Ausgabe: 03 / 2000
Seite: 12-22, 102
Nach oben gibt es keine Grenzen
Von Peter M. Bode
Seine Materialien sind Licht und Poesie, Zeit und Bewegung, Idee und Gefühl - sein Anspruch sprengt jede Konvention: Für den 54 Jahre alten Franzosen ist sogar der Himmel Teil seiner Architektur
Bullige Statur, kräftiger Nacken, eindrucksvoller Rundschädel, lässiger Habitus, mediterranes Temperament und eine verführerische Beredsamkeit. Wer ihn zum ersten Mal erlebt, würde Jean Nouvel, 54, eher für den Trainer einer Rugby-Mannschaft halten als für Frankreichs berühmtesten und gefragtesten Architekten der Gegenwart. Doch der Wahl-Pariser (geboren wurde er im Süden des Landes) zählt zur Weltelite seiner Zunft - und ist dort wohl derjenige, der sich am wenigsten wiederholt.
Ein Werk von Nouvel ist mit keinem anderen Werk von Nouvel vergleichbar. Einen Stil zu haben ist dem Architekten suspekt, er will keiner von denen sein, "die immer nach dem gleichen Prinzip" arbeiten. Eher sieht er sich als einen "Mann ohne Eigenschaften", bei dem jedes Projekt "wieder bei null anfängt" - und gerade diese Offenheit ist es, dieses hellwache Reagieren auf Trends und Signale der Zeit, die Nouvels vielfältiges Werk so interessant macht.
Um "Rätsel mit Tiefgang" zu erfinden, um Räume durch Licht zu entgrenzen, Form zu entmaterialisieren, Gebäude wie eine filmische Bilder-Folge mit wechselnden Einstellungen zu inszenieren und "höchst unsichere Sachen auf erregende Weise Wirklichkeit werden zu lassen", sucht sich der alerte Architektur-Regisseur geistige Sparringspartner: Nächtelang diskutiert er seine Visionen mit Philosophen, Theaterleuten und Literaten - dann erst werden die Resultate solch wortreichen Ideenaustauschs von der Mannschaft im Pariser Atelier zu Papier und in Modellform gebracht.
Nouvel selber zeichnet nicht. Eine Idee mit dem Bleistift zu skizzieren, lehnt er für sich ab: "Der Strich fixiert", sagt er, "das Wort befreit." So hat er es auch als radikaler Verfechter der 68er-Revolte an der Ecole des Beaux-Arts gehalten. Als Einziger wagte er es damals, zur Prüfung statt eines gezeichneten Entwurfs lediglich einen geschriebenen Text abzuliefern. Er wollte sich nicht durch "gekritzelte Intuition" eindimensional und vorzeitig festlegen. Wer sich durch Zeichnen die Hände bindet und den Kopf festrennt, davon ist er überzeugt, dem gelingt das ersehnte "zitternde Vibrieren" nicht, der kann nicht gegen Dichte und Schwere ankämpfen und die Silhouette seiner Häuser "in den Himmel schreiben", um die "Ästhetik des Verschwindens" zu erproben.
Die Methode, seine Aufgaben und die Probleme eines anstehenden Projekts vor allem mit unvoreingenommenen Außenstehenden zu debattieren, artet zuweilen in die kuriosesten Denkspiele aus: "Ich wollte mich von der in Frankreich herrschenden Norm lösen", erinnert er sich etwa an die Planung für das experimentelle Wohnbauprojekt "Nemausus 1" in Nämes. "Also habe ich mit dem Bühnenbildner Jacques Le Marquet darüber gesprochen, und wir haben gewissermaßen eine erzählende Architektur geschaffen. Dabei malten wir uns auch die schrecklichsten Dinge aus. Wir stellten uns einen Mord in einer Wohnung vor und wie der Fluchtweg aussehen würde, falls jemand dort einbrechen wollte."
