Ausgabe: 05 / 1997
Seite: 40-45

Ein Schloß für Joseph Beuys und seine Getreuen

Von Heiner Stachelhaus

Es waren einmal zwei Bauernsöhne vom Niederrhein, die lernten eines Tages einen seltsamen Menschen kennen. Sein Name war Joseph, und er trug immerzu Anglerweste und Filzhut und war etwas Unerhörtem auf der Spur - dem Erweiterten Kunstbegriff und der Sozialen Plastik. Die Brüder, Hans und Franz Joseph, waren davon wie verhext, stellten seine Werke im Stall des elterlichen Bauernhofes in Kranenburg aus, kauften von ihrem knappen Sonntagsgeld Bilder, Objekte und Zeichnungen und schlossen Freundschaft mit dem Künstler. So entstand eine monumentale Sammlung dieses niederrheinischen Sonderlings, der nicht zuletzt dank ihres Engagements Weltruhm ernten sollte.

Auch der Schluß der Geschichte ist wie aus dem Märchen: Nachdem nämlich der wegen seiner Fett- und Filz-Arbeiten bei manchen verschriene, bei anderen gefeierte Künstler 1986 gestorben war, schafften es die Brüder, das durch den Krieg stark beschädigte Schloß Moyland unweit seiner Heimatstadt Kleve in ein Museum mit einer umfangreichen Sammlung zu verwandeln, in dem das Werk des hochverehrten Joseph Beuys freilich das Herzstück bildet. Franz Joseph van der Grinten, Jahrgang 1933 " studierte Recht, Philosophie, Kunstgeschichte und Psychologie und arbeitete fast 20 Jahre als Kunstpädagoge. Bruder Hans, Jahrgang 1929, studierte Landwirtschaft und Kunstgeschichte, war Kunsterzieher und Museumsmann. Beuys hat ihnen viel zu verdanken. Als der Künstler in einer schweren Krise steckte, das war Mitte der fünfziger Jahre, da holten sie ihn auf ihren Bauernhof und ließen ihn bei der Feldarbeit helfen. Den größten Anteil daran, daß Beuys seine Depression überwinden konnte, hatte sicherlich die Mutter der Brüder - denn die hat ihm eines Tages den Kopf gewaschen: Er müsse sich in die Pflicht nehmen, hat sie ihm klargemacht, als er mal wieder besonders heftig gegen sich selbst wütete, dann werde das andere von selbst kommen. Beuys muß sich -diese schlichten Wahrheiten zu Herzen genommen haben: Bald danach war die Krankheit überwunden. Es erscheint heute kaum glaublich, daß in diesem bäuerlichen Umfeld am Niederrhein eine tiefe Freundschaft wuchs zwischen den eher bedächtigen, bodenständigen Brüdern und dem unruhigen und sensiblen Künstler, der immer mehr in die Rolle des Weltstars wuchs. Doch auch Hans und Franz Joseph van der Grinten sind auf ihre Weise Künstler - Sammelkünstler, Interpretationskünstler. Sie haben tiefes Verständnis für ihren Beuys, auch in seinen Abgründen. Joseph Beuys hat diese besondere Fähigkeit der Brüder früh erkannt und sie überJahrzehnte hinweg regelmäßig mit seinen Arbeiten und mit Informationen darüber versorgt. So entstand ein vielfältiger, alle Gattungen umfassender Sammlungskomplex von 4000 Kunstwerken. Das älteste ist ein Blumenstillleben in Öl des sechsjährigen Beuys. Das Land gab Geld, der Schloßherr seinen Besitz In der Abteilung der Zeichnungen ist der Künstler mit 3000 Papierarbeiten vertreten, doch hat das Museum Schloß Moyland einen Gesamtbestand von 16 000 Blättern - von einem "Museum vielgestaltiger Art" hat Hans van der Grinten einmal gesprochen, "in demdie Ausstrahlung des Werkkomplexes von Beuys ein ganz besonderes Gewicht besitzt." Vom Beginn der Planungen, an denen auch der Künstler noch mitgearbeitet hat, stand für beide Brüder fest, daß da ein Museum entstehen soll, "in dem viele Sprachen gesprochen werden, in dem vieles in den Vordergrund tritt, das teilgehabt hat an dem künstlerischen Denken der letzten 200 Jahre, teilgehabt ineiner merkwürdig selbstverständlichen Übereinkunft