Ausgabe: 03 / 2007
Seite: 36-53

Reporter des Weltgeistes

Von Ralf Schlter

Der teuerste Fotograf der Gegenwart arbeitet unermüdlich an seiner Enzyklopädie der Globalisierung. Zur großen Retrospektive im Münchner Haus der Kunst besuchte art Andreas Gursky in seinem Atelier und zeigt eine aktuelle Auswahl seiner Bilder

Aus der oberen Troposphäre fallen in großer Menge Eiskristalle zu Boden. Sie schmelzen, kommen auf grund der Luftreibung in Tropfenform auf der Erdoberfläche an. Die Lufttemperatur steht in einem nicht ganz ordnungsgemäßen Verhältnis zu den sonstigen Durchschnittswerten im Monat Januar. Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, auch wenn es vielleicht etwas altmodisch klingt: Es ist ein regnerischer Wintertag in Düsseldorf.

So würde Andreas Gursky wohl eine Geschichte über sich selbst anfangen, wenn er Schriftsteller wäre und nicht Fotograf. So ähnlich beginnt Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften"; und es ist wohl kein Zufall, dass Gursky diesen Roman auswählte, als er im Jahr 1999 Buchseiten abfotografierte.

So wie Musil in der Einleitung vom Himmel her in seinen Roman hineinschwebt, nähert sich auch Gursky seinen Motiven. Er schaut auf die Welt hinab mit dem Blick eines allwissenden Erzählers. Seit er auch aus dem Hubschrauber heraus erstklassige wackelfreie Bilder machen kann, ist aus dem neusachlich fotografierenden Becher- Schüler endgültig das fliegende Auge des Weltgeistes geworden.

Neue Bilder von unserem Planeten:

Die Börse von Kuwait wird bei Gursky zum Ort einer gespensterhaften Aufführung, bei der hunderte Araber in ihren weißen Gewändern durch die Dunkelheit zu schweben scheinen; ein staatlich organisiertes Massenfestival im sozialistischen Nordkorea erscheint als streng minimalistisches Arrangement von Linien; eine Korbfabrik in Vietnam erinnert an einen Ameisenhaufen, nur dass bei näherem Hinsehen keine Ameisen zu erkennen sind, sondern Menschen. Gursky sagt, er wolle zwar nicht ausschließen, auch irgendwann mal einen einzelnen Menschen in den Mittelpunkt eines Bildes zu stellen, "aber eigentlich geht es um etwas anderes: ein Porträt der Spezies".

Nun könnte man einwenden, dass die Angehörigen dieser Spezies die meiste Zeit nicht mit dem Besuch von Massenspektakeln verbringen, sondern mit alltäglichen Dingen wie Arbeiten, Einkaufen oder Hausaufgaben machen. Doch das Individuum zählt in Gurskys Werk nicht, wie ein Demograf lässt er die Einzelfälle und Ausreißer beiseite. Menschliche Sehnsüchte und Obsessionen werden erst ab einer gewissen statistischen Größe erkennbar; nur dann, wenn der Homo Sapiens die Börsenkurse hochtreibt, politische Kundgebungen abhält oder sich beim Techno-Event "Mayday" kollektiver Ekstase hingibt, ist er reif für Gursky. Dessen kühler Blick gilt den erhitzten Massen.

Fünf Taximinuten von der Düsseldorfer Innenstadt hat Gursky sein Atelier: ein ehemaliges Umspannwerk im Stadtteil Oberkassel. Hier zog er schon während des Studiums ein, zusammen mit den Kollegen Thomas Ruff und Axel Hütte. Das Gebäude ist quasi mitgewachsen mit deren erstaunlicher Karriere: Vor 27 Jahren waren es gemietete Räume, großzügig, aber zugig, heute gehört den Künstlern das Gebäude - und sie ließen es umbauen von den berühmten Architekten Herzog & de Meuron. Eine geradezu prunkvolle Schlichtheit herrscht in diesen Räumen; an den hohen weißen Wänden lehnen neue Arbeiten für die Ausstellung im Münchner Haus der Kunst.

