Ausgabe: 01 / 1996
Seite: 14-27
Netzwerk Joseph Beuys
Von Alfred Nemeczek
Zehn Jahre nach dem Tod des Künstlers am 23. Januar 1986 ist das Werk von Joseph Beuys so präsent wie nie. Mehr als 450 Ausstellungen seiner Skulpturen, Installationen und Zeichnungen an über 100 Orten konfrontierten seither Hunderttausende mit dem "erweiterten Kunstbegriff" des Bildhauers, der behauptet hatte: "Jeder ist ein Künstler." Das Beuys-Erbe beschäftigt Forscher, Biografen und Sammler, dazu Sinnsucher, Spekulanten - und leider auch Fälscher
VON Das Leben des Joseph Beuys ist stets Kampf gewesen, doch kaum war seine Asche auf den Grund der Nordsee gesunken, lösten die Widerstände sich auf. Weit öffnete sich die öffentliche Hand, um zu halten, was sie früher verschmäht hatte.
Im Jahr 1979 mußte Armin Zweite, damals Direktor im Münchner Lenbachhaus, noch Pöbeleien erdulden, als er für 270 000 Mark (die Hälfte davon Spenden) die angeblich "abartige" Beuys-Installation "Zeige deine Wunde" ankaufte. 1991 dagegen, fünf Jahre nach dem Tod des Künstlers am 23 " Ianuar 1986, wurden Zweite, inzwischen Chef der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, für dessen letztes Environment "Palazzo Regale" 6,5 Millionen Mark fast ohne Diskussion bewilligt. 2,55 Millionen Mark zahlte 1987 die Stadt Frankturt für eines von fünf Exemplaren der Arbeit "Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch". Und von 1989 bis 1993 brachte das Land Hessen dann die Rekordsumme von 32,5 Millionen Mark zusammen, um den staatlichen Museen in Darmstadt und Kassel zwei geliehene Werkkomplexe des 1921 in Krefeld geborenen Bildhauers endlich auf Dauer zu sichern. Die nach wie vor reiche Bundesrepublik baut Joseph Beuys auch Paläste: In Berlin vollendet die Stiftung Preußischer Kulturbesitz demnächst den 1988 begonnenen Umbau des "Hamburger Bahnhofs" zum Museum für die Kunstschätze des Sammlers Erich Marx, ein großer Beuys-Block inklusive. In der niederrheinischen Gemeinde Bedburg-Hau, gelegen zwischen Kleve und dem Schnellen Brüter von Kalkar, entsteht für rund 60 Millionen Mark das "Museum Schloß Moyland". Von Mai 1997 an soll es unter anderem die größte Beuys-Sammlung der Welt aufnehmen - 3500 Zeichnungen und Aquarelle der Jahre 1930 bis 1985, 220 plastische Bilder und über 250 frühe Bildhauerstücke aus dem Besitz der Brüder Hans und Franz Ioseph van der Grinten. Die Hommage a Beuys ist ohne Vorbild. Nie hat sich Deutschland, vertreten durch seine Kulturstiftungen, seine finanzschwachen Länder und seine fast bankrotten Gemeinden, derart generös mit dem Werk eines zeitgenössischen Künstlers identifiziert. Das Engagement für den Nachruhm des Mannes, der auch vor einem Bundeskanzler seinen Hut nicht abnahm, verwirrte selbst Kenner. Schlechtes Gewissen? Einiges, was nun teuer bezahlt werden mußte, war ja zu Lebzeiten des Künstlers iür einen Bruchteil zu haben - beispielsweise die Arbeit "Das Rudel", Hauptstück des Kasseler Werkblocks. Dessen 24 mit Filzdecken, Fett und Stablampen beladene Rodelschlitten, die seit 1969 aus einem alten VW-Transporter quellen, kosteten im Entstehungsjahr auf dem Kölner Kunstmarkt samt Auto ganze 110 000 Mark. Mitte der siebziger Jahre wurden sie schon mit 1,5 Millionen Mark versichert und mußten