Ausgabe: 09 / 2004
Seite: 70-79
Ein Meister des schlechten Geschmacks
Von Christina Tilmann
"Meine Bilder werden in erster Linie gekauft, weil sie so dekorativ sind", sagt Martin Eder. Doch diese Bedenken bremsen den Berliner Maler kaum auf seiner Tour zwischen Kunst, Kitsch und Klischee
VON
Harte Gitarrenschläge, eine rauchige Stimme, die Texte düster, rätselhaft. "There are times you are in sorrow, and some times you are just sad " (Zeiten gibt's, da geht's dir elend, manchmal bist du auch bloß traurig ). "Finnisch" nennt der Bandgründer, Sänger, Gitarrist, Pianospieler und Komponist Richard Ruin alias Martin Eder die Songs, die er für seine erste Single geschrieben hat. Finnisch, wie in Filmen von Aki Kaurismäki, wortkarg, hart und ein bisschen sentimental. Bob Dylan, auch Tom Waits standen Pate bei diesen Liedern von der dunklen Seite des Lebens und der Liebe. Und Richard Ruin spielt die Singende Säge.
Ziemlich rührselig für einen Mittdreißiger. Äußerlich gibt er ja lieber den Harten, in seinem Atelier im Wedding, einem von Berlins kaputteren Bezirken. Ein groß gewachsener Mann in schwarzem Anzug und T-Shirt, gern auch Lederjacke, wortkarg wie eine von Kaurismäkis Filmgestalten, vor allem, wenn er über sich selbst und seine Kunst sprechen soll. Eine einschüchternde Erscheinung - und doch ausgesprochen liebenswürdig. Die Milch für den Kaffee fehlt, entschuldigt er sich beim nachmittäglichen Interviewtermin, aber dafür gibt es Schokoladentäfelchen in Menge. Im Hintergrund zunächst Opernmusik, an den Wänden die letzten, noch nicht trockenen Bilder und auf dem Tisch ein gesundes Chaos. Seit 2001 lebt Martin Eder in Berlin - und wirkt noch immer seltsam unbehaust in diesen hellen Räumen, in denen sich Bilder stapeln, aber sonst nicht viel.
Lauter junge, melancholische Mädchen, mit langen Haaren und dunklen Augen, die traurig aus der Flasche trinken und gleichzeitig die Brust aufreizend entblößen. Plüschige Kätzchen und niedliche Schoßhündchen, die den Betrachter treudumm anblicken. Luftballons steigen in den Himmel, Palmen wiegen sich im Wind, das Meer braust dunkel und schaumig. Eders Bilder zeigen eine Welt aus Softporno, Kitsch und Kinderzimmerpostern, ein wildes, maßloses Fest der Bonbonfarben.
Was Einsamkeit, Melancholie und Sehnsucht heißt, das kann man wohl erleben, als Jugendlicher in Batzenhofen. Martin Eder hat es nur zu gut gelernt. 2003 hat Eder sein Heimatdorf gemalt, zwei Mal: schwarze, überlebensgroße Pflanzen, ein bedrohlich düsteres Hausdach, ein Nachtbild. Und darüber, unendlich weit, verlockend farbig, ein wolkiger Himmel. Eine surrealistische Szenerie, Nachtbilder, die an Rene Magritte erinnern, an "Alice im Wunderland". Lewis Carrolls Zauberkatze mit ihrem dämonischen Grinsen lauert bei Eder hinter jeder Ecke.
Fragt man Martin Eder jedoch nach seinem Antrieb, dann kommt als Erstes und wie aus der Pistole geschossen: "Wut". Wut auf die Flut sentimentaler Bildmotive, die ihm im Fernsehen, in Illustrierten, im Kaufhaus entgegenquellen. Wut darüber, dass Privates, Individuelles, Emotionales mit Billigung der Gesellschaft überall banalisiert und verkitscht werde. Wut auch darüber, dass Kunst nicht mehr sein soll als ein dekoratives Bild daheim über dem Sofa.
Gegen all das malt er nun also tapfer von morgens bis abends an. Mit Motiven, die das, was er angreift, perfekt auf die Spitze treiben: "Je kitschiger meine Sujets sind, desto besser. Ich hasse sie. Und komme doch nicht von ihnen los."
