Ausgabe: 09 / 2002
Seite: 58-62
Die 44 Steine des Anstoßes
Von Ira Diana Mazzoni
Wenn am 16. September in München die neue Pinakothek der Moderne eröffnet wird, ist dort auch die Raumskulptur "Das Ende des 20. Jahrhunderts" von Joseph Beuys (1921 bis 1986) zu sehen. Ihr Umzug aus dem Haus der Kunst war umstritten - darf man ein Werk, das der Künstler noch selbst aufgebaut hat, einfach verlegen?
Erst kamen die Vermesser und nahmen das Kunstwerk ins Visier, als sei es eine unbekannte Felsenküste, die kartiert werden muss. Die Geodäten ordneten jedem der 44 schrundigen Basaltbrocken fünf Koordinaten zu: markante Vorsprünge, Dellen, Grate. Auf diese setzten sie ihr Prisma und nahmen mit dem Tachymeter die exakte Position im Raum auf. Der Computer lief auf Hochtouren und verarbeitete die gewonnenen Daten. Kein Abstand, kein Neigungswinkel, kein Überstand, der nicht millimetergenau registriert wurde. Und zur Sicherheit bekam jeder Stein sein digitales Foto mit den markierten Koordinaten mit auf die kurze Reise ohne Wiederkehr. Nach drei Tagen war alles vorbei. Die Laufkatze am Portalkran bewegte sich nicht mehr, der Flaschenzug hatte aufgehört zu quietschen. Totenstille. Ein Mythos war zerstört und ein neues Kunstwerk gewonnen. Joseph Beuys' legendäre Installation "Das Ende des 20. Jahrhunderts" war von ihrem angestammten Platz im Haus der Kunst entfernt und als erste Arbeit im Neubau der Pinakothek der Moderne wieder aufgebaut worden. Obwohl die wuchtigen Blöcke jetzt wieder haargenau so liegen, wie sie Beuys im Januar 1984 in Saal 29 am Ende des Rundgangs der Staatsgalerie moderner Kunst arrangiert hatte, ist nichts mehr so, wie es war. Die einzige authentische Installation der Werkgruppe - es gibt insgesamt vier verschiedene Versionen - ist unwiederbringlich verloren.
"Wir haben uns die Entscheidung wahrhaftig nicht einfach gemacht", erklärt Carla Schulz-Hoffmann, die Leiterin der Pinakothek der Moderne. "Einmal abgesehen von dem Eigennutz, auf ein so wichtiges Werk im neuen Haus nicht verzichten zu wollen, bin ich der Meinung, dass wir das Richtige getan haben. Auch wenn wir ,Das Ende des 20. Jahrhunderts` im Haus der Kunst zurückgelassen hätten, wäre die Situation ja nicht mehr mit der ursprünglichen vergleichbar gewesen. Beuys hatte die Steine ja ganz gezielt ans Kopfende unseres kunstgeschichtlichen Rundgangs gelegt." Dieser Zusammenhang war aber schon im Jahr 2000 verloren, als die Staatsgemäldesammlungen, die baldige Eröffnung der Pinakothek der Moderne vor Augen, ihr ungeliebtes Quartier im ehemaligen "Haus der deutschen Kunst" räumten.
"Ich bin da oft hochgegangen, um zu überlegen, wie wir das mit dem Umzug am besten machen", erzählt der hauptverantwortliche Restaurator Erich Gantzert-Castrillo. "Da sah das Werk total arm aus, stumpf und tot - es fehlten einfach die Menschen, die es anschauten." Trotzdem ist der ausgewiesene Kenner der Moderne überzeugt: "Da hätte man was Schönes draus machen können." Die Arbeiten von Walter De Maria müsse man ja auch an den Originalschauplätzen aufsuchen. "Das Ende des 20. Jahrhunderts hätte ein Monument, ein Denkmal sein können, das einfach zur Geschichte des Hauses gehört", sagt Gantzert-Castrillo.