jetzt etwa zehnmal so teuer bezahlt werden. Steckt hinter solcher Wiedergutmachung alter Versäumnisse auch der Versuch, "Beuys ins Museum einzusperren, für dessen Überwindung er zeitlebens gearbeitet hat", wie der Beuys-Kollege Klaus Staeck, 57, bereits vor zehn Jahren meinte? Oder bewahrheitet sich die These des Beuys-Schülers Johannes Stüttgen, 50, "daß dieser Tod regelrecht als Verstärkerfunktion dessen wirkt, worauf es Beuys zeit seines Lebens ankam"? Später geborene Museumsbesucher fragen schlichter: Wer war eigentlich dieser Beuys? Der in Kleve aufgewachsene Kaufmannssohn war zweifellos der bedeutendste, vielseitigste und international einflußreichste deutsche Künstler der Nachkriegszeit. Er brillierte auf der Biennale von Venedig, im New Vorker Guggenheim Museum und sechsmal aufder Kasseler documenta. Seine rund 15 000 Zeichnungen und Aquarelle, seine seltsam archaischen Skulpturen, Objekte und raumfüllenden Installationen, seine Öffentlichett Auftritte als Schamane, der sich in New Vork zu einem Kojoten gesellte und in Düsseldorf mit blattvergoldetem Haupt vorführte",wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt", machten ihn zum prominentesten Kunstmarkt- und Medienstar der alten Bundesrepublik. Er war, so der Londoner Kunsthändler Anthony d'Offay, ein "Vater der Avantgarde", aber auch ein "Unruhestifter im besten Sinne" (Staeck). Das Prädikat "umstritten" wurde der warmherzige, geduldige, uneitle und humorvolle Einzelkämpfer zeitlebens nicht los. Denn Beuys suchte seinen Platz nicht in der Kunst-, sondern in der Weltgeschichte. Der Aufklärer verkündete einen "erweiterten Kunstbegriff' und arbeitete an der Verschmelzung von Kunst und Leben. In immer neuen Aktionen, Performance-Ritualen, in Manifesten, Seminaren und Hunderten von Interviews propagierte er das Ideal einer besseren, der Bereicherung durch Kunst nicht mehr bedürftigen Gesellschaft, die er "soziale Plastik" nannte. Kreativität, der in jedem Menschenwesen glimmende Götterfunke, sollte zum Zündstoff einer selbstbestimmten Veränderung aller Lebensbedingungen werden. Weil sich Beuys dabei auch ökonomische, ja sogar politische Kompetenz anmaßte und sein Credo auf den provokanten Satz "Jeder ist ein Künstler" zuspitzte, bekam er die Quittung: Er galt als Bürgerschreck, Eulenspiegel, Spinner und Scharlatan. Doch der Geschmähte, privat durchaus bürgerlich, hatte nie eine andere Wahl. Glaubt man seiner letzten öffentlichen Rede am 12. Januar 1986 in Duisburg, war dem zur Naturwissenschaft neigenden Abitorienten der Kunstbegriff schon zu eng, als er noch gar nicht daran dachte, einen künstlerischen Beruf zu ergreifen: Ein Werkfoto in einem "Büchlein" (Beuys) über den Bildhauer Wilhelm Lehmbruck (1881 bis 1919) sei ihm zur "Intuition" geworden: "Alles ist Skulptur - rief mir quasi dieses Bild zu. Und in dem Bild sah ich eine Fackel, sah ich eine Flamme, und ich hörte: "Schütze die Flamme!" Gehorsam studierte der also Erwählte, der sich freiwillig zur Luftwaffe gemeldet hatte und mehrmals verwundet worden war, nach dem Zweiten Weltkrieg von 1946 bis 1951 Bildhauerei an der Düsseldorfer Kunstakademie, ging seinem Lehzer Ewald Matare ( 1887 bis 1965) als Meisterschüler zur Hand und tastete sich mit meist figürlichen