Eine Ausstellungstournee durch Amerika feiert den Künstler Gerhard Richter. art-Autor Günter Engelhard über das Katalogbuch und eine neue Biografie des deutschen Malers

Nicht einzugreifen, nichts zu planen, sondern zu beobachten, wie die Dinge laufen, um im richtigen Moment die sich von selbst ergebende Bewegung zu forcieren" - so lautet die Devise des Generals Kutusow in Tolstois "Krieg und Frieden". Dem Maler Gerhard Richter hat beim ersten Lesen im Alter von 20 Jahren der General so imponiert, dass er ihn Jahre später als Kronzeugen seines Verfahrens an die Kunstfront zitierte.

Nachdem er in den sechziger Jahren damit berühmt geworden war, fotografierte Motive malerisch zu forcieren und vor dem Absturz ins Klischee zu bewahren, bewaffnete sich Richter in den achtziger Jahren mit neuem Werkzeug. Mit einem Rakel - auch Flächenspachtel genannt - strich er über die Farbmasse auf der Leinwand. Das Verfahren war darauf angelegt, den Zufall herauszufordern: "Ich möchte gern etwas Interessanteres erhalten als das, was ich mir ausdenken kann." Wenn anschließend der Spachtel seine Schleifspur durch die gerakelten Farben zog, belohnte das unerwartete Resultat Richters abstrakte Vorstöße mit einem koloristischen Sieg.

Der Durchbruch in die Wildnis der Farben beendete manche bleierne Phase der Melancholie und des Selbstzweifels an seiner Kunst. So ist es Dietmar Elgers Richter-Biografie zu entnehmen, einer langen Reise durch den Lebens- und Arbeitsprozess des 70-jährigen Maler-Stars. Als Berichterstatter entschlüsselt der Biograf ein künstlerisches Werk, das die "New York Times" unlängst mit einigem Recht "Europas größtem modernen Maler" zugeschrieben hat.

Elgers Buch gleicht dabei weniger einer Lebensbeschreibung als einer protokollarischen Untersuchung. Viele Fakten werden mehrfach wiederholt. Wer unterwegs nicht ermüdet, kennt am Ende nicht nur den Kunstbetrieb eines halben Jahrhunderts (soweit Richter mit ihm in Berührung gekommen ist), sondern zum Beispiel des Malers Reaktion auf die Selbstmorde im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim. Hinter der breit erzählten Terroristen-Geschichte verschwindet aber unweigerlich, was im Zyklus "18. Oktober 1977" tatsächlich zu sehen ist, nämlich die malerische Eintrübung einer gesellschaftlichen Tragödie: Man sieht hier förmlich, wie die allgemeine Erinnerung an einen realen Alptraum verblasst.

Gern vertraut Autor Elger den Kommentaren des Künstlers; gern leitet er bildnerische Veränderungen von Richters privat verursachten Stimmungswechseln ab. Aber den Mut, das Gesamtwerk zur thematisch begründeten Einheit zu erklären, hat der fleißige Archivforscher nicht. Lebensabschnitte gliedern sein Material, so dass auch im Werk immer wieder Neuanfänge und motivische Zäsuren betont werden. Dabei hängt im Grunde alles miteinander zusammen seit der Verwischung des Vaterbildes durch die dominierende Mutter: Unscharfe Familien- und Geschichtsbilder, die Entrückung des romantischen Landschaftsideals, die vollständige Verschließung von Malgründen entspringen ein- und derselben Quelle. Unter den Händen des Auslöschungskünstlers Richter beginnen die Dinge, sich aufzulösen - und werden umso beklemmender in Erinnerung gebracht.

Gerhard Richter war junger Betriebsmaler in einer Zittauer Textilfabrik, bevor er fünf Jahre an der Dresdener Kunstakademie studierte und 1961 in Düsseldorf damit begann, die bestehenden Methoden der Malerei in Zweifel zu ziehen. Beiläufig erfährt der Leser die Ursache für das Einzelgängertum des Künstlers: Nie wollte er ein "moderner Maler" sein. Mit dieser Fortschrittsverweigerung kam er schließlich aus dem Osten in den Westen Deutschlands - und aus Europa nach Amerika. Dort gelang Gerhard Richter im Jahr 2002 mit einer Retrospektive der endgültige Durchbruch. Die Tournee mit den Stationen New York, Chicago, San Francisco (noch bis 14. Januar 2003) und Washington (20. Februar bis 18. Mai 2003) gleicht einem

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