Ausgabe: 03 / 2006
Seite: 36-43
"Ich will es noch einmal schaffen"
Von Tim Sommer Axel Hecht
Immer enger zogen sich zuletzt die Kreise im Werk von Georg Baselitz. Nach Bildern zur Familie griff er auf eigene Kinderzeichnungen zurück. Nun hat er sein Schloss und seine Sammlung verkauft und malt seine großen Meisterwerke noch einmal neu - um zu testen, ob er noch so gut ist wie früher. Ein Gespräch über die Kunst des Alterns und die junge Konkurrenz
Wer Georg Baselitz, 68, schon länger kennt, den wundert seine Milde. Früher war er der Berserker vom Dienst im deutschen Kunstbetrieb. Heute wirkt der Kraftmensch bedächtig, fast grüblerisch. Das spiegelt sich auch im Werk: Früher entstanden die Bilder aus der Wut heraus, heute folgen sie einem Konzept. Lichter sind seine Farben geworden, heiter die Kompositionen und ein bisschen selbstironisch. Baselitz, der eben sein Schloss Derneburg und seine Sammlung verkauft hat, ist immer für eine überraschende Wendung gut. Nun hat er ein Experiment gewagt, wie wohl kein Maler vor ihm: Der alte Künstler misst sich mit sich selbst als jungem Mann. Alle seine Meisterwerke hat er als "Remix" noch einmal gemalt. Wir sprachen mit Georg Baselitz über diese neue Werkphase und zeigen Bilder vorab, die im Sommer in der Münchner Pinakothek der Moderne erstmals präsentiert werden sollen.
art: Herr Baselitz, Sie haben gerade Ihr Skandalbild von 1963, "Die große Nacht im Eimer", neu gemalt. Gehen Ihnen die Motive aus?
Baselitz: Im Gegensatz zu früher beschäftige ich mich nur noch mit dem, was in meinem Kopf ist, was auf meinem Tisch an Katalogen liegt - oder mit meinen eigenen Bildern, die um mich herum im Atelier stehen. Das ist sehr produktiv. Man geht dann immer ein Stück weiter - jedenfalls war das bis zum Frühjahr des vergangenen Jahres so. Dann habe ich mich immer häufiger gefragt, ob es möglich ist, Fehler, die ich einmal gemacht habe, zu korrigieren. Ob ich mir frühe Bilder noch einmal vornehme, um sie besser zu machen.
Wird aus dem Revolutionär ein Revisionist am eigenen Werk?
Ich fürchtete mich wahnsinnig vor Wiederholungen, und in der Kunstgeschichte wird ja auch ständig davor gewarnt. Mein Prinzip war stets: ganz schnell weiter, immer was Neues. Und dann habe ich bei meinen Favoriten Otto Dix und Edvard Munch nachgeschaut und an Beispielen gelernt, dass es geht. Munch etwa hat seine Highlights wie "Mädchen auf der Brücke" oder den "Schrei" bis zu 25 Mal gemalt.
Die hatten ihre eigenen Gründe, was treibt Sie?
Ich will testen, ob ich es noch einmal schaffe, mich auf diese Höhen zu schwingen, auf denen ich mal war. Denn ich finde meine Bilder von damals heute noch ziemlich gut - auch im zeitlichen Kontext.
Treten Sie nur gegen sich selbst an, oder messen Sie sich nicht auch an den jungen Malern von heute?
Wenn ich die Jungen sehe, habe ich immer das Gefühl: Die beachten dich ja gar nicht, die machen ganz andere Sachen, obwohl deren Bilder doch voller Einflüsse aus meiner Generation sind und zitieren, was wir zuwege gebracht haben. Unsere Malerei ist unter ziemlichem Druck entstanden, sie kam aus dem Untergrund, aus dem Umfeld, auch aus unseren Biografien. Bei den Jungen ist das überhaupt nicht so.
Sie haben damals aus einer Aggression heraus gearbeitet. Heute dagegen planen Sie, gehen strategisch vor.