Holz-, Blei-, Schiefer- und Eisenarbeiten oft christlichen Inhalts an die Bildsprache der Moderne heran. "Alles ist Skulptur" - diese Erkenntnis reifte wohl in Wirklichkeit erst lange nach der Akademie und beruhte auf der Lektüre natorwissenschaftlicher Werke, auf der Beschäftigung mit Goethe, Schiller und Nietzsche, auf Büchern von Rudolf Steiner, Novalis und James Ioyce. Beuys verarbeitete seine Eindrücke in subtilen Zeichnungen, Aquarellen und Denk-Partituren, die er als "Erweiterung des Sprachbereichs" empfand. Diese häufig fettfieckigen, eingerissenen, ausgefransten oder geknickten Zettel, auf denen der Künstler auch Beize, Schmutzwasser, Kaffee, Tee, Brühe und Blut neben Gold- und Silberbronze verstrich, erweiterten die Gattung: Sein Umgang mit diesen "armen" Substanzen - der Begriff "Arte Povera" war noch nicht erfunden - erschloß ihm neue Möglichkeiten des Ausdrucks, eine Art privater Alchimie. Neue Dimensionen der Plastik-Beuys war 1961, also mit 40 Jahren, Professor an der Düsseldorfer Akademie geworden und zählte zur neodadaistischen "Fluxus"-Bewegung - stellte er dann auf der Kasseler documenta 3 zur Schau. In der Aktualitäten-Sektion "Aspekte 1964" bot er zwölf Jahre alte Skulpturen aus Wachs - einem Stoff, mit dem er die Kategorie Wärme in die Kunst der Avantgarde einführte; schon davor hatte er in Fluxus-Kreisen erhitztes Fett ausgestellt. 1968 wnrden Filz (Isolator) und Kupfer (Energieleiter) zu markanten Materialien seines documenta-Raumes. Beuys bündelte sie in sogenannten "Fonds", und wenn dann virtuelle Kraftströme flossen, eine innere Dynamik vorstellbar wurde, hatte Plastik unversehens etwas mit der Dimension Zeit zu tun - und selbstverständlich auch mit dem "erweiterten Kunstbegriff', den der Künstler immer entschlossener in den Mittelpunkt seiner Arbeit rückte. Selbst Kenner, die den Zeichner Beuys inzwischen mit Leonardo da Vinci verglichen und sich auch vor seinem "Fettstuhl" ( 1963) nicht ekelten, waren bestürzt, als Beuys nun einen Verein nach dem anderen gründete, darunter die Deutsche Studentenpartei, die Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung und (zusammen mit Heinrich Böll) die Freie Internationale Hochschule ftir Kreativität und Interdisziplinäre Forschung. Beuys torpedierte die unzulängliche Hochschulpolitik des damaligen Wissenschaftsministers Johannes Rau (SPD), indem er 1972 mit seinen Studenten das Sekretariat der Düsseldorfer Akademie besetzte, um abgewiesenen Bewerbern einen Platz in der Beuys-Klasse zu erkämpfen, und wurde von Rau fristlos entlassen. 1976 kandidierte er für die Splittergruppe AUD erfolglos iür den Bundestag, später schloß er sich den Grünen an, die ihm bei der Bundestagswahl 1983 einen sicheren Platz auf der nordrhein-westfälischen Landesliste verweigerten. Jeder Mensch ein Künstler - mit Ausnahme von Beuys, der nur noch Politiker sein wollte? Er sei "kein Künstler", ließ er in seinen letzten Jahren wissen. Er hasse "die zu Ende gegangene Kunst" nun "bis zum Gehtnichtmehr", sei "seit 35 Jahren nicht mehr im Theater" gewesen, auch "nicht länger am modernen Kunstbetrieb interessiert, diesem kleinen, pseudokulturellen Getue". Und vollbrachte dennoch in dieser Zeit einige seiner eindrucksvollsten Installationen