Es ist eine seltsame Allianz mit dem Publikum, die dieser Künstler schmiedet: Die niederen Bildgelüste existieren schließlich auf beiden Seiten. Über die ironische Distanz zum Kitschmotiv braucht man sich in aufgeklärten Kunstkreisen ja nicht erst zu verständigen. "Zum Glück sind meine Bilder inzwischen zu teuer geworden", verrät Martin Eder seine Furcht vor gelegentlichen Fehlkäufern, die seine Kunst allzu wörtlich nehmen: "Die Bereitschaft, ein nettes Bild fürs Wohnzimmer zu kaufen, hört irgendwann auf, wenn die Werke mehrere tausend Euro kosten."
Eders hohe Kunst des schlechten Geschmacks verkauft sich bestens. Die ersten Aquarelle, raffiniert hingehauchte, unscharfe Motive junger Mädchen in lasziven Haltungen, sind längst heiß begehrte Sammelobjekte. Auch die Serie großformatiger Ölgemälde, die unlängst in der Berliner Galerie Eigen + Art in ihren eigens für die Schau glänzend schwarz gestrichenen Räumen ausgestellt waren, hatte schon vor der Eröffnung Käufer gefunden.
Inzwischen erzielen Eders Werke Preise bis 36000 Euro, und es gibt trotzdem Wartelisten. Er passt ideal unter das neue Erfolgslabel der "Young German Art". Aber auch international gibt es durchaus verwandte Positionen: Zwischen dem sentimentalen Pop von Elizabeth Peyton und John Currins schräger Pin-up-Malerei (art 4/2004) fügen sich Eders schwüle Bilder in die aktuelle Kitsch-Art-Szene. Allerdings betrachtet Eder die Welle figurativer Malerei mit äußerstem Misstrauen. Wie soll sich einer, der sich immer als Außenseiter begriffen hat, auch plötzlich als Vertreter des Zeitgeists verstehen? "Ich habe schon als Kind gemalt und fühle mich nicht als Zeitgenosse, von gar nichts. Ich werde weiter malen, jetzt erst recht. Ich glaube, meine Bilder sind erst jetzt so richtig gut."
Dass er Künstler werden sollte, war dem 1968 Geborenen früh klar. Die ersten Malversuche habe er gemacht, wenn seine Mutter, eine technische Zeichnerin, ihre Heimarbeit abliefern musste. Da habe man ihm, um ihn zu beschäftigen, Maschinenteile zum Abzeichnen vorgelegt. "Es war für mich ein Schlüsselerlebnis: Eindruck schinden zu können mit etwas, das mir so leicht fiel."
Zunächst absolvierte Eder eine Ausbildung als Kommunikationsdesigner und jobbte in der Werbebranche. Er merkte schnell, dass die Art, wie Marken beworben und verkauft werden, ihn von Grund auf abstößt. Mit den erlernten Tricks und Mechanismen arbeitet er dennoch virtuos bis heute. Nach einigen Semestern an der Akademie von Nürnberg und der Hochschule in Kassel wechselte er 1996 an die Dresdner Kunsthochschule. In ersten öffentlichen Aktionen gemeinsam mit der Kommilitonin Lisa Junghanß erfand er die Nonsens-Marke "Novaphorm"", die als Label für mehrere höchst erfolgreiche Kurzzeit-Projekte diente: ein Chill-out-Room in Chemnitz, ein Club mit DJs, Drinks und Dancefloor in Berlin, eine Reihe von Pillenschachteln und 1997 ein "Novaphorm""-Hotel während der Documenta 10 in Kassel. Die "Novaphorm""-Aktivitäten wurden Kult und passten prima in die Dienstleistungskunst der neunziger Jahre.
Der Erfolg als Maler jedoch kam spät und plötzlich: 2001 wurde der 33-jährige Eder, damals noch Meisterschüler bei Eberhard Bosslet in Dresden, mit einer Förderkoje auf der "Art Cologne" präsentiert, seine Aquarelle gingen schon bei der Vernissage weg wie warme Semmeln. Heute kommt der Künstler mit der Produktion kaum mehr nach: Berlin, New York, "Art" in Basel, im August eröffnete eine große Einzelausstellung im Kunstverein Lingen, der Verlag Hatje Cantz legt dazu eine Monografie vor und macht Eders plüschige Kätzchen gleichzeitig höchst wirkungsvoll zum Covermotiv des Herbstkatalogs. Eder sieht den Rummel gelassen: "Was fertig wird, wird fertig. Ich habe nur zwei Hände und nur 24 Stunden Zeit am Tag. Und Bilder, wie ich sie male, brauchen ziemlich lange."