International auf sich aufmerksam machte Jean Nouvel 1987 mit dem spektakulären Bau des Pariser "Institut du Monde Arabe" nahe der Kathedrale von Notre-Dame am linken Ufer der Seine. Dieses Kulturzentrum war das erste der vom damaligen Staatspräsidenten Francois Mitterrand initiierten "Grands Projets". Augenfälligstes Merkmal des Gebäudes ist der tiefe Spalt, der sich zwischen den gebogenen, keilförmig zugespitzten Baukörper und den langgestreckten Quader schiebt, um die Masse des Komplexes optisch aufzulösen. Diese Kluft, die in einen intimen Patio mündet, ist exakt auf den Chor von Notre-Dame ausgerichtet - eine kommunikative Geste, eine Blickachse von der arabischen auf die christliche Kultur.
Die Struktur der gläsernen Fassaden besticht durch elegante Feinnervigkeit und wechselnden Maßstab der Sprossengitter. Für Nouvel sind solche Brüche in der Erscheinung des Bauwerks Zeichen eines "fraktalen Ansatzes", der das Auge des Betrachters und Benutzers reizen soll.
Der Clou dieser Architektur enthüllt sich dem Betrachter jedoch erst, wenn er sich der vom Fluss abgewandten Südseite des Instituts nähert: Hier erweist Nouvel mit den Mitteln der westlichen Technologie der ornamentalen Kunst des Islam seine Reverenz: 27000 kleine Sonnenblenden aus Metall - von Sensoren wie Kameraverschlüsse gesteuert - erzeugen im Inneren der Räume ein wunderbar gestreutes Zwielicht. Könnte so eine zeitgenössische Moschee aussehen?
Auf jeden Fall werden durch diese raffinierte Fassade mit ihren abstrakt-geometrischen Mustern aus Polygonen und Sternen auch bei Menschen aus dem westlichen Kulturkreis starke Gefühle geweckt. Die Wand als Lichtvorhang, von vielen tausend Strahlen durchbrochen, lebt und atmet. Dabei lässt sich das Spiel der wie von Zauberhand sich öffnenden und schließenden Lamellen hinter Glas als technisches Kunststück genießen - doch fasziniert auch der Bezug auf die orientalische Ästhetik, das verblüffende kulturelle Crossover an der Schnittstelle zweier Zivilisationen.
Sein zweites Meisterwerk in Paris gelang Jean Nouvel 1994 ebenfalls auf der Rive gauche, dem linken Ufer der Seine, im Quartier Montparnasse. Dort gab ihm die Fondation Cartier freie Hand für ihr Ausstellungs- und Bürozentrum am Boulevard Raspail - und der Architekt durfte versuchen, dem Traum von einer gleichsam schwerelosen Architektur "ohne Rippen und Wände" ein Stück näher zu kommen.
Glas ist der Baustoff, mit dem sich solch ein scheinbar entmaterialisiertes Gebilde am besten simulieren lässt. Also verschleierte Nouvel die Containerform des Gebäudes verschwenderisch mit großen Scheiben - der Witz dabei ist, dass das Material sich quasi selbständig macht: Es überspielt als zweite und dritte Schicht die Dimensionen des Hauses in Länge und Höhe. Ein sinnliches Erlebnis: Wo die freigestellten Glasmembranen die Fondation wie Flügel überragen, werden sie vollends durchsichtig, und ihre Struktur zeichnet sich filigran gegen den Himmel ab.
Ein dritter gestaffelter Glasvorhang, von Luftlöchern durchbrochen und geteilt, um einer uralten Zeder Platz zu lassen, schirmt das Grundstück von der Straße ab. Das vielschichtige Spiel mit Transparenz und Spiegelung, mit Illumination und Illusion wird inszeniert, um Grenzen aufzuheben, um dem Bild Mehrdeutigkeit zu verleihen. Ist der Bau Vitrine oder Eiswürfel? Schatztruhe oder frei zugängliches Ausstellungsgebäude?
Für die Künstler freilich, die in der Fondation ausstellen, ist das allgegenwärtige Glas ein Problem: Viele von ihnen fühlen sich wie in einem Aquarium. Kunst braucht feste Wände, definierte Räume - doch Nouvel verweigert sie ihr, weil er, wie er erläutert, den "Anblick soliden Volumens um jeden Preis vermeiden" wollte. So hat auch schon Ludwig Mies van der Rohe in der großen Halle der Berliner Nationalgalerie die Funktion zu Gunsten der puren Schönheit vernachlässigt. In der erhabenen Diktion des äußerst selbstbewussten Wortakrobaten Jean Nouvel heißt das: "Ich schaffe nicht Räume, sondern umhülle Zeit mit einer sublimen Haut."