und, zur documenta 7 von 1982, sein wohl größtes und konsequentestes Werk _ die Kasseler Aktion "7000 Eichen". Das Ende dieses auch "Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung" genannten Pflanz-Marathons, bei dem bis 1987 nicht nur Bäume, sondern sukzessive auch 7000 Basaltstelen einer riesigen keilförmigen Bodenplastik in die Kasseler Erde gesenkt wurden, hat Beuys nicht mehr erlebt. Und so bleiben Probleme. Denn anders als Objekte und Installationen sind lebende Bäume nicht zu musealisieren. "Joseph Beuys ist nicht tot", schrieb der Kunsthistoriker Wieland Schmied in seinem Nachruf, und was die Rolle des Kunstbetriebs angeht, stimmt dieser paradoxe Befund noch imrner. Spektakulär waren die ersten Reaktionen des Marktes. Sogar die Jeans des Toten fanden für 10 500 Mark einen Käufer. Der berühmte, in 110 Exemplaren signierte "Filzanzug", der 1970 für 800 Mark zu haben war, schoß auf 190 000 Schweizer Franken empor und kostet heute, im Zeichen allgemeiner Preisberuhigung, noch um die 70 000 Mark. Preise zwischen 100 000 und einer viertel Million Mark verlangte im November bei der "Art Cologne" der Düsseldorfer Kunsthändler Helge Achenbach für rare Zeichnungen. Rund 450 postume Einzel- und Gruppenausstellungen hielten bisher das Werk an über 100 Orten lebendig; mit dabei waren das Pariser Centre Pompidou, das New Yorker Museum of Modern Art sowie erste Adressen in Los Angeles und Chicago, Moskau, Tampere, Seoul, Brisbane und Santa Cinz auf der Insel Teneriffa. Und auch wer die Aktualität eines Künstlers an den Skandalen mißt, die sein Werk post festum auslösen kann, wird fündig. Der erste erschütterte die Beuys-Gemeinde, als der einstige Beuys-Sekretär Heiner Bastian 1988 seine Gedenkschau im Berliner Gropius-Bau auch mit Stücken aus dem Darmstädter Beuys-Block anreichern wollte, der noch vom Künstler installiert worden war und seinerzeit dem Sammler Marx und dem Galeristen d'Offay gehörte. Die Proteste der um die Integrität des Ensembles besorgten Öffentlichkeit hatten Erfolg: Bastian entnahm nichts. Den vorerst letzten Skandal lösten Tierschützer in Hongkong aus, wo das Goethe-Institut im Frühjahr 1995 das Objekt "Die Hörner" zeigte: Beuys hatte 1961 darin Nashornteile verwendet, was heute gegen internationales Artenschutzrecht verstößt. Polizisten sorgten für Entfernung des Werks aus der Schau. Streit gab es um eine vom Reinigungspersonal beseitigte "Fettecke" im ehemaligen Beuys-Atelier der Düsseldorfer Akademie, auf die Stüttgen Anspruch erhoben hatte. 1988 wurden ihm 40 000 Mark Schadenersatz zugesprochen. Und als der Deutsche Bundestag 1995 das Beuys-Objekt "Tisch mit Aggregat" (1985) erwerben wollte, erreichte das Boulevardblatt "Bild am Sonntag" ("Dafür will Bonn 400 000 DM ausgeben!") eine Vertagung des Kaufentscheids. Der spektakulärste Beuys-Fall köchelt noch vor österreichischen Gerichten: Hat der Künstler und Hochschulrektor Oswald Oberhuber, seit 196b mit Beuys befreundet, dem Wiener Kunsthändler Julius Hummel 110 Arbeiten aus einer "Wiener Werkphase" von Beuys verkauft, obwohl es eine solche Phase nie gegeben hat? 1993, während einer Ausstellung dieser Werke in Mailand, gab es massive Bedenken von Beuys-Expetten, die jetzt von der Wiener Doktorandin Doris