Ausgabe: 10 / 1996
Seite: 154-155
Auch Rita Süssmuth soll es nicht 'Gräberfeld' nennen
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Auch Rita Süssmuth soll es nicht 'Gräberfeld' nennen
Joseph Beuys und der Deutsche Bundestag - ein deutsches Trauerspiel: Die Bewerbung des einflußreichsten deutschen Künstlers der achtziger Jahre um einen Sitz im Hohen Haus am Rhein verhinderten die Grünen von Nordrhein-Westfalen, die ihrem Parteimitglied Beuys (1921 bis 1986) zur Bundestagswahl von 1983 einen sicheren Platz auf der nordrhein-westfälischen Landesliste verweigerten.
Die Absicht des Bundestags - Kunstbeirats, postum zumindest, eine Beuys-Arbeit für das neue Bonner Parlamentsgebäude zu erwerben, scheiterte an einer Intervention des Boulevardblatts "Bild am Sonntag" (ART 4/ 1995). Der "Tisch mit Aggregat" von 1985 sollte 400000 Mark kosten - Abgeordneten von Union und FDP im Haushaltsausschuß war das nach der Presseschelte zuviel. Aber nun, Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth ließ nicht locker, hängt tatsächlich ein Beuys-Werk im Neubau des Parlaments. Und es kostet, als Dauerleihgabe aus der Sammlung Hans und Franz Joseph van der Grinten, die Steuerzahler keinen Pfennig. Ende gut - alles gut? Mein, Rita Süssmuth hat nun erst recht ein Problem. Denn dieses, von den Leihgebern mit dem Titel "Gräberfeld" versehene, Keramikrelief von 1957/58 ist nur ein Entwurf aus den Orientierungsjahren des Künstlers. Beuys hat die Studie nie als eigenständiges Werk gewertet und sie nie "Gräberfeld" betitelt. So jedenfalls steht es in einem Brief der Künstlerwitwe und Nachlaßverwalterin Eva Beuys an die Bundestagspräsidentin. Sie bittet darum, "auf die weitere Ausstellung des im Plenarbereich bereits angebrachten Werks zu verzichten." Sie verwahrt sich gegen "die weitere Verwendung der Bezeichnung "Gräberfeld"' und "die Verbreitung entsprechender Interpretationen". Außerdem verbietet sie dem Bundestag, mit Hinweis auf ihr Urheberrecht, Reproduktionen des Werks. Unterstützt wird Eva Beuys von den Unterzeichnern eines Offenen Briefs, die eine Beuys-Arbeit zwar im Bundestag erleben, aber das Parlament verpflichten wollen, "sich um ein Werk zu bemühen, das dem künstlerischen und politischen Anspruch von Joseph Beuys entspricht". Der Künstler und Beuys-Schüler Felix Droese ist da gleicher Meinung wie die Beuys-Freunde Karl Ruhrberg und Klaus Staeck: "Die ". Keramik", heißt es im gemeinsamen Offenen Brief, "erfüllt diese Kriterien in keiner Weise." Leihgeber Hans van der Grinten, Jugendfreund von Joseph Beuys und Direktor der Stiftung Museum Schloß Moyland nannte bei Übergabe der Arbeit "Gräberfeld" im Bundestag die Einwände von Beuys-Nachlaß und Beuys-Freunden "ungerechtfertigt und infam". Damit bestätigte er erstmals öffentlich, daß es einen Dissens gibt unter den Institutionen, die heute den Beuys-Machruhm verwalten. Am Niederrhein eröffnen die Beuys-Sammler van der Grinten im restaurierten Schloß Moyland im Frühjahr 1997 ein grandioses Museum mit Archiv, das auch ein Beuys-Werkverzeichnis erarbeitet. Parallel dazu entsteht ein von der Beuys-Familie (Eva, Wenzel, Jessyka Beuys) unterstützter Catalogue raisonne aller Beuys-Werke unter Leitung des Kunsthistorikers Franz-Joachim Verspohl an der Universität Jena. Beide Forschungsstätten sind einander nicht so recht gewogen, aber wegen der reichlich am Niederrhein lagernden Archivalien aufeinander angewiesen. Ausgerechnet im Deutschen Bundestag bekriegen sich jetzt die beiden Lager- bestimmt kein Sieg für Joseph Beuys, dessen marginales Frühwerk beim Umzug nach Berlin stiekum abgehängt werden sollte. Denn diese "diskriminierende und ehrverletztende Ausstellung eines ". Probebrandes" (Eva Beuys) sollte man ihm wirklich ersparen. Alfred Nemeczek