mit einem Künstler wie Joseph Beuys," So läßt der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Johannes Rau keine Gelegenheit aus, die Stiftung Museum Moyland als einen Glücksfall zu preisen - für den sich das Land kräftig engagiert hat: Die Restaurierung des Schlosses samt seiner Vorburgen kostet 55 Millionen, für die Wiederherstellung der Gartenanlagen kommen sechs Millionen Mark hinzu; an beidem ist das Land mit 90 Prozent beteiligt. In die 1990 gegründete Stiftung brachten die Brüder van der Grinten rund 60 000Kunstwerke, Fotografien und Beispiele angewandter Kunst ein, der Schloßherr Baron Adrian von Steengracht und seine Frau die gesamte Schloßanlage. Bestandteil der Stiftung ist auch das Beuys-Archiv, das Hans und Franz Joseph van der Grinten seit 1967 gemeinsam mit dem Künstler aufgebaut haben. Es umfaßt rund 100 000 Archivalien - das Leben des Künstlers scheint nahezu lückenlos dokumentiert: Mehr als 3000 Fotografien zu Werk und Privatleben gehören dazu, rund 28000 Seiten Briefe an Beuys, dazu Einladungen, Handzettel, Programme, Tonbänder mit Reden und Interviews und über 50 000 Zeitungsausschnitte. Der Berg wächst täglich. Viel zu forschen. Für Wissenschaftler hält die Stiftung zwei kleine Appartements in der ehemaligen Schmiede, jetzt Kassenhaus, bereit; selbstverständlich steht auch dieMuseumsbibliothek mit ihren 50000 Bänden zur Verfügung. Für die wechselvolle Geschichte des Wasserschlosses Moyland zwischen Kleve und Kalkar bedeutet die Umwandlung in ein Museum moderner Kunst den wohl tiefsten Einschnitt. Urkundlich wird Moyland 1307 erstmals erwähnt, und zwar als Gutshof"in gen Moyland". 1662 taucht die "Herrlichkeit Moyland" wieder in den Dokumenten auf- damals erwarb Freiherr Alexander van Spaen das Wasserschloß und ließ es dem barocken Stil anpassen. Später kauften die Preußen das Schloß. Friedrich der Große traf sich 1740 mit dem französischen Philosophen Voltaire, den er hoch verehrte, auf Schloß Moyland. 26 Jahre später erwarb der holländische Kaufmann Adrian van Steengracht das Anwesen. 1854 wurde die Fassadeerneut modernisiert: Statt Barock sollte es jetzt englischer Tudorstil sein,also setzte der Kölner Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner eine neugotische Ziegelwand vor das Schloß. Charakteristisch blieben die vier mit Zinn beschlagenen Türme. Doch ging auch an Moyland die Zeit nicht spurlos vorüber. Eingebettet in eine wild wuchernde Natur, verfiel das Gebäude zusehends. Schließlich bot es 1937 den passenden Hintergrund für den Horrorfilm "Der Hund von Baskerville". Im Zweiten Weltkrieg wurde das Schloß stark beschädigt. Bei einem Besuch der auf Moyland stationierten dritten britischen Infanteriedivision am 25. März 1945 inspizierte gar Winston Churchill das Desaster: Die umfangreiche Bibliothek war den Bomben zum Opfer gefallen, ebenso die hervorragende Kunstsammlung mit Werken von Peter Paul Rubens, Frans Hals, Anthonis van Dyck und Jan Brueghel. Danach war für viele Jahre der politische Wille zur Restaurierung vorhanden, doch es fehlte an Geld. Erst als das Land Nordrhein-Westfalen ankündigte, sich an den Sicherungs- und Wiederherstellungsarbeiten zu beteiligen, und vollends seit Gründung des Fördervereins 1987 konnte die Restaurierung beginnen. Es geschah - ein klein wenig pathetisch gesprochen - das Wunder von Moyland. Engagiert auch für fast vergessene Künstler Heute werden an dieses Wunder handfeste Erwartungen geknüpft: Wirtschaft und Fremdenverkehr versprechen sich einen Auftrieb für den Standort Niederrhein. Zunächst aber gilt es, 55 unterschiedlich konzipierte Räume im Museum Schloß Moyland zu