Ja, stimmt. Was ich bis zum Frühjahr 2005 gemacht habe, folgte diesem Antrieb. Das ist entstanden mit ziemlich viel Druck, meine Motivkreise wurden dabei immer enger, immer hermetischer. Und was ich jetzt mache, das bricht ja nicht aus, aus diesem Kreis, sondern das ist ein ganz strenges, konzeptuelles Wiederholen im Sinne von Bessermachen. Und da ist natürlich Leistung gefragt: Wie macht man es denn besser? Brauche ich diesen Zustand, indem ich war, als ich 1963 die "Große Nacht im Eimer" gemalt habe, diese Verinnerlichung? Das geht doch jedem von uns so, wenn er alte Fotos anschaut, erinnert er sich, und diese Erinnerung geht bis zur Tränenrührigkeit.
Sie haben kürzlich vom Sentimentalischen in Ihrer Malerei gesprochen, diesen Klang gab es früher nicht. Setzte der 1999 mit den Bildern für den Reichstag ein?
Da war ich schon tief drin. Midlife Crisis. Die ist biologisch bedingt. Dazu kam bei mir noch die Einsicht in die Stasi-Akte. Da wird man dann ganz rührselig und sieht Fehler, die man gemacht hat. Ich war meinen Eltern gegenüber viel zu ruppig, ich hätte sie viel mehr unterstützen müssen. Ich habe keine Briefe in den Osten geschrieben, habe mich nicht für Pakete bedankt. Diese moralische Schuld, die wirkt. Die wirkt bei einem Maler natürlich in Bildern. Das war übrigens auch einer der wichtigsten Gründe, warum ich plötzlich angefangen habe, Bilder von meinen Eltern, von meiner Schwester zu malen.
Wenn man die neuen Bilder, etwa "Die große Nacht im Eimer (Remix)" betrachtet, fällt auf, dass die zweite Fassung im Gegensatz zur ersten ein Passepartout hat. Die Farben sind in der neuen Version heller, fast heiter. Auf einmal kommt die Schönheit ins Spiel.
Ich habe damals aus Aggressivität, Unlust, aus Ablehnung viele Fehler gemacht. Ich habe Buntfarben mit Weiß oder mit Schwarz vermischt, so dass sie einfach nicht klingen konnten. Außerdem bekommen die Bilder bei solch einer Mischung eine ausgeglichene Oberfläche. Man nennt es auch Harmonie - weil sich da gar nichts mehr bewegt. Und schon deswegen male ich sie neu. Aber das ist natürlich ein fadenscheiniger Grund, weil die Bilder ja trotz dieser Schwächen gut funktionieren.
Aber gelingt es denn wirklich, die Gefühle von damals wieder hervorzurufen und fruchtbar zu machen, oder bleibt das eine selbstironische, strategische Haltung?
Es gibt Menschen, die führen Tagebuch. Ich male jeden Tag Bilder, und die sind mein Tagebuch. Ich kann Situationen abrufen - bis hin zu der Musik, die ich damals beim Malen gehört habe. Ich sitze hier und schlage Kataloge auf und frage mich: Wie hast du das damals gemacht mit Hand und Bein und Schal, wie sah das aus? Und dann sitze ich da und sage mir, verdammt, ist das toll. Dann bin ich im Nachhinein mein eigener Bewunderer. Und das geht nun wirklich zu weit.
Und dagegen arbeiten Sie nun an?
Wenn ich jetzt das zweite Bild male, dann geht es doch um die Frage: Schaffe ich die Hürde, die ich einmal gesetzt habe? Als ich die neue Fassung der "Großen Nacht im Eimer" gemalt habe, da hat das im Gegensatz zur ersten Fassung nicht mehrere Monate, sondern nur wenige Stunden gedauert - und das Bild ist noch dazu viel größer. Und als ich es dann vom Boden aufgehoben und an die Wand gestellt habe, da spürte ich, es funktioniert. An manchen Stellen ist das Bild wie eine Karikatur - aber den Hitler habe ich besser getroffen. Damals haben ja alle zu mir gesagt, das bist du selbst! Aber ich hatte doch ans Dritte Reich gedacht, an die deutsche Vergangenheit. Und jetzt habe ich das Bild mehr in diese Richtung gesteuert, jetzt sieht man den Adolf besser.
Es geht also auch um die kritische Revision des eigenen Werks. Waren Sie immer gleich gut?
Ein Maler ist kein Interpret - im Gegensatz zu Musikern. Mich hat lange Zeit nicht nur ein Selbstzweifel gequält, sondern ein existenzieller Zweifel. Die Frage hieß, ob das, was ich mache, überhaupt berechtigt ist, ob es Sinn hat, erlaubt ist, ob das jemand braucht - außer mir. Diesen Zweifel habe ich bis vor kurzem gehabt. Jetzt nicht mehr.
