Ausgabe: 04 / 2004
Seite: 42-50

Arbeit an den Wurzeln

Von Tim Sommer

Er scheut das Leben als Klassiker. Georg Baselitz hat immer wieder das Risiko gesucht. Jetzt findet er seine Vorbilder in Volkskunst, Kitsch, sogar eigenen Jugendwerken - und schreckt auch nicht davor zurück, Spott mit sich selbst zu treiben

Der neueste Typ im Atelier ist riesengroß, trägt hellblaue Unterhosen und hat eine weiße Seglermütze auf dem Kopf. Er wirkt verlegen, weil er etwas hinterm Rücken versteckt: den Tod, einen schwarzen, grinsenden Schädel. Georg Baselitz, 66, ist sichtlich stolz auf sein monumentales Ebenbild aus duftender Libanonzeder. Das Pendant von Frau Elke ist leider vorerst missglückt und liegt zersägt in der Ecke. Die Skulptur soll im Foyer der Bonner Bundeskunsthalle die Besucher seiner Retrospektive mit dem rasend originellen Titel "Bilder, die den Kopf verdrehen" empfangen, die 130 Werke aus den letzten 45 Jahren zeigt. Ein nonchalantes Schelmenstück zum Entree: Der Malerfürst in Boxershorts. Heißt es nicht immer, mit der modernen Kunst verhalte es sich wie mit des Kaisers neuen Kleidern?

Es ist ein weiter Weg von den rüden "Helden" und den gebrochenen "Neuen Typen", die Baselitz in den Wirtschaftswunderjahren durch deutsche Trümmerlandschaften schickte, zu diesem Einbaum-Denkmal der teutonischen Freizeitgesellschaft. Es liegen Welten der Erkenntnis zwischen dem onanierenden Burschen der "Großen Nacht im Eimer", ausgestellt 1963 in der Galerie von Michael Werner und Benjamin Katz in WestBerlin, und den süßen Hundeporträts der letzten Jahre, die den Schriftzug "Sigmund" tragen - nach Freud, dem großen Seelendeuter und Sexual-Psychologen. Ein wohliger Schauder ergreift den Betrachter vor diesem leicht bräsig ironischen, luftigen, schamlosen Alterswerk.

Kann man heute noch naiv sein, Herr Baselitz? "Ja, das ist keine Frage der Zeit, das ist eine Frage, ob man's zuwege bringt." Er selbst hat immer frische Mittel gefunden, sich von Wissen und Routine zu befreien. "Das Arbeiten mit vorgestellten Handicaps ist bekömmlich für die Bildproduktion".

Baselitz war einmal ein zorniger junger Mann, seine Kunst kam aus der Aggression. Wie ein guter Boxer verstand er, seine Wut taktisch zu choreografieren. Die "Große Nacht im Eimer" war, sagt Baselitz, "von der Anlage schon ziemlich bekloppt und in dieser simplen, brutalen Ausführung auch". Aber es war sofort klar, dass das Bild funktionieren würde. "Es war nur die Frage, stellen wir es mit oder ohne Vorhang aus. Wir haben dann entschieden, es vor dem Vorhang auszustellen." Der Schlag saß, die Kraft wurde übertragen, der Skandal war da, die Karriere konnte starten. Ein Außenseiter musste man sein.

Im Jahr 1969 wechselten die Bilder die Richtung, sein Markenzeichen wurde der Kopfstand der Motive. Er wollte, sagt er, "das Bild aus diesem schlechten, diesem kompromittierenden Verhältnis zum dargestellten Gegenstand herausholen." Sein Weg war die Arbeit mit "Bilderscheinungsmodellen": Er kokettierte mit dem Motiv, um die gebeutelte Malerei wieder in ihr Recht zu setzen, als eine Kunstform jenseits der Ideologie. An seiner Erfindung hält Baselitz bis heute geradezu störrisch fest, sie sol-le "endlich aus der humoristischen Ecke herausgeholt werden". An seinem Image als Kopfübermaler kann er ohnehin nichts mehr ändern - "das ist begründet vor 20 Jahren, danach erlischt das Interesse der Öffentlichkeit, weil die Überschüttung mit Neuem gar keinen Platz lässt für die Beschäftigung mit diesen altbackenen Standards".