füllen - eine gewaltige Herausforderung für die Brüder van der Grinten, die als Museumsdirektoren ohne Anstellungsvertrag fungieren, ausgestattet mit einer Leibrente. Was sie bis jetzt geleistet haben, ist phänomenal - die Meinungen der Fachleuteund des Publikums wird es polarisieren: In ihrer Inszenierung folgen die Brüder nämlich nicht künstlerischen Moden, sondern künstlerischen Haltungen. Ihr Prinzip heißt: Aufklärung durch Bilder. Die Sammlung soll in allen ihren Teilen möglichst umfassend informieren, und sie soll so angeordnet sein, daß sie sich in ihren Schwerpunkten immer ergänzen und erneuem kann. Die Brüder kümmert nicht, ob ein Künstlerbekannt ist oder nicht. Beuys ist wie von selbst ins Zentrum gerückt. Von den 4000 seiner Arbeiten können sie 1000 zeigen - das sind 13 Räume im Obergeschoß. Ein 14. Raum ist Beuys-Porträts von anderen Künstlern gewidmet. Hinzu kommt ein Kabinett mit einer Auswahl aus rund 1000 Arbeiten von Schülern der Beuys-Klasse an der Düsseldorfer Kunstakademie. Die Zahlen, die Hans und Franz Joseph van der Grinten für ihre Stiftung parat haben, sind beeindruckend: 1400 Arbeiten von Hermann Teuber besitzt das Museum, darunter 25 Gemälde von 1937 bis 1967, sowie 14 bislang nicht gezeigte Gemälde von Erwin Heerich aus den fünfziger bis siebziger Jahren. 1600 Zeichnungen und 80 Ölbilder von Erich W. John, 770 Zeichnungen des ehemaligen Düsseldorfer Akademieprofessors Rolf Sackenheim. 550 Zeichnungen von Franz Eggenschwiler, 500 Papierarbeiten von Elisabeth Köster und 300 Zeichnungen von Wolfgang Schulte, der 1936 als junger Mann starb und nie eine Ausstellung hatte. Überwältigend ist das Kabinett der Druckgrafiken: 30000 Blätter von der Goethe-Zeit bis heute, darunter 550 Holzschnitte des Jugendstils, 750 des deutschen Expressionismus und 320 Blätter mit englischer Radierkunst von 1858 bis in die zwanziger Jahre. Die Skulpturen sind auf elf Räume im Kellergeschoß verteilt - von einem Relief von Bertel Thorvaldsen (1768 bis 1844) bis zu Werken von Gerhard Marcks und Ewald Matare, dem Lehrer von Beuys. Erwin Heerich hat zwei eigene Räume. Insgesamt umfaßt der Skulpturensaal 250 Arbeiten. Unter den Gemälden finden sich Arbeiten von David Hockney, Blinky Palermo " Norbert Tadeusz und Gerhard Richter, unter den Skulpturen solche von Franz Gutmann, Max Klinger und Rudolf Belling. Im Sonderbereich Objektkunst sind reiche Bestände von Künstlern wie Arman, Martial Raysse, Daniel Spoerri,Wolf Vostell und Arthur Koepcke zu sehen. Die umfassende Lust der Brüder van der Grinten auf Kunst und Kunstgewerbe bezeugt etwa das Kabinett der Medaillen und Plaketten aus der Zeit vom Klassizismus bis in die Gegenwart. Dazu kommen rund 400 Keramikgefäße und 150 Teile Gebrauchsgeschirr aus Porzellan und Steingut, 120 Glasgefüße, Textilien und Möbel des Jugendstils - die emsigen Sammler kennen keine Vorlieben",außer dem jeweils neuesten Werk für das Museum", sagt Hans van der Grinten. Das Sammlungsgebiet ist gewaltig, die Kosten sind es auch: rund sechs MillionenMark für laufende Ausgaben. Die Frage nach der Qualität in dieser bunt gewürfelten Vielfalt ist Hans van der Grinten gewohnt. Statt eine Antwort zu formulieren, weist er auf die zur Zeit entstehende Moyland-Plakette. "Aufgegeben - neu gegeben", steht darauf. "Das ist es", sagt er. Geöffnet ab 25. Mai, Öffnungszeiten: 1. April bis 31. Oktober täglich 1018, Do bis 21 Uhr, 1. November bis 31. März: Di-So 10 - 17 Uhr Anfahrt: Auf der B 57 nach Bedburg-Hau zwischen Kleve und Kalkar. Besucherinformation: Telefon 02824/951066. Anmeldungen und Auskünfte über Führungen: Mo-Do 13-15 Uhr, Telefon 02824/951057