur "Te Tuhi-rangi Contour" und über die Zusammenarbeit mit Dirk Reinartz, der im März dieses Jahres überraschend gestorben ist.

art: Herr Serra, Sie haben vor zwei Jahren eine spektakuläre Außenskulptur in Neuseeland vollendet. "Te Tuhirangi Contour" schlängelt sich als sechs Meter hohe Stahlwand einen Viertelkilometer durch die unberührte Landschaft. Hat der Titel eine besondere Bedeutung?

Richard Serra: "Tuhirangi" ist der Name der Gegend in Neuseeland. Das Wort bezieht sich meines Wissens auf eine alte Sage der Ureinwohner, die sich von Delphinen den Weg weisen ließen. Mit "Contour", englisch für Höhenlinie, beschreibe ich die Form, die einer topografischen Höhenlinie folgt.

Wie kam das Projekt zustande?

Alan Gibbs, ein brillanter neuseeländischer Geschäftsmann, ist dabei, eine riesige Plantage in einen privaten Skulpturenpark zu verwandeln. Vor etwa zehn Jahren trat er mit der Bitte an mich heran, dafür eine Skulptur zu entwerfen. Das Gelände ist atemberaubend in seiner Ursprünglichkeit, dicht bewachsen mit subtropischer Vegetation. Wenn dort ein Dinosaurier aus dem Wald liefe, käme einem das nicht mal komisch vor. Mir gefiel die Landschaft sofort, doch irgendwie war sie auch so überwältigend, dass mir zunächst nichts Richtiges einfiel. Nach meinem zweiten Besuch fertigte ich ein großes topografisches Modell von einer Wiese an, die mir als Standort geeignet schien. Aber erst sechs Monate später kam mir die Idee, einfach einer der Höhenlinien zu folgen. Die Wiese liegt an einem hügeligen Abhang, der von links nach rechts in Wellen ansteigt. Indem ich mich an einer Höhenlinie orientiere, bleibt die Skulptur geografisch immer auf derselben Ebene, in Bezug zum Betrach-

ter aber auf verschiedenen Ebenen, weil man sie beim Umwandern entweder von weiter unten oder von höher gelegenen Hügeln sieht. Das Werk hat also eine eingebaute Logik wie eine Autobahn, die die Fahrzeuge immer auf derselben Ebene hält. Außerdem wollte ich, dass die Stahlplatten lotrecht zum Gefälle stehen, das heißt, wenn man sich direkt über der Skulptur befindet, kippt sie weg und beim Meandern durchs Gelände neigen sich die Platten einander zu.

Was sagte Gibbs zu Ihrer Idee?

Zuerst war er zögerlich, besonders was das Material anging. Er wollte aus ökonomischen Gründen lieber Beton als Stahl. Doch das hätte dem Werk eine unpassende Ausstrahlung verliehen.

Die Berliner Mauer in Neuseeland?

Und stellen Sie sich das im Urwald vor! Ich machte Gibbs also den Vor-schlag, an Ort und Stelle ein maßstabsgerechtes Modell aus Holz und Teerpappe zu errichten. Gibbs lehnte zunächst ab. Also flog ich zurück und dachte, das Projekt sei gestorben. Ein paar Tage später rief er mich jedoch an und sagte, er habe es sich anders überlegt. Also flog ich wieder zurück - nicht gerade ein Katzensprung - und errichtete mit einer exzellenten Maori-Crew eine Attrappe des gesamten Werks. Das waren zwei Wochen harte Arbeit, aber dann hatten wir eine klare Vorstellung von der Wirkung. Als Gibbs dieses Modell sah, war er komplett überzeugt und gab mir grünes Licht.

Bei der Realisierung gab es dennoch unvorhersehbare Komplikationen.

Von der Idee bis zur Fertigstellung vergingen über vier Jahre. Nachdem die Stahlelemente in Siegen hergestellt worden waren, wurden sie zum Transport auf ein Frachtschiff geladen. Dummerweise lud der Kapitän zu viele Platten aufeinander, sie kamen ins Rutschen und zerbrachen. So mussten wir viele Teile neu herstellen. Das hat uns ein ganzes Jahr zurückgeworfen. Bei der Installation stand mir dann Ernst Fuchs, ein fähiger deutscher Ingenieur, zur Seite. Das war nochmal eine große Anstrengung. Wir saßen wochenlang im Schlamm fest. Ohne den Enthusiasmus von Gibbs und ohne seine Weitsicht hätten wir es nie geschafft. Er besorgte uns die besten Handwerker in Neuseeland. So war die Arbeit am Ende nicht nur effizient, sondern auch erfreulich. Das erlebt man nicht alle Tage mit seinen Auftraggebern.

Ist "Te Tuhirangi Contour" ihr bislang größtes Projekt?

