Ausgabe: 04 / 2002
Seite: 32-34
"Ich kann nur jemanden als Schüler nehmen, an dessen Talent ich glaube"
Von Axel Hecht
Markus Lüpertz, 60, einer der wichtigsten Maler seiner Generation, ist seit 25 Jahren Hochschul-Professor. Über Aufnahme, Ausbildung und die Akademie als Freiraum sprach art-Redakteur mit dem Künstler
art: Herr Lüpertz, wie wird man Künstler?
Lüpertz: Es gibt keine Regeln. Man wird Künstler, weil man Künstler werden will. Man braucht den existenziellen Wunsch - und den Fingerzeig Gottes. Diese Berufung setzt sich durch, die kann man nicht manipulieren.
Wann haben Sie den Entschluss gefasst, Künstler zu werden?
Mit sieben, als ich den ersten klaren Gedanken fassen konnte. Ich wollte immer Maler werden.
Ihr Vater war Unternehmer. Hatte Ihre Mutter musische Anlagen?
Nein, überhaupt nicht. Meine Mutter war eine wunderbare Frau, aber sie kam aus einfachen Verhältnissen. Mein Vater spielte hervorragend Klavier, sang, schrieb gut; war also den Künsten geneigt. Die Malerei blieb für ihn allerdings eine unbekannte Größe - obwohl wir zu Hause in Böhmen, wo ich geboren wurde, zwei Bilder von Max Liebermann gehabt haben sollen.
Sie verließen das Gymnasium ohne einen Abschluss und haben auch die Kunstakademie vorzeitig verlassen. Wann kamen die Kraft und die Konsequenz, ohne die Sie es nicht zu einem der wichtigsten Künstler Ihrer Generation gebracht hätten?
Es war die Kunst, die mich das Gymnasium nicht beenden ließ. Es war die Kunst, die mich aus der Akademie vertrieb. Alle diese Anstalten hatten damals Erwartungen und stellten Grenzen auf. Und wenn man diese Grenzen nicht respektierte und den Erwartungen nicht entsprach, bekam man Schwierigkeiten. Weil ich so besessen von meinem Genie war, mir das aber keiner bestätigten wollte, fing ich Streit an, um auf mich aufmerksam zu machen.
Aber das Genie trieb Sie doch auch an die Staffelei.
Es gibt viele Bilder aus dieser Zeit, wild und möglichst provokant. Sie kamen meinen damaligen Lehrern, die natürlich von den freundlichen Werken der Ecole de Paris oder des Tachismus geprägt waren, ganz grauenhaft vor. Es war lange mein Hauptproblem, dass ich als Künstler wenige fand, die an mich glaubten.
Braucht ein Schüler oder ein Student schon diese starke Form der Bestätigung?
Ich weiß nicht wie viel ich Schülern sagen oder geben muss. Aber von einem bin ich überzeugt: Ich kann nur jemanden als Schüler nehmen, an dessen Talent ich glaube. Das ist das Entscheidende, das ist die Formel für das Meister-Schüler-Verhältnis. Ich kann doch als Lehrer oder Meister keinen Schüler motivieren. Wer von mir Motivation erwartet, der ist falsch bei mir. Ich kann eher versuchen, Leute mit diesen Erwartungen so stark zu behindern, dass sie frühzeitig aufgeben und dann einen vernünftigen Beruf ergreifen.
Nicht gerade zeitgemäß, diese Haltung.
Es ist doch sozial völlig unverantwortlich, jemanden mit aller Gewalt zum Künstler zu prügeln. Die Motivation, die Beisterung, die Leidenschaft, die muss er selber bringen - und zwar in unendlichem Maße.
Gibt es noch weitere Voraussetzungen?
Der Schüler muss den Meister bewundern, muss ihn lieben, muss überzeugt sein, dass er der Größte der Welt ist. Dann lernt er. Und der Meister muss ihn dafür akzeptieren, muss ihm Wertschätzung entgegenbringen, muss ihm die eigenen Gedanken, Schwierigkeiten, auch Zweifel mitteilen.
Holen Sie Ihre Schüler auch in Ihr Atelier?
Ab und zu schon. Ich habe eine sehr enge Beziehung zu meinen Schülerinnen und Schülern. Ich lasse sie an meinem Leben teilhaben. Wir machen viel zusammen - auch Dinge, die nichts mit der Akademie zu tun haben.
Fühlen Sie sich manchmal wie ein Clan-Chef?