Aber in München war das anscheinend nicht möglich. Schon der Umgang der Ausstellungsmacher mit dem eindruckssvollen Relikt zeigte, dass die Steingruppe hier nur als Störung des Betriebs wahrgenommen wurde. Wann immer Christoph Vitali und sein Team die oberen Galerieräume für eine ihrer vielen Bilderschauen nutzten, ließen sie das zurückgelassene Steinmeer einhausen und überbrücken - eine lästige Barriere. Was war für Beuys wichtiger: die Bindung an den Ort oder an die Sammlung? Die Frage ist postum nicht mehr zu klären. Als der Galerie-Verein die Skulpturengruppe für die Staatsgemäldesammlungen erwarb, hatte Beuys die 44 Blöcke in den Kellerräumen der Galerie Schmela in Düsseldorf erstmals auslegen lassen. Mit starken Taschenlampen ausgestattet, stieg das Publikum ins Dunkel hinab und erkundete den merkwürdigen Zug der einäugigen Lemminge von allen Seiten wie eine Gruppe von Höhlenforschern.
Schulz-Hoffmann erinnert sich: "In München wussten wir nicht, was wir machen soll-ten. Einen solchen Kellerraum hat-ten wir Beuys einfach nicht zu bieten." Dann kam der Schamane selbst: In den Keller vom ehemaligen Haus der deutschen Kunst, 1933 bis 1937 von Paul Ludwig Troost für Hitlers neue Staatskunst gebaut, wollte er auf keinen Fall - zu düster, historisch zu stark belastet. Schnell entschied er sich für die hinterste Ecke der südlichen Galerie im Obergeschoss. Durch Trockenbauwände von den Kunstwerken seiner Zeitgenossen abgeschirmt, bildete die Installation ein beredtes Nachwort zur Geschichte des Ortes und der darin gezeigten Kunst.
Anders als der Beuys-Schüler Imi Knoebel es kolportiert hat, kümmerte sich Beuys in München intensiv um die Installation. Er ließ nicht die Steinmetzen und Transporteure machen und kam dann zum Schluss, um ein "paar Dingen noch einen Kick zu geben" (Knoebel). Im Gegenteil. Die von den Staatsgemäldesammlungen aufbewahrte Fotodokumentation belegt: Vom ersten bis zum letzten Stein hat der Künstler Hand angelegt, hat die Platzierung dirigiert, die Stellung geprüft und korrigiert, hat mit gehoben und mit geschoben.
Schließlich erhielt das Werk eine völlig andere Ordnung als zuvor in der Düsseldorfer Galerie: Kein Zug der Lemminge mehr, keine kopflose Menge, die sich in parallelen Reihen selbstzerstörerisch auf das eigene Ende zubewegt. Zwar bildeten die Steine immer noch eine Herde, aber einige der Tiere bockten, stellten sich quer. Ein Hoffnungsschimmer am Horizont eines düsteren Jahrhunderts. Andererseits wirkte das Feld wie ein gigantischer Trümmerhaufen, ein Ruinenfeld. Gerade an diesem belasteten Ort, gerade im Haus der Kunst, war dem "Tiefsinn kein Ende gesetzt". Das schrieb damals Schulz-Hoffmann, die weiter konstatierte, die Installation werde an diesem Ort zu einem "Plädoyer für eine kritische Selbstreflexion". Damit ist es nun zu Beginn des neuen Jahrhunderts vorbei. Anstelle der Kritik ist die pure Ästhetik getreten.
In dem neuen Museum von Stephan Braunfels hat das Werk einen Raum erhalten, der aus dem Raster der Ausstellungssäle herausfällt: So beansprucht das Werk erneut eine Sonderposition. Ehre, wem Ehre gebührt. Eigentlich sollten die 44 Basaltblöcke wieder am Ende des Rundgangs im letzten Saal präsentiert werden, aber der war zu klein. Für die Restauratoren war es ausgeschlossen, die Steine näher aneinander zu rücken und damit die Gesamtskulptur zu stauchen. Wer hätte die Verantwortung übernehmen sollen, und nach welchen Maßstäben hätte er handeln sollen? Nur die exakte Umsetzung der Steine von einem Ort zum anderen setzt der Willkür Grenzen.
