Ausgabe: 08 / 2007
Seite: 64-66
Der innere Malerfeind
Von Walter Grasskamp
Am 28. Mai starb Jörg Immendorff im Alter von 61 Jahren. Nachruf auf einen großen Maler, der die Widersprüche heutiger Künstlerexistenz durchlebte wie kein anderer
Manchmal sind die einschlägigen Seiten der Tageszeitung voller Todesanzeigen, die einem einzigen Mann gelten, der dann in all seinen Rollen sichtbar wird: hier als Familienvater, dort als Aufsichtsrat, daneben als Mäzen, darunter als Parteimitglied und schließlich so voll ständig erfasst, dass man nur eine Annonce der heimlichen Geliebten vermisst.
Im Fall von Jörg Immendorff hätte man erwarten können, dass die Splitterpartei, der er einst angehörte, ebenso eine An zeige schalten würde wie Altkanzler Gerhard Schröder, der ihn gerne mit nach China nahm, das Immendorff sich als Jungmaoist freilich ganz anders vorgestellt haben dürfte. Die Kollegen der Hauptschule, an der er bis 1980 Kunsterzieher war, hätten eben so in die Kasse greifen müssen wie die Galeristen, die ihn bekannt und zeit weise auch halbwegs teuer zu machen verstanden.
Die Mieterinitiative, der Immendorff Anfang der siebziger Jahre bei sprang, hätte genauso wenig fehlen dürfen wie die Kiezgrößen aus Hamburg-St. Pauli, denen seine Kneipe "La Paloma" ab 1984 eine unerwartete - und unverdiente - Aufwertung ihr es Gewerbes besorgte. Der Edelkonfektionär Windsor, für dessen Werbung Immendorff mokant als Dress man auf trat, wäre in der Pflicht gewesen, erst recht die "Bild"-Zeitung, die sich von ihm zuerst Massenkunst liefern ließ, um dann ungerührt seine Hotelzimmer-Koksparty auszuschlachten.
Diese Todesanzeigen sind natürlich nicht erschienen.
Statt dessen fand sich die in Mode gekommene Sammelklage der Freunde und all jener, die sich da für hielten, als es schick wurde, den zuletzt im Rollstuhl herum geschobenen Schmerzensmannmedien wirksam abzubusserln.
In einer Anzeigensammlung hätte man freilich nicht nur die Rollen wiederentdeckt, in denen Jörg Immendorff sich bewegte, sondern auch die Klischees - den Professor, der seine Studentin heiratet; den Radikalen, der Beamter wurde; den Aufklärer, der angesichts des Todes auf die Bibel zu rück greift. Dass er den ruppigen Lederburschen nur spiele, in dem in Wahrheit ein weich er Kern stecke, war ein weiteres Klischee, das ihm anhing und kaum gefallen haben wird. Andere er füllte er vorsätzlich mit Leben, so das des Künstler-Machos, dem statt Wein, Weib und Gesang zeit gemäß eben Koks, Huren und eine groß zügige Rechtsauslegung zu stehen. Diesem - einst von ihm selber karikierten - Bohemien-Status hatte er es wohl auch zu verdanken, dass die Aufdeckung seines Doppellebens letztlich glimpflicher aus ging als im gleich zeitigen tiefen Fall des Medienmoralisten Michel Fried man.
Dass die Affäre der zuletzt dümpelnden Nach frage nach Immendorffs Werken aufhalf, wie Künstler freunde feixten, wird zu treffen; dass sie eigens dafür inszeniert wurde, wie Künstlerfeinde insinuierten, wohl kaum. Denn vor allem war es der absehbare Tod, der die Preise eines Malers in die Höhe trieb, der schon gar nicht mehr selber malen konnte: "Durch Immendorffs öffentliches Bekenntnis zu seiner unheilbaren Nervenkrankheit hat der Markt die Wertsteigerung durch den erwarteten Tod des Künstlers in den letzten Jahren schon vorweggenommen." Wenn man diese Einschätzung des Kunstberaters Helge Achenbach kaltschnäuzig findet, was soll man dann erst von der darin umrissenen Praxis halten?
