So deutlich fiel das Ergebnis der ART-Umfrage in keiner anderen Disziplin aus: Zum bedeutendsten Maler der Gegenwart wählten die Kunstexperten aus aller Welt Gerhard Richter. ART traf den Grenzgänger zwischen abstrakter und gegenständlicher Malerei zum Ateliergespräch in Köln

Am Rand der Kölner Innenstadt entstehen in einer ehemaligen Kartonagenfabrik die Gemälde von Gerhard Richter. Was fertig ist, bleibt lange an den Wänden hängen - der Künstler lässt sich Zeit, um seine Arbeit einer kritischen Kontrolle zu unterziehen. ART-Redakteur Stefan Koldehoff traf den Künstler zum Interview

ART: Die wichtigsten internationalen Kunstexperten halten Sie für den bedeutendsten lebenden Maler. Sie selbst sagen aber von sich, Sie seien immer noch auf der Suche nach einem guten Bild. Überschätzen die Experten Sie also?

Richter: Natürlich können die sich irren. Aber andererseits haben sie den besseren Überblick. Ich stehe mir ja viel zu nahe, als dass ich mich so positiv einschätzen könnte - meine Kollegen schätze ich natürlich auch nicht positiver ein. So toll ist das doch alles nicht.

ART: Können Sie so etwas wie Zufriedenheit empfinden, wenn Sie Ihren eigenen Werkkatalog durchblättern oder durch ihre eigene Ausstellung gehen?

Richter: Ja schon, solche Momente gibt es natürlich, in denen sich so etwas wie Respekt oder Erstaunen einstellt - wenn ich zum Beispiel eine ganze Ausstellung von mir sehe wie gerade in Prato. Aber da geht es ja auch um Bilder, die längst gemalt und raus sind. Bei Bildern, die noch im Entstehen sind, vergeht einem dagegen sehr schnell jeder Gedanke an Zufriedenheit. Man erhofft ja immer wieder aufs Neue, etwas ganz Tolles zu machen, und dann wird es wieder nur ein Bild unter Bildern.

ART: Interessiert es Sie überhaupt noch, wie Ihre Werke aufgenommen werden, nachdem sie das Atelier verlassen haben?

Richter: Ja, sehr. Ich brauche doch die Bestätigung, dass die Ansichten, die ich mit den Bildern in die Welt setze, verstanden werden. Und ich bin gespannt darauf, wie sie verstanden werden - ob man sie ablehnt oder nicht.

ART: Wessen Reaktionen sind Ihnen wichtig? Wem trauen Sie überhaupt ein kompetentes Urteil über Ihre Kunst zu?

Richter: Das wird diffuser. Früher waren das wenige Menschen, die ich gut genug kannte und deren Urteil für mich Gewicht hatte. Als ich mit Blinky Palermo befreundet war, war mir ganz wichtig, was er gut fand. Ähnlich war das auch mit Sigmar Polke und Konrad Fischer. Das lebte sehr von diesen kurzen Bemerkungen: "Das hat was" - das war das beste Urteil, das man überhaupt bekommen konnte. "Das hat was, das ist nicht schlecht", oder man sagte: "Das ist nix, das kannst du vergessen." Solche Kürzel konnten natürlich nur wirksam sein, weil ihnen ein ziemliches Fundament an gemeinsamen, verbindlichen Kriterien zu Grunde lag. Das war ja auch der Grund dafür, dass alles leere Gelabere über Kunst ausgeschlossen bleiben konnte. Heute sieht das etwas anders aus. Heute gibt es ja auch die Möglichkeit, von Kriterien ganz abzusehen und nur zu sagen: "Ich mache das eben so." Da erübrigt sich vieles.

ART: Wann ist für Sie ein Künstler bedeutend?

Richter: Es gibt so viele Gründe dafür, jemanden bedeutend zu finden. Wir erleben das ja gerade mit Grass. Ich kann seine Bücher nicht lesen - bis auf die "Blechtrommel", und das ist lange her. Aber wenn Grass auftritt, dann ist er ein so bedeutender Mann, dass die Qualität seiner Bücher nicht mehr so wichtig ist. Der Beuys hatte ja auch so ein ausgeprägtes Charisma. Und dann gibt es die andere, die eher sachbezogene Bedeutung, wie ich sie zum Beispiel bei Thomas Bernhard finde und liebe, weil mich seine Werke so berühren.

ART: Kannten Sie ihn persönlich?

Richter: Ich habe ihn nie kennen gelernt und hatte auch nie den Wunsch, ihn zu treffen. Was hätten wir auch reden sollen? Er war sicher ein komischer Typ, ich bin auch ein komischer Typ. Manchmal ist es wirklich besser, man liebt die Werke anstatt ihre Urheber.