Gursky, der sonst nicht gerade als leidenschaftlicher Interviewgeber gilt, öffnet die graue Eisentür persönlich und führt die Besucher bereitwillig durch sein Reich. Er trägt Jeans, Trainingsjacke, Turnschuhe. Ein paar Worte zu diesem Bild, ein paar zu jenem, im Garten ein kurzer Gruß an Thomas Ruff, der aus dem Atelier nebenan herüberwinkt. Gursky spricht leise, zurückhaltend, ein rheinischer Akzent schwingt dezent mit. Wir blättern durch den Katalog für München, wo rund 50 alte und neue Bilder gezeigt werden.

Es ist die erste große Retrospektive seit der bereits legendären Schau im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) im Jahr 2001.

Gleich mehrere neue Bilder drehen sich um die Formel 1, den großen Wanderzirkus der Gegenwart. Die Renn strecke in Bahrain ist von oben zu sehen; aus dem Asphalt werden abstrakte Schlangenlinien auf Wüstensandgrundierung.

Das Bild "Boxenstopp" zeigt zwei Teams in digital hergestellter Nähe bei der Arbeit in der Boxengasse.

"Meine ursprüngliche Idee, mich der Formel 1 zu nähern, war die Pole Position", erzählt Gursky, "jener Moment des Rennens, wo sich alle Teams auf engstem Raum gruppieren. Hierfür benötigte man jedoch Zugang zum Paddock-Bereich, der mir zu jener Zeit verwehrt blieb. Erst im zweiten und dritten Jahr konnte ich auf die Hilfe von Ferrarichef Jean Todt und Formel-1-Geschäftsführer Bernie Ecclestone bauen und bekam Zugang zu den Sicherheitsbereichen." Mittlerweile genießt Andreas Gursky den Status eines offiziellen Weltporträtisten.

Er wird gerufen, wenn Großes geschieht. Die Leitung einer 1000 Meter unter der Erde gelegenen japanischen Station zur Erforschung von Elementarteilchen rief sofort an, als wegen einer Reparatur das Wasser abgelassen werden musste und dadurch für vier Tage die seltene Möglichkeit bestand, eine Aufnahme im Tank zu machen - Gursky hatte ein Jahr zuvor um eine Genehmigung angefragt. Im Ferrari-Tross war er am Ende so sehr zu Hause, dass Michael Schumacher ihm zur Erinnerung einen Helm schenkte; und selbst im politisch isolierten Nordkorea durfte Gursky dank der Bemühungen eines deutschen Diplomaten fotografieren.

Staatsangelegenheit Kunst.

Wird er demnächst von Präsidenten gerufen, wenn mal wieder ein Tsunami oder ein Hurrikan kommt? Wo es um naturgegebene oder menschengemachte Katastrophen geht, wird Gurskys Konzept vom "neutralen" Blick heikel. Auf die Frage, ob auch brasilianische Favelas oder das berüchtigte US-amerikanische Gefangenenlager Guantánamo ein Motiv für ihn wären, zögert er eine Weile. Das komme auf das Wie an, sagt er schließlich. Aber es gibt schon Grenzfälle: So sei es ihm unmöglich gewesen, etwas zum Terroranschlag des 11. September 2001 zu machen, obwohl er sich zu der Zeit in den USA aufhielt. Sobald ein Thema zu eindeutig, zu erzählerisch werde, sei es nicht mehr geeignet.

Aber Nordkorea, ein Land in dem Diktatur und Hunger herrschen - kein Problem? "Ich glaube, meine Bilder sind neutral. Weder kritisiere ich das Land, noch idealisiere ich es." Ganz unempfindlich gegen Propagan da ist Gursky gleichwohl nicht: Er habe beim koreanischen Festival, so er zählt er, in glückliche Kindergesichter geschaut. Am Ende bleibt die Frage, ob der götterhafte Gestus - seht, Kinder, das treiben die Menschen da unten auf der Erde - nicht automatisch zu moralischer Unschärfe führt. Der Künstler selbst jedenfalls will sich nicht in die Pflicht nehmen lassen: "Wenn etwas als Bild funktioniert, dann funktioniert es eben." Seine Motive findet Gursky in Magazinen und Zeitungen, im Fernsehen und dem Internet, und manchmal immer noch direkt auf Reisen. Die alte Plattenkamera kommt heute seltener zum Einsatz, im Gepäck liegt nun eine handliche Hasselblad-Digitalkamera mit über 30 Millionen Pixeln.