Nein, ich bin kein Kumpel. Von Kumpeln lernt man nichts.
Sie sind jetzt seit 25 Jahren Akademie-Professor. Was macht einen guten Lehrer aus?
Ich bin sicherlich kein guter Lehrer. Ich bin Meister. Das ist ein Frage der Haltung. Lehrer hat etwas mit Pädogogik zu tun. Das hab' ich nie gemacht, das kann ich auch nicht. Ich hoffe, dass ich aufgrund einer natürlichen Autorität und einer gewissen Intelligenz in der Lage bin zu vermitteln. Diese Auseinandersetzung ist das Wichtige. Der Begriff des Lehrers umfasst zu viel. Es reicht doch schon, dass ich Künstler bin. Die Bereitschaft eines Künstlers, an die Akademie zu gehen, beinhaltet ja den Wunsch zu vermitteln - damit das, was er für wichtig hält, nicht stirbt mit ihm.
Überlebt der Künstler nicht primär in seiner Kunst?
Er arbeitet aber auch daran, dass die Kunst eine Erweiterung erfährt. Das Aufregende an der Kunst ist doch auch, dass sie nicht ausstirbt, dass sie von einem zum anderen geht. Dass einer auf die Leistung des anderen aufbaut. Daher hat die Kunst eine so unendliche Überlebenskraft.
Haben Sie ein Vorbild?
Meine Vorbilder in der Kunst sind meine Freunde. Das hilft mir auch weiter. Die wohlmeinende Kritik meiner Freunde ist für mich wichtig. Darin besteht ja auch die Karriere eines Schülers, der dann irgendwann zum Freund wird.
Keine Vorbilder in der Kunstgeschichte, wie etwa Corinth oder Kaulbach?
Das sind keine Freunde, das sind Studienobjekte. Grundsätzlich ist mir der Kontakt zu den Lebenden wichtiger. Und außerdem wissen doch auch meine Freunde um Poussin, um Corot oder Corinth. Deren Werk ist auch für uns Diskussionsgrundlage.
Bleibt der Künstler trotz all der Kontakte, die Sie geschildert haben, letzten Endes nicht doch Einzelgänger?
Ich wehre mich gegen den Begriff des Solitärs. Die Kunst ist nicht solitär, die Kunst wird von vielen betrieben. Und wenn Sie in die Geschichte zurückgehen, werden Sie schnell lernen: Es gab meist viele gute Künstler in einer Zeit. Es gibt aber auch Löcher, Phasen des Stillstands. Der Künstler ist also nur solitär im Beitrag, den er liefert, aber nie in der Sache.
Dem widerspricht aber der Begriff der Avantgarde.
Das ist dieses wunderbare Phänomen, das sich alle hundert Jahre ereignet, um die Werte wieder zurechtzurücken. Wenn sich die Avantgarde jedoch außerhalb dieses Regulariums stellt und sich als Kunstform verselbständigt, dann wird sie lächerlich. Dann wird der indiviuelle Einfall wichtiger als das, wofür er steht, nämlich für die Kunst. Daraus entspringt anfangs zwar ein Ideenreichtum, doch am Ende steht der Dilettantismus, weil selbst der größte Dilettant mal einen Einfall hat. Das erleben wir gerade wieder, diese Originalitätswut von Leuten, die den Griffel nicht halten können. Da mache ich nicht mehr mit. Was dabei entsteht, mag unter Umständen sogar spannend und amüsant sein - vielleicht entwickelt sich daraus eine große Unterhaltungsindustrie. Die liegt ja im Argen, wir haben keinen großen Zirkus mehr, keine aufregende Kirmes, keine Kabarets, keine Straßentheater. Aber die Malerei hat damit nichts zu tun. Die Malerei ist eine Disziplin von vergleichbaren Leistungen und steht für Vollendung. Wenn wir alle einen Apfel malen, wird man am Ende entscheiden können, wer den schönsten gemalt hat.
Kann man Kunst überhaupt lehren? Und wenn ja, worauf sollte man den Schwerpunkt legen?
Die Kunst besteht zu einem wichtigen Teil aus Handwerk - und das kann man vermitteln. Deswegen die Technik, das Zeichnen, das Malen, dann dieser ganze Reichtum an Malerei - die 2000 Jahre Kultur. Die Kunst an sich, die kann man nicht vermitteln. Die liegt im Genie des Einzelnen.
Was heißt das für die Einrichtung Akademie?
