Ausgabe: 07 / 2000
Seite: 16-32

Großer Bahnhof für die Zukunft

Von Peter M. Bode Wolfgang Neeb

Für Architekten bietet eine Weltausstellung die Chance, ihre kühnsten Visionen Wirklichkeit werden zu lassen. Auf der Expo 2000 in Hannover ist die Aufgabe nicht so einfach: Jedes Projekt für die Zukunft, so die Vorgabe, muss Rücksicht nehmen auf die Bedürfnisse der Menschen, auf Traditionen - und auf die Ökologie / FOTOS: WOLFGANG NEEB

Brüssel hat sein Atomium, Paris den Eiffelturm - nur in Hannover fehlt ein Wahrzeichen. Also hat Birgit Breuel, die Chefin der Expo 2000, kurzerhand den "Pavillon der Hoffnung" des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) dazu erklärt. Ein Armutszeugnis. Das metaphorische Gebilde, der Gestalt eines Wals auf banalste Weise nachempfunden, ist zu klein und zu platt, um wirklich architektonischer Höhepunkt einer Weltausstellung zu sein. Obendrein liegt die gestrandete Imitation des Meeressäugers auch noch außerhalb des Schau-Geländes.

Einst waren Weltausstellungen Brutstätten der Innovation: In London 1851 wurde die Erfindung der Glasarchitektur gefeiert, Barcelona präsentierte 1929 die ästhetische Raffinesse des Pavillons von Ludwig Mies van der Rohe. Montreal hatte 1967 seine anmutigen Zeltdächer, Osaka 1970 seine pneumatische Architektur und Sevilla 1992 die technoide Eleganz der Expo-Brücke von Santiago Calatrava. Wer aber aus finanziellen Erwägungen vor allem an Hallenbauten interessiert ist, die nach der Expo an die Hannover-Messe weitergereicht werden können - der gibt keine Spielräume für Experimente frei. In Hannover triumphiert der Krämergeist über die Fantasie.

Das steckte an: Nachdem nicht einmal der Gastgeber bereit war, mit seinem Beitrag ein wagemutiges Zeichen für Aufbruch und Erneuerung zu setzen, hatten wohl auch die anderen Nationen keine rechte Lust mehr zu einem Wettstreit zukunftsträchtiger Ideen. Frankreich und Großbritannien begnügten sich mit flachen, ausdruckslosen Containerschachteln im Stil von Einkaufsmärkten auf der grünen Wiese. Auch die heutzutage übliche Multimedia-Inszenierung im Inneren verlieh den Zweckbauten kaum Pep: Was geboten wird, ist Standardware - zu erleben, zu fühlen, zu begreifen bleibt in all der virtuellen Wirklichkeit nicht viel. Anstatt mit realen Objekten einen Gegenentwurf zur Bilderflut aus Computer, Internet, Video und TV zu präsentieren, bleibt es in Hannover meist bei der Wiederholung des längst Bekannten.

Auch die Regisseure des deutschen Pavillons scheinen immer noch zu glauben, dass bewegte Bilder nach wie vor attraktiv genug sind, die gewünschten Botschaften zu transportieren. Dummerweise geht der Halle dabei jedoch gerade das verloren, was sie von der Konkurrenz angenehm unterscheiden könnte: ihre Transparenz. Wer fernsehen will, macht das große Licht aus - um also Dunkelheit für die kreisenden Videomonitore der so genannten Post Show herzustellen, mussten die konkaven Glasfassaden des Pavillons mit schweren Textilien verhängt werden. Das ist absurd! Zudem wird jeder Rest von Offenheit erdrückt durch den mächtigen Betonklotz des Totalkinos, der in den Großraum ragt. Nur an der dem zentralen Expo-Platz zugewandten Seite ist Einblick ins Innere möglich, doch hier verstellen die qualvoll eng postierten und zwischen Gerüsten eingeklemmten Gipsfiguren deutscher Geisteshelden - unter ihnen Steffi Graf! - den eigentlich lichten Raum. Form und Inhalt vertragen sich nicht.

Zugegeben: Die Besucher können froh sein, dass es überhaupt einen deutschen Pavillon gibt. Zwei Entwurfswettbewerbe waren ausgetragen worden. Sie endeten in Krach, Intrige, Frust und Protest, weil der junge Wettbewerbssieger Florian Nagler so lange mit immer neuen Forderungen und Einschränkungen konfrontiert wurde, bis er entnervt das Handtuch warf. Da zauberte der Unternehmer und Architekt Josef Wund kurz vor dem drohenden Scheitern des ganzen Projekts seine Notlösung aus dem Hut. Das verdient Respekt.