Wenn Gursky dann zurück nach Düsseldorf-Oberkassel kommt, wird der Weltreporter zum Bildschirmarbeiter.

Das Foto ist nur Rohmaterial; erst durch intensive Bearbeitung wird es zum Bild. "Ich habe mittlerweile ein riesiges Fotoarchiv, mein Fundus.

Ich bediene mich daraus, hole mir das, was ich brauche." Und manchmal stellt er das benötigte Material auch selbst her. In eines der Formel- 1-Bilder sollten noch "ein paar Boxenluder" aufgenommen werden; "die wer den gecastet, fotografiert, eingebaut, und fertig". Bei solchen Statements erscheint auf Andreas Gurskys Gesicht schon mal ganz dezent ein zu friedenes Grinsen.

Nicht nur das Auge wird in diesen Bildern, die bei aller Konstruiertheit immer glaubhaft wirken, getäuscht.

Auch aufs eigene Gedächtnis ist kein Verlass mehr. Nur sehr ortskundige Betrachter können dann auf einem Bild wie "Mayday V" noch die Dortmunder Westfalenhalle erkennen; ein komplett neues, letztlich fiktives Gebäude ist entstanden. "Die Westfalenhalle hat nur vier Etagen, auf meinem Bild sind es 18. Ich habe sie vom Kran aus verschiedenen Perspektiven fotografiert und dann am Computer zusammengesetzt.

Die Fotos entstanden über einen Zeitraum von fünf Stunden, die Szenen sind alle real. Ich habe die Zeit komprimiert in einem Bild.

So ist das Bild zwar nicht wahr, aber wahrhaftig." So weit hat sich Andreas Gursky von der dokumentarischen Fotografie entfernt, dass man ihn auch einen Pixelmaler nennen könnte. Einst komponierte der Romantiker Caspar David Friedrich seine Landschaften frei aus einzelnen Bäumen, Felsen und Hügeln, die er zuvor in gezeichneten Studien entworfen hatte. Auch Gursky entwirft Bilder, ohne auf die Beschränkungen durch die Realität Rücksicht zu nehmen. "Ich würde wirklich sagen, dass es mit den jetzigen digitalen Möglich keiten keine Unterschiede mehr gibt zwischen Fotografie und Malerei." Auch in Aufbau und Detailgestaltung denkt der Fotograf Gursky im Grunde wie ein Maler; in eigenen Bildern erkennt er Bezüge zu Caravaggio oder Arnold Böcklin, zu Barnett Newman oder Jackson Pollock. Nicht zuletzt die fast alt - meis terliche Opulenz und Delikatesse macht seine Bilder so populär.

Seine Arbeit "99 Cent II" ist mit einem Auktionspreis von 3,4 Millionen Dollar (2,6 Millionen Euro) die derzeit teuerste Fotografie der zeitgenössischen Kunst. Natürlich ist klicken nicht so romantisch wie malen.

"Momentan ist mir der Computer ein bisschen über", seufzt Gursky. "Ich sehne mich nach der Zeit zurück, wo ich ganz einfach mit der Kamera losgezogen bin. Da kam man mit dem Film zurück, hat am Leuchttisch das Material gesichtet und damit war die Arbeit getan. Datei en sind so ungreifbar." Allerdings hat die se Art zu Arbeiten auch Vorteile: Weil es unmöglich gewesen wäre, die früheren Bilder aus der ganzen Welt für die Münchner Ausstellung wieder zusammenzuholen, hat Gursky sie komplett neu geprintet.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass aus der streng formalistischen Schule von Bernd und Hilla Becher an der Kunstakademie Düsseldorf ein Fotokünstler hervorging, der in vieler Hinsicht wie ein Alter Meister denkt und arbeitet. Wo die Bechers das Serielle, Sachliche und Reduzierte predigten, ist Gursky zum Maximalisten geworden. "Die waren am Anfang natürlich nicht so begeistert, als ich und die anderen Schüler anfingen, mit Farbe zu arbeiten", sagt Gursky. "Ein Bild, auf dem die Sonne scheint, so was war tabu." Was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass die Sonne eben nicht so oft scheint in Düsseldorf.

