Ausgabe: 07 / 2001
Seite: 64-71
Arbeiten am Design des eigenen Lebens
Von Frank Nicolaus
Porträt / Er war Wohnungsmakler, Kommunen-Gründer, Pferdezüchter. Dann begann Alexander von Vegesack, Stühle zu sammeln - und wurde doch noch sesshaft. Heute leitet er mit dem Vitra-Museum eines der weltweit angesehensten Häuser für Design / Foto: Boris Schmalenberger
Da ist einer, der fliegt noch vor der Mittleren Reife vom Gymnasium, bricht eine anschließende Banklehre schon nach wenigen Monaten wieder ab und hat dann ein paar Jahre lang permanent Ärger mit dem Ordnungsamt und der Polizei. Was macht so einer aus dem langen Rest seines Lebens? Vielleicht wird er ein Experte im Scheitern. Oder er resigniert und unterdrückt seine innere Unruhe bis zur Bewegungslosigkeit.
Alexander von Vegesack fand einen anderen Weg. Er verlegte sich tatkräftig aufs Gelingen. Der 56-jährige Direktor des hochgerühmten Vitra Design Museums in Weil am Rhein sitzt nicht in seinem Büro - er thront. Seine herrschaftliche Haltung hat weder etwas mit seiner Körpergröße von 196 Zentimetern noch mit dem Design seines Stuhls zu tun. Alexander von Vegesack würde auch auf einem Hocker thronen - denn er freut sich einfach königlich. Jeden Tag kann er in seinem Reich die Passionen und Begabungen ausleben, die ihn seit seiner Jugend in Atem halten: seinen Sammlertrieb, seinen Tatendrang, sein Organisationstalent und die Fähigkeit, die richtigen Menschen zur richtigen Zeit für seine Ideen zu begeistern. Mit diesen Tugenden hat er das Weiler Design-Museum von einer eher regionalen Attraktion zur weltweit bekannten Institution gemacht.
Aufgetürmte Spiralen und verkeilte Kuben: Schon das Museumsgebäude, Ende der achtziger Jahre vom kalifornischen Star-Architekten Frank O. Gehry, 72, entworfen, ist einen Besuch wert. In vier hohen Räumen, verteilt auf zwei Etagen, sind Meisterwerke des Designs ausgestellt: Tische, Schränke, Lampen, vor allem aber Stühle. Die Sammlung umfasst mehrere Tausend Objekte von Designern und Architekten von Michael Thonet und Henry van de Velde bis Shiro Kuramata und Philippe Starck. Alle wichtigen Epochen und Stilrichtungen sind vertreten - vom Beginn der industriellen Massenproduktion über die Entwürfe der funktionalistischen Moderne bis zu den postmodernen Möbelskulpturen.
Sein Leben, sagt Alexander von Vegesack, sei "immer für eine Überraschung gut". Keine Übertreibung: Jahrelang hauste er in Fabrikhallen, schlief auf LKW-Ladeflächen oder biwakierte in Wäldern. Die Umwege, die ihn nach Weil führten, sind für ihn Elemente seines biografischen Designs. "Im Rückblick verstehe ich sie als vorbereitende Lektionen für meine Museumsarbeit", erklärt er. Seine erste Lektion handelte von der ansteckenden Wirkung guter Ideen - und von amtlicher Engstirnigkeit.
Wenig Taschengeld, viel Hausaufgaben: Der Teenager Alexander, Untertertianer an einem Düsseldorfer Gymnasium, hatte den Unterricht satt. Er beschloss, nicht mehr für die Schule, sondern nur noch fürs Leben zu lernen. 1960 gründete er, gerade 15 Jahre alt, einen Schülerschnelldienst. Schon bald jobbten mehr als 80 Pennäler für seine "Firma"; sie putzten Fenster und Silberbestecke, erledigten Einkäufe und kleinere Umzüge.