ART: Was nehmen Sie überhaupt an Kunst wahr?

Richter: Zuletzt habe ich in Karlsruhe die Chardin-Ausstellung gesehen. Da gibt es in der Malerei diese Qualität, die ich meine, die so beglücken kann. Ein paar kleine Äpfelchen, und die "haben das".

ART: Sehen Sie sich zeitgenössische Kunst an?

Richter: Das kann man gar nicht vermeiden, man sieht sie automatisch, auf Reisen oder publiziert in den Magazinen und den vielen Katalogen.

ART: Sie haben sich immer bemüht, nicht auf bestimmte Bildaussagen festgelegt zu werden. Welches Verhältnis haben Sie zu denen, die Ihre Werke trotzdem interpretieren?

Richter: Ohne Interpretationen gäbe es uns doch gar nicht, das ist doch alles voneinander abhängig. Ärgerlich ist es nur, wenn die Berichte besonders dumm oder schlecht sind oder besonders witzig tun, was gerade in Mode zu sein scheint. Sich über etwas lustig zu machen, es herunterzuputzen, um das Leben leichter zu machen, das ist ein übler Irrtum.

ART: Sie haben vor einigen Jahren damit begonnen, Ihre gesammelten Bildvorlagen, den sogenannten "Atlas" auszustellen. Damit breiten Sie alle Bild-Ideen aus, die Sie jemals hatten oder haben könnten. Das ist ein exhibitionistischer Akt.

Richter: Das mag sein, ja. Aber der Anlass war eher mein Wunsch nach Ordnung und Übersicht. Die vielen Schachteln voller Fotos und Skizzen bedrücken ja nur als etwas ganz Unerledigtes. Da ist es schon besser, die brauchbaren Sachen ordentlich herzurichten und den Rest wegzuwerfen. So entstand dieser Atlas, den ich dann auch ein paarmal ausgestellt habe.

ART: Inzwischen ist er ziemlich oft zu sehen.

Richter: Den stellen jetzt andere aus. Der Atlas gehört ja schon längst nicht mehr mir, sondern dem Lenbachhaus in München. Ab und zu sehe ich ihn irgendwo wieder und finde es dann interessant, dass er jedesmal etwas anders aussieht.

ART: Sie haben sich oft dagegen verwahrt, dass Ihre Bilder die Wirklichkeit zeigten. Mit dem "Atlas" fordern Sie aber doch Vergleiche zwischen der Wirklichkeit und Ihren Gemälden heraus.

Richter: Aber die Bilder sollen ja zum Vergleich anregen, sie sind doch mehr oder weniger ungenaue, falsche oder halbwahre Abbilder der Wirklichkeit.

ART: Müssen die gemalten Bilder auch irgendwann weg?

Richter: Unbedingt. Zuerst mal raus aus dem Atelier in einen zweiten Raum, wo sie richtig wie in einer Galerie hängen. Das ist wie eine zweite Kontrollstation, wo sich unter etwas anderen Bedingungen zeigen soll, welche Bilder sich halten und welche wieder zurück ins Atelier müssen.

ART: Treffen Sie diese Entscheidung allein?

Richter: Leider ja. Aber ab und zu gibt es schon noch diese Glücksfälle, dass jemand kommt und etwas sehen kann und dann etwas m ehr sagen kann als nur: "Sehr schön."

ART: Stehen Sie unter Erfolgsdruck?

Richter: Ja, auch das kommt vor. Ein ekelhafter Zustand und ein ganz unproduktiver. Damit meine ich nicht den Erfolgsdruck, der von einer Sache ausgeht, sondern diese diffuse Erwartung, etwas Großes und Neues produzieren zu sollen. Das ist tödlich, da muss man sofort alles fallenlassen.

ART: Die Bundestags-Vizepräsidentin Antje Vollmer hat Ihnen "Scharlatanerie" vorgeworfen, weil sie Ihr Bild für den Reichstag nicht angemessen fand. Hat Sie das getroffen?

Richter: Ich habe mich gewundert, denn das Urteil kam zu schnell - das Bild war ja noch nicht einmal da. Frau Vollmer hatte nur einen DIN-A4-Entwurf gesehen. Um daraus das fertige Bild voraussagen zu können, müsste sie schon übernatürliche Gaben besitzen. Scharlatanerie war sicher nicht mein Problem, wohl aber die Möglichkeit, dass das Ganze nicht so funktionierte, wie ich es mir ausgedacht hatte. Dass es ein Irrtum hätte sein können, ein sehr aufwendiger. Solche Zweifel bestehen ja während der ganzen Arbeitszeit, und danach wohl auch noch eine Weile.

ART: Haben Sie nach der Hängung noch mal nachgesehen, ob das Bild dort funktioniert.

