Ausgabe: 04 / 2007
Seite: 66-73

Was bisher geschah

Von Till Briegleb

Nach und nach hat Marcel van Eeden sich eine neue Vergangenheit erzeichnet: Er sammelt Bilder, die vor seiner Geburt entstanden sind, setzt sie neu zusammen und kehrt so den Zeitfluss um

Als junger Mann spielte Marcel van Eeden Bass in einer Betriebs fest-Combo, die mit Cover- Versionen von Hits ihr Geld verdiente. Jeden Abend trat er in niederländischen Zelten und Brauhäusern auf, bis er eine Freundin fand.

Die stellte ihn vor die Alternative: die Band oder ich. Van Eeden entschied sich für die Frau. Aber von Cover- Versionen konnte er trotzdem nicht lassen. Allerdings nicht im musikalischen Feld, sondern im geschichtlichen - und zwar mit dem Bleistift.

Auf mittlerweile rund 5000 Blättern hat van Eeden Fotos abgezeichnet, die er in Zeitschriften, Büchern, Privatalben gefunden und auch von Internet-Standbildern auf seinem Computer abfotografiert hat. Sein einziges Auswahlkriterium ist: Sie müssen vor dem 22. November 1965 entstanden sein, seinem Geburtstag. Seit 1993 zeichnet der in Den Haag geborene Künstler jeden Tag mindestens ein Blatt der Vergangenheit. Seit 2001 stellt er die Bilder danach sofort ins Netz. "Tekeningen, dagelijks" - Zeichnungen, täglich - steht über seiner Website, die pro Tag rund 100 Interessierte besuchen. "In eine Galerie kommen nicht so viele Leute", sagt er nicht ohne Stolz.

Vieles in Marcel van Eedens Welt ist klein. Die Formate (stets 19 mal 28 Zentimeter), das Salär (1600 Euro pro Blatt, davon die Hälfte für die Galerie).

Er selbst ist auch kein Riese, und die Berliner Hinterhofwohnung, in der er arbeitet, ist geradezu winzig.

Ein Raum ist von einem Holzbett und einem vollgestopften Metallregal ausgefüllt, der andere beherbergt eine große Schreibplatte, auf der neben dem aufgeklappten Laptop allerlei Krimskrams herumliegt: ein Totenkopf, Jesus am Kreuz umrankt von Rosen, der Berliner Fernsehturm in Souvenirgröße, eine Box mit Heinz-Rühmann- Filmen. Van Eedens Bilderfundus ist riesig, endlos, unüberschaubar. "Alles interessiert mich", sagt er mit Enthusiasmus.

Wobei aber nicht jedes Motiv aufgenommen wird. Wenn man mehrere Hundert seiner schwarzweißen Blätter ansieht, lassen sich Kriterien er kennen, nach denen er die Auswahl trifft. Er vermeidet zum Beispiel, berühmte Abbildungen der Zeitgeschichte abzuzeichnen. Historische Figuren wie Josef Stalin, Winston Churchill oder Marilyn Monroe tauchen ebenso wenig auf wie Orte von eindeutigem Wiedererkennungswert. New York etwa hält Marcel van Eeden in jeder vorstellbaren Abbildung für ein Klischee und deswegen für ein Motiv ohne Erzählung.

"Am liebsten verwende ich Fotos von Geschichten und Menschen, die vergessen sind", erzählt van Eeden.

Meist sucht er dazu starke Bilder der Beiläufigkeit: architektonische Ansichten, Züge, Museen, Landschaften, Stadtpanoramen, aber auch Menschen in unspektakulären Situationen, häufig als Ausschnitt aus größeren Bildern genommen. Dazwischen streut er immer wieder Darstellungen von Katastrophen, von Krieg, von Bränden oder Verbrechen. Einzelobjekte wie Pistolen, Gurken, Pralinen oder Blumen finden ebenso Eingang wie skurrile Motive von folkloristischen Bräuchen.

Aus diesen Einzelgliedern flicht van Eeden eine lange Kette atmospärischer Eindrücke, mit der er sich ein Vorleben erfindet, das es so niemals gab.

Marcel van Eedens künstlerisches Konzept basiert auf der Idee, den Tod durch eine neue Vergangenheit zu besiegen.