Die örtliche Presse widmete dem Unternehmergeist des Fünfer-Schülers Alexander mehrere Spalten Jubel. Doch dann wachte in der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit ein Beamter auf. Der Schülerschnelldienst müsse aufgrund seiner "Monopolstellung" sofort aufgelöst werden, hieß es. Der junge Chef protestierte. Die Bundesanstalt setzte den Direktor des Düsseldorfer Gymnasiums unter Druck. Alexander von Vegesack wurde schließlich der Lehranstalt verwiesen. Er frohlockte - zu früh: Sein Vater, ein Bankangestellter, ließ ihn per Machtwort eine Lehre in einem Hamburger Kreditinstitut antreten. Dem Lehrling stank jedoch das Geldgeschäft, er organisierte lieber Ausstellungen für ein vietnamesisches Künstlerpaar. Nach sechs Monaten hatten seine Vorgesetzten ein Einsehen und entließen ihn. So früh vom bürgerlichen Bildungsweg abgekommen, übernahm Alexander von Vegesack seine Ausbildung nun selbst.
Direktor von Vegesack eilt durch die Gänge seines Museums. Es sind noch so viele Kontakte zu knüpfen, noch so viele Pläne zu verwirklichen, und die Zeit ist immer zu knapp. Außerhalb seines Büros wirkt er wie ein Gast im eigenen Haus. Seine Blicke forschen en passant jede Ecke aus, als gäbe es ständig und überall etwas Neues zu entdecken. An einer weißen Wand hängt eines der zahlreichen Paradestücke seiner Kreativität: ein großer Schaukasten mit etlichen Miniatur-Stühlen. Um das Budget aufzubessern, ließ er 1992 die ersten kleinen Design-Modelle in polnischen Handwerksbetrieben produzieren. Mittlerweile vertreibt das Museum jährlich über 30000 der 70 verschiedenen, bis zu 700 Mark teuren Mini-Möbel in alle Welt. Zusätzliches Geld bringt der Verkauf von in Originalgröße reproduzierten Design-Klassikern, darunter Wanduhren von George Nelson oder Kleiderhaken von Charles Eames.
Dank der unternehmerischen Findigkeit des Direktors erwirtschaftet das Museum über die Hälfte seiner Gesamtkosten selbst. Alexander von Vegesack: "Ohne Mut und Fantasie läuft gar nichts." Zu dieser Erkenntnis haben ihm seine frühen Erfahrungen in Hamburg verholfen.
In der Hansestadt trat er Ende der sechziger Jahre wie ein junger Freibeuter auf, mit seinem Vollbart, seiner stattlichen Statur und seinen verwegenen Plänen. Zunächst versuchte er sein Glück als Wohnungsmakler, wollte auch ein Heim für ledige Mütter eröffnen. Doch das Projekt platzte, ihm blieben nur Schulden. 1970 bezog er mit Freunden, Enten, Hühnern und einer Bergziege eine leerstehende Fabrik im Stadtteil Altona und gründete den Künstlerclub "Fucktory".
In der Vegesack-Kommune schlief man kreuz und quer auf Matratzen, lebte von Luft und Liebe und spannenden Ideen. Der blaublütige Chefkommunarde Alexander wurde schnell stadtbekannt, auch bei der Polizei. Gemeinsam mit Künstlergruppen aus dem europäischen und amerikanischen Underground inszenierte er in der Fabrikhalle provokante Theaterstücke, schwarze Messen, gar einen Hexensabbath. Das Feuilleton lobte ihn bundesweit in Superlativen. Die hanseatischen Ordnungshüter aber sahen Gefahr in Verzug. Am 15. Juli 1974 berichtete das "Hamburger Abendblatt", dass Polizisten und Beamte vom Wirtschafts- und Ordnungsamt immer wieder Anlass fänden, "dieses Etablissement, in ihren Augen mehr Lasterhöhle als Musentempel, vorübergehend zu schließen".
In jenen wilden Jahren knüpfte Alexander von Vegesack erste Kontakte zur französischen Kulturprominenz. Damals überführte er neue Porsche-Wagen nach Paris und stellte sich den wohlhabenden Kunden als "Fucktory"-Tausendsassa vor. Er imponierte und konnte prompt in seiner Fabrik eine deutsche Premiere zeigen: eine Ausstellung mit dem modernen Möbeldesign der französischen Gruppe "Atelier A".
