Ausgabe: 05 / 2005
Seite: 12-13

Schlammschlacht

Von

Der spanische Künstler Santiago Sierra, 38, ist als schonungsloser Choreograf gesellschaftlicher Ausbeutungsszenarien bekannt. Für mehrere Wochen okkupierte er jetzt das Erdgeschoss der Kestnergesellschaft Hannover mit tonnenweise Schlamm. Die Arbeit "Haus im Schlamm" soll an die Aushebung des Maschsees in Hannover zwischen 1934 und 1936 durch 1650 unterbezahlte "Notstands-Arbeiter" erinnern - Sinnbild einer unsinnig aufwändigen Arbeitsbeschaffungsmaßnahme in Zeiten höchster Arbeitslosigkeit. Sierra, der die Darsteller seiner Inszenierungen sonst bezahlt (art 11/2004), machte hier die Ausstellungsbesucher zu den Akteuren der begehbaren Installation. Diese sollten den Schlamm an ihren Füßen in die völlig leeren Räume der oberen Etage und nach außen tragen. Es kam aber anders: Die Besucher wühlten im Schlamm oder schmierten Herzen an die Wände. Der Künstler äußerte sich empört und ergriff sogleich Maßnahmen gegen den Missbrauch: Das Aufsichtspersonal wurde verstärkt und neuer Schlamm nachbestellt.

Bild(er):

Bild: Matschige Realität: Mit 320 Kubikmetern Schlamm holt Santiago Sierra den Schmutz der Wirklichkeit in die Kestnergesellschaft Hannover - und undisziplinierte Besucher