Der Kunstbetrieb hat Immendorff nie so zu Füßen gelegen wie dem gleichaltrigen Anselm Kiefer oder dem wenig älteren Sigmar Polke. Als Benjamin in der Galeriemannschaft von Michael Werner musste Immendorff immer um sein An sehen kämpfen, und das hat seinem Werk gut getan. Den verdienten Respekt verschaffte ihm hierzulande viel leicht erst das Interesse des Auslandes, das den Maler des Zyklus "Café Deutschland" neben dem Filmregisseur Rainer Werner Fassbinder als Chronisten eines schwierigen Vaterlandes schätzte.
Anders als manche, die in ihre letzten Jahre kommen und rückblickend von Zweifeln an ihrem Werk geplagt wer den, blieb Immendorff jedoch bis zuletzt selbst bewusst und großmäulig, jedenfalls in den Medien, die sich nun vor Interesse überschlugen. Diese Haltung konnte er sich auch leisten, denn die radikale Selbstbefragung hatte er schon als Twen durch exerziert, als er 1973 das Dossier "Hier und jetzt: Das tun, was zu tun ist" publizierte - eines der wichtigsten Künstlerbüch er des 20. Jahrhunderts, ein Kündigungsschreiben an den obsoleten Künstlermythos der Moderne und den darauf immer noch ertrag reich gegründeten Betrieb. Auch an schließend, als Immendorff sich im Widerspruch zu seinem inneren Maler feind zivil eingerich tet hatte, ging es immer ums Ganze, versetzt mit einer spröden Ironie, die sich allerdings verlor, wenn er, wie sein Ziehvater Joseph Beuys, vor dem Mikrophon ins Deklamieren geriet.
Sein Verhältnis zur Politik blieb zwiespältig. Als ihm 1996 das Kunstmuseum Wolfsburg - anlässlich der überzeugenden Retrospektive "Bild mit Geduld" - eine Diskussionsrunde über Kunst und Politik spendierte, wollte Immendorff ausgerechnet den Hasardeur Jürgen Möllemann auf dem Podi um sehen. Das war freilich, bevor dieser andere Aufmerksamkeitsjunkie Lust zeigte, auch am rechten Rand zu fischen, gleichwohl aber ist es eine bezeichnende Wahl gewesen. Was sie über die spätere Freundschaft zum Medienkanzler Schröder aussagt, der sich von Immendorff schließlich vergolden ließ, möchte man gar nicht zu Ende denken.
Jörg Immendorff durchlebte mehr Widersprüche, als in einem einzigen Leben eigentlich unterzubringen wären. Des halb war es nicht fair, dass es so früh und so elend mit ihm zu Ende ging. Mit ihm starb ein Repräsentant der Protestgeneration, in dessen Leben es - wie bei fast allen anderen auch - anders kam, als 1968 vorgesehen, der aber - anders als alle anderen - seine exzentrische Lebensspur in Bildern festzuhalten wusste, die von einer singulären bilderzählerischen Begabung und effektsicheren Gestaltungslust zeugten. Statt, wie ursprünglich geplant, Bühnenbildner zu werden, lieferte er die Dramen gleich mit. So bleibt die Bühne auch weiterhin voll, von der er nun abgetreten ist, diesmal endgültig im Nachtmantel.
ist Professor für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste in München. Er veröffentliche zahlreiche Bücher zu Fragen der zeitgenössischen Kunst und Kultur, zuletzt "Sonderbare Museumsbesuche.
Von Goethe bis Gernhardt" (C. H. Beck Verlag)
"Zu seinem Tod erschien eine Sammelklage der Freunde und all jener, die sich dafür hielten, als es schick wurde, den Schmerzensmann zu busserln"
Schon von Krankheit gezeichnet:
Immendorff 2005 in seinem Atelier
Jörg Immendorff, ein Künstler in vielen Rollen: links 1968 als Student bei einer Performance mit "Eisbärwagen", in Rockerkluft während der Documenta 7 in Kassel 1982 und im Anzug bei der Eröffnung seiner Berliner Ausstellung "Aualand" 2003
Immendorff durchlebte mehr Widersprüche, als in einem Leben eigentlich unterzubringen wären.
Zum Bühnenbild lieferte er das Drama gleich mit