Ja, zumindest was die Dimensionen der Skulptur betrifft. Flächenmäßig ist "Afangar", meine Installation in Island, wohl die größte Arbeit. Dort sind die einzelnen Stahlelemente über eine ganze Insel verstreut. Dieses Werk hat Dirk Reinartz übrigens auch fotografiert. Damals hat er gelernt, meine Arbeiten mit seinem eigenen Blick zu sehen. Seine ersten Fotos von "Afangar" gefielen mir nicht. Ich hatte das Gefühl, dass er die isländische Landschaft zu sehr ro-mantisiert, so im Stil von "National Geographic". Dirk verstand, was ich meinte. Er flog noch einmal nach Island und fotografierte das Werk diesmal mit unverstelltem Blick.

Wie reagierte Reinartz, als er "Te Tuhirangi-Contour" zum ersten Mal sah?

Er war total begeistert. Wir verbrachten Stunden um Stunden, um die Skulptur zu umwandern. Dirks Hauptmaterial ist Licht. Er blieb Tag und Nacht draußen und fotografierte bei verschiedensten Lichtverhältnissen. Die meisten Bilder schoss er in der Zeitspanne von zwei Stunden vor bis kurz nach Sonnenuntergang. Mir war es auch sehr recht, dass er in Schwarzweiß fotografierte. Farbfotografie erzeugt eine Künstlichkeit und emotionale Wirkung, die der Form entgegensteht. Dirks Schwarzweiß-Bilder dokumentieren dagegen die Künstlichkeit der Form, ohne sie mit dem Dekor der Farbe zu überdecken.

Wie haben Sie sich eigentlich kennen gelernt?

Wir trafen uns vor etwa 25 Jahren in Alexander von Berswordts "Galerie m" in Bochum. Irgendwie müssen wir uns wohl gesucht und gefunden haben. Jedenfalls verstanden wir uns auf Anhieb, und von da an fotografierte er fast alle meine Arbeiten. Über die Jahre verbrachten wir viel Zeit zusammen, reisten gemeinsam durch Amerika, Island und Neuseeland. Erst vor kurzem waren wir noch zusammen in Neapel. Sein plötzlicher Tod ist ein enormer Verlust für mich. Ich habe nicht nur einen engen Freund verloren, sondern mein zweites Auge. Ich werde mein Werk in zwei Phasen einteilen müssen, die Arbeiten, die mit Dirks Blick entstanden und alle, die danach kommen.

Was war am fotografischen Blick von Reinartz so besonders?

Er nahm die Umgebung zur Kenntnis, verklärte sie aber nicht, sondern hielt kritische ästhetische Distanz. Und er begriff meine Arbeiten im Kontext zu ihrer Umgebung. Ein gutes Beispiel ist das Foto mit den beiden Personen, die dort in der Landschaft sitzen und die Skulptur betrachten. Das Bild könnte nicht typischer für Neuseeland sein, es hat fast schon etwas klischeemäßiges, wie eine Reklame für Gartenmöbel oder für Briten beim Picknick. Das ist eine subversive Kritik an der Umgebung des Kunstwerks, während er nüchtern draufhält.

Sehen Sie Reinartz als Künstler?

Dirk war an der Künstlerrolle nicht interessiert. Er sah, was er sah und wollte das beste Foto davon machen. Er hegte sogar eine gewisse Verachtung für die Sorte Fotografen, die ihren Künstlerstatus wie ein Banner vor sich hertragen und in Wirklichkeit nur einfältige Knipser sind. Das heißt nicht, dass er nicht eine große Liebe zur Fotografie besaß. Er hatte nur das Gefühl, dass sich die Kunstwelt vielleicht ein bisschen zu sehr an der Fotografie berauscht. Entscheidend ist, dass die Art und Weise, wie Dirk meine Arbeiten fotografierte, Teil seines Werks wurde und ich davon lernte, mit anderen Augen auf meine eigenen Arbeiten zu schauen.

Literatur: Richard Serra/Dirk Reinartz: "Te Tuhirangi Contour", Steidl Verlag, 76 S., 41 Abb., 28 Euro

"Irgendwie müssen wir uns gesucht und gefunden haben - wir verstanden uns auf Anhieb"

Bild(er):

Bild: Der Bildhauer und sein "zweites Auge": Richard Serra und Dirk Reinartz (rechts)

Bild: Ehrung für den Freund: "Dirk's Pod" nannte Richard Serra seine beschwingte Arbeit für den Novartis-Campus in Basel. Sie besteht aus fünf je 58 Tonnen schweren und 5,10 Meterhohen Elementen. Der vieldeutige Titel "Pod" kann einen ins Meer ragenden Felsen meinen - oder eine Walschule