Schon als Schüler hatte er nach Möglichkeiten gesucht, private Katastrophen durch künstlerische Erfindung ungeschehen zu machen, also die Geschichte von Orpheus und Eurydike zu wiederholen. Wie der Sänger des Mythos in die Unterwelt hinabstieg, um seine Gattin durch einen bezaubernden Gesang von den Toten zurückzuholen, so wollte auch van Eeden sich nicht mit dem Gedanken abfinden, dass der Fluss der Zeit unumkehrbar ist. Inspiriert von den Gedichten des niederländischen Schriftstellers Gerrit Achterberg, der eine verlorene Geliebte mit Lyrik zurückholen wollte, unternahm van Eeden den gleichen Versuch für eine Freundin, die ihn verlassen hatte. Obwohl er scheiterte - vielleicht auch, weil sei ne Gedichte nicht besonders gut waren, wie er selbstkritisch bemerkt -, verfolgt er seitdem die Idee, die Perspektive auf das Unwiderbringliche umzudrehen.

Zunächst stellte er seine Bilder auf den Kopf - bis er die umgedrehten Arbeiten von Georg Baselitz entdeckte.

Dann malte er Bilder mit Datumsangaben, die von seinem Geburtsdatum zurück in die Vergangenheit liefen - und verwarf auch das, nachdem er auf On Kawaras Datumsbilder gestoßen war. Schließlich brachte ihn eine Lehrerin der Kunstakademie in Den Haag zum Zeichnen. Seither ent steht jeden Tag ein Stück fremde Vergangenheit, die er sich über ein Gefühl von Sympathie als seine aneignet.

Der Kurator einer Ausstellung in Den Haag hatte für van Eedens Arbeit mal den Begriff "Enzyklopädie des Todes" geprägt, der seither in jedem Artikel über den Künstler zitiert wird. Doch der Künstler empfindet die Metapher längst als lästig: "Ich will nicht, dass die Arbeit eine solche Schwere bekommt." Trotzdem fasziniert ihn die Frage, warum der Mensch so viel Angst vor dem Tod hat. Außerdem interessieren ihn pessimistische Philosophen wie Arthur Schopenhauer oder E. M. Cioran. "Aber ich selbst bin überhaupt kein depressiver Mensch", erklärt van Eeden mit Bestimmtheit.

Und seine Bildfolgen sind trotz des Todesthemas und der oft tiefen Schwärze seines Stils ebenso wenig depressiv.

In der Serie "K. M. Wiegand - Life and Work", die van Eeden im Sommer 2006 auf der Berlin-Biennale ausstellte und die ihm den künstlerischen Durchbruch verschaffte, konstruiert er etwa eine abstruse Hochstaplergeschichte von großem Humor: Auf 139 Blättern erzählt er in scheinbar zusammenhangslosen Einzelszenen die Geschichte eines Mannes, der Elizabeth Taylor heiratet, eine Pazifikflotte befehligt, ein großer Künstler und ein großer Verbrecher ist, Staatsmänner interviewt und Warenhäuser entwirft, professionell boxt, taucht und Motorradrennen fährt.

Dieser Tausendsassa der Moderne markiert auch in van Eedens Werk eine Zäsur, denn bis dahin hatte er nur fortlaufend, aber ohne erzählerische Abfolge das Leben vor seinem Leben gezeichnet. Seit "K. M. Wiegand" strukturiert er seine Blätter zu Zyklen, die er mit Text klammert. Sein bisher reifstes Werk, die große Bildfolge "Celia", benutzt für diese erzählerische Bindung vier Texte, die ebenfalls vor van Eedens Geburt entstanden sind; darunter Robert Walsers "Spaziergang" und T. S. Eliots "Cocktailparty".

Aus letzterer stammt die Figur der Celia. Zwar regiert auch bei dieser Arbeit der Zufall, den van Eeden als Hoheitsregel über Auswahl und Kombination seiner Motive stellt. Denn die Zeichnungen zu dem Zyklus entstanden alle ohne Text, der erst später mit einer Schreibschablone in die Weißräume der Blätter geschrieben wurde.

Deswegen besteht an keiner Stelle eine Text-Bild-Verbindung. Der erstaunliche Effekt ist, dass es trotzdem meist einen scheinbaren, lyrischen Zusammenhang gibt.

"Der Mensch sucht immer automatisch eine Verbindung zwischen Bildebene und Textebene, deswegen findet er sie auch", meint van Eeden.