Der gebürtige Freiherr und selbst ernannte Freibeuter wurde salonfähig. Gegen seinen Willen. Als die Stadt Hamburg ihn offiziell mit Aktionen zur "kulturellen Belebung der City" beauftragte, wusste er, dass es höchste Zeit für einen Orts- und Imagewechsel war. Im Herbst 1976 kehrte er dem Hamburger Schmuddelwetter den Rücken und zog - immer noch nahezu mittellos - in den sonnigen Süden, nach Andalusien. Dort erschloss er für einen Reiseveranstalter eine Pferdetreck-Route. Ein Jahr später machte er sich im südfranzösischen Departement Landes als Pferdezüchter selbständig und zog ein eigenes Tourismusunternehmen auf. Gemeinsam mit den Urlaubern zockelte er im Planwagen durch Pinienwälder und über weite Dünen, saß mit Gauklern am Lagerfeuer und badete im Atlantik. "Es war die schönste Zeit meines Lebens", sagt Museumsdirektor Alexander von Vegesack mit mehr Sehnsucht als Wehmut in der Stimme.
In Spanien hatte er begonnen, alte Bugholzmöbel von Thonet zu sammeln. In Frankreich wurde die Liebhaberei zur Leidenschaft. Bald füllten seine billig erworbenen Schätze mehrere Lager. Seine Umwege näherten sich dem Ziel. 1980 meldeten sich aus Paris alte Bekannte: Das Centre Pompidou bereitete die Design-Ausstellung "Bois Courbe" vor; Monsieur von Vegesack wurde als Berater angeworben. Es folgten schnell ähnliche Engagements in Europa und den Vereinigten Staaten. Bald gehörte der adlige Sammler zu den gefragtesten Experten für Design. Von 1982 bis 1986 richtete er im Museum in Boppard am Rhein eine Thonet-Abteilung ein. Außerdem veröffentlichte er mehrere Design-Fachbücher und inszenierte Ausstellungen, unter anderem "Das Möbel als Architekturmanifest" (1986) im Wiener Museum für angewandte Kunst.
Wird er gefragt, worauf er besonders stolz ist, antwortet Alexander von Vegesack bündig: "Ich kann leicht Freunde gewinnen." Dieses Talent kam ihm zugute, als er Anfang der achtziger Jahre durch die USA reiste und in Los Angeles einen illustren Sammlerkollegen traf: Billy Wilder. Der legendäre Regisseur, der eine erlesene Kollektion von Bugholzmöbeln besaß, war mit Ray Eames befreundet, der Ehefrau und Arbeitspartnerin des 1978 gestorbenen Design-Doyens Charles Eames. Der begabte Autodidakt aus Germany wurde im Freundschaftsbund der Dritte. Einige Jahre später konnte er für das Weiler Museum den gesamten Eames-Nachlass erwerben.
Alexander von Vegesack hatte im Sommer 1986 in Los Angeles eine schicksalhafte Begegnung, stilecht im Bannkreis von Hollywood: Über Ray Eames lernte er Rolf Fehlbaum kennen. Der damals 45-jährige Geschäftsleiter des Büromöbelherstellers Vitra war zunächst nur an Vegesacks Schätzen interessiert; er erwarb 150 Objekte aus der Kollektion. Zwei Jahre später machte er dem freischaffenden Design-Experten ein neues Angebot. Diesmal ging es um den Aufbau einer Sammlung. Auf dem Vitra-Firmengelände in Weil entstand gerade eine neue Fabrikanlage. In einem Nebengebäude sollten - "in kleinem Rahmen" - Meisterwerke des Möbeldesigns ausgestellt werden. Alexander von Vegesack zierte sich zunächst. Dann stellte er eine Bedingung: Die Sammlung müsse in einem öffentlich zugänglichen Museum untergebracht werden - "in größerem Rahmen". Jetzt zierte sich Fehlbaum, gab aber schließlich nach. Im November 1989 wurde das Vitra Design Museum eröffnet (art 2/1990).