Am Beginn war Baselitz ein Ost-Flüchtling, der nichts hatte als sein Talent. Heute ist er Herr in einem prächtigen Schloss zwischen Wäldern, Wiesen und Teichen bei Hildesheim in Deutschlands Mitte. Sein Kunststück war, sich trotzdem immer wieder neu zu erfinden, immer im Risiko zu bleiben.

Nun in der "Erinnerungszeit", die er jetzt erlebt, spülen Kindheit und Jugend neue Muster und Methoden an. Sie liefern im Alter die "Krücken, Ungereimtheiten und Primitivismen", die nötig sind, um einen Baselitz zu malen. Sich also abzusondern, hin-terher und nebenher zu hinken, so zu tun, als könne und wisse man es nicht besser, um gute schlechte Bilder zu machen.

Angefangen hat die Reise in die eigene Vergangenheit Anfang der neunziger Jahre mit Bildern der eigenen Familie. Baselitz malte den Vater, die Schwester, die Brüder, die drüben im sächsischen Kamenz geblieben waren, in der DDR, als der Student Georg Kern von der Akademie in Ost- zu der nach West-Berlin wechselte und sich nach Deutschbaselitz nannte, dem Dorf, wo er aufgewachsen war. Jetzt beschäftigte er sich mit den Mustern der Volkskunst aus der Niederlausitz, die in Form von Rosen, tanzenden Mädchen und Klöppelspitzen in die Bilder fand. Eigentlich ist sie ja mausetot, die "Volkskunst", ein Kitschrevier für sentimentale Idioten. Aber Baselitz suchte nichts als anwendungsbereite Modelle zur Bildproduktion. Dann nahm sich der Meister auf diesem Wege stalinistischer Schinken an, Bildern wie Isaak Brodskijs "Lenin im Smolny" von 1930, einem Paradebild des Sozialistischen Realismus, das von Ludwigslust bis Wladiwostok jedes Kind im Schulbuch hatte. So gehörte es auch zum ästhetischen Bildungsprogramm von Georg Kern aus Kamenz. Es ist gewiss kein gutes Bild im Sinne der Moderne, aber es ist ein mächtiges Bild: Es hat Qualität und sticht mühelos heraus aus dem Bilderbrei des 20. Jahrhunderts. Oder Geli Korshews "Liebespaar" von 1959, fast noch gefährlicher: Es geht zu Herzen ist auch noch modern gemalt.

Der Maler nahm Lenin den ele ganten Anzug weg und setzte ihn splitternackt ins Bild, er zerlegte Korshews "Liebespaar" nach Manier der frühmodernen Pointillisten - ganz einfach per Sektkorken auf Leinwand. "Ähnlichkeit" stelle sich bei diesem Verfahren "praktisch von selbst ein". Anders als bei den pointillistischen Originalen, die entgegen der Theorie letztlich "grau" seien, entsteht hier im Baselitzschen Bildersturm ein lustiges, buntes Farbgewusel.

Zuletzt nahm Baselitz in sein Repertoire der Bildvorlagen auf, was die meisten Kollegen gut versteckt halten: Die ersten pubertären Malversuche, ein sorgsam gespachteltes Waldstück, Fantasien aus der "Winnetouzeit". Einen Adler vor Alpengipfeln etwa hat der 15-Jährige nach einer Vorlage mit Wasserfarben gepinselt. Das kleine Bild ist so rührend penibel und zugleich ungeschickt, wie Kinder in diesem Alter eben malen. Jetzt wird das Motiv lustvoll ausgeschlachtet, vielfach und riesig ins Format gesetzt, oft das alte Datum mit Stempeln eingetupft, als gelte es, einen besonderen Jahrgang zu feiern. Oder die Adler verdoppeln sich und stürzen ab, die Gipfel im Hintergrund werden geklont und mit einem Pink überzogen, das gepflegte Maler gewöhnlich meiden wie die Pest.