Beim Reichstag in Berlin musste der Baumeister seinem britischen Konkurrenten Sir Norman Foster den Vortritt lassen - dafür durfte er der Friedrichstraße, der einst beliebtesten Geschäfts- und Vergnügungsmeile der Stadt, etwas vom urbanen Glanz der zwanziger Jahre zurückgeben: Die deutsche Dependance des Pariser Edelkaufhauses "Galeries Lafayette" knüpft mit der mondänen Rundung seiner horizontalen Fensterbänder an die schwungvollen Warenhaus-Entwürfe von Erich Mendelsohn (1887 bis 1953) an. Die weichen Kurven setzen sich im abgeschrägten Dachbereich fort, wo die verglasten Flächen durch mehrfache Taillierung noch an Dynamik gewinnen.
Im Inneren der "Galeries" verschenkt Nouvel großzügig nutzbare Fläche, um mit Hilfe riesiger Glaskegel, die das Gebäude von oben bis unten durchstoßen, Licht, Raum und Sog ins Haus zu holen. Im Erdgeschoss kommen sich die beiden zentralen Trichter mit ihren großen Öffnungen sehr nahe. Wer hier steht, dem kann schwindlig werden: Einerseits wird der Blick in die Höhe gerissen, andererseits bohrt er sich in die Tiefe des Untergrundes. Purer Luxus, glamourös und herrlich nutzlos! So beschwört Nouvel das, was er die "Poesie des Kommerzes" nennt. Auch in den Büroetagen und Wohnungen, die den Kaufhauskern umgeben, durchstoßen zusätzliche Lichtkegel die Geschosse. Bisweilen sieht das aus, als hätten sich Eiszapfen durch die Decken gebohrt.
Sein bislang kühnstes und komplexestes Bauwerk hat der Architekt vor kurzem am Vierwaldstätter See in der Schweiz realisieren können. Um dem inmitten einer grandiosen Wasser- und Gebirgslandschaft gelegenen Kultur- und Kongresszentrum von Luzern die gebührende Aufmerksamkeit zu verschaffen, versammelte er das auf drei parallel gerichtete Baukörper verteilte Raumprogramm unter einem Mega-Dach, das größer ist als ein Fußballfeld und dessen nahezu messerscharfe Außenkante schwebend, stützenfrei fast 40 Meter weit in den Luftraum des Seeufers vorstößt. Die pfeilschnelle Form dieser gigantischen Metallfläche hat im Profil Ähnlichkeit mit dem Flügel des Überschalljets Concorde.
Das Dach beschirmt auch zum Teil ein vom See gespeistes Wasserbecken. Von diesem Bassin gehen zwei Kanäle aus, die als silbrige Trennfugen den Abstand zwischen den drei Gebäude-Spangen unterstreichen. Der Kongress- und Museumstrakt macht mit seinem fein gesponnenen Fassadengitter einen vergleichsweise zurückhaltenden Eindruck; das metallene Gehäuse des Konzertsaals dagegen ist eine plastisch und farbig pointierte Komposition aus Weinrot und Nachtblau, in der konisch eingeschnittene Öffnungen die Aussicht auf die spektakuläre Umgebung öffnen. Der Konzertsaal selbst hat die Anmutung eines kostbaren Musikinstruments, dessen mit Holz verkleidete Schale die Ebenen der Foyers in einer sinnlichen Wölbung durchdringt. Im Inneren des Saals mit seinen klassischen Schuhschachtel-Proportionen hat sich Nouvel weitgehend nach den Vorgaben des amerikanischen Akustik-Experten Russell Johnson gerichtet.