Eders Bilder haben oft große Formate, spielen mit allen Techniken traditioneller Malkunst. Perfekt jedoch sind sie keineswegs, wirken in manchen Teilen schematisch, unvollendet, skizzenhaft. Martin Eder ist, obwohl an drei Kunstakademien ausgebildet, ein Autodidakt, was das Malen angeht: "Ich war als Kunststudent ausgesprochen dumm und habe viele Angebote, die ich an der Akademie umsonst hätte haben können, nicht wahrgenommen. Nun muss ich das alles nachholen", gibt er freimütig zu. Daher vielleicht auch seine Vorliebe, Malerei und Installation zu kombinieren, einen Gesamtzusammenhang aus Bild, auf die Wand geworfenem Text und Objekten zu konstruieren. Hier tobt sich Eders schwarze Seite deutlicher aus, laufen Schriftzüge wie Blut die Wand herunter, schweben in Plastik gehüllte Objekte im Raum. Selbst eine "reine" Malerei-Ausstellung wie zuletzt bei Eigen + Art ist mit ihren glänzend schwarzen Wänden und der psychedelischen, vom Künstler komponierten Musik eigentlich eine Installation, betont Galerist Gerd Harry Lybke.
" the Afterlife" hieß die Schau. Das Leben neben dem Leben, eine Traumwelt, Halbwelt, Albtraumwelt, das, was vom Tage übrig bleibt, bevor man abends in Schlaf versinkt. Es ist nicht immer Gutes. Man denkt an Hitchcocks Vögel, die Raben von Edgar Allan Poe. "Es gibt noch andere Realitäten, wo sich die Echos des Lebens widerspiegeln, Echos, die dann im Schlaf zurückkommen", sagt Eder. Auch wenn der Künstler die Banalität populärer Bildmotive durch Übertreibung zugleich ausbeutet und persif-liert: Der Unterton von Traurigkeit ist echt. Eines seiner letzten Bilder heißt "Die Höhle der Phantasie". Das junge blonde Mädchen, das dort zusammengekauert neben seinen Hündchen sitzt, weint bitterlich. "And the salt on your lips/there is nothing that I would miss/more than this/your sweet kiss" singt Richard Ruin in einem Song. Auf dem Cover ist: ein Rabe.
Ausstellung: Kunstverein Lingen, bis 10. Oktober. Katalog: "Die kalte Kraft", Hatje Cantz Verlag, erscheint im Oktober. Galeriekontakt: Eigen + Art, Berlin und Leipzig, Tel. (030) 2806605, (0341) 9607886. Internet: www.eigen-art.com
Traurige Mädchen, süße Kätzchen, bunte Luftballons - Eders Bilder zeigen eine Welt aus Softporno, Kitsch und Kinderzimmerpostern, ein wildes, maßloses Fest der Bonbonfarben
"Je kitschiger meine Sujets sind, desto besser. Ich hasse sie. Und komme doch nicht von ihnen los"
Bild(er):
Bild: Pose mit Rüschenhemd und weißem Kaninchen: Martin Eder in seinem Berliner Atelier, im Hintergrund das Bild "Konferenz der Echos". (Porträt: Fragasso)
Bild: "And your Bones crumble like Cookies" (Und deine Knochen zerbröseln wie Kekse, 180 x 240 cm, 2004)
Bild: Aquarell ohne Titel ("495MEgirl02/04", 29 x 23 cm, 2004)
Bild: Aquarell ohne Titel ("334MEcat.08/02", 74 x 55 cm, 2002)
Bild: "Konferenz der Echos" (180 x 240 cm, 2004)
Bild: "Bonjour Tristesse" (170 x 150 cm, 2003)
Bild: Zuweilen nutzt Eder die Mittel der Installation: "Black Hope - das Zucken beim Einschlafen" in der Kunsthalle Bremen 2003 - drei Raben, ein Eisberg aus Styropor und ein versinkender Horizont