Leutgeb bekräftigt wurden. Sie hat die "ungesicherten Arbeiten" wissenschaftlich untersucht und offeriert per Dissertation Argumente "zu ihrer Entlarvung als offenkundige Fälschungen". Beuys-Literatur und Beuys-Forschung haben Konjunktur. Der Essener Journalist Heiner Stachelhaus hat eine populäre, in fünf Sprachen übersetzte Biografie für Einsteiger geschrieben; der Hamburger Kunsthallen-Chef Uwe M. Schneede publizierte "Die Aktionen", und der Ausstellungsmacher Gerhard Theewen katalogisierte den Inhalt von 53 Vitrinen. Seit 1991 bearbeitet in Kranenburg, dem Wohnort der Binder van der Grinten, ein "Joseph Beuys Archiv" unter anderem rund 30 000 an den Künstler gerichtete Briefe, und an der Universität Jena kümmert sich der Beuys-Spezialist Franz-Joachim Verspohl mit seinen Kollegen Schneede und Zweite um ein kritisches Werkverzeichnis. Gemeinsam mit der Künstlerwitwe Eva Beuys, dem Beuys-Sohn Wenzel und dem Galeristen Jörg Schellmann hat Verspohl vier um 1958 entstandene Skizzen-"Bücher aus "Projekt Westmensch"' transkribiert, die sich im Nachlaß fanden und von der Edition Schellmann faksimiliert wurden. Diese 454 mit meist hauchzarten Bleistiftzeichnungen und Werkpartituren bedeckten Seiten zeigen, so Verspohl, "den Findungsprozeß eines neuen Spektrums von Ausdrucksmöglichkeiten" während einer Krise des Künstlers, die von 1956 bis 1960 anhielt: Er hatte kaum Geld, suchte oft Zuflucht bei Freunden, war physisch geschwächt und litt unter Depressionen, die von ihm später in einem "Lebenslauf/Werklauf' betitelten Papier poetisch verharmlost wurden: "Beuys arbeitet auf dem Felde". Heute steht fest, daß damals eine Verlobung platzte, er erfolglos um Aufträge und eine Professur kämpfte und sich mit negativem Resultat am internationalen Denkmal-Wettbewerb "Sühnezeichen Auschwitz" beteiligte. Lauter Niederlagen, die Beuys damals zum Überdenken seiner Position brachten und "jene neue lkonografie" auslösten, "die sein Werk prägt" (Verspohl). Gradmesser der Beuys-Verehrung sind neuerdings Symposien, bei denen Wissenschaftler und Verfechter der "sozialen Skulptur" sich aneinander reiben. Da gibt es - etwa in Kranenburg - kluge Erörterungen über "Herzschläuche in Vaginalform" auf einer Zeichnung von Beuys, groteske Diskussionen über die Frage, ob die Installation "Hirschdenkmal für George Maciunas" (1982) mit offenem oder geschlossenem Klavierdeckel authentisch ist, und - etwa in Darmstadt - die Forderung, die braunen Rupfenwände der Beuys-Räume im Landesmuseum endlich wieder weiß zu kalken (Museumsdirektor Götz Adriani), denn just so habe Beuys es gewollt. Doch es melden sich auchjunge Fundamentalisten, die sich am "Hauptstrom" der Beuys-Lehre orientieren und von der Forschung eher spiritoelle Wegzehrung verlangen. Professoren wie der Göttinger Mediziner Friedrich Cramer wittern das Problem einer Historisierung der Beuys-Impulse: "Seine Kunst wird schnell alt", be6irchtet er",ich glaube nicht, daß man sie ins Museum tun darf." Den vermuteten Alterungsprozeß begünstigt auch eine seit dem Tod von Beuys sich abzeichnende Klärung der Fronten: Für die einen, etwa den Hamburger Maler und Beuys-Kritiker Hans Platschek, ist das Werk "Entwurf einer Theodizee" (Rechtfertigung Gottes), also ein "religiöses