"Wenn Sie Künstler sind und für alles was Sie gelebt haben, Dokumente existieren, sind Sie nur noch am Wühlen in den Dokumenten", sagt Baselitz, "Sie können nichts mehr korrigieren, aber Sie können eine Antwort geben, Sie können reagieren." Mit seinen sentimental-ironischen Kurzschlüssen zur eigenen Geschichte ist Baselitz nun im Heute angelangt.

In schlabbriger Unterwäsche, scharf an der Grenze der Peinlichkeit, jedenfalls jenseits des guten Geschmacks, malt er Bilder nach einer privaten Fotografie des Ehepaares Baselitz-Kern. Zudem auch noch in der alten Würdeform des Tondos, die das Kopfüber vollends ad absurdum führt. Dieser Spott über sich selbst zeigt die neugewonnene Freiheit: Die Motive so banal wie irgend möglich, dargestellt in einem scheinbar rüden, ungehobelten, vorläufigen Stil. "Ich habe immer versucht, schnelle Bilder zu machen. Das ist mir nie geglückt, weil ich die falschen Ansprüche hatte".

Erst auf den zweiten Blick zeigt sich die Leichtigkeit der kunstvollen Provisorien, die Baselitz erst im Alter gefunden hat: lasierend, fast wie Aquarelle scheinen die neuen Ölbilder. "Es ist leichter ein gutes Bild zu malen, als ein schlechtes" lautet sein Leitspruch. So gesehen macht er es sich nun richtig schwer. "Es gibt eine Reihe von Bildern, die gut sind, die man kennt, die man liebt, zeitgenössische und solche aus der Geschichte, Bilder, mit denen man sehr zufrieden ist", erklärt der postmoderne Zeitgenosse Baselitz weise und zeigt sich als Malerfürst ohne Kleider. "Aber diese Art von Qualität fortzusetzen, das geht in der Kunst eben nicht."

Ausstellung: "Bilder, die den Kopf verdrehen. Eine Retrospektive". Bilder und Skulpturen von 1959 bis 2004 in der Bundeskunsthalle Bonn. Termin: 2. April bis 8. August. Katalog: 39,90 Euro, Seemann Verlag. Parallel dazu läuft eine Schau mit Baselitz-Fotografien von Benjamin Katz. Außerdem: "Upside down, boy you turn me - Baselitz in der Hess Collection", Werke aus 30 Jahren, Kunstmuseum Bern, bis 20. Juni

Spiel mit alten Sehnsuchtsbildern: Baselitz greift auf Motive aus seinem "Winnetou-Alter" zurück

Die Moderne hat die letzten Tabus gebrochen. Was bleibt, ist der ironische Umgang mit den Trümmern

"Die Arbeit mit Handicaps ist bekömmlich für die Bildproduktion"

"Es ist leichter, ein gutes Bild zu malen, als ein schlechtes"

Bild(er):

Bild: In seinem Atelier probt Georg Baselitz den permanenten Neubeginn (Foto: Martin Müller)

Bild: Ein Cowboy - gleich vierfach, für jede Blickrichtung gemalt: "Eine seltsame Figur" (180 x 180 cm, 2002)

Bild: Die zufällige Spur von Farbdosen wurde zum Stilmittel: weiße Kreise im "Indianergrab" (271 x 214 cm, 2001)

Bild: Der Maler samt Gattin in Unterwäsche: Rundbild "Foto von Gestern" (Durchmesser 290 cm, 2002)

Bild: Keine Bange vor abgegriffenen Motiven: "Alpen und Adler" aus dem Jahr 2000 (200 x 162 cm)

Bild: Größenvergleich im Atelier: Der Maler und sein neues Alter Ego aus Zedernholz

Bild: Frei nach sowjetischem Vorbild: "Lenin beim Telegraphen (Grabar)", 250 x 200 cm, 1999. Im Hintergrund lümmelt sich ein Mädchen

Bild: "Liebespaar (Korshew) - Postpop" (250 x 187 cm, 1999)