Und genauso sucht man in der jahrelangen Abfolge von Zeichnungen eine Geschichte - und findet auch diese. Es ist keine Geschichte in Form eines Drehbuchs oder Comics, sondern eine Art Privatmythologie. Vergleichbar mit der Écriture automatique - dem automatischen Schreiben - der Surrealisten überlässt er im Rahmen seiner strengen Methode der Intuition, dem Unbewussten die Führung. Er zeichnet nur, was ihm gefällt. Die Gesetzmäßig keiten und Querverbindungen, die sich auf diese Weise bilden, ergeben ein Bild von der Persönlichkeit des Künstlers.

Den nächsten Zyklus von 200 Blättern, "Der Archäologe - die Reisen des Oswald Sollmann", der im Juni in Tübingen präsentiert wird, entwickelt van Eeden auf der Grundlage einer vor formulierten Biografie. Der Wissenschaftler Sollmann zieht - wie van Eeden selbst - von Den Haag nach Berlin und reist in die arabischen und vorderasiatischen Länder. Gerade war van Eeden bei einer Ausstellungseröffnung in Istanbul, von wo er altes Bildmaterial mitgebracht hat. Und auch in Marokko und Ländern des östlichen Mittelmeers will er zeitgenössische Atmosphäre spüren, um seine historische Bildnovelle zu zeichnen.

Seinen Grundregeln möchte der obsessive Zeichner bis an sein Lebensende treu bleiben. "Mein Konzept wirkt auf den ersten Blick wie eine Beschränkung, aber es gewährt mir unglaubliche Freiheiten. Gleichzeitig bewahrt es mich vor der Beliebigkeit", sagt van Eeden. Dazu gehört auch, dass er seine Theorie nicht orthodox begreift. Es gibt mittlerweile schon mal Tage, an denen kein Bild entsteht, Farbe schleicht sich in den schwarzweißen Kanon ein, und das Ende von "Celia" ist auch nicht zufällig gewählt. Zu Walsers Worten "spät, und alles war dunkel" hat van Eeden die Nachtansicht einer Stadt gezeichnet.

Aber die Kunst einer guten Coverversion ist es ja gerade, nicht pedantisch das Notat abzuspielen, sondern in der Interpretation das Alte wie etwas Neues klingen zu lassen. Und das gelingt Marcel van Eeden mit seinen orphischen Zeichnungen so inspirierend, dass man immer neue Coverversionen seiner künstlichen Vergangenheit sehen will. Und das soll tatsächlich möglich sein bis zu seinem Tod: auf www.marcelvaneeden.nl.

Ausstellungen: "Celia", 28. April bis 16. Juni, Galerie Michael Zink, Berlin; "Der Archäologe", 16. Juni bis 26. August, Kunsthalle Tübingen.

Literatur: "Celia", Hatje Cantz Verlag, 2006, 23 Euro. "K. M. Wiegand. Life and Work", Hatje Cantz Verlag, 2006, 24,80 Euro.

Galerie: www.galeriezink.de

Aus dem "Celia"-Zyklus (2005): Erst zeichnet van Eeden die Bilder, dann setzt er per Schablone den Text - jeglicher Zusammenhang ist Zufall

Van Eeden setzt täglich Bilder auf seine Website, deren Vorlagen vor dem 22.11.

1965 datieren

13. Dezember 2006 (19 x 28 cm)

27. Dezember 2006 (19 x 28 cm)

1. Januar 2007 (19 x 28 cm)

24. Dezember 2006 (19 x 28 cm)

29. Dezember 2006 (19 x 28 cm)

2. Januar 2007 (19 x 28 cm)

25. Dezember 2006 (19 x 28 cm)

30. Dezember 2006 (19 x 28 cm)

14. Januar 2007 (19 x 28 cm)

Mit der Serie "K. M. Wiegand - Life and Work" (139 Blätter, je 19 x 28 cm) hatte van Eeden seinen Durchbruch auf der Berlin-Biennale 2006

Schon als Schüler hatte er Möglichkeiten gesucht, private Katastrophen durch künstlerische Erfindungen ungeschehen zu machen

Marcel van Eeden in seinem Berliner Atelier (Foto: Ute Mahler)

Der Mensch sucht automatisch eine Verbindung zwischen Bild und Text, deswegen findet er sie auch - so fügt sich alles zur Geschichte