So gesehen, ist dieser Satz schon fast eine Drohung: "Ich will wieder mehr hier im Rheinland fotografieren", sagt der Fotograf - ganz nüchtern.

Ausstellungen: bis 13. Mai Haus der Kunst, München; 22. März bis 12. Mai Galerie Sprüth Magers, London. Katalog: Snoeck Verlag, 68 Euro. Internet: www.hausderkunst.de Galerie: Sprüth Magers, Köln. Tel. (02 21)

38 04 15/16, www.spruethmagers.com

Ein Wohnblock in der brasilianischen Metropole São Paulo, entworfen von Oscar Niemeyer: "Copan" (2002, 237 x 301 cm). Gursky mietete sich im

Hotel gegenüber ein und fotografierte das Gebäude vom Balkon aus

Andreas Gursky, 52, gilt spätestens seit seiner Schau im New Yorker MoMA 2001 als Superstar der Fotografie

Die Spargelernte im brandenburgischen Beelitz wird bei Gursky zum abstrakten Arrangement von Linien: "Beelitz" (2007, 307 x 219 cm)

Die Formel-1-Rennstrecke im arabischen Inselstaat Bahrain - bei Gursky ein Bild von Schlieren auf Wüstensand: "Bahrain I" (2005, 306 x 222 cm)

Der Mensch als mikroskopisch kleine Lebensform im Schnee: ein Skirennen in der Schweiz ("Engadin II", 2006, 307 x 205 cm)

Korbflechterinnen in einer vietnamesischen Fabrik, die Firmenkleidung wird zum "malerischen" Element: "Nha Trang" (2004, 296 x 207 cm)

Etwa 1000 Meter unter der Erde befindet sich in der Nähe der japanischen Stadt Kamioka diese Forschungsstation: In einem mit Wasser gefüllten

Tank befinden sich so genannte Photomultiplier, welche die Strahlung kleinster Elementarteilchen registrieren ("Kamiokande", 2007, 222 x 357 cm)

Deckengestaltung des Architekten Oscar Niemeyer für die Zentrale der Kommunistischen Partei in Paris: "PCF, Paris" (2003, 292 x 205 cm)

Ein normaler Börsentag im Ölstaat Kuwait wird zur Momentaufnahme der globalisierten Wirtschaft: "Kuwait Stock Exchange" (2007, 295 x 222 cm)

Warten auf die U-Bahn im brasilianischen São Paulo: Gursky zelebriert das Halbrund regelrecht ("São Paulo, Sé", 2002, 298 x 212 cm)

Aus den ursprünglich vier Etagen der Dortmunder Westfalenhalle werden bei Gursky 18: "Mayday V" (2006, 323 x 218 cm)

Die thailändischen Phi-Phi- Inseln wurden durch einen James-Bond- Film weltweit bekannt: "James Bond Island" (2007, jeweils 307 x 223 cm)

Seit er aus dem Hubschrauber heraus fotografiert, ist aus dem neusachlichen Becher- Schüler endgültig das fliegende Auge des Weltgeistes geworden

Ein Bild aus den Hochzeiten der Technobewegung:

"Mayday IV" (2000, 205 x 505 cm)

Dass er irgendwann einmal Einzelporträts macht, will Gursky nicht ausschließen, aber eigentlich geht es ihm um etwas anderes: ein Bild von der Spezies Mensch

Tanz der Linien beim Propagandafest in der nordkoreanischen Hauptstadt:

"Pyongyang III" (2007, 207 x 422 cm)

"Ich glaube, meine Bilder von Nordkorea sind neutral. Weder kritisiere ich das Land, noch idealisiere ich es. Was als Bild funktioniert, das funktioniert eben"

RALF SCHLÜTER