Ausgabe: 11 / 2000
Seite: 3
Liebe Leserin, liebe Leser,
Von Axel Hecht
Gedenkstätten sind als Orte der Erinnerung sui generis belastet. In der Regel gehen ihnen lange, oft quälend intensive Debatten um das Für und Wider voraus - besonders, wenn der Anlass in der jüngeren deutschen Vergangenheit angesiedelt ist. Dieses Schicksal blieb dem Projekt "Topographie des Terrors" in Berlin weitgehend erspart.
Im Gegensatz zu dem nur siebenhundert Meter Luftlinie entfernt geplanten "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" fand die Gedenkstätte auf dem Gelände der einstigen SS- und Gestapo-Zentralen um das ehemalige Prinz-Albrecht-Palais schnelle Zustimmung. Das mag auch in dem ebenso edlen wie schlichten Entwurf des Schweizer Architekten Peter Zumthor eine Begründung haben.
Doch nun schwelt ein unheiliger Konflikt. Nachdem die Baukosten um mehr als das Doppelte von 35 auf über 70 Millionen zu steigen drohen, hat das Berliner Abgeordnetenhaus einen Baustopp verfügt. Der zuständige Senator Peter Strieder hütet wohl gar eine "Notalternative" in der Schublade, die vorsieht, auf dem Gestapo-Gelände eine "einfache Fabrikhalle" zu errichten. Jedem muss klar sein, dass eine solche Rettung die wahre Katastrophe bedeuten würde.
Zumthors Haus der Erinnerung darf nicht ruiniert werden. Die Frage, wer Schuld am Finanzierungsdesaster hat, muss inzwischen als zweitrangig angesehen werden. Wer den noblen Entwurf kippt, der beschädigt auch die Gründungsidee. Überdies gilt es, Verhältnismäßigkeit zu wahren: Wer hat denn dagegen protestiert, dass die Kosten des noch unter Helmut Kohl geplanten Kanzleramtes von 250 auf 465 Millionen hochschnellen - und das, obwohl Gerhard Schröder die ursprünglich 500 Arbeitsplätze im Amt auf 300 reduziert hat?
Außerdem ist das Berliner Debakel längst über einen Streit um Baukultur hinausgewachsen. Wo den Opfern des Holocaust ein würdiges Denkmal errichtet wird, da muss auch der Ort der Täter, die "Topographie des Terrors", sinnfällig Gestalt bekommen.
Ihr
Bildunterschrift: In Gefahr: "Topographie des Terrors" (Modell) von Peter Zumthor / Peter Eisenmans Holocaust-Gedenkstätte /