Freilich wollte auch er mehr als er dann durfte. So schlug er vor, die tragenden Außenstützen des über 90 Meter frei gespannten Flugdachs ganz aus Glas zu konstruieren - der deutsche Pavillon hätte mit einer technologischen Neuheit aufwarten können. Doch so viel Bruchfestigkeit möchten die behördlichen Prüfstatiker dem Material nicht zutrauen. Die schließlich genehmigte Stütze ist ein gebauter Kompromiss aus Stahl und Glas, der auch optisch nicht befriedigt.

Das Motto der Expo lautet ebenso vage wie ambitioniert "Mensch - Natur - Technik". Viele dachten da gleich an Ökologie, und da wiederum liegt der Gedanke an Holz nicht fern: Also wurde Hannover zur Expo des Holzbaus. Ob es passte oder nicht: Allenthalben diente das Natur-Material als Bekenntnis zur umweltfreundlichen Nachhaltigkeit. Auch die Erbauer des deutschen Pavillons unterwarfen sich dem moralischen Diktat und verkleideten die gewölbte Unterseite der stählernen Dachsegmente mit Holz. Eine metallene Beplankung hätte viel besser gepasst.

Wie Holz auch konstruktiv zu Höchstleistungen getrieben werden kann, wollte Thomas Herzog mit dem gewaltigen Dach über dem Expo-See nachweisen - doch das 40 Meter lange, in zwei Richtungen gekrümmte Gitterwerk der Dachelemente wirkt eher plump als beschwingt, eher schwer als leicht und heiter. Auch die metallbewehrten Holzstützen mussten aus statischen Gründen so stämmig geraten, dass sie an die Öl-Bohrtürme der Pionierzeit erinnern. Und die Botschaft? Holz ist wohl doch nicht geeignet, solch kühne Visionen in die Wirklichkeit umzusetzen. Ist es das, was Herzog seinem Publikum mitteilen wollte?

Auch auf der Expo-Plaza im Ostteil des Geländes klaffen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander. Den Organisatoren der Schau schwebte eine italienischen Piazza vor - dabei hat die steinerne Freifläche nichts von dem, was Atmosphäre und Lebensgefühl eines solchen Stadtraums im Süden ausmacht: Geschlossenheit, Kleinteiligkeit, Vielfalt, überschaubare Dimensionen. Was Hannover dagegen zu bieten hat, ist ein halbes Dutzend Gebäude, locker arrangiert um einen Leerraum, in dem das Publikum sich wirklich verloren vorkommt.

An der Ostseite dieses zentralen Platzes erheben sich Groß-Container, deren Ausdruckskraft gegen null geht; einer von ihnen beherbergt die Europäische Union. Charakterlos ist auch die Hülle der Arena, die dem deutschen Pavillon gegenüber liegt: Es ist nicht einmal zu ahnen, dass sich hier hinter der biederen Bürofassade das Oval verbirgt, in dem 14 000 Zuschauer Spannung und Unterhaltung erleben sollen.

Lediglich an der Westseite der Expo-Plaza wird architektonisch und räumlich etwas geboten. Doch gleich kommt Ärger darüber auf, dass gerade hier Kioske und Souvenir-Buden den Blick verstellen. Überhaupt gibt es viel zu viele davon auf dem Gelände.

Dahinter, direkt am geschickt gewählten, publikumsintensiven Übergang zwischen Expo West und Expo Ost, lässt der Medienkonzern Bertelsmann seinen futuristisch anmutenden "Planet m" auf 18 schlanken Stelzen scheinbar schweben. Das Medien-Ei - tagsüber silbergrau, nachts von dem amerikanischen Licht-Künstler James Turrell magisch erleuchtet - ist zweifellos ein Blickfang auf dieser an Sensationen nicht eben reichen Schau. Das Spantengerippe der bauchigen Form wurde so konstruiert, dass zwischen dem eigentlichen Körper und dem Edelstahlnetz der straff gespannten Hülle ein Zwischenraum bleibt, in dem 850 Scheinwerfer für die abendliche Illumination Platz haben.

Betreten lässt sich der Planet über eine hydraulische Hubbühne. Ein Multivisions-Spektakel informiert über die Geschichte der Medien von ihren Anfängen bis in die Gegenwart, ein Panoramafilm gibt Einblicke in eine mediale Zukunft, in der Djamila, das Mädchen aus Kairo, und der Berberjunge Abdou mit jugendlichen Mönchen in Tibet ganz zeitgemäß per E-Mail korrespondieren. Ein Brückensteg leitet dann das Publikum in die benachbart gelegene Bertelsmann-Kiste im hölzernen Gewand. Auf einer 300-teiligen Leuchtfensterwand, 30 Meter breit und acht Meter hoch, stellt der Mediengigant hier seine Arbeit vor - sehr effektvoll, sehr professionell und technisch um vieles besser gemacht, als es die meisten Nationen in ihren Länderpavillons zu Stande bringen.