"Wir haben die am wenigsten subjektive Art der Umsetzung gewählt", erklärt Gantzert-Castrillo. Und die Landeskonservatorin glaubt, die Möglichkeit realisiert zu haben, die das Werk am wenigsten verfälscht. Der neue Ort hat eine prominente Position innerhalb des gesamten Museums, der Saal bildet ein Scharnier zwischen der Kunst der Klassischen Moderne und der Gegenwartskunst. "Ein gerechter Ort für das Werk", meint GantzertCastrillo. Viel größer als das Separee im Haus der Kunst, bietet der taghelle Raum dem Besucher die Möglichkeit, um das Kunstwerk herumzugehen, wie sich das Beuys ursprünglich gewünscht hatte. Die Installation hat nun eine kristalline Klarheit gewonnen, die ihr vorher fehlte. Die Brocken heben sich von dem grauen Terrazzoboden ab. Ihre Volumina werden erfahrbar, ihre Ordnung erkennbar. Das Chaos scheint gebändigt.
"Das Ende des 20. Jahrhunderts" wirkt mehr als Skulptur denn als Mahnmal. "Vorher war die Installation von der Architektur geprägt", resümiert Schulz-Hoffmann die Verwandlung des Werks, die mit dem Umzug einherging, "jetzt ist es ein autonomes Kunstwerk, das die Bedeutung von Beuys für die Kunstgeschichte auf singuläre Weise unterstreicht." Trotz der minutiösen Vermessungstechnik sind sich Konservatoren und Restauratoren einig: Im neuen Haus sieht das Werk prächtig aus - aber es ist kein authentischer Beuys mehr. Gantzert-Castrillo will nicht unbedingt vom Verlust der Aura sprechen, aber "die Zeugenschaft der Zeit ist weg". Der Genius loci ist ein ganz anderer. Die Pinakothek der Moderne ist eben ein geschichtsloser Ort: strahlend weiß, lichtdurchflutet und selbstredend schön.
Information: www.museum-der-moderne.de
Die Pinakothek der Moderne
Sie wurde schon vor der Eröffnung zum Haus der Superlative: Die Pinakothek der Moderne in München ist Europas größter Museumsneubau. Auf rund 12000 Quadratmetern Ausstellungsfläche werden vier bedeutende Sammlungen aus den Gebieten Kunst, Grafik, Architektur und Design zu sehen sein. Der vom Münchner Architekten Stephan Braunfels, 51, entworfene Komplex gegenüber der Alten Pinakothek entstand in zehnjähriger Planungs- und Bauzeit. Die Kosten liegen bei rund 121 Millionen Euro, rund 15 Millionen wurden von privaten Stiftern erbracht. Eröffnung ist am 16. September.
-Die Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst ist das Herzstück des Museums: Sie umfasst Malerei, Skulptur, Installationen und Werke aus dem Bereich der neuen Medien des 20. und 21. Jahrhunderts. Gemälde von Beckmann bis zu Baselitz, von den Surrealisten bis zu Ver-tretern der Concept Art. Installationen von Bruce Nauman bis
zu Bill Viola.
-Die Grafische Sammlung hortet rund 400000 Zeichnungen und Druckgrafik von Künstlern ab Leonardo da Vinci über Paul Cezanne bis zu Vertretern der Gegenwart.
-Das Architekturmuseum besitzt rund 350000 Zeichnungen, 100000 Fotografien sowie 500 Modelle von Balthasar Neumann über Le Corbusier bis zu Günter Behnisch.
-Zur Design-Sammlung zählen rund 50000 Objekte der angewandten Kunst - von Beispielen aus der Zeit der industriellen Revolution bis zur Gegenwart.
Das Werk sieht nun prächtig aus - ein authentischer Beuys ist es aber nicht
In München legte der Künstler beim Aufbau selbst Hand an, vom ersten bis zum letzten Stein
Bild(er):
Bild: Januar 1984: Mit einigen Helfern baut Joseph Beuys die Installation in München auf. Die kreisrunden Pfropfen, die an Augen erinnern, werden aus den Blöcken herausgefräst und anschließend wieder mit Filz und Ton im Stein verkeilt
Bild: Wiederaufbau: Mit dem Kran werden die Blöcke in die Pinakothek der Moderne gehievt, Fotos helfen bei der ersten Legung
Bild: Die Installation am alten Ort, dem Saal 29 im Haus der Kunst (oben). Unten der neue Raum in der Pinakothek der Moderne: ein Ort von kristallener Klarheit
Bild: Kunstwerk-Vermessung: Die Restauratoren bedienen sich modernster Technik
Bild: Strahlende Schönheit der Münchner Museumsland-schaft: der Neubau für die moderne Kunst von Stephan Braunfels
Bild: Im Inneren öffnen sich die Etagen zur lichtdurchfluteten Rotunde