oder parareligiöses" und damit außerkünstlerisches Phänomen. Auf der Oegenseite stehen Kunstfreunde, die Beuys "ästhetisch genießen können, aber deswegen glauben, sich die Auseinandersetzung mit den Begriffen von Beuys ersparen zu dürfen" _ so der Befund des Beuys-Schülers Stüttgen. Aus der Koexistenz beider Lager resultiert ein gefährliches Patt: Beuys verliert das Beiwort "umstritten", und so gibt es tatsächlich - das meint der Oldenburger Pädagogik-Professor Gert Selle - "ein Musealisierungsproblem auch iür Beuys". Daß Eva Beuys, beim Darmstädter Treffen mit ihren Kindern im Saal, gegen jeden Defätismus Front machen würde, war zu erwarten. Die Nachlaßhüterin mahnte eine Edition des "sprachlichen Werkes" von Beuys an, wollte ein ohne Absprache vorgeflihrtes Studenten-Video mit Beuys-Anspielungen sogleich "verbieten lassen" und warnte voreilige Bilderstürmer: "Daß man heute das Werk umkippen will, ist vielleicht noch ein bißchen früh. Da mögen noch 500 Jahre vergehen, dann kann man aussondern." 500 Jahre Wachstum und Wirksamkeit stünden am ehesten den Kasseler "7000 Eichen" zu, doch gerade dort wird tüchtig ausgesondert, seit im Juni 1987, zum Start der documenta 8, der letzte Baum und die letzte Stele feierlich eingegraben wurden. Eva Beuys rezitierte Verse von Rainer Maria Rilke, Hessens Ministerpräsident Hans Eichel, damals noch Oberbürgermeister von Kassel, gab eine Bestandsgarantie: Kassel werde das Kunstwerk - neben Eichen auch Eschen, Linden, Platanen, Ahorne, Robinien, Kastanien - fürsorglich hegen. Das Projekt hätte gute Gärtner verdient - auch um des Künstlers willen. Denn nie zuvor war es Beuys so überzeugend gelungen, den landläufigen Begriff von Plastik in seinen anthropologisch "erweiterten Kunstbegriff" zu überführen. Und nirgends war er stärker an die Grenze seiner Möglichkeiten geraten. Denn die "Verwaldung" einerparzellierten und von Kabeltunneln unterhöhlten Stadt erwies sich als teuer, mit Bürokratie belastet - und ein weltweiter Spendenaufruf (für 500 Mark ein Baum mit Stele) brachte wenig Resonanz. Beuys resignierte nicht und machte Kompromisse, um das ökologische Projekt zu finanzieren: 34 internationale Künstler, von Bastian geworben, stifteten Werke zugunsten der Aktion; Beuys verflüssigte die geschenkte Replik einer goldenen Zarenkrone und verkaufte den daraus entstandenen "Friedenshasen". Er verdingte sich in Japan für 400 000 Mark als Star eines Werbespots für Nikka-Whisky und hätte wohl manche seiner späten Installationen nicht gebaut, wären die Kasseler Schulden nicht gewesen. Das Beuys-Projekt ist gefährdet. Bäume werden ausgegraben und versetzt, Alleen durch Zäune unterbrochen und städtische Grundstücke mit Beuys-Bäumen ohne Auflagen an Privatleute vermakelt. Außerdem reduzierte die Stadt den Etat für die Pflege der "7000 Eichen" von 200 000 auf 50 000 Mark. "Hier wird ein Kunstwerk zerstört", mahnte in Kranenburg Johanna Aab, die Vorsitzende des Kasseler Vereins "7000 Eichen", der von der Hessischen Kulturstiftung Geld für ein Gutachten besorgte, das den "Ist-Zustand" prüfen soll (Aab). In Kassel, wo Beuys viel für die Stadt getan hat, gilt es nun, etwas wirklich Sinnvolles für Beuys zu tun. () Verblaßt sein Ruhm im Museum? Schönheit contra Denkgebäude