Richter: Doch, ja. Es sieht gut aus. Was soll ich sagen? Ich wollte diese drei Farben so schön wie möglich darstellen - oder herstellen: für den Raum und für den Zweck. Sichtbar und quasi greifbar, als dünne Scheibe vor der Wand schwebend, groß und gleichzeitig fragil, und natürlich spiegelnd. Man sollte sie dort nur ab und zu auch mal putzen.

ART: Die Debatte über dieses Bild zeigt aber doch, dass die Kunst nicht so bedeutungslos geworden sein kann, wie Sie eingangs beklagt haben.

Richter: Diese eine kleine Debatte hält die schwindende Bedeutung der Kunst nicht auf. Es ist ja auch nicht so schlimm, wenn etwas an Bedeutung verliert, weil es sich eben überlebt hat - das ist ja erst mal ganz normal. Aber wenn dann die entstandene Leerstelle von Unterhaltung und Klamauk besetzt wird - das kann schon beängstigend sein.

ART: Die neuen Werke, die in Ihrem Atelier hängen, sind bis auf eine Landschaft überwiegend abstrakte Bilder. Wie entscheiden Sie, was Sie malen? Wachen Sie morgens auf und spüren: Heute habe ich Lust auf abstrakt?

Richter: Das vielleicht auch, ja. Das abstrakte Malen hat so etwas Selbstverständliches wie Atmen oder Laufen. Das könnte ich theoretisch jeden Tag machen. Die anderen Bilder, die gegenständlichen, sind die Ausnahmen. Ich muss das Glück haben, dass mir ein Foto so gefällt, dass ich denke: Das kann ein Bild werden. Das gibt es aber immer seltener, leider.

ART: Woran liegt das?

Richter: Das weiß ich auch nicht. Vielleicht fotografiere ich weniger, vielleicht gelingen mir weniger Fotos.

ART: Ein Bild nach einem Foto hängt dort drüben. Warum war das ein gelungenes Foto?

Richter: Es erzählt wohl vieles. In dem Fall von einem Sommernachmittag, extrem heiß, still, gute Gerüche, Glücksgefühle, Kinder. Und durch die Kontraste von hell und dunkel war es ein sehr reiches Bild. Die Dunkelheit, die von der linken Seite kommt, hat etwas Bedrohliches, das das ganze Schöne gefährdet. Das gab so eine seltsame Mischung, die aber erst auf den zweiten oder dritten Blick zu erkennen ist. Auf den ersten Blick bleibt es ein ganz normales Sommertagsfoto. Ein Jahr hatte ich es hier liegen, und immer wieder reizte mich etwas daran, denn "es hatte was". Dann habe ich es gemalt. Und vielleicht ist die Geschichte, die ich gerade davon erzählt habe, besser als das Bild. So kann es auch gehen.

ART: Die Geschichte erfährt aber niemand, der nur das Bild sieht.

Richter: Ich hoffe doch! So wie es Menschen gibt, die musikalisch sind, gibt es ja auch welche, die sich für Bilder interessieren. Die kriegen das schon mit. Deswegen lieben die ja manchmal so fanatisch Bilder.

ART: Darf man in Ihren abstrakten Bildern etwas zu erkennen versuchen?

Richter: Die Bilder leben doch von dem Wunsch, etwas darin erkennen zu wollen. Sie zeigen an jeder Stelle Ähnlichkeiten mit realen Erscheinungen, die sich dann aber nicht richtig einlösen lassen. Das ist wie in der Musik: Da werden Stimmungen erzeugt, weil die Töne Ähnlichkeit mit realen Lauten haben - mit klagenden, freudigen, schrillen oder zarten. Das wird eigentlich viel zu selten gesehen, dass Bilder von dieser seltsamen Mechanik leben. Sie bieten Ähnlichkeiten an, die wir zuordnen wollen. Sie erinnern immer an irgendetwas, sonst wären es gar keine Bilder.

ART: Wie weit können Sie, wenn Sie mit den Spachteln und Rakeln über die Leinwand fahren, das Ergebnis steuern?

Richter: Das ist eine gute Technik, um die Überlegung auszuschalten. Bewusst kann ich nicht berechnen, was kommt. Aber unbewusst ahne ich es doch. Das ist ein schöner Zwischenzustand.

ART: Andere Werkgruppen scheinen abgeschlossen zu sein: die Vermalungen, die grauen Bilder, die Farbfelder. Ist das so, oder könnten von Ihnen irgendwann auch wieder solche Bilder kommen?

Richter: Bei den Vermalungen kann ich nichts mehr rausholen. Bei den Farbfeldern ist es nicht ausgeschlossen, dass ich irgendwann einen Sinn darin sehe, wieder Kästchen auszufüllen. Ich habe aber auch bei den abstrakten Bildern manchmal das Gefühl, die seien ausgereizt. Und dann wundert man sich, dass doch ein paar entstehen, die noch einmal anders aussehen.