Die Akademie ist doch keine Anstalt, in der Kunst gelehrt wird. Die Akademie ist in erster Linie ein Freiraum. Sie ist für die Künstler da, die durch ihren Zusammenschluss eine ganz bestimmte Atmosphäre erzeugen. Und sie ist der Bahnhof für die jungen Leute, die aus ihren Elternhäusern kriechen, laufen, rennen, um dann hier auf den Zug Kunst zu springen. Es gibt keine Verpflichtung. Ich lehne jede Verpflichtung ab, dass die Akademie ein Leistungsprodukt wie berühmte Künstler hervorbringen muss. Was die Akademie leistet, hängt immer von dem ab, der reinkommt, also vom Schüler, nie vom Meister.
Woran merken Sie als Rektor einer Akademie, ob eine Bewerberin oder ein Bewerber Talent hat?
Das ewige Geheimnis aller Aufnahmeprüfungen. Wenn Sie das so lange machen wie ich, wenn Sie in so viele Mappen geschaut haben, dann sind Sie erschrocken vom mangelnden Bewusstsein der Leute, was Kunst überhaupt ist. Dieser bildnerische Analphabetismus wächst sogar noch. Es bewerben sich Menschen, die wollen Künstler werden und haben noch nie in ihrem Leben ein Museum besucht. Die sehen noch nicht einmal den Einfluss eines van Gogh.
Sie sind also nicht roh, sondern ignorant?
Absolut. Sie denken, Künstler sei ein Beruf, den man lernen kann, auf den sie auch ein Recht haben. Das ist ein gigantischer Irrtum.
Zurück zur Aufnahme.
Ja, zurück zur Mappe. Wir suchen nach irgendetwas, das anrührt, das aneckt. Und wenn wir das spüren, dann nehmen wie sie oder ihn auf. Wir vergeben einfach ein Freilos. Manchmal sehen wir im provokanten Unvermögen auch das Talent. Die Aufnahme ist also keine Garantie, sie ist nur ein Kriterium. Und das ist dann auch noch fragwürdig. Denn es gibt ja viele Künstler, die abgelehnt wurden und dennoch wichtige Leute wurden. Aber das stützt ja wieder meine Theorie: Nichts hält einen Menschen, der Künstler werden will, von der Kunst ab. Auch nicht die Aufnahme, auch nicht die Akademie. Die ist nur eine Möglichkeit, Künstler zu werden.
Was raten Sie jungen Menschen, die noch unsicher sind, ob sie in die Kunst gehen sollen?
Wenn sie unsicher sind, sollen sie es lassen.
Gibt es überhaupt qualifizierte Eignungsprüfungen für Kunstudenten?
Wenn ein Meister oder Professor entscheidet, dann ist die oder der qualifiziert. Man muss lernen, den Künstlern etwas zuzutrauen. Man soll mir nicht immer mit Gerechtigkeit oder Fairness oder gar Wahrheit kommen. Die Kunst zielt, und das ist ihr Hauptelement, auf die Verunsicherung, auf die Infragestellung des Seins. Darin ist sie der Philosophie verwandt. Wir gehen davon aus, dass alles, was sich uns zeigt, ein Schein ist, dass es vielleicht ein Reich mit zwei Sonnen gibt, eine Ewigkeit, oder ein Glück oder ein Geheimnis. Die Kunst hat immer eine Tür - zur Ewigkeit aber auch zur Hölle. Die Kunst ist immer etwas Überirdisches, sie ist das Göttliche im Menschen. Der Künstler hat Gott geholfen, die Welt zu erschaffen. Der Künstler ist dafür verantwortlich, wie wir die Welt sehen, wie wir sie begreifen, wie wir mit ihr umgehen. Das ist das Entscheidende.
"Es ist doch sozial völlig unverantwortlich, jemanden mit aller Gewalt zum Künstler zu prügeln. Die Motivation, die Leidenschaft, die muss er selber bringen - und zwar in unendlichem Maße"
"Wir suchen nach irgendetwas, das anrührt, das aneckt. Und wenn wir das spüren, dann nehmen wie sie oder ihn auf"
Sieht sich nicht als Lehrer, sondern als Meister: Markus Lüpertz, Rektor der Kunstakademie Düsseldorf (Foto: Detlef Odenhausen)
Malerischer Kommentar zur deutschen Geschichte: Das Bild "Schwarz-Rot-Gold I" (260 x 200 cm) von Markus Lüpertz aus dem Jahr 1974