Bemerkenswert ist auch der Christus-Pavillon an der Südwestecke der Plaza, für den die evangelische und die katholische Kirche die Architekten von Gerkan, Marg und Partner (gmp) gewonnen haben: Eine Gitterstruktur aus stählernen Kastenprofilen steckt den äußeren Rahmen des sakralen Bezirks ab, der außerdem von Wasser umgeben ist. Ein Kreuzgang umgürtet den streng kubischen Kirchenraum und einen intimen Hof. Die Wände der Kirche sind aus Alabasterplatten gefügt, durch die sanft gefiltertes Tageslicht dringt - als Vorbild diente die berühmte Grabkapelle der römischen Kaiserin Galla Placidia in Ravenna, wo ebenfalls hartes Sonnenlicht durch dünne Alabasterscheiben in weiche Dämmerung verwandelt wird.

Im verglasten Wandelgang hingegen filtern die Dinge des technisierten Alltags das von außen einfallende Licht: Dübel, Glühbirnen und Tonbandkassetten, aber auch Daunen, Muschelschalen und Tannenzapfen füllen die Hohlräume zwischen den Glasscheiben - und geben ein ebenso meditatives Licht wie die Alabasterscheiben der römischen Kaiserin. Reizvoll auch der Einfall, den Boden der Krypta knöchelhoch mit feinem weißen Quarzsand zu bedecken: Plötzlich wird sich der Expo-Besucher seiner Schritte bewusst, er erlebt die Mühsal - und vor allem einen Moment der Ruhe inmitten der brodelnden Hektik auf dem Gelände.

Überschätzt wird der hochgelobte Pavillon der Niederlande. Zwar hat das junge Architektenteam MVRDV aus Rotterdam die gestellte Aufgabe mit viel Humor angepackt, sie aber ohne tiefere Bedeutung realisiert. Die Idee, künstliche Landschaften übereinander zu packen und in ein grobes Betonregal zu stecken, mag verblüffend sein - bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass die Melange aus Hügeln, Blumengärtnerei, Mischwald, Pflanztrögen, Kino, Wasser, Grasinsel und Windkraftpark kein lebenswertes Ökotop ergibt. Hollands Schichtenmodell ist keine sinnvolle Alternative für eine immer dichter besiedelte Welt. Die Natur gerät zur Stapelware, der Verbrauch von Baumaterial erreicht nahezu orgiastische Ausmaße. Und den verpflanzten Bäumen im vierten Geschoss wird es auf Dauer nicht gut gehen, weil sie zu wenig Sonnenlicht bekommen.

Einer der wenigen dagegen, die das Gebot der Nachhaltigkeit wirklich ernst genommen haben, ist Peter Zumthor. Die Wände seines "Klangkörpers Schweiz" baute der Graubündner Architekt aus Holzbalken, die er zu hohen Stapeln schichtete und nur mit Hilfe von außen angreifenden Stahlstangen und Federn in Form hält. Das Holz bleibt unverletzt und kann nach dem Ende der Expo ohne Verlust weiterverwendet werden. Das schafft keiner der anderen Holzbauer auf der Öko-Expo!

Die radikale Schweizer Präsentation hat allerdings einen Nachteil: Sie schafft keine Räume. Statt dessen verdichten sich die Holzstapel zu einem Labyrinth aus sehr schmalen Gängen, die klaustrophobische Gefühle hervorrufen; Massenandrang ist da gar nicht zu bewältigen. Von den erwarteten 40 Millionen Expo-Besuchern wird nur ein Bruchteil die wohlriechende und von sanften Klängen durchdrungene Innenwelt des Holzbaus erleben können.

Den größten publizistischen Wirbel im Vorfeld der Schau hatte Shigeru Ban entfacht, weil er das weit gespannte Gewölbe des japanischen Pavillons ausschließlich aus verschnürten Pappröhren errichten und mit einer imprägnierten Papierhaut eindecken wollte - ein Projekt, das komplett tauglich fürs Recycling gewesen wäre: Aus der gesamten Architektur hätte man nach der Expo jede Menge Klopapier machen können.

Die peniblen deutschen Genehmigungsbehörden aber trauten dem spannenden Experiment nicht über den Weg. Deshalb machten sie es Ban zur Auflage, das leichte und zarte Röhrentragwerk zusätzlich mit einer schwerfälligen Holzkonstruktion und Stahlstreben zu versteifen. Auch das Dach durfte nicht nur aus Papier sein: Jetzt sorgt eine Kunststoff-Folie als zweite Schicht für weitere Sicherheit. So blieb von dem ursprünglich revolutionären Konzept lediglich eine Demonstration unterbundener Möglichkeiten - ein eindrucksvolles Raumerlebnis bietet der Bau trotz alledem.

