Ausgabe: 02 / 1999
Seite: 123
Ein Turbo für die Beuys-Forschung
Von
Thomas Knubben, Tilman Osterwold (Hrsg .) : Joseph beuys. Wasserfarben 1942-1963. Verlag Gerd Hatje Ostfildern. 152 Seiten. 110 Abbildungen, davon 91 in Farbe. 34 Mark Lynne Cooke Koren Kelly (Hrsg.): Joseph Beuys. Zeichnuregen. Zu den beiden 1965 wiederentdeckten Skizzenbüchern "Codices Madrid" von Leonardo da Vinci. Richter Verlag, Düsseldorf. 206 Seifen. 142 Abbildungen, davon 98 in Farbe. 128 Mark Monika Angerbauer-Rau: Beuys Kompaß. Ein Lexikon zu den Gesprächen von Joseph Beuys. DuMont Buchverlag, Köl . 632 Seiten. 98 Mark
Volltext vorhanden - zum Editieren bitte Knopf 'Volltext holen' betätigen
Längst ausverkauft sind auch die 1000 Exemplare einer schönen Kladde mit knapp 100 Bleistiftzeichnungen, die Beuys 1974 im Auftrag der Stuttgarter Manus Presse als Künstler-Multiple den "Codices Madrid" von Leonardo da Vinci als kollegiales Ko-Referat eines Geistesverwandten aus dem 20. Jahrhundert entgegenstellte. Nun veröffentlicht das New Yorker Dia Center for the Arts, dem die meisten der Originalzeichnungen inzwischen gehören, das Konvolut noch einmal. Diesmal aber erscheinen die Blätter kunstwissenschaftlich korrekt in Originalgröße faksimiliert und erläutert. Und von vier beflissenen Kommentatoren erklärt der Da-Vinci-Spezialist Martin Kemp am besten, wie Beuys "Leonardos Merkbücher für die heutige Zeit umformulierte". Doch gegenüber der haptischen Frische des ursprünglichen Künstlerbuchs mit seinen zart lithografierten Menschen-, Tierund Landschaftsstudien, seinen intensiven Lehrdiagrammen und grafischen Assoziationen wirkt die Dokumentation aus dem Dia Center trotz Authentizität seltsam scheintot . wie ein fader Griffins Archiv.
Völlig anders verhält es sich mit dem "Beuys Kompaß". Dieses Buch mit detaillierten Angaben zu 514 Texten, Reden, Gesprächen und Interviews, an denen Beuys vom 7. Mai 1961 bis zum 12. Januar 1986 beteiligt war, ist ein Archiv, aber ein höchst vitales - und schon jetzt ein Standardwerk. Ob Joseph Beuys ("Lehrer zu sein ist mein größtes Kunstwerk") sich mit dem Studentenführer Rudi Dutschke, dem Schüler Thomas Hannappel, dem Kritiker Georg Jappe oder der "Rheinischen Bienenzeitung" auseinandersetzte, ob er das "Denken mit dem Knie", "unser gegenwärtiges Leben in einer Todeszone", das Zeichnen als "Forschung" oder das Weihnachtsfest als "Happening" propagierte _ Monika Angerbauer-Rau teilt penibel mit, wann was wo mit wem erörtert wurde und in welcher Quelle der Text nachzulesen ist. Als erste Hilfe faßt sie den Inhalt eines jeden Gesprächs zusammen und stellt diesen Abstracts außerdem thematische Stichwörter und die Namen aller erwähnten Personen voran, eine Akribie, durch die dann ihre vier Register im Anhang erst richtig zum Turbojeder künftigen Beuys-Forschung werden. Schade, daß mein langes Beuys-Gespräch zur ART-Titelgeschichte 2/1983 in dieser Fundgrube noch fehlt.
Wie teuer Joseph Beuys das Wort war, wie wichtig darum dieser "Kompaß" auch als Feedback auf das plastische Werk wird, belegt Uwe M. Schneede im Nachwort mit einem Zitat aus den letzten Tagen des Künstlers: "Mein Weg ging durch die Sprache, so sonderbar es ist, er ging nicht von der sogenannten bildnerischen Begabung aus." Alfred Nemeczek