Auch auf die von ihm gewünschten verführerischen Farben musste er nach dem Einspruch der Musiker verzichten - nun dominiert das Weiß der im Lochkartenmuster strukturierten Gipswände den Raum. Wenn allerdings die beweglichen Akustik-Paneele geöffnet werden, überstrahlt das Rot der dahinter liegenden Echokammern die blasse Helligkeit des noblen Saals, dem auch die Musiker allerbeste Qualität bescheinigen.
Letzte Erfolgsmeldung: Erst kürzlich hat Frankreichs Präsident Jacques Chirac verfügt, dass Nouvel den Auftrag für den Neubau des Ethnologischen Museums - es vereinigt die exotische Kunst beider Amerikas, Afrikas, Asiens und der pazifischen Inselwelt - in unmittelbarer Nähe des Eiffelturms erhält. Schon im Jahr 2004 soll die Eröffnung sein.
Mit dem Auftrag schließt sich ein symbolischer Kreis: Das "Grand Projet" des Institut du Monde Arabe hatte den jungen Architekten ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit gerückt, nun markiert das Großprojekt des Musee des Arts et Civilisations den Höhepunkt seiner Karriere - einer Karriere, die in Paris begann und in Paris kulminiert.
Bildunterschrift: Ein Bauwerk erobert den Himmel: Glasfassade vor dem Ausstellungs- und Bürogebäude der Fondation Cartier (1994) in Paris / Außentreppen und umlaufende BalkonBänder: Das experimentelle Wohn-Projekt "Nemausus 1" in Nämes (1987, rechte Seite) ist eine Hommage des Architekten an das Lebensgefühl des französischen Südens / Am Anfang steht immer eine Geschichte - Das Dach ragt über den See, der See ragt in den Gebäudekomplex: Beim Kulturzentrum von Luzern (1995, oben; links der Konzertsaal) zelebriert Nouvel die Nähe zur Landschaft um den Vierwaldstätter See / Eine ganze Stadt auf dem Weg in die Zukunft - Nach einem Generalplan des Niederländers Rem Koolhaas entsteht "Euralille" als neues Geschäfts- und Verkehrszentrum der französischen Stadt Lille. Nouvels Beitrag ist das "Carrefour" (1994), das hinter der geschwungenen Glasfassade 250000 Quadratmeter Fläche für Geschäfte, Büros und Wohnungen bietet / Reminiszenz an die zwanziger Jahre in Berlin: Mit dem eleganten Schwung seiner Fassade zitiert das Kaufhaus "Galeries Lafayette" (1996) in der Berliner Friedrichstraße die Entwürfe des Architekten Erich Mendelsohn / Dynamisch gebogen wird Architektur zum Erlebnis - In Lyon musste sich der Architekt in das historische Ensemble der Altstadt fügen: Die Außenmauern des Opernhauses / blieben erhalten; der gläserne Halbzylinder auf dem Dach leitet Licht ins Innere - und lässt das Haus am Abend funkeln / Zwischen Höhenflug und Tiefenrausch: Gläserne Lichtkegel durchstoßen das Kaufhaus "Galeries Lafayette" / Ein schmaler Weg verbindet die Kulturen - Aus zwei Baukörpern setzt sich das "Institut du Monde Arabe" (1987) in Paris zusammen. Der Spalt dazwischen mündet in einen intimen Hof - und leitet zur anderen Seite den Blick auf die Kathedrale Notre-Dame / Hightech und islamische Ornamentik: sensorgesteuerte Sonnenblenden an der Außenwand / Spiele mit Spiegelung und Illusion - In elegantem Schwung wölbt sich das Dach über die Kongresshalle von Tours (1993). Rechts: Jean Nouvel mit einem Modell seines "Turms ohne Enden" (vorgesehene Höhe: 420 Meter) am Pariser Arche de la Defense / Für den Mediapark in Köln entwarf Nouvel ein schlankes, mehrfach gestuftes Hochhaus (oben). Nachts soll die zweischalige Glasfassade mit Hilfe von Video- und Laser-Technik wie ein gigantischer Bildschirm erstrahlen. Links: Nouvels Konzept für den Neubau des Ethnologischen Museums in Paris. Der Auftrag des französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac soll bis 2004 realisiert sein /