Wer nach vielen Kilometern Expo immer noch Lust auf Architektur mit Schauwert hat, sollte bei den Ungarn, den Litauern, den Portugiesen, den Finnen und den Dänen vorbeischauen - die kleinen Länder haben sich oft mehr angestrengt und sich originellere Pavillons ausgedacht als die großen Nationen.

Bildunterschrift: Im magischen Farbenspiel des amerikanischen Licht-Künstlers James Turrell erstrahlt der "planet m"; in seinem Inneren lässt der Medienkonzern Bertelsmann sein Publikum Geschichte und Zukunft der Kommunikation erleben (beide Fotos: Dirk Reinartz) / Hinter dem Tosen herrscht die Stille - Einen 15 Meter hohen Wasserfall lässt der Architekt Wilhelm Munthe-Kaas donnernd über die AluminiumFassade des norwegischen Pavillons stürzen. Im Inneren erwarten spektakuläre Kontraste das Publikum: Im "Raum der Stille" bietet die norwegische Künstlerin Marianne Heske kontemplative Begegnung mit der Natur / Die Finnen trugen Birken nach Hannover -Als gäbe es davon in Niedersachsen nicht genug, flogen die Finnen ein eigenes Birkenwäldchen zur Expo ein. Ansonsten verhalten sich die Skandinavier umweltbewusst: Die rund 100 Bäume, die das aus zwei Gebäuderiegeln bestehende "Windnest" der Architekten Sarlotta Narjus und Antti-Matti Siikala umgeben, bleiben nach der Expo in Hannover / Stille Einkehr und ein Wald in der vierten Etage -Im "Christus Pavillon" der Architekten von Gerkan, Marg und Partner treten die evangelische und die katholische Kirche gemeinsam auf - und bieten dem Expo-Besucher Einkehr und Besinnung in einer geometrisch klaren, von antiken Vorbildern beseelten Architektur / Der niederländische Pavillon ist das spektakulärste Stück Architektur auf der Expo - doch die gestapelten Landschaften des Planer-Teams MVRDV gerieten zur Materialschlacht ohne dauerhaften Nutzen / Ein Holzdach, so groß wie drei Fußballfelder -Der Münchner Architekt Thomas Herzog trieb die Möglichkeiten des Materials auf die Spitze: Aus zehn gewaltigen Holz-Schirmen setzte er das Expo-Dach zusammen. Jeder ist über 20 Meter hoch, 40 mal 40 Meter groß - und wird nur von einer einzigen Stütze getragen / Durchs Tor der Liebe auf das Schiff der Zeit -Poetische Assoziationen beflügelten den Architekten György Vadasz beim Bau des ungarischen Pavillons: Die 20 Meter hohen, organisch geformten Holzwände seines nach oben offenen Baukörpers symbolisieren für ihn ein "Schiff, das nicht stehen bleibt". Zu betreten ist es durch das "Tor der Liebe" des Künstlers Pal Kö / Aus 3000 Kubikmetern Lärchen- und Föhrenholz schichtete der Architekt Peter Zumthor einen Ort der Stille für die Schweiz. Den Pavillon Portugals (unten) errichteten Alvaro Siza und Eduardo Souto de Moura aus Kalkstein, Kacheln und Kork - und pflanzten Korkeichen vor den Eingang / Ein Palast aus verschnürten Papprollen -Aus kilometerlangen Papprollen wölbte der Architekt Shigeru Ban den 4000 Quadratmeter großen Pavillon von Japan, unter dessen Papierdach das Land Lösungen für seine Umweltprobleme erörtert. Eines davon hat sich schon erledigt: das Baumaterial wird nach dem Ende der Expo zu Schulheften recycelt / Ökologisch korrekt, aber einfallslos: ein Wal als Wahrzeichen - Ein Ort der Einkehr im Bauch des Wals: "Pavillon der Hoffnung" von CVJM, World Vision und der Evangelischen Allianz / Schonender und nachhaltiger Umgang mit Ressourcen ist Thema der "Cyclebowl", den die "Duales System Deutschland AG" vom Stuttgarter Architekturbüro Brückner errichten ließ. Der deutsche Pavillon (unten) von Josef Wund bietet gewaltige Glasflächen, musste aber von innen verhängt werden / Die Trutzburg der Araber ist aus Fiberglas -In traditioneller Technik baute der in Bhutan lebende Schweizer Peter Schmid einen buddhistischen Tempel für das Königreich im Himalaja. Für das Wüstenfort der Vereinigten Arabischen Emirate (unten) verwendete der Architekt Alain DurandHenriot aus Abu Dhabi recycelbares Fiberglas /