Sind Sie so sicher, dass die neuen Bilder standhalten?
Na, ich weiß nicht. Und deswegen möchte ich die Bilder möglichst schnell aus dem Haus und in einer Ausstellung haben. Und München ist ein guter Ort dafür. In der Pinakothek der Moderne gibt es einen Raum, in dem chronologisch ganz wichtige Bilder von mir hängen. Dort wird für meine Ausstellung der Raum mit den Arbeiten von Donald Judd leer gemacht - was mich bei meinem schlechten Verhältnis zu Judd doch sehr befriedigt. Judd behauptete immer: Ich würde sowieso nur malen wie Corinth. Der Gag wäre halt, dass ich die Bilder umdrehe. Und dann hab' ich eben gekontert: Ich kenne das ganze Zeug von dir aus dem Bauhaus. Auf so was hat schon mein Vater gesessen. Also sehr polemisch, aber von beiden Seiten auch berechtigt.
Gut, es gehört schließlich zur Kleiderordnung, dass ein Künstler den anderen schlecht redet.
So generell will ich das nicht unterschreiben. Ich bin lange Lehrer gewesen und war immer glücklich, wenn jemand aus meiner Klasse später mit seinen Bildern wahrgenommen wurde - zum Beispiel Norbert Bisky. Anfangs sitzen die doch in der Akademie und fragen, was sie malen sollen. Ein schwarzes Bild gibt es, ein weißes, eins mit einem Loch drin und Bilder, die verkehrt herum stehen. Und dann sagt man, die suchen eben, was es noch nicht gibt. Dann grübeln sie. Und siehe da, auf ganz freche und unerwartete Weise gibt es immer wieder neue Bilder. Biskys Bilder - egal, was man sagt - sind absolut neue Bilder.
Ist dessen Malerei nicht ein bisschen süßlich?
Aber das ist doch Zynismus! Ich habe das von Anfang an gesehen. Ich weiß doch, wie er gestartet ist. Der ist ausgesprochen süß in seiner Malerei, das will er auch sein, das ist Attitüde.
Sie haben jüngst einmal vor Gästen in diesem Atelier gesagt, sie erlebten zum ersten Mal, wie junge Maler an Ihnen vorbeizögen. Dadurch fühlten Sie sich bedrängt und sähen sich zu einer neuen Manifestation gezwungen. Sind Sie plötzlich irritiert?
Ich habe da ein Vorbild. Ich halte Robert Rauschenberg für einen großartigen Künstler. Rauschenberg ist wesentlich älter als ich. Ich bewundere seine Arbeiten, und ich bewundere seine Haltung. Rauschenberg habe ich immer nur freundlich erlebt, immer nur strahlend. Der umarmt doch wirklich Kellnerinnen. Das finde ich fantastisch. Mit Rauschenberg möchte ich mich in dieser Welt vergleichen. Und so wünsche ich mir auch mein Verhältnis zur jüngeren Generation.
Fühlen Sie sich denn als Künstler von den Malern der jungen Generation verstanden?
Das weiß ich nicht. Es gibt ja keine Korrespondenz, keine Reflexion. Ich nutze natürlich die Chance, mir anzuschauen, was die machen. Aber ob ein junger Künstler im Gegenzug so freimütig ist? Da habe ich meine Zweifel.
Was halten Sie von einem Surrealismus, wie der Leipziger Maler Neo Rauch ihn betreibt?
Wie das genannt wird und woher das kommt - das kann ich nicht beurteilen. Mir geht es um die Erscheinung solcher Bilder. Die ersten Bilder von Neo Rauch, die ich gesehen habe, fand ich faszinierend, sehr auffällig. Die konnte man in keiner Zeitfolge einordnen. Inzwischen finde ich das nicht mehr.
Es heißt, unter den Jungen schätzen Sie Eberhard Havekost besonders.
Auch dessen Malerei hat mich irritiert. Als ich die ersten Bilder sah, dachte ich: Die sind doch recht abhängig von Gerhard Richter oder Alex Katz. Und mein Sohn Anton Kern, der Havekost in seiner New Yorker Galerie ausstellt, erwiderte: Ja, das ist doch gut. Da habe ich ihm gesagt: Also früher galt das nicht als positiv. Dann habe ich mir die Ausstellung in Wolfsburg angesehen - und die hat damit nichts mehr zu tun. Das sind völlig andere Bilder, der anfängliche Verdacht stellt sich gar nicht mehr ein.
Werke von Havekost und anderen erleben immense Preissteigerungen. Bilder, die sie im Frühjahr gemalt haben, werden bereits im Herbst bei Sotheby's versteigert. Ist das nicht pervers?
Ich würde das nicht so sagen. Es gehört doch auch zu dieser Art von Markt, zu der wir ja alle Ja sagen. Die Galeristen würden sich am liebsten Zettel unterschreiben lassen, auf denen der Käufer sich verpflichtet, die Werke die nächsten 20 Jahre nicht wieder auf den Markt zu bringen. Aber was wollen wir denn? Jeder Künstler möchte zunächst einmal seine Sachen ausgestellt sehen, dann gelobt werden, dann möchte er sie verkaufen - unter welchen Umständen auch immer.
Sie haben gerade Ihre Sammlung zeitgenössischer Kunst verkauft und Schloss Derneburg, wo Sie seit 1975 leben, noch dazu. Wie kam es zu diesem Bruch?
Wir haben jahrelang versucht, mit dem Land Niedersachsen eine Übernahme von Sammlung und Schloss zu erreichen. Dabei ist es zu keinem Ergebnis gekommen. Schröder, Gabriel, Wulff, alle Ministerpräsidenten waren hier. Nach anfangs überschwänglichem Interesse sind die einfach abgetaucht. Meine Frau und ich, wir können das Ganze einfach nicht halten. Was früher Spaß gemacht hat, dazu fehlt mir heute die Kraft. Dazu kommen die immensen Kosten. Und weil ich hier nicht mein eigenes Museum, mein Mausoleum plane, so würde ich, wenn ich einfach weitermache, das Geld sinnlos verpulvern. Zum Glück hat der amerikanische Sammler Andrew Hall beides gekauft: Das Schloss und die Sammlung mit frühen Werken von Lüpertz, Immendorff, Polke, Penck und Kiefer. Er will die Sachen hier auch zeigen. Und wir fangen ganz neu in Süddeutschland an.
"Ich habe mich immer häufiger gefragt, ob es möglich ist, Fehler, die ich einmal gemacht habe, zu korrigieren"
"Ich will testen, ob ich noch einmal schaffe, mich auf diese Höhen zu schwingen, auf denen ich mal war. Denn ich finde meine Bilder von damals heute noch ziemlich gut"
"Es gibt keine Korrespondenz, keine Reflexion mit den heute jungen Malern. Ich nutze die Chance, mir anzuschauen, was sie machen. Aber ob die im Gegenzug so freimütig sind? Da habe ich meine Zweifel"
Ausstellungen: Noch bis zum 6. Juni zeigt das Louisiana Museum of Modern Art in Humlebaek/ Kopenhagen die große Retrospektive "Baselitz - Maler"; vom 20. Juli bis 29. Oktober wird die Münchner Pinakothek der Moderne die neuesten Arbeiten von Georg Baselitz präsentieren, darunter auch die Bilder der "Remix"-Serie. Katalog: 30 Euro. Internet: www.louisiana.dk
Bild(er):
Bild: Abschied und Aufbruch: Georg Baselitz vor Schloss Derneburg, nicht weit von Hildesheim. Hier lebte, arbeitete und sammelte er über 30 Jahre lang (Foto: Michael Lange)
Bild: Mit dem Skandal um "Die große Nacht im Eimer" (250 x 180 cm) von 1962/63 begann die Karriere
Bild: In der aktuellen Version "Die große Nacht im Eimer (Remix)" (2005, 300 x 250 cm) ist das Hitlerbärtchen sehr viel deutlicher
Bild: Das Original von 1972: "Fingermalerei - Adler" (250 x 180 cm)
Bild: Aktuelle Replik von 2005: "Der Adler (Remix)" (300 x 250 cm)
Bild: Gespräch im Atelier: Georg Baselitz (Mitte) mit art-Redakteur Tim Sommer (links) und Herausgeber Axel Hecht
Bild: "Drei Streifen - Der Maler im Mantel - Zweites Frakturbild" (1966, 250 x 190 cm)
Bild: "Drei Streifen - Maler im Mantel (Remix)" (2005, 300 x 250 cm)