Der einstige Fünfer-Schüler Alexander von Vegesack ist mittlerweile ein Primus unter den deutschen Museumsdirektoren. Er praktiziert, was er unterwegs nach Weil gelernt hat, und der Betrieb läuft prächtig. 1990 kamen 35000 Besucher, im vergangenen Jahr waren es schon weit über 60000. In den ersten Monaten nach seinem Amtsantritt war der Direktor noch obdachlos und musste in einem Lkw übernachten; inzwischen besitzt er ein Haus im Elsass. Erfolg hat er - aber ist er auch glücklich? "Manchmal", sagt er, "wenn uns eine gute Ausstellung gelungen ist."
Bisher konnte er dreißig Mal diesen euphorischen Zustand genießen. Besondere Glücksfälle waren für ihn die Ausstellungen "Tschechischer Kubismus: Architektur und Design 1910- 1925"; "Afrikanische Sitze"; und "Die Welt von Charles & Ray Eames". Sechs bis acht vom Vitra-Museum konzipierte und organisierte Ausstellungen zirkulieren permanent weltweit und erreichen dabei etwa zweieinhalb Millionen Besucher pro Jahr.
Im Juli 2000 gelang Alexander von Vegesack ein Coup in Berlin: Im ehemaligen Bewag-Abspannwerk "Humboldt" eröffnete er die erste Dependance des Vitra Design Museums (art 7/2000). Weitere Dependancen will er in Mailand und Barcelona gründen.
Alexander Freiherr von Vegesack, vor zwei Jahren von der französischen Kulturministerin zum "Chevalier de l'Ordre des Arts et des Lettres" ernannt, thront wieder in seinem Büro. Neben ihm, in Griffnähe, steht ein opulenter Bildband über Südfrankreich im Bücherregal. Eine in Leinen gebundene Sehnsucht. Manchmal träumt der ehemalige Provokateur und Pferdezüchter davon, einfach abzudanken und zu seinen Umwegen zurückzukehren. "Keiner könnte mich aufhalten", sagt er, "denn ich habe bis heute keinen festen Vertrag mit dem Museum." Das Telefon klingelt: Die nächste Ausstellung muss vorbereitet werden. Alexander von Vegesack verschiebt seinen Traum wieder einmal auf morgen.
Adressen: Vitra Design Museum, CharlesEames-Straße 1,79576 Weil am Rhein, Tel. 0 76 21/7 02 35 78. Vitra Design Museum Berlin, Kopenhagener Straße 58, 10437 Berlin, Tel. 030/4737770. Ausstellung in Weil: noch bis 25. November 2001: Besessen! Auswahl von 260 Sitzmöbeln aus der Sammlung. Internet: www.vitra.com
Schule und Banklehre abgebrochen, Ärger mit Ordnungsamt und Polizei - der Beginn einer Karriere
Gebürtiger Freiherr, selbst ernannter Freibeuter: Salonfähig wollte der junge Mann nicht sein
Auf eine Fähigkeit ist Vegesack besonders stolz: "Ich kann leicht Freunde gewinnen."
Bildunterschrift: Ruhmeshalle des Möbeldesigns: eine Innenansicht des Vitra Design Museums, mit Verner Pantons "Living Tower" im Vordergrund links. Unten: das von Frank O. Gehry entworfene Museumsgebäude in Weil am Rhein / Die Dependance in Berlin wurde im Juli 2000 eröffnet: Cafe und Rezeption des Vitra Museums (rechts), Außenansicht des ehemaligen Abspannwerks "Humboldt" im Bezirk Prenzlauer Berg (unten) / Die Stühle-Sammlung bildet das Herzstück des Bestands im Vitra-Museum - kein Zufall. Fast alle großen Designer haben sich in der Königsdisziplin des Möbeldesigns betätigt und mindestens einen Stuhl entworfen /