ART: In Winterthur wurden gerade zum ersten Mal ausführlich Ihre Zeichnungen gezeigt, dazu ist ein Werkkatalog erschienen. Ich hatte Richter-Zeichnungen vorher selten gesehen.

Richter: Ich auch. Weil ich die Zeichnungen im Gegensatz zu den Bildern und Grafiken nicht katalogisiert, nicht nachgehalten, nicht ausgestellt habe. Ab und zu wurden welche verkauft. Ich verstand mich aber nicht als Zeichner. Erst durch die Ausstellung ist mir das wichtiger geworden, und ich habe gesehen, dass doch ganz interessant ist, was ich da gemacht habe.

ART: Sind für die Zukunft neue Ausstellungen geplant?

Richter: In zwei Jahren wird eine große Retrospektive im Museum of Modern Art stattfinden. Die sind jetzt schon dabei, alle wichtigen Werke zusammenzusuchen.

ART: Und wann werden die neuen Bilder zu sehen sein?

Richter: Vielleicht in einem Jahr. Es hat keine Eile.

ART: Bedeutet Ihnen der Jahrtausendwechsel etwas?

Richter: Ich fand es immer albern, diesem Wechsel so viel Bedeutung zu geben. Aber inzwischen weiß ich, dass er diese Bedeutung tatsächlich hat, dass wir also ganz automatisch ins Betrachten und Wünschen kommen.

ART: Und was wünschen Sie sich?

Richter: Also nach diesem Jahrhundert der großen Sprüche und schlimmen Illusionen hoffe ich auf eine Zeit, in der die großen Sprüche nichts mehr gelten, sondern nur noch das, was man wirklich und greifbar getan hat.

Ausstellungen: Gerhard Richter - Retrospektive. bis 9. Januar 2000: Centro per l'Arte Contemporanea Luigi Pecci, Prato. Gerhard Richter - Zeichnungen und Aquarelle: Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen, Dresden (15. 1. bis 19. 3. 2000). Kaiser Wilhelm Museum, Krefeld (9. 4. bis 8. 10. 2000). Werke von Gerhard Richter aus Aachener Sammlungen. Ehemalige Reichsabtei, Aachen-Kornelimünster (bis 9. Januar 2000). Literatur zum Thema: Dieter Schwarz (Hrsg.): Gerhard Richter. Zeichnungen 1964-1999 - Werkverzeichnis. Richter Verlag, Düsseldorf. 128 Mark. Helmut Friedel und Ulrich Wilmes (Hrsg.): Gerhard Richter - Atlas der Fotos, Collagen und Skizzen. Oktagon Verlagsgesellschaft, Köln. 128 Mark.

"Die Bilder sollen zum Vergleich mit der Wirklichkeit anregen"

"Abstraktes Malen ist wie Atmen - das könnte ich täglich machen"

Gerhard Richter - Bild und Wirklichkeit

Gerhard Richters Bilder spielen mit den Möglichkeiten der Malerei. Mit breiten Pinseln lässt er seine Porträts vor dem Trocknen wieder verschwimmen. Mit großen Spachteln reißt er die Oberfläche seiner Farbschichten auf

Gerhard Richter - Fotos als Vorlagen

Viele Kritiker bezeichneten den Stilwechsel als künstlerisches Prinzip in Richters Werk - der Maler betont, seine Absicht bleibe konstant: Mit jedem Bild suche er nach einer Welt hinter der Wirklichkeit

Bildunterschrift: Nach längerer Arbeitspause hat Gerhard Richter wieder zu malen begonnen: "Abstraktes Bild 858-6" (50 x 72 cm, 1999) / Der Wechsel zwischen gegenständlicher und abstrakter Malerei lässt die Grenzen verschwimmen: "Onkel Rudi" (links, 87 x 50 cm, 1965). Rechts: "Abstraktes Bild 843-9" (55 x 48 cm, 1997) / Die abstrakten Bilder entstehen unmittelbar, für die gegenständlichen benutzt Gerhard Richter Fotos als Vorlage. Oben: "Prag 1883" (250 x 250 cm, 1983), unten: "Orchidee" (29 x 37 cm, 1997), rechte Seite: "Seestück 852-1" (290 x 290 cm, 1998) / Richters neue Bilder wirken spröder: "Abstraktes Bild 860-6" (51 x 46 cm, 1999) / Dunkler Schatten bedroht die Idylle: "Sommertag" (117 x 82 cm, 1999) / "S. mit Kind 827-2" (41 x 36 cm) aus der Serie von 1995 /

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