Ausgabe: 05 / 2002
Seite: 52-61

Der Duft der Steine

Von Alexandra Reininghaus

Wenn Herbert Brandl, 43, Berggipfel malt, dann hat er mit alpiner Romantik nichts im Sinn. Für ihn ist die Natur Material, das er immer neu arrangieren kann. Auf dem schmalen Grat zwischen Landschaftsmalerei und Abstraktion bewegt sich der Österreicher mit spielerischer Leichtigkeit

Der Maler Herbert Brandl fängt mit seiner Videoka- mera die Umgebung aufmerksam ein: Konturen exotischer Pflanzen und Gewächse auf der Kanaren-Insel La Gomera, die sich gegen den noch hellroten Himmel so scharf und unwirklich abzeichnen wie im Scherenschnitt. Unzählige Kameraeinstellungen wie diese reiht er mit minimalen Veränderungen aneinander. Fels- und Pflanzenformationen oder Farbnuancen verschiedener Steine nimmt er in ständiger Wiederholung auf. Eine fast manische Suche nach ungewöhnlichen Bildausschnitten.

Im digitalen Gerät archiviert und jederzeit abrufbar, nisten sie sich im Gedächtnis ein, verwandeln sich in Erinnerungsbilder, die beim Malen seiner Großformate spontan aufblitzen. Die Videokamera als "elektronischer Zeichenblock, der aber auch die Wahrnehmung verändert" - so sieht es der 43-jährige gebürtige Steirer.

In Brandls Wiener Atelier, einer ehemaligen Autowerkstatt, türmen sich selbst geschossene Fotos, Reiseprospekte, Zeitschriften und Fotobücher. Die Technik und ihre Resultate faszinieren den Künstler manchmal mehr als das direkte Naturerlebnis: "Da gibt es Fotos, die mit Farb- und Lichteffekten spielen, die man sonst nie sieht." Monochrom blau gefärbte intensive Himmel, Gewässer, deren Transparenz unzählbare grün-blaue Farbvariationen produziert, weiße Strände und graphitgraue Gebirgsketten im Licht aller Tageszeiten und Witterungen - "das stellt fast die Wirklichkeit in Frage". Brandl lässt solche Fotos in seine neueste Serie einfließen, die aus jeweils etwa 20 Quadratmeter großen Bildern gewaltiger Berggipfel besteht. Seit ihn vor Jahren die Formation und Transparenz eines Bergkristalls zum ersten, lediglich 2,50 mal 1,50 Meter großen "Gipfelbild" animierte, sind die Formate regelrecht explodiert.

Der leidenschaftliche Bergwanderer hält Distanz zu jeder verführerischen Naturromantik. Er betrachtet die Landschaft als illusionären Bildraum. "Da geht es um Licht, Schatten, Räumlichkeit und Fläche", kommentiert der Künstler seine neue Passion für Siebentausender-Gipfel. Neben den Bergspitzen haben es ihm simple Steine und Mineralien angetan, mit ihrem Eigenleben voller bizarrer Formen. Ein Fest nicht nur für die Augen. "Steine riechen", sagt Brandl.

Eine markante Bergformation, die zum symbolträchtigen Wahrzeichen eines Staates wurde, gehört zu den Erinnerungssplittern aus der Kindheit: das Matterhorn. Es prangt als Kohlezeichnung noch heute im Treppenhaus seiner Eltern - ein Werk seines Vaters, dem eine Postkarte als Vorlage diente. Als Kind von der Zeichnung beeindruckt, griff Brandl selbst zum Stift, um mitten in das Bild seine eigene Version des Matterhorns hineinzuzeichnen. Seitdem haben sich die ausgeprägten Konturen des Felsmassivs in sein Gedächtnis eingeschrieben.

Als Person nimmt sich Brandl zurück, lässt lieber seine titellosen Bilder sprechen. Erzählt von manchmal auftauchenden Zweifeln, von Abgrenzungsnöten. Von Zeit zu Zeit entzieht er sich bewusst der Kunstszene, besucht Katzenzüchter und Mineraliensammler, verfolgt ihre exotischen Ausstellungen und vertieft sich in ihre Welt oder besichtigt auf Reisen Zoos. Manchmal packt er seine Videokamera ein und lässt sich durch die Landschaft fahren. Vorbei ziehen der Himmel, Wälder und Berge. Alles durch die Linse betrachtet.

Brandl nimmt sich die Freiheit, zwischen den Polen Gegenständlichkeit und Abstraktion hin und her zu pendeln, ja die Grenzen dazwischen aufzulösen. Eine Serie von 12 Panoramen ohne Titel aus dem Jahr 2000 zeigt die ganze malerische Bandbreite und Souveränität seines Pinselstrichs, der einen illusionären Raum vortäuscht, um sich dann in einer an William Turner erinnernde Lichtexplosion aufzulösen. Seine Farbdramaturgie, die durch das unübersichtliche Neben-, Über- und Ineinander führt, scheint unendliche Variationen und Kombinationen anzubieten.

Brandls Arbeiten bewahren sich, trotz ihrer kraftvoll farblichen Dramatik, die Transparenz und Leichtigkeit von Skizzen. Sechs Meter lang und meist weniger als zwei Meter hoch sind diese Leinwände - Brandl bemalt sie am Stück in nur einem Durchgang. Der Vorgang des Malens spult sich von links nach rechts "wie maschinelles Stricken" ab und findet erst ein Ende, wenn der Künstler dem Pinsel die letzten Ölfarbenreste abgerungen hat. Als "eine Art Erdung" bezeichnet Brandl diesen körperlichen Aspekt seiner Malweise. Seine Malerei zielt nie auf farbliche oder formale Harmonie ab, er lässt immer wieder Brüche zu oder fordert sie gar heraus. So finden sich Spuren geronnener Farbe, Schlieren und kurz abgesetzte Pinselstriche.

Nach intensiven Arbeitsphasen und obsessivem Umgang mit Farbe und Licht folgt nicht selten der Entzug. In antimalerischer Manier nimmt sich Brandl seit Ende der achtziger Jahre die Freiheit heraus, sowohl unbemalte Leinwände als auch manche seiner farbintensiven Bilder mit silbriger Farbe zuzusprayen. Er testet daraus entstehende Spiegelungen und Blendungen, experimentiert mit den Spuren zugedeckter und offengelegter Farbstrukturen.

Als eine Art Lockerungsübung und Vorbereitung auf die großen Formate malt Brandl blockweise auch Aquarelle. "Sie haben den Vorteil, dass man ihre Leichtigkeit und Farbigkeit so unverschämt ausspielen kann", sagt er. "Es ist unverfänglicher als Öl auf Leinwand, und ich erlaube mir dabei vieles, was ich mir bei der Ölmalerei nicht erlaube, weil ich weiß, dass das nicht so ein endgültiges Statement ist."

Ebenso leichthändig geht er mit dem Kohlestift und der Zeichnung um. In "Brandls Illustrierter" oder seinem Künstlerbuch "Im Gewühle der Gefühle" erzählt er im Comicstil alltägliche, ansatzweise auch politische, vor allem aber erotische Episoden. Seine spielerische Neigung führt bis ins Internet: Unter "www. herbertbrandl.at" stößt der Benutzer auf Brandls malerische Annäherung an den Gipfel des Mount Everest und kann über "Malen mit Brandl" zu einer Auswahl von 14 Zeichnungen weiterklicken. Das eigens für den Künstler entwickelte "flash-tool" ermöglicht dann dem Internetsurfer, selbst farbliche Veränderungen vorzunehmen.

Obwohl Herbert Brandl zu jener mittleren Malergeneration gehört, die sich an der Wiener Hochschule für angewandte Kunst mit ihrem Lehrer Peter Weibel an Konzeptkunst, an Minimal Art oder Arte Povera der sechziger und siebziger Jahre orientierte, stellt er seine Malerei nie in Frage. Er betrachtet sie immer als großes "Spielfeld", begreift und behandelt sie bis heute als eigenständiges Medium neben Fotografie, Video und Installationskunst. Das verschafft ihm wiederum die nötige Distanz und die Freiheit, sehr direkt, ohne Metaphern oder Zitate, mit dem Medium umzugehen. Sein einstiger Lehrer Peter Weibel schreibt zu seinen Bergbildern: "Gleichsam im Inferno einer trivialen Gegenständlichkeit sucht diese Malerei ihre Erlösung."

Seit den achtziger Jahren führt Brandls unabhängiger Weg zu messbaren Erfolgen. 1992 wird er zur Documenta eingeladen. 1998 widmet ihm die Wiener Secession eine Ausstellung, ein Jahr später die Kunsthalle Basel und zuletzt die Neue Galerie in Graz, die vor kurzem den ersten Teil eines Querschnitts durch sein gesamtes Werk präsentiert.

Dort fanden sich auch Überraschungen. So hing zwischen virtuos gemalten, von Farbe und Licht geprägten Großformaten plötzlich ganz unvermutet, fast subversiv, ein Kleinformat gegenständlich gemalter Blumen, die Brandl wie einen transparenten Schleier vor einen abstrakten, mit großzügigen Pinselstrich gemalten Hintergrund legt. Er nennt das Nebenstatements: "So etwas herauszumeißeln ist etwas anderes, als der Farbe die freie Entfaltung zu lassen."

Brandl erlaubt sich, "Kontrapunkte" zu seinen abstrakten Aktionen zu setzen und als eine Art gegenständlicher "Fingerübung" neben Blumen auch Tiere zu malen. Ganz so wie er es schon als Kind getan hat, als er "besessen von Bildern" die ihn umgaben, abgezeichnete Postkartenmotive nochmals wiederholte und ihnen damit seinen Stempel aufdrückte.

Ausstellungen: Herbert Brandl. Panorama. Kunstraum Innsbruck, bis 22. Juni. Chromophobie. Herbert Brandl - ein Überblick (Teil 2). Neue Galerie, Graz, 14. Juni bis 25. August. Literatur: Herbert Brandl. Galerie Academia, Salzburg 2000. Herbert Brandl. Galerie nächst St. Stephan, Wien 1999. Herbert Brandl: Im Gewühle der Gefühle. Verlag Pakesch & Schlebrügge, Wien 1995. Internet: www.herbertbrandl.at

Trotz aller farblichen Dynamik sind Brandls Bilder transparent wie Skizzen

Von Zeit zu Zeit geht der Maler auf Abstand zum Kunstbetrieb. Dann schaut er sich um bei Katzenzüchtern, Mineraliensammlern und in Zoos

Immer wieder weicht der Maler vom Hauptweg ab, malt kleine Blumenbilder oder Comics

Durch das Auge der elektronischen Kamera erfasst